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28.04.2022
Interview

Wie lebt es sich als Sozialarbeiterin im Pflegekinderdienst mit einem starken Verein?

Interview mit der Sozialarbeiterin eines Pflegekinderdienstes in einer Stadt, in der es einen engagierten und erfahrenen Pflegeelternverein gibt.
Das Interview mit der Sozialarbeiterin FG führte Henrike Hopp (HH)

HH: Sie sind Sozialarbeiterin im Pflegekinderdienst einer mittleren Stadt, wie geht es Ihnen mit Ihrem Ortsverein der Pflege- und Adoptivfamilien?

FG: Wie in der Schiffahrt: stoss ich auf Widerstände dann ist es wie auf rauer See, sind wir uns aber einig dann fahren wir in ruhigen Gewässern.

HH: Was erleben Sie denn überwiegend?

FG: Letzteres

HH: Sie können mit dem Verein verhandeln?

FG: Ja, der Vorstand ist kompromissbereit und offen. Dadurch, dass beide Seiten offen sind und schnell aufeinander zugehen können, muss es sich nicht zuspitzen.

HH: Haben sie da ein Beispiel dafür ?

FG: Ein Beispiel ist die Erneuerung des Beihilfekatalogs. Pflegeeltern sehen durch ihre Praxis die Beihilfen als notwendiger an, als es einem Amt möglich ist. Da waren wir offen zueinander und haben einen für uns gültigen und akzeptierten Beihilfekatalog schaffen können.

HH: Werden Sie von ihrer Amtsleiterin bei der Zusammenarbeit mit dem Verein gestützt?

FG: Sie hält es für richtig und wichtig und möchte auch informiert werden.

HH: Sie haben von ihm auch den Auftrag als “ Vermittler“ zu handeln.

FG: Als Spezialdienst habe ich auch den Auftrag Bindeglied zu sein.

HH: Wenn Sie so generell auf ihre Arbeit schauen, wird Ihre Arbeit dann durch den Verein erleichtert?

FG: Ja, aus dem Grunde, weil Pflegeeltern sich innerhalb der Gruppe verständigen und das Gefühl haben, ihnen wird geholfen, ohne direkt zum Amt laufen zu müssen.

HH: Sie haben nicht das Gefühl, das Ihnen ein Teil verloren gehen könnte?

FG: Das ist die Kehrseite der Medaille. Vor einer Krise ist zwischen den Pflegeeltern im Verein dann öfter schon mal ein Austausch gewesen, was dann an mir vorbei gelaufen ist. Für mich kommt dann das, was sich zuspitzt hat, aus heiterem Himmel und ohne, dass ich die Stufen der Zuspitzung mitbekommen habe.

HH: Erschwert die Tätigkeitt des Vereins also manchmal auch Ihre Arbei?.

FG: Das kann ich so nicht so beantworten, denn eigentlich wird es ja leichter, dass ich mit bestimmten Dingen nicht ständig parat sein muss. Schade ist, dass manchmal die Rückkopplung fehlt.

HH: Akzeptieren Sie die Geschlosenheit der Pflegeeltern im Verein, oder möchten Sie mehr wissen?

FG: Nein, wenn es in dem geschlossenen Rahmen bleibt und nicht raus getragen wird, dann ist das in Ordnung – vorausgesetzt, da sind keine Aspekte, die das Kindeswohl gefährden.

HH: Sie erwarten schon, dass Sie bei Kindeswohlgefährdung auch eingeschaltet werden?

FG: Ja

HH: Hat es das schon mal gegeben?

FG: Nein, nicht.

HH: Sie wären sich sicher, dass der Verein dann auch auf Sie zukäme?

FG: Ja

HH: Sie haben zu der Vereinsvorsitzenden auch entsprechendes Zutrauen?

FG: Ja, zu dieser Vereinsvorsitzenden habe ich das. Die würde mich ansprechen.

HH: Ein Verein geht mit seiner Arbeit auch nach draußen in die Öffentlichkeit, hat dies Auswirkungen auf Ihre jugendamtliche Arbeit?

FG: Ich finde das gut, weil es ja auch eine andere Sichtweise eröffnet. Und es ist ja nicht vom Amt konstruiert, dass es die Pflegeeltern gibt, dass sie arbeiten, sich eine Lobby schaffen, sich vorstellen.

HH: Wird über den Verein das Thema Pflegekind öffentlicher als über das Jugendamt?

FG: Ja, zur Zeit ist das so.

HH: Und finden Sie das gut so?

FG: Ich bin persönlich da etwas im Zwiespalt. Eigentlich müsste dieses Thema über das Jugendamt auch kommen, aber für Außenstehende ist es vielleicht nicht so befremdend, wenn es über den Verein kommt. Es besteht immer noch die Hürde in den Köpfen der Menschen, zu einem AMT zu gehen und sich zu erkundigen. Bei dem Verein gibt es irgendwie keine Hürde, es ist direkter, weil die Leute dort es selber machen.

HH: Der Verein macht ja auch eigene Fortbildungen - Ist das stützend, kooperieren Sie?

FG: Ich finde es gut, dass der Verein Fortbildungen macht. Ich finde aber auch wichtig, dass das Jugendamt Fortbildungen macht um im Kontakt zu bleiben mit den Pflegeeltern und auch die zu erreichen, die sich nicht mit dem Verein identifizieren können. Und auch, um der Pflicht des Jugendamtes gerecht zu werden.

HH: Sind Sie dabei, wenn der Verein Fortbildungen macht?

FG: Nicht immer.

HH: Gibt es Kooperationen zwischen Jugendamt und Verein?

FG: Wir sind dabei, dies hinzukriegen. Ich denke an einen Informations- und Erfahrungsaustausch, auch mit den anderen Abteilungen des Jugendamtes z.B. dem Allgemeinen Sozialen Dienst. Es wäre sinnvoll, in bestimmten Abständen solchen Austausch von Erfahrungen zu ermöglich.

HH: Haben Sie den Eindruck, dass sich die Pflegeeltern näher zusammenfinden durch den Verein?

FG: Ja, vor dem Verein gab es viele Einzelkämpfer, jetzt sind sie gemeinsam stärker und der Zusammenhalt bringt die Pflegeeltern auch vorwärts.

HH: Was meinen Sie mit „vorwärts?.

FG: Wenn jeder allein kämpft, dreht man sich oft im Kreis. Gemeinsam kann man über Dinge sprechen und über Erfahrungen des einen doch noch einen Weg finden.

HH: Bringt so ein Verein auch etwas für die Kinder?

FG: Ja auf alle Fälle. Wenn Veranstaltungen stattfindet, können die Kinder sich untereinander austauschen und ohne Regie von Erwachsenen erleben, dass ein Pflegekind zu sein keine Krankheit ist und das Pflegekinder wie andere Kinder auch sind.

HH: Wird der Verein von Ihrem Jugendamt finanziell unterstützt?

FG: Nicht direkt, aber unser Jugendamt sucht für den Verein immer eine andere städtische Förderung z.B. eine Spende der Sparkasse.

HH: Wie wird der Adoptiv- und Pflegeelternverein von Ihren Kollegen angesehen?

FG: Er wird aktzeptiert.

HH: Der Verein praktiziert ja auch die Beistandschaft d.h. Vorstandsmitglieder des Vereins begleiten Pflegeeltern auf deren Wunsch zu Gesprächen in Ihr Jugendamt – was bedeutet das für Sie?

FG: Diese Beistandschaft ist eine Möglichkeit für Pflegeeltern, Unterstützung aus ihren eigen Reihen zu bekommen - ohne das Gefühl für sie, dirigiert zu werden oder Unterstützung zu bekommen, die sie nicht haben wollen. Für mich ist es hilfreich aber auch beschwerlich, weil ich ja gewissermaßen in doppelter Ausführung Pflegeeltern vor mir habe. Eine Pflegemutter ist nicht so stark wie zwei Pflegemütter. Die Kompromissbereitschaft der Pflegeeltern ist auch höher, wenn der Beistand dabei ist. Der Beistand ist emotional nicht so angesprochen. Er –oder sie - ist oft neutraler und kann in einer Diskussion einlenken und Kompromisse vorschlagen. Ein solcher Vorschlag des Beistandes wird dann eher von den Pflegeeltern angenommen und ich verliere nicht mein Gesicht.

HH: Fühlen Sie sich als Pflegekinderdienst durch den Verein gestützt?.

FG: Ja, es ist gut zu wissen, einen starken Verein im Hintergrund zu haben, der durchaus auch mal dem Jugendamt Zeichen gibt.

HH: Können dadurch gewisse Standards für Ihre Arbeit eher erhalten bleiben?

FG: Ja, auf alle Fälle

HH: Das heißt, dass durch so einen öffentlichen Verein das Jugendamt weniger Abstriche machen wird?

FG: Ja, durch die Öffentlichkeit seiner Arbeit ist der Verein ja auch bekannt in unserem Kreis und dadurch lässt sich auch den Pflegeeltern weniger weg nehmen.

HH: Erleben Sie, dass der Ortsverein profitiert von den überörtlichen Verbänden?

FG: Ja, durch deren Infos und Unterstützung profitiert der Ortsverein schon davon. Manchmal erreichen die Vereine und Verbände schneller und eher etwas als die Jugendämter und sie erfahren auch schnell was und informieren schnell. Aber so ein Ortsverein fällt und steht natürlich mit seinem eigenen Vorstand.

HH: Haben Sie Wünsche an den Verein Ihres Ortes?

FG: Was Neues fällt mir nicht ein, aber ich wünsche mir, dass der Atem noch lange anhält und dass wir auch weiterhin eine gute und faire Zusammenarbeit haben.

HH: Wie schätzen Ihre Kollegen aus anderen Städten die Arbeit der Vereine ein?

FG: Sehr unterschiedlich, so wie der jeweilige Sozialarbeiter auch seiner Arbeit gegenüber eingestellt ist. Bei einigen Kollegen wird ein Verein als sehr störend empfunden, weil sie ständig durch die Vereine auf Missstände aufmerksam gemacht werden. Manche Kollegen wünschten sich, dass es bei ihnen auch so was gäbe. Und manche sind zufrieden, so wie ich.

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