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21.03.2020
Fachartikel

Die Kinder sind auch in einer Krise

Wir alle sind verunsichert. Die Kinder auch. Alles ist nun anders. Keine Schule, keine Freunde, keine Verwandten. Die Normalität ist abrupt beendet. Kinder verlieren an Sicherheit, trauern, sind irritiert, sind sprachlos. Sie haben ein anderes Zeitempfinden als die Erwachsenen, wechseln schneller in ihren Gefühlen, brauchen jetzt klare Strukturen und Rituale. Und sie brauchen in einem ganz besonderen Maße ihre Bezugspersonen.

Themen:

Unsere Kinder müssen jetzt so viele Veränderungen hinnehmen und verkraften.

Sie müssen hinnehmen, dass sie durch besondere Maßnahmen oder durch Nichtbesuchen ihre Großeltern "schützen" müssen. Sie müssen hinnehmen, ihre Lehrer, ihre Erzieherinnen, ihre Freunde, ihre Nachbarn nicht mehr zu sehen. Und alles für etwas, was eigentlich nicht verständlich und nicht beeinflussbar ist. Sie fühlen sich hilflos und suchend.

Nicht selten führen solche Gefühle auch zu "seltsamen" Verhalten. Ein Verhalten, das nicht altersgemäß ist. Größere Kinder benehmen sich oft kleinkindhaft, klammern, sprechen anders. Manche Kinder ziehen sich zurück bis hin zur Resignation. Andere werden wütend, aggressiv, extrem uneinsichtig und aufmüppfig. Für Pflegekinder mit ihren oft so schwierigen Lebenserfahrungen gilt dies in besonderem Maße.

Hier müssen die Bezugspersonen Geduld, Geduld, Geduld bewahren und im Umfeld des Kindes möglichst viel Sicherheit schaffen. Eine Tagesstruktur ist unumgänglich, Regeln und Rituale helfen.

Kinder haben ein anderes Zeitempfinden wie die Erwachsenen. Ein paar Tage können sie sich vorstellen, aber eine oder sogar mehrere Wochen? Da hilft so etwas wie ein Adventskalender, der auch nichts anderes ist, als die Zeit zu verdeutlichen, bis endlich etwas geschieht (Weihnachten). Einen Kalender herstellen und die Tage kennzeichnen, bis zu dem Tag, an dem die Schule wieder anfangen soll, macht eine Zeitspanne sichtbar. Natürlich wissen wir heute noch nicht, ob die Schule dann auch wirklich anfängt - aber da die Frist jetzt noch gilt, sollten wir sie auch ernst nehmen. Die Kinder brauchen Leitern und Klettergerüste, kein fließendes Wasser ohne Halt. 

Ich habe im Internet eine interessante Seite eines Kindergartens gefunden, dessen Mitarbeiter sich zu der Auswirkung der Coronakrise auf die Kinder Gedanken gemacht hat. Auszugsweise möchte ich daraus zitieren:

Auch die Kinder befinden sich in einer Krise. Sie werden auf eine harte Probe gestellt und auch überfordert. Gerade der Erwachsenenbereich, der ihnen im familiären und außerfamiliären Bereich normalerweise Halt gibt, gerät ins Wanken. Bezugspersonen aus Freizeitaktivitäten, Erzieher*innen, Lehrkräfte sind für Kinder momentan nicht oder nur schwer greifbar. Ausschließlich der engste Kreis kann den Kindern jetzt bei der Krisenbewältigung beistehen. Dabei ist die familiäre Bindung momentan von ganz besonderer Bedeutung.

Es fehlen den Kindern im Moment ihre sozialen Gruppen. Kitagruppen, Schule, Freizeitaktivitäten und auch das Spielen mit anderen Kinder (sogar auf Spielplätzen) ist nicht möglich. Damit fehlt ihnen also auch der Kontakt zu ihrer Peergroup (Bezugsgruppe der Kinder untereinander). 

Dies führt zu einer großen Herausforderung in den Familien. Diese Herausforderungen dürfen aber nicht zur Sprachlosigkeit führen, denn gerade jetzt benötigen die Kinder mehr denn je Antworten. Sie erleben Unruhe bei den Eltern, einen komplett veränderten Tagesablauf (nicht zu vergleichen mit Ferien, da sonstige Ferienangebote wegfallen), Bilder, mit denen sie umgehen müssen (leere Warenregale, Berichterstattung rund um die Uhr zum Thema Corona-Virus), den Veränderungen von Sozialformen und -strukturen (z.B. kein Besuch bei Oma oder Menschen, die im Krankenhaus liegen, keinen Gottesdienst, …) Hier gilt es für die Erwachsenen in ihrer möglichen Sprachlosigkeit für die Kinder Worte zu finden.

Was Kindern helfen kann:

Kinder brauchen beides: einen guten „Schutzbereich“, der ihnen zu Hause Sicherheit und Geborgenheit vermittelt, und zugleich brauchen sie Zugehörigkeit, und das heißt auch: sich nicht von wesentlichen Informationen ausgeschlossen zu fühlen. Wägen Sie also gut ab, welche Informationen über die Corona-Krise, Veränderungen und Gefährdungen sie mit den Kindern teilen. Natürlich spielt der Entwicklungsstand des Kindes dabei eine entscheidende Rolle. Vor allem helfen Fragen an die Kinder, die ein Gespräch eröffnen können: Wie erlebst du es gerade, zu Hause zu bleiben und nicht in den gewohnten Abläufen unterwegs zu sein? Was hilft dir in der Situation? Hast du vor irgendetwas Angst, und möchtest du darüber sprechen? Was brauchst du, damit es dir gut geht?“
Geben Sie dem Kind Gelegenheit, die eigenen Gefühle auszudrücken und über sie zu sprechen. Wenn Sie merken, dass das Kind nicht darüber reden möchte, ist es wichtig, es zu nichts zu drängen, aber weiterhin Angebote zu machen. Emotionale Reaktionen von Kindern auf die besondere Situation gehören hier dazu. Signalisieren Sie den Kindern, dass sie auch emotional reagieren dürfen, wenn Veränderungen und Einschränkungen an der Tagesordnung sind. Zeigen Sie den Kindern, dass sie gerne nachfragen dürfen und mit Fragen oder Gesprächswünschen zu Ihnen kommen können. Kinder spüren sehr fein, ob Sie zu solchen Gesprächen bereit sind oder innerlich eher hoffen, nicht gefragt zu werden.

Akzeptieren Sie, dass Kinder in kürzeren Phasen ihre Emotionen leben: spontanes Traurigsein kann sich schnell in fröhliches Spiel verwandeln und anders herum. Kinder haben ein anderes Zeitempfinden.

Aufrichtigkeit den Kindern und den eigenen Gefühlen gegenüber ist eine wichtige Voraussetzung für einen gelingenden Umgang mit Krisen. Aufrichtigkeit bedeutet auch, das eigene Nicht-Wissen einzugestehen. Es hilft den Kindern, wenn sie merken, dass auch Sie nicht auf alles eine Antwort haben. Und es verbindet und schafft gemeinsame Hoffnung, zusammen nach Antworten auf offene Fragen zu suchen.

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