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20.06.2013
Nachricht aus Hochschule und Forschung

FH Campus Wien präsentiert Pflegekinder-Studie

Im Zuge der Aufarbeitung der Geschichte der Wiener Jugendwohlfahrt wurde die Fachhochschule FH Campus Wien mit der Studie „Lebenswelt der Pflegekinder in der Wiener Nachkriegszeit 1955-1970“ beauftragt. Erste Ergebnisse liegen jetzt vor.

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Informationen der Fachhochschule:

Die Stadt Wien arbeitet seit dem Frühjahr 2010 im Rahmen mehrerer Projekte die Geschichte der Wiener Jugendwohlfahrt in der Nachkriegszeit auf. Im Zuge dessen wurde das Kompetenzzentrum für Soziale Arbeit der Fachhochschule FH Campus Wien mit der Studie „Lebenswelt der Pflegekinder in der Wiener Nachkriegszeit 1955-1970“ beauftragt. Am 19. Juni präsentierten Stadtrat Christian Oxonitsch und Projektleiterin Elisabeth Raab-Steiner die Studienergebnisse.

Lebenswelt der Pflegekinder 1955-1970 im Auftrag der Stadt Wien untersucht

Für die Studie wurden 15 ehemalige Pflegekinder als Zeitzeugen interviewt. Weiters wurden Akten und Archivdaten analysiert sowie Interviews mit ehemaligen Mitarbeiterinnen der Fürsorgebehörden durchgeführt. „Ziel der Studie war es, den ehemaligen Pflegekindern eine Stimme zu geben und ihre alltags- und lebensweltlichen Erfahrungen zu beschreiben", erläutert Raab-Steiner. „Konkrete Sachverhalte zu prüfen oder etwaige Täterinnen und Täter auszuforschen, war nicht Teil des Auftrags", so Raab-Steiner weiter.

Die Pflegekinder waren teils in Wiener Pflegefamilien untergebracht, teils aber auch in Großpflegefamilien am Land, insbesondere im Südburgenland und in der Südsteiermark. Die Wiener Pflegefamilien gehörten meist der unteren Mittelschicht oder Arbeiterschicht an, die ländlichen Großpflegefamilien ärmeren Teilen der Bauernschaft.

Pflegekinder als Arbeitskräfte ausgebeutet und isoliert

Die interviewten Personen wurden schon in jungen Jahren als Arbeitskraft eingesetzt. Die Mädchen wurden zur intensiven Mitarbeit im Haushalt herangezogen, die Buben und Mädchen auf Bauernhöfen als Ersatz für Knechte und Mägde eingesetzt. Die Arbeitsleistung der Kinder und der finanzielle Beitrag der Stadt Wien waren Hauptmotive für die Aufnahme von Pflegekindern. Körperliche Überbeanspruchung und Verletzungen bei der Arbeit standen auf der Tagesordnung. Am Land musste die Arbeit auch auf Kosten der Schule erledigt werden, die Bildungschancen der Pflegekinder standen im Hintergrund.

Die Pflegekinder wurden sozial isoliert und hatten kaum Kontakt- und Kommunikationsmöglichkeiten. Dafür sorgten der exzessive Arbeitseinsatz und Sprechverbote unter Strafandrohung. Die Schule stellte für die Kinder einerseits oft den einzigen persönlichen Freiraum abseits der Pflegefamilie dar, war andererseits aber auch ein Ort der Ausgrenzung und Diskriminierung durch LehrerInnen und MitschülerInnen.

Vielfältige Gewalterfahrungen

In nahezu allen Bereichen des Alltags waren die Kinder psychischer Gewalt ausgesetzt. Dazu zählten Demütigungen und Verbot von Sozialkontakten ebenso wie die häufige Drohung, das Kind „zurück ins Heim" zu schicken. „Oft erzählten die Kinder auch davon, dass die Pflegeeltern emotionale Bezugsgegenstände wie Teddybären oder Fotos der Herkunftsfamilie mutwillig zerstörten oder den Kindern wegnahmen", berichtet Elisabeth Raab-Steiner.

Neben der psychischen Gewalt war auch körperliche Gewalt allgegenwärtig, besonders schwerwiegend in den ländlichen Großpflegefamilien. Die Züchtigungen gingen weit über die damals gängige „gsunde Watschn" hinaus und umfassten auch Schläge und Verletzungen mit Arbeitsgeräten und Gurten. Gewalt übten – je nach Familiensituation – alkoholkranke Pflegeväter aus, aber auch ältere leibliche Kinder und andere Familienmitglieder.

Für die Mehrzahl der interviewten Pflegekinder stand auch sexuelle Gewalt an der Tagesordnung. Gewalttätige sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen liefen oft regelmäßig über Jahre. Im Wissen der Pflegemutter führten Pflegeväter, ältere Pflegegeschwister oder Bekannte der Familie sexuelle Gewalthandlungen durch. Auch männliche Pflegekinder berichten von sexuellen Übergriffen durch die Pflegemutter.

Kontrolliert wurden meist nur Sauberkeit und Hygiene

Die Pflege der Kinder zielte vornehmlich nur auf die Mindestbedürfnisse Essen, Schlafen und Hygiene ab, in der Stadt auch auf die Schulbildung. Emotionale Nähe boten die Pflegeeltern nicht, die Beziehungen waren von Distanz, Kälte und Härte geprägt. Nach Beendigung des Pflegeverhältnisses gab es mit den Pflegeeltern mehrheitlich keinen Kontakt mehr. Die Pflegeaufsicht oblag der Kinderübernahmestelle der Stadt Wien und den örtlich zuständigen Fürsorgeämtern. Überwiegend galt das Interesse der Kontrollen nur der Sauberkeit und Hygiene des Hauses und kaum den Bedürfnissen der Kinder. „Den Fürsorgerinnen wurde es auch erschwert, Einblick zu nehmen, indem die Pflegeeltern den Kindern Sprechverbote erteilten und für die Kontrolle den Schein eines heilen Familienlebens erzeugten", erzählt Studienleiterin Raab-Steiner.

Weitere Lebensgeschichte der Pflegekinder

Der Großteil der befragten Personen hat bis heute mit den Traumatisierungen als Pflegekind zu kämpfen. Ein „glückliches Familienleben" haben die meisten Personen nicht erlebt. In einigen Fällen wurden die Erfahrungen wiederholt, etwa in Form früher Mutterschaft und Fremdunterbringung der eigenen Kinder. Die Männer absolvierten eine Lehre und konnten eine berufliche Identität und finanzielle Selbstständigkeit erreichen. Die Frauen hatten schlechtere Bildungschancen, oft auch durch frühe Schwangerschaften bedingt, und arbeiteten als Hilfarbeiterinnen. Lebenslange finanzielle Probleme und ein frühzeitiges Ausscheiden aus dem Arbeitsmarkt aufgrund psychischer und körperlicher Folgen der Zeit als Pflegekind ziehen sich durch die Mehrzahl der Biografien.

„Alle interviewten Pflegekinder erlebten Angst vor den Fürsorgebehörden, fehlende Kontinuität der Bezugspersonen, Vorurteile, Schuldgefühle und Einsamkeit. Das führte zu einem geringen Selbstwertgefühl und bleibender Skepsis anderen Personen gegenüber", fasst Raab-Steiner zusammen.

Sobald die Studie in voller Länge vorliegt, wird sie online veröffentlicht. Die Projektleitung hatte Elisabeth Raab-Steiner inne, sie ist Leiterin des Kompetenzzentrums für Soziale Arbeit und Studiengangsleiterin des Masterstudiums Klinische und Sozialraumorientierte Soziale Arbeit der FH Campus Wien. Federführende wissenschaftliche Mitarbeiterin der Studie war Gudrun Wolfgruber

Quelle: fh campus wien

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