Sie sind hier

21.01.2022
Arbeitspapier

Konsequenzen für die Kinder- und Jugendhilfe nach Corona

Gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesjugend- und Familienbehörde (AGJF) hat die Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter das Positionspapier zum Thema „Was brauchen Kinder, Jugendliche und Familien nach Corona? - Konsequenzen für die Kinder- und Jugendhilfe“ veröffentlicht.

Die AGJF und die BAG Landesjugendämter möchten insbesondere auf die Empfehlungen am Ende des Papiers hinweisen, die unter anderem die Bedeutung des persönlichen, sozialen Kontaktes der Kinder und Jugendlichen auch in Pandemiezeiten sowie die Einbindung dieser Gruppen in Entscheidungsprozesse betonen:

Für die Kinder- und Jugendhilfe aus Corona lernen und für weitere gesellschaftliche Krisen gut aufgestellt sein – was es braucht

Es ist unsere Empfehlung, auf folgende Strukturen und Bedingungen hinzuwirken:  

1. Die besonderen Bedarfe von jungen Menschen müssen bei der Bewältigung einer Pandemie immer mitgedacht werden.

2. Es bedarf einer breiten gesellschaftlichen Anerkennung der positiven und unver696 zichtbaren Rolle der Kinder- und Jugendhilfe für das Aufwachsen von jungen Menschen und einer evidenzbasierten und bedarfsorientierten Ausrichtung der Angebote – auch hinsichtlich des Umfangs.

3. Jungen Menschen müssen auch in Pandemiezeiten unter Beachtung der Infektionsschutzbestimmungen Gelegenheiten der persönlichen Begegnung, des Kontaktes und des Austauschs mit Gleichaltrigen (Peers) und mit Fachkräften ermöglicht werden.

4. Zukünftig sollen Maßnahmen und Angebote zur Abwendung einer Krise unter Beteiligung von jungen Menschen und auch der Eltern geplant werden. Dies gilt vor allem für die kommunale Jugendhilfeplanung, aber auch für die Gesundheitsplanung und die Arbeit örtlicher Krisenstäbe. So können die Rechte von jungen Menschen besser gewahrt und das Wohl aller nachhaltig sichergestellt werden. Hierfür ist es notwendig, Strukturen zu schaffen, die festschreiben, dass junge Menschen altersadäquat etwa in Gremien angehört und einbezogen werden. Dabei sind sie so zu begleiten und vorzubereiten, dass ihre Anliegen gehört, dokumentiert und auch berücksichtigt werden.

5. Für eine erfolgreiche Fortsetzung bzw. Wiederaufnahme der Angebote müssen die individuellen und sozialen Ausgangslagen aller jungen Menschen einbezogen werden. Die Angebote müssen die alten und neuen sozialen Ungleichheiten in den Blick nehmen. Dabei ist ein wichtiges Element die Ausweitung der Erreichbarkeit der Angebote der Kinder- und Jugendhilfe über die Anpassung der digitalen sozialen Infrastruktur, insbesondere der interaktiven Angebote (Online- und Telefon-Beratung, Beratungs-Chats, Online-Gruppenangebote/Kurse). Die aufsuchenden und begleitenden Angebote, insbesondere der Frühen Hilfen, aber auch in der Arbeit mit Jugendlichen im Übergang zu Schule und Beruf sind bedarfsgerecht auszubauen.

6. Kommunale Präventionsketten bilden aufgrund des hohen Grades der Vernetzung und der Einbindung unterschiedlicher Akteur*innen eine gute Grundlage für die Bewältigung von Herausforderungen, wie etwa der Pandemie. Der Aufbau kommunaler Präventionsketten bzw. die vorhandene Infrastruktur ist noch stärker weiterzuentwickeln, damit alle junge Menschen Zugang zu Gesundheit, sozialer Teilhabe, Bildung und Unterstützung erhalten.

7. Die familienunterstützenden Leistungen des § 16 SGB VIII, insbesondere Familienberatung und Familienbildung, sind zukünftig stärker in die örtliche Jugendhilfeplanung einzubeziehen.

8. Sport- und Bewegungsmöglichkeiten sowie Angebote der außerschulischen Bildung und Jugendarbeit sollten für alle jungen Menschen unter Beachtung des Infektionsschutzes auch unter den Bedingungen einer Pandemie zugänglich bleiben und präventive Angebote der Gesundheitsförderung sollten allen jungen Menschen zur Verfügung stehen, um sie bei der Bewältigung der gesundheitlichen Belastungen während der Pandemie zu unterstützen.

9. Im Bereich der digitalen Förderung benötigen alle junge Menschen eine Infrastruktur, die es ihnen ermöglicht, am digitalen Unterricht und an den Angeboten der außerschulischen Kinder- und Jugendbildung teilzunehmen.

10. Für junge Menschen, die in beengten Wohnverhältnissen leben und keinen Internetanschluss zur Verfügung haben, müssen stigmatisierungsfreie Möglichkeiten geschaffen werden, damit sie am Unterricht und außerschulischen Angeboten teilnehmen können und hierfür auch über einen störungsfreien Raum verfügen. Ihnen muss der Zugang zu Lernorten gewährt werden, die losgelöst vom Infektionsgeschehen zugänglich sind und verlässlich bleiben.

11. Dabei muss die digitale Bildung auch medienpädagogisch begleitet werden, damit alle junge Menschen zu einem sicheren Umgang mit digitalen Medien befähigt werden und wissen, worauf sie bei der Nutzung achten müssen. Mögliche Themen sind hier etwa der Umgang mit sozialen Medien, Datenschutz, Kinder- und Jugendschutz.

12. Es ist notwendig, dass die Kinder- und Jugendhilfe auch langfristig hybride und digitale Angebotsformen vorhält und damit jungen Menschen und Eltern einen unbeschränkten Zugang ermöglicht. Um qualitativ hochwertige Angebote machen zu können, müssen Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte nicht nur anwendungsorientiertes Wissen über digitale Medien vermitteln. Es geht auch um die Vermittlung eines neuen Verständnisses einer Jugendkultur, die sich durch Digitalität wandelt – und dabei beispielsweise klassische Interpretationen von Sozialräumlichkeit herausfordert.

13. Die Entwicklung niedrigschwelliger digitaler Zugänge zu Beratungs- und Unterstützungsangeboten für junge Menschen und Eltern (bedarfs- und zielgruppenorientiert) muss aufgebaut werden.

14. Es braucht flächendeckende Fortbildungen für Fachkräfte zum Erwerb von Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien (Anwendungswissen) und insbesondere die Schaffung von stabilen und auskömmlichen Strukturen, um die in diesem Papier beschriebenen Punkte auch an der Basis leisten zu können. Dabei bedarf es weiterhin deutlich mehr Fachkräfte und weiteres Personal bei klaren Regelungen zur Refinanzierung des Personals, das qualifiziert, gewonnen und gehalten werden muss. Die Pandemie hat die grundsätzliche Bedeutung stabiler und auskömmlicher Arbeitsbedingungen bei den Trägern der Kinder- und Jugendhilfe vor Augen geführt – auch als Voraussetzung dafür, dass die in diesem Papier dargestellten Diskussionspunkte aufgegriffen werden können. Dies setzt eine ausreichende Ausstattung mit qualifiziertem Personal und geeignete, auch für neue Fachkräfte attraktive Arbeitsbedingungen voraus. Hierbei können beispielsweise vergütete, praxisorientierte Ausbildungsformen, flexible Arbeitszeitmodelle und breite Möglichkeiten der Fort- und Weiterbildung eine wichtige Rolle spielen. Weiterhin rückt die Pandemie einmal mehr in den Blick, dass in den Berufsfeldern der sozialen Arbeit digitale Kompetenzen heute und in Zukunft unabdingbar sind und daher in der Aus- und Fortbildung fester als bisher verankert werden müssen.

15. Während der Pandemie hat sich deutlich gezeigt, wie es jungen Menschen mit aktuellen politischen Entscheidungen geht, etwa bei der Beteiligung und den Folgen der Pandemie auf die psychische Konstitution junger Menschen. Sie haben diverse Studien o.ä. genutzt, um ihre Meinung und Kritik zu äußern. Es bedarf neben direkten Beteiligungsformaten auch einer starken Jugendforschung, die systematisch das Wohlbefinden, die Bedarfe und Einstellungen junger Menschen erforscht und Stand 14. Dezember 2021 18 798 an die Politik heranträgt. Politisches Handeln sollte evidenzbasiert sein und Ergebnisse von Studien ernsthaft einbeziehen. Dafür benötigen Forschungseinrichtungen die notwendigen Ressourcen.

16. Junge Menschen brauchen (in dicht besiedelten Gebieten) Flächen, in denen sie sich begegnen und bewegen können. Es ist Aufgabe der Stadtentwicklungsplanung unter der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen diese Flächen zu entwickeln und vorzuhalten.

17. Eine wichtige kommunale Aufgabe ist, die durch die Pandemie verstärkt sichtbaren Unterschiede lokaler Infrastrukturen nicht wachsen zu lassen. Gleichwertige Lebensverhältnisse für alle jungen Menschen müssen unabhängig von der finanziellen Lage des kommunalen Haushaltes gewährleistet werden.

18. Es ist Aufgabe der Kinder- und Jugendpolitik sowie der Kinder- und Jugendhilfe, die Rahmenbedingungen und Strukturen für die Arbeit mit jungen Menschen sowie deren Familien auch in derartigen Krisenzeiten zu stabilisieren und zukunftsfest inklusiv zu gestalten, so dass sich die Lebens- und Alltagsbedingungen von jungen Menschen weiterhin positiv entwickeln können.

Das könnte Sie auch interessieren

Gutachten

von:

Gutachten des Deutschen Vereins zur Abgrenzung von Leistungen nach Jugendhilfe als auch Eingliederungshilfe

Das Gutachten aus Juni 2012 beschäftigt sich mit der Abgrenzung von Leistungen nach §§ 27, 33 SGB VIII bzw. § 35 a SGB VIII und §§ 53, 54 Abs. 3 SGB XII.
Fachartikel

von:

Mögliche Perspektiven der Weiterentwicklung

Die Pflegekinderhilfe ist noch kein einheitlicher Bereich. Es gibt regionale Ungleichzeitigkeiten in der Entwicklung, beharrende lokale Traditionen und den persönlichen Eigensinn der Akteure. Alte Schichten und innovative Ansätze überlagern sich. Verschiedene Organisationsmodelle, die auch die ausschließliche Bindung der Pflegekinderhilfe an kommunale Träger zu überschreiten beginnen, konkurrieren miteinander, und unterschiedliche fachliche Orientierungen bleiben nebeneinander bestehen.
Arbeitspapier

Qualitätsmerkmale schulischer Elternarbeit

Gemeinsam mit Experten aus Wissenschaft, Politik und Bildungspraxis hat die Vodafone Stiftung Deutschland Qualitätsmerkmale als Kompass für die partnerschaftliche Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus entwickelt.
Fachartikel

von:

Bedeutung der Pflegeelternvereine / Initiativen

Wie in allen Bereichen unserer Gesellschaft wird es auch in der Pflegekinderhilfe zunehmend schwieriger, Personen für den ehrenamtlichen Bereich in der Betroffenenhilfe zu finden. Pflegeeltern scheuen sich, in Organisationen tätig zu werden - auf örtlicher oder überörtlicher Ebene. Aber wie soll es zu guten Rahmenbedingungen in der Pflegekinderhilfe kommen, wenn die Betroffenen selbst - die Pflegeeltern - sich nicht äußern, sich nicht selbst helfen, nicht den Mund aufmachen, wenig Haltung zeigen, mutlos sind? Der Austausch in den sozialen Medien mag dem Einzelnen helfen - aber verändern, verbessern, das Pflegekinderwesen örtlich und politisch beeinflussen: das geht nur über öffentliches Tun.
Fachartikel

Pflegekind auf Zeit

Im DJI-Bulletin 3/2010 Heft 91 findet sich ein Artikel zur Hilfe zur Erziehung in Pflegefamilien mit dem besonderen Blick auf die Frage der Dauerhaftigkeit der Unterbringung.
Fachartikel

von:

Pflegeeltern und Jugendamt

Was sind sie füreinander?

Wie sind die Beziehungen der Pflegeeltern und des Jugendamtes zueinander? Wer ist zu was verpflichtet und berechtigt? Die Tätigkeit von Pflegeeltern definiert sich in einem Dreiecksverhältnis zwischen Pflegeeltern, Personensorgeberechtigten und Jugendamt. Um hier Deutlichkeit zu ermöglichen, sind inzwischen viele Jugendämter dazu übergegangen, Verträge zwischen mit den Beteiligten der Vollzeitpflege anzuregen und abzuschließen. So gibt es Verträge zwischen Personensorgeberechtigten und Jugendamt, Personensorgeberechtigten und Pflegeeltern und Pflegeeltern und Jugendamt. Die Definition, was Pflegeeltern denn nun rechtlich gegenüber dem Jugendamt sind, ist schwierig und manchmal auch irreführend.
Stellungnahme

von:

Weiterentwicklung von Strukturen, Verfahren und pädagogischen Prozessen in der Pflegekinderhilfe

Mit den vorliegenden Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Pflegekinderhilfe will die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung bundesweit vergleichbarer qualitativer Standards in der Pflegekinderhilfe leisten.
Stellungnahme

von:

Zunehmende Angst vor den Jugendämtern behindert den Kinderschutz

Die BAG ASD/KSD (Bundesarbeitsgemeinschaft Allgemeiner Sozialer Dienst, Kommunaler Sozialer Dienst) stellt eine zunehmende Angst der Bevölkerung vor einer Kontaktaufnahme zu den Jugendämtern fest.
Gutachten

von:

Keine Flucht der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe ins Ordnungsrecht

Ein Gutachten des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge über die Frage, ob nicht mitwirkungsbereite Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren außerhalb der Jugendhilfe in Obdachlosenunterkünfte aufgenommen werden dürfen.
Gutachten

von:

Ergänzende Hilfen zur Erziehung bei Gewährung von Vollzeitpflege gemäß §§ 27, 33 SGB VIII

Das Gutachten des Deutschen Vereins besagt, dass die Leistung von Vollzeitpflege (§ 33 SGB VIII) zusätzliche Hilfen zur Erziehung nicht ausschließt.