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30.05.2008
Fachartikel

Kein neuer Anfang ohne Abschied "Ich bin hier nur zu Besuch. Ich geh wieder zurück"

Egal wie gut die Gründe sind dem Kind eine neue Familie zu geben, so bedeutet doch der Wechsel für das Kind in der Regel zunächst Verlust und Trauer. Sie wissen nicht, dass Kinder in anderen Familien nicht geschlagen und angeschrien werden, dass es Erwachsene gibt, die sich um ihr leibliches Wohl sorgen.

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Es war einmal eine junge Frau, die hatte das, was man eine schwere Kindheit nennt. Und weil in ihrem Leben alles grau und trist war, wünschte sie sich ein Baby, damit ihr Leben nun schön würde. So bekam sie eines Tages ein kleines Mädchen. Sie liebte ihr Baby, aber sie wusste nicht, wie man mit kleinen Babys umgehen muss. Sie wusste nicht, dass kleine Babys auch nachts trinken wollen, sie wusste nicht, dass kleine Menschen es nicht vertragen, wenn man sie stundenlang überall herumträgt, wenn sie eigentlich müde sind und schlafen wollen. Und sie wusste nicht, dass man sie danach nicht stundenlang alleine lassen konnte. Oft war keine Babynahrung im Haus und das Baby hatte Hunger. Es fror, weil die junge Frau nicht daran gedacht hatte, es warm einzupacken, wenn sie ihre Freunde am Bahnhof traf.

Eines Tages wurde das Baby krank und kam in ein Krankenhaus. Die Ärzte, die sich um das Baby kümmerten, riefen einen weisen Richter zu Hilfe, weil sie bemerkt hatten, dass es dem Baby ganz und gar nicht gut ging. Der weise Richter hörte aufmerksam zu. Dann entschied er, dass die junge Frau erstmals eine Betreuerin für sich bekam, die sich um sie kümmerte. Das Baby bekam eine andere Frau als Mutter, damit es auch ihm von nun an gut ging.

Die andere Frau hatte sich schon lange ein Baby gewünscht und war fröhlich und glücklich als sie das Baby nach Hause trug. Das Baby aber vermisste die junge Frau. Sie war bis dahin seine Welt. Die Welt war laut und grell und hektisch. Es wurde gestritten und laut gelacht, mal gab es ganz viele Küsse, mal gar keine.

Die andere Frau war freundlich und sprach mit leiser Stimme mit dem Baby, aber sie roch nicht wie die junge Frau, sie klang nicht wie die junge Frau, sie fühlte sich anders an. Alles war anders hier. Das Baby vermisste die junge Frau und seine alte Welt. Niemand hatte ihm erklärt, was passiert war. Alle waren freundlich und freuten sich, wo das Baby es doch jetzt so gut hatte. Das Baby konnte sich nicht freuen. Das Baby war einfach nur traurig.

Wenn ein Kind neu in eine Pflege- oder Adoptivfamilie kommt, treffen Abschied und Neubeginn unvermittelt aufeinander. Auf der einen Seite steht eine erwartungsfrohe, freudig erregte aufnehmende Familie, für die die Ankunft des Kindes häufig die Erfüllung eines langen Wunsches ist. Diese Familie wünscht sich nichts mehr als diesen kleinen Menschen mit Liebe zu überschütten und ihn für all das zu entschädigen, was ihm bisher widerfahren ist.
Wenn ein Kind neu in eine Pflege- oder Adoptivfamilie kommt, treffen Abschied und Neubeginn unvermittelt aufeinander. Auf der einen Seite steht eine erwartungsfrohe, freudig erregte aufnehmende Familie, für die die Ankunft des Kindes häufig die Erfüllung eines langen Wunsches ist. Diese Familie wünscht sich nichts mehr als diesen kleinen Menschen mit Liebe zu überschütten und ihn für all das zu entschädigen, was ihm bisher widerfahren ist.

Egal wie gut die Gründe sind dem Kind eine neue Familie zu geben, so bedeutet doch der Wechsel für das Kind in der Regel zunächst Verlust und Trauer. Vor allem kleine Kinder haben keine Vergleichsmöglichkeiten und halten das, was sie bisher an Behandlung erlebt haben, für völlig normal. Sie wissen nicht, dass Kinder in anderen Familien nicht geschlagen und angeschrien werden, dass es Erwachsene gibt, die sich um ihr leibliches Wohl sorgen. Und deshalb hängen sie an den Menschen und an der Umgebung, die ihnen vertraut ist.

Je unvorbereiteter die Herausnahme oder Umplazierung des Kindes geschehen ist, desto eher ist der plötzliche Ortswechsel für das Kind mit einem Schock verbunden. Das Kind erstarrt innerlich und weigert sich häufig, die neue Realität anzuerkennen. "Ich bin hier nur zu Besuch. Ich geh wieder zurück". Die Leugnung der Realität ist zunächst eine ganz gesunde Reaktion der Psyche, sich vor Tatsachen zu schützen, die so noch nicht zu ertragen sind. Bedrängen Sie das Kind jetzt nicht mit Richtigstellungen, sondern lassen Sie ihm die Zeit, die es braucht sich den Tatsachen stellen zu können.

Unabhängig davon, ob sie einen Säugling oder ein älteres Kind aufnehmen. Jedes Kind braucht erstmal Zeit, um das zu betrauern, was es verloren hat. Und es braucht altersgemäße Informationen über das, was passiert ist. Kinder verfügen über andere kognitive und sprachliche Fähigkeiten als Erwachsene. Deshalb trauern sie anders als Erwachsene. Trauer ist bei Erwachsenen und Kindern ein ganz individueller Prozess.

Die Trauer von Kindern verläuft weniger offensichtlich und gradlinig wie die von Erwachsenen. Rückzug, Weinen oder Aggression wechseln sich mit Phasen von Spiel und Ausgelassenheit ab, in denen man meinen könnte, die Kinder blieben von den Ereignissen ganz unberührt.

Bei Kindern (besonders im Vorschulalter und frühen Schulalter) kommt häufig die Suche nach dem Verursacher hinzu: Irgendjemand muss Schuld sein, dass alles so gekommen ist.

  • "Ich war böse, deshalb konnte mich meine Mutter nicht behalten."
  • "Die Pflegemutter hat mich abgeholt und mich meiner Mutter weggenommen."

Daher ist es wichtig, unabhängig davon ob die Kinder schon Fragen stellen können, sie mit einfachen Worten zu informieren, was passiert ist. Sätze wie "Deine Mutter hat sich nicht gut um dich gekümmert", "Frau Huber vom Jugendamt hat dafür gesorgt, dass wir uns jetzt um dich kümmern können", "Frau Schmidt vom Sozialdienst kümmert sich jetzt um deine Mutter" zu wiederholen, können dem Kind helfen, zu verstehen, was passiert ist.

In der akuten Phase der Trauer verfallen die Kinder häufig in frühere Entwicklungsstufen zurück. Die Phase der Regression im Trauerprozess ist von hoher Emotionalität gekennzeichnet. Dazu gehören Weinen, Klagen, Wutanfälle, aber auch Scham- und Schuldgefühle. In der regressiven Phase verhalten sich Kinder im Kindergartenalter oft anhänglich und ängstlich oder störrisch und aggressiv. Auch apathisches Verhalten ist möglich. Der Rückzug zeigt an, dass die Seele überläuft und schonungsbedürftig ist. Versuchen Sie jetzt nicht, das Kind durch herumalbern oder zahlreiche Aktivitätsangebote auf fröhlichere Gedanken zu bringen. Es gibt keinen Trost in der Trostlosigkeit.

Sätze wie: "Ich verstehe, dass du traurig bist", "Wenn ich das erlebt hätte, was du erlebt hast, würde ich auch so schreien" zeigen selbst Kindern, die selbst noch nicht sprechen können, dass Sie verstehen, wie ihnen zumute ist.

Ihre vielfältigen Gefühle können Kinder am besten ohne Worte und spielerisch zum Ausdruck bringen. Lassen Sie die Kinder malen, Musik machen, basteln, spielen. Bleiben Sie nah und tun sie wenig. Kommentieren und interpretieren Sie nicht, was das Kind produziert. Bieten Sie dem Kind immer wieder vorsichtig Körperkontakt an, aber achten Sie sehr genau auf seine Grenzen.

Die Kinder brauchen jetzt äußere Sicherheiten und Kontinuität von Betreuungspersonen und Tagesrhythmen. Ein überschaubarer, vorhersehbarer Alltag hilft, das innere Chaos zu sortieren. Ein Stofftier kann zu einem guten Begleiter werden. Die eigenen Gefühle der Kinder können gut auf das Stofftier projiziert werden, so dass das Kind in Distanz dazu treten kann. "Der Teddy sieht heute ganz traurig aus ... wir holen ihm jetzt mal eine warme Decke und decken ihn gut zu."

Wenn es gut läuft und die Kinder durch ihre frühen Erfahrungen nicht ihre Bindungsfähigkeit verloren haben, können sie sich auf die neue Beziehung einlassen, die Sie ihnen anbieten. Die Zeit der akuten Trauer ist dann vorbei, wenn das Leben insgesamt wieder auf die Gegenwart und Zukunft ausgerichtet ist. Ein Vergessen wird es auch für die Kinder nicht geben, aber wir können ihnen wünschen, dass sie es schaffen, die erlittenen Verluste als Teil ihres Lebens zu integrieren.

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Kinder, die in Pflegefamilien, Erziehungsstellen, Wohngruppen und hin und wieder auch Adoptivfamilien aufwachsen, haben viele schwierige Erfahrungen hinter sich wie beispielsweise das Erleben von Misshandlung oder Vernachlässigung. Diese Erlebnisse werden von jedem Kind individuell verarbeitet, führen bei den Heranwachsenden jedoch häufig zu Traumatisierungen.