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19.08.2020
Fachartikel

Sozialpädagogische Lebensgemeinschaften – eine besondere Form der erzieherischen Hilfen in der Schnittstelle zwischen „Familie“ und Heimerziehung.

Sozialpädagogische Lebensgemeinschaften (SPLGs) sind familienorientierte Lebensgemeinschaften mit einer innewohnenden Fachkraft, die in der Regel ein bis zwei Kinder in ihre Lebensgemeinschaft aufnehmen und gesetzlich der Heimerziehung zugeordnet werden (§ 34 SGB VIII). Bei dem Träger P.E.B.e.V. werden die SPLGs unter die Überschrift "familienanaloge Lebensgemeinschaften" (LGs) gefasst. Deshalb sprechen wir im weiteren Text von sozialpädagogischen Lebensgemeinschaften (SPLGs) oder (familienanalogen) Lebensgemeinschaften (LGs).

An sozialpädagogische Lebensgemeinschaften werden sehr viele unterschiedliche Erwartungen gestellt. Einerseits werden sie als ein Familiensystem betrachtet und dann als Teil einer Heimeinrichtung.

Im Zuge der Reform des SGB VIII gibt es Überlegungen, die Definition des Einrichtungsbegriffes über eine Neuformulierung des §45 SGB VIII dahingehen zu ändern, dass die Betriebserlaubnispflicht für die sozialpädagogischen Lebensgemeinschaften entfallen könnte.

„Entfiele die Betriebserlaubnispflicht bestünde Gefahr, dass professionelle, familienanaloge Wohnformen, wie z.B. die sozialpädagogischen Lebensgemeinschaften, den Pflegeverhältnissen gem. §33 SGB VIII gleichgestellt würden. Damit gingen Qualitätseinbußen einher…“

„Diese Formulierung entspräche aus Paritätischer Sicht nicht den Anforderungen an einen wirksamen Kinderschutz, weil damit eine überörtliche Heimaufsicht für Leistungsangebote der professionellen, familienanalogen Wohnformen, wie z.B. sozialpädagogische Lebensgemeinschaften, Projektstellen oder individualpädagogische Betreuungsstellen aufgegeben würde.“ (vgl. Positionspapier des PARITÄTISCHEN Nordrhein-Westfalen zur geplanten SGB VIII Reform zur Definition des Einrichtungsbegriffs vom 07.11.2019)

Somit würde ein wesentlicher und spezifischer Bereich der Heimerziehung wegfallen, der für viele untergebrachte Kinder und Jugendliche hilfreich ist.

Zwischen den beiden Polen – Familie und Heimerziehung - findet die wertvolle Tätigkeit der Fachkräfte der LGs statt, abgesichert durch die Leistungen des Trägers. Für die mittel- bis langfristig untergebrachten Kinder und Jugendlichen ist diese Form der Heimerziehung oftmals hilfreich. Sie können häufig lange in diesen „professionellen“ Lebensgemeinschaften leben und finden dort einen festen Lebensort, der ihnen Halt und Unterstützung bietet. Oft können sie über das 18te Lebensjahr und darüber hinaus Unterstützung erhalten. Die Lebensgemeinschaften geben ihnen sozialen Halt und Kontinuität. Viele bleiben auch nach der Verselbstständigung im Kontakt.

Dies ermöglicht den Kinder und Jugendlichen, Beziehung und Bindung zu erfahren und zu entwickeln und ihre Lebensthemen zu bearbeiten ohne die sonst häufigen vorkommenden Bezugspersonen- und Lebensortwechsel im Bereich der Heimerziehung.

Was macht eine LG bei dem Träger P.E.B.e.V. aus?

Die pädagogisch ausgebildeten Fachkräfte der LGs und ihre Lebensgemeinschaft stellen ihren Lebensraum untergebrachten Kindern und Jugendlichen zur Verfügung. Die Fachkräfte nutzen ihr fachliches Wissen und ihre persönlichen (Berufs-)Erfahrung in der alltäglichen Begleitung der aufgenommenen Kinder und Jugendlichen.

Die Lebensgemeinschaften arbeiten auf der Grundlage des § 34 SGB VIII (dem sogenannten „Heimparagraphen). Rechtlich gesehen sind sie dezentrale Bestandteile einer Heimeinrichtung. Sie arbeiten in Trägerschaft und unterliegen dem Betriebserlaubnisverfahren durch das Landesjugendamt, der zuständigen Aufsichtsbehörde.

Das besondere Merkmal des Trägers P.E.B.e.V. für die LGs ist, dass es für die pädagogischen Fachkräfte eine Absicherung in Form einer Festanstellung mit einer betrieblichen Alterssicherung gibt. Sollte ein Kind die Lebensgemeinschaft verlassen, endet der Arbeitsvertrag nicht sofort, sondern es gibt eine Fortzahlung des Gehalts über einen vereinbarten Zeitraum, um die Fachkräfte der Lebensgemeinschaften finanziell abzusichern.

Der Träger hat die Dienst- und Fachaufsicht. Im Arbeitsvertrag festgelegt sind z.B. die Verpflichtung zur Teilnahme an der pädagogischen Fachberatung, an der Supervision, an Fortbildungen, die Teilnahme an Regionalgruppen, Mitarbeiterversammlungen, die Verpflichtung zur Dokumentation und selbstverständlich die Teilnahme an Hilfeplangesprächen.

Zur Unterstützung der Lebensgemeinschaften gibt es zudem eine Hauswirtschaftskraft sowie ein Entlastungskonzept.

Ab dem dritten aufgenommenen Kind wird eine zusätzliche Fachkraft in der Lebensgemeinschaft tätig.

Bevor die Fachkräfte ihre Tätigkeit aufnehmen, findet eine intensive Vorbereitung auf ihre zukünftige Tätigkeit statt.

Die größte Gemeinsamkeit ist die Vielfältigkeit.

Diese Aussage trifft auf die LGs zu. So gibt es junge und ältere Fachkräfte in den Lebensgemeinschaften; Lebensgemeinschaften mit großen und/oder mit kleinen leiblichen Kindern oder keinen eigenen Kindern; gleichgeschlechtliche Paare; Alleinerziehende; Lebensgemeinschaften im eher städtischen Bereich oder ländlich gelegen; mit Partnern, die auch Fachkräfte sind; Lebensgemeinschaften, die nur ein Kind aufnehmen oder mehrere Kinder …

Jede Lebensgemeinschaft hat ihr spezifisches Profil und verfügt über besonderen Gegebenheiten.

Diese Unterschiedlichkeit birgt ein großes Potential für die aufgenommenen Kinder und Jugendlichen. Das Profil der jeweiligen Lebensgemeinschaft muss für die Kinder passen und die Kinder müssen in das System passen. Es muss „menschlich und fachlich“ stimmen zwischen den aufgenommenen Kindern und Jugendlichen, ihren Herkunftsfamilien und den Lebensgemeinschaften. Die aufgenommen Kinder und Jugendlichen leben rund um die Uhr in den Familien – so auch an Wochenenden, in Ferienzeiten, wenn es Krisen gibt und wenn sie krank sind. Es gibt dann zur Entlastung der Fachkräfte keinen Schichtdienst. Diese Grundvoraussetzungen ermöglichen ein Zusammenleben, welches den Kindern und Jugendlichen Sicherheit und das Gefühl von „Angenommen Sein“ vermittelt. Jedes Mitglied der Lebensgemeinschaft muss sich im Zusammenleben „wohl und sicher“ fühlen.

Die fachliche Qualifikation der Fachkraft, das Wissen um das Zusammenleben mit untergebrachten Kindern und Jugendlichen und um die Zusammenarbeit mit den Herkunftsfamilien, die Fähigkeiten zur 

Reflexion und zur Introspektion müssen gegeben sein. Die Lebensplanung der Fachkraft muss dem Alter und der Perspektive des Kindes oder Jugendlichen entsprechen. Ziel ist, dass die aufgenommenen Kinder und Jugendlichen einen „guten“ Platz in der Lebensgemeinschaft finden können, um Entwicklungsdefizite aufzuarbeiten und ihre entwicklungsangemessenen Schritte, fürsorglich begleitet, zu gehen.

Für das Gelingen des Aufenthaltes eines Kindes in einer Lebensgemeinschaft unerlässlich ist eine gute Zusammenarbeit im gesamten Helfersystem, d.h. eine gute Zusammenarbeit mit den Sachbearbeiter*innen der Jugendämter, den Vormündern, der pädagogischen Leitung, der Fachkraft selbst, den Kindergärtner*innen, den Lehrer*innen und Therapeuten.

Wer fragt die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in den familienanalogen Lebensgemeinschaften an und mit welchen Zielsetzungen?

Angefragt werden die Lebensgemeinschaften von Jugendämtern mit unterschiedlichen Zielsetzungen. Häufig werden sie angefragt wegen der Unterbringung von kleinen Kindern mit einem belastenden Hintergrund, bei Kindern mit seelischen und psychischen Belastungen; bei Kindern und Jugendlichen mit bindungsgestörtem Verhalten, die noch die Chance von einem Bindungsangebot erhalten sollen; bei Kindern und Jugendlichen mit einer anfordernden Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie aufgrund von z.B. Suchterkrankungen und/oder psychischen Erkrankungen.

Die Intention der Sachbearbeiter der Jugendämter bei der Anfrage ist zweigleisig: Sie fragen die Lebensgemeinschaften an als „familienanalog“ und sie fragen die Lebensgemeinschaft als „Fachkräfte“ an.

In der Regel werden Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedarfen aufgenommen.

Die aufgenommenen Kinder und Jugendlichen

Die aufgenommenen Kinder und Jugendlichen kommen aus unterschiedlichen Situationen. Manchmal – selten – kommen sie in die Lebensgemeinschaft direkt nachdem sie aus ihren Familien herausgenommen wurden oder die Eltern haben die Kinder freiwillig abgegeben, weil sie sich mit der Erziehung überfordert fühlen. Meist kommen sie aus Bereitschaftsfamilien, Clearinggruppen, Heimgruppen und manchmal haben die Kinder und Jugendlichen schon sehr viele, unterschiedliche Stationen durchlaufen.

Alle Kinder, die in den Lebensgemeinschaften aufgenommen werden, haben belastende Lebensereignisse erfahren müssen. Vor diesem Hintergrund werden die familienanalogen Lebensgemeinschaften mit ihren pädagogischen Fachkräften angefragt.

Die Eltern der Kinder und Jugendlichen sind häufig psychisch krank, suchterkrankt, selber traumatisiert, jung und können deshalb ihre Kinder nicht ausreichend versorgen.

Die Kinder und Jugendlichen haben zumeist von klein auf Vernachlässigung, Verwahrlosung und/oder Gewalt erfahren. In der Regel konnten sie keine verlässliche, vertrauensvolle Beziehung zu den Eltern entwickeln.

Ziele der Unterbringung der aufgenommenen Kinder und Jugendlichen in den Lebensgemeinschaften sind u. a. das Erfahren von einer guten Versorgung, von Sicherheit, Zuverlässigkeit, Beziehung und das Angebot von Bindungserfahrungen. Sie sollen die Chance erhalten, in engen Beziehungssystemen (erneut) Vertrauen zu entwickeln und weitere, ihrem Lebensalter entsprechende Schritte zu unternehmen.

Die Herkunftsfamilien haben oft ganz unterschiedliche Familienformen gelebt, andere Wertesysteme vertreten und oftmals die Kinder in überfordernden Situationen allein gelassen. Wie auch immer die jeweiligen Herkunftsfamilien gelebt haben, für ihre Kinder war dies ihre „normale“ Lebensform und ihr Vorbild dafür, wie Familien zusammen leben. Hier können die Lebensgemeinschaften korrigierend wirken.

Die Kinder und Jugendlichen haben zuvor oft überlebt, indem sie wenig oder kein Vertrauen entwickelt haben zu nahen Bezugspersonen. Ihre Eltern haben sie vielleicht mal als sehr liebevoll und dann bedrohlich erlebt. Überlebensstrategien der Kinder und Jugendlichen waren häufig mit einer „Hab acht“-Einstellung vor den nahen Bezugspersonen begleitet; manchmal wussten sie nicht, ob auf normale Bedürfnisse mit Aggression reagiert wurde; vielleicht mussten sie ihre Versorgung selber organisieren; zu früh selbstständig werden; Geschwister mit versorgen; sich vor Freunden und Verwandten, die über ihre Grenzen gingen, selber schützen; viel kontrollieren. Ihrem Überleben half es oft, wenn sie viel Autonomie und Selbstständigkeit entwickelt haben. Viele Kinder haben für ihre Eltern Verantwortung übernommen.

In den Lebensgemeinschaften erleben die Kinder und Jugendlichen dann oft eine für sie ganz fremde Welt mit unbekannten Regeln und Anforderungen. Waren sie es bisher vielleicht gewöhnt, für sich selber zu sorgen, kein Vertrauen zu investieren und ein Stück Autonomie und Unabhängigkeit zu leben, so kommen sie in Lebenszusammenhänge, die durch Fürsorge für die Kinder, altersentsprechende Begleitung, vertrauensvolles Zusammenleben und von Nähe bestimmt sind. Diese Form des Zusammenlebens ist für die Kinder oftmals zunächst verunsichernd und befremdlich. Sie kennen diese Regeln nicht.

Ziel ist, dass die Kinder und Jugendlichen Vertrauen und Bindung aufbauen, obwohl sie meist mit Nichtvertrauen und Autonomie überlebt haben. Für sie ist es in der Regel nicht einfach, sich in diesem so anderen System der Anforderungen zu orientieren. Oftmals zeigt sich, dass die aufgenommenen Kinder ein vertrauensvolles Zusammenleben in den Lebensgemeinschaften nur schwer aushalten und mühsam lernen müssen. Vertrauensvolle Beziehungen können sie oft nur schwer selber gestalten. In der Regel fehlen ihnen Fertigkeiten wie Empathie, Selbstregulation, Stressregulation und Selbstbewusstsein, die sie frühkindlich nicht erfahren konnten. Ein sicheres Bindungsverhalten konnten sie meist nicht aufbauen. Bei vielen der Kinder und Jugendlichen wurde eine Bindungsstörung diagnostiziert.

Die Überlebensmuster der Kinder können sehr hartnäckig sein und das Zusammenleben in den Lebensgemeinschaften in Frage stellen. Oftmals begegnen sich so sehr „fremde Welten“ in einer Lebensgemeinschaft. Die Fachkräfte sehen sich immer wieder mit der Aufgabe konfrontiert, Kinder mit ganz anderen Wertvorstellungen in ihre Lebensgemeinschaft aufzunehmen und zu begleiten.

Das Zusammenleben in Lebensgemeinschaften vom P.E.B.e.V. mit den aufgenommenen Kindern und Jugendlichen klappt in der Regel gut trotz und mit den unterschiedlichen Erwartungen und Anforderungen, die an sie gestellt werden. Viele Kinder und Jugendliche leben schon viele Jahre in „ihren Lebensgemeinschaften“ und nehmen einen guten Weg.

Unterschiedliche Wahrnehmung der familienanalogen Lebensgemeinschaften

Es gibt nur wenig allgemeingesellschaftliches Wissen über professionelle, familienanaloge Lebensgemeinschaften.

Pflegefamilien kennen viele. Die Formen der familienanalogen Lebensgemeinschaften sind nicht so bekannt und diese Form der Jugendhilfe ist auch nicht in allen Bundesländern vertreten.

Das Umfeld betrachtet sie häufig als normale Familie oder als Pflegefamilie. Als ein Bestandteil der Heimerziehung werden sie vom normalen Lebensumfeld nicht erkannt. Entsprechend wird oft nicht wahrgenommen, dass dies eine besondere und qualifizierte Form des Zusammenlebens ist, in der fachlich versierte Pädagog*innen untergebrachten Kindern und Jugendlichen, die oft einen großen Rucksack mitbringen, ein Zuhause auf Zeit oder auf Dauer geben.

Die Lebensgemeinschaften wohnen in einem Einfamilienhaus oder einer Wohnung in einem normalen Wohnumfeld; die Kinder besuchen die Kindergärten oder Schulen der Umgebung und verbringen ihre Freizeit bei Vereinen. Vieles entspricht dem Leben von ´normalen Familien´. Die aufgenommenen Kinder und Jugendlichen selber betrachten ´ihre LG´ häufig als ihre ´Familie´. Auch die Herkunftsfamilien betrachten die Lebensgemeinschaft oftmals eher als ´Familie` denn als eine stationäre Einrichtung der Hilfe zur Erziehung.

Werden sie einerseits „nur“ als „Familie“ betrachtet und wird die Fachlichkeit der Fachkräfte nicht immer angemessen wahrgenommen, so werden andererseits immer wieder an die LGs Ansprüche gestellt, die diese Form der Unterbringung überfordern kann.

Besonders vom Helfersystem und von den Aufsichtsbehörden werden die Lebensgemeinschaften maßgeblich als Institution, als Heimeinrichtung wahrgenommen. Dieser Auffassung entsprechend soll ein professionelles Bindungsangebot gestaltet werden. Wie konkret bindungsrelevantes Verhalten gelebt werden soll, darüber gehen die fachlichen Ansichten auseinander. Mutter- oder Vatersein sollen als „Berufsrolle“ ausgefüllt werden. Ob die Kinder „Mama und Papa“ sagen dürfen, dazu gibt es sehr unterschiedliche Haltungen. Aufgenommene Kinder sollen gleich behandelt werden mit den leiblichen Kindern oder auch nicht. Jeder Teil des Helfersystems argumentiert aus seinem Blickwinkel heraus mit seinen Zielrichtungen. Oft fehlt der Blick, dass die familienanalogen Lebensgemeinschaften zwar in den Bereich der Heimerziehung fallen, jedoch auch ein familiäres und besonders zu schützendes Zusammenleben gestalten. Sie verfügen nicht über die Möglichkeiten einer Heimgruppe mit Schichtdienst, aber dafür sichern sie die Kontinuität der Bezugspersonen und des Umfeldes für die Kinder und Jugendlichen. Die Fachkräfte können ihren „Dienst“ nicht an andere übergeben und Entlastung durch die wechselnde Betreuung erfahren. Sie können nicht nach Hause gehen und sich dort von der Tätigkeit mit den Kindern und Jugendlichen erholen. Wenn im Haushalt etwas zerstört wird, sind es in der Regel ihre persönlichen Möbel.

Die Fachkräfte verfügen über viel Erfahrung im Bereich der Jugendhilfe und eine hohe fachliche Qualifikation. Sie wurden auf ihre Tätigkeit intensiv vorbereitet. In der Regel leben sie schon viele Jahre mit den Kindern und Jugendlichen zusammen und kennen „ihre“ Kinder, die entsprechenden Besonderheiten und Lebensumstände sehr genau. Dem Spagat zwischen ihrem Angebot als Lebensgemeinschaft, Familie und Heimeinrichtung begegnen sie fachlich versiert. Und trotzdem kann es immer wieder eine Herausforderung sein, den unterschiedlichen Erwartungen gerecht zu werden.

Familienanaloge Lebensgemeinschaften sind „öffentliche Familien“ mit innewohnenden Fachkräften – eine besondere und wertvolle Form der öffentlichen Erziehung.

Genau in diesem Spannungsfeld zwischen „Familie“ und „Heimeinrichtung“ bewegen sich die familienanalogen Lebensgemeinschaften und das ist ihre besondere Qualität.

Was ist das Besondere an den familienanalogen Lebensgemeinschaften?

Betrachtet man die bisher umrissenen Lebens- und Arbeitsbedingungen von den Lebensgemeinschaften, so wird schon jetzt deutlich, dass die Fachkräfte, ihre Partner und, wenn vorhanden, die leiblichen Kinder und die aufgenommenen Kinder und Jugendlichen eine besondere Lebenssituation leben.

In den familienanalogen Lebensgemeinschaften wird, ähnlich wie in „normalen Familien“, den Kindern und Jugendlichen Versorgung, Gesundheitsfürsorge, Beziehung, Bindung, Kontinuität, und ggf. Begleitung über Jahre angeboten. Unterstützt und abgesichert werden sie in ihrer wertvollen Tätigkeit durch den Träger.

Die Fachkräfte verfügen über Wissen zu Themen wie Vernachlässigung, Bindungsverhalten, Traumatisierung und die Zusammenarbeit mit den Herkunftsfamilie und sie verfügen über ein Handwerkszeug für den Umgang mit diesen Themen. Überlebensstrategien der Kinder und Jugendlichen können sie erkennen, meist ohne dass sie sich von den oft so befremdlichen Verhaltensweisen, wie z.B. permanente Diebstähle „persönlich kränken“ lassen. So können sie dem besonderen Bedarf der Kinder und Jugendlichen fachlich begegnen und sie oft über viele Jahre begleiten.

Eine bindungsorientierte Gestaltung des Zusammenlebens

Ein Großteil der Kinder und Jugendlichen, die in Lebensgemeinschaften aufgenommen werden, kommen mit der Diagnose von einer Bindungsstörung oder diese Diagnose wird im Verlauf des Aufenthaltes gestellt.

Bindungsstörungen beeinflussen das Leben der Kinder und Jugendlichen und das Zusammenleben mit ihnen hartnäckig und langfristig.

Bindungsstörungen, die sich im Zusammenleben mit den ersten Bezugspersonen der Kinder und Jugendlichen entwickeln, können sich eigentlich nur im kontinuierlichen Zusammenleben mit Menschen, die wichtig für sie werden und ihnen andere Bindungsqualitäten anbieten, verändern.

Prof. Dr. med. Karl Heinz Brisch, der viel zu dem Thema Bindungsverhalten geforscht und publiziert hat, formuliert in verschiedenen Vorträgen, was Menschen benötigen, die mit Kindern und Jugendlichen zusammen leben, die nicht über gute Bindungserfahrungen verfügen. So beschreibt er im Zusammenhang mit einem Vortrag zum Thema „Bindungen und Bindungsstörungen- Hilfen für bindungsgestörte Kinder – Anforderungen an Jugendhilfe und Pflegeeltern“ 2008 folgendermaßen die persönlichen und strukturellen Voraussetzungen bei den Pflegepersonen für Bindungsaufbau mit bindungsgestörten Kindern. Diese von ihm benannten Voraussetzungen können auf die Lebensgemeinschaften übertragen werden.

Voraussetzungen für Bindungsaufbau mit bindungsgestörten Kindern:

  • Äußere und innere Sicherheit für Pflegepersonen
  • Pädagogisch-therapeutische Ausbildung
  • Selbsterfahrung, Selbsterfahrung, Selbsterfahrung
  • Anstellungsvertrag
  • Ausreichend Gehalt
  • Sichere Räume
  • Wenige Kinder
  • Team
  • Supervision für Team und Einzelfall
  • Ressourcen, Ressourcen, Ressourcen
  • Gesellschaftliche Anerkennung

(Karl Heinz Birsch PPP 2008; Bindungen und Bindungsstörungen Hilfen für bindungsgestörte Kinder – Anforderungen an Jugendhilfe und Pflegeeltern).

Bei einer Betrachtung dieser Anforderungen, die Prof. Dr. med. Brisch schon vor vielen Jahren formuliert hat, lässt sich im Hinblick auf die familienorientierten Lebensgemeinschaften feststellen, dass bei dem Träger P.E.B.e.V. in der Regel die oben benannten Voraussetzungen erfüllt werden. Somit gibt es eine weitgehende Sicherheit für die Fachkräfte, die mit dieser Grundlage den Kindern ein sicheres Bindungsangebot zur Verfügung stellen können.

Die Lebensgemeinschaften sind vergleichbar mit Pflegefamilien ein „Familiensetting“ und bilden für die Kinder und Jugendlichen kleine, übersichtliche Lebenszusammenhänge mit konstanten Bezugspersonen in einem normalen Wohnumfeld. Die Konstanz der Bezugspersonen ermöglichen den Kindern Bindung zu erfahren.

Im Unterschied zu den Pflegefamilien sind die Fachkräfte abgesichert durch die Dienst- und Fachaufsicht des Trägers.

In den Lebensgemeinschaften leben Fachkräfte, die eine pädagogische Ausbildung absolviert haben. Schon in der Vorbereitung werden die Fachkräfte z.B. zum Thema Bindungsverhalten geschult. Durch den Träger werden immer wieder Fortbildungen zum Bindungsverhalten und zu unterschiedlichen pädagogischen Themen angeboten.

Mithilfe der pädagogischen Fachberatung und der Supervision werden die Pädagog*innen beraten, begleitet und unterstützt. Im Rahmen der Fachberatung und der Supervision gibt es die Möglichkeiten der Selbstreflektion und Selbsterfahrung. Weitergehende Selbsterfahrung in anderen Kontexten wird vom Träger grundsätzlich befürwortet und gefördert. Diese Möglichkeiten der Selbstreflektion ermöglichen es den Fachkräften auf unterschiedlichen Ebenen das eigene Bindungsverhalten zu reflektieren und den Kindern und Jugendlichen ein auf ihren Bedarf zugeschnittenes Bindungsangebot zur Verfügung zu stellen.

Die Teilnahme an Supervision und Weiterbildung gehören zu den Standards des Trägers. Es gibt eine Rufbereitschaft, die außerhalb der Geschäftszeiten ansprechbar und unterstützend tätig ist. Im Krisenfall ist die Ansprechbarkeit durch den Träger gegeben. Diese Absicherung im Hintergrund führt dazu, dass die Fachkräfte im Krisenfall nicht alleine dastehen.

Die Erfahrung zeigt, dass, wenn Fachkräfte durch den Träger an verschiedensten Stellen Sicherheit, Unterstützung und Anerkennung erfahren, sie den Kindern und Jugendlichen angemessen und hilfreich ein gutes Bindungsangebot zu Verfügung stellen können.

Die Fachkräfte werden durch ein Gehalt und Alterssicherung abgesichert. Sie leben mit nur wenigen Kindern zusammen. Aufgrund der geringen Anzahl der aufgenommenen Kinder und Jugendlichen wird eine weitgehende emotionale Verfügbarkeit der Fachkräfte ermöglicht. Die Kinder und Jugendlichen können sich in einem gesicherten Umfeld bewegen.

Durch den Träger wird u.a. mit einem Entlastungskonzept auf einen Erhalt der Ressourcen der Fachkräfte und der Lebensgemeinschaften geachtet. In besonderen Belastungssituationen wird gemeinsam nach Lösungen gesucht.

Aufgrund der Verbindung von dem familienorientierten Setting und der Fachlichkeit der Pädagog*innen und der Absicherung und Begleitung durch den Träger sind die Lebensgemeinschaften eine wichtige und sehr gute Möglichkeit, Kindern und Jugendlichen ein heilsames Lebensumfeld zu ermöglichen.

Würden die sozialpädagogischen Lebensgemeinschaften aufgrund der Neuformulierung des Einrichtungsbegriffes im Rahmen der SGB VIII- Reform aus dem Betriebserlaubnisverfahren durch die Landesjugendämter herausfallen, so würde ein ganz wesentlicher Bereich der Heimerziehung wegfallen, der für so viele aufgenommene Kinder und Jugendliche hilfreich ist. Gerade die Absicherung und Unterstützung der wertvollen pädagogischen Tätigkeit der Lebensgemeinschaften durch den Träger ermöglicht es, Kinder und Jugendliche, die hohe Belastungen mit sich bringen, angemessen zu begleiten. Mithilfe der Trägerschaft kann eine innere und äußere, strukturelle Sicherheit für die Fachkräfte gewährleistet werden. Diese Sicherheit bildet die Grundlage dafür, den oft erheblichen Anforderungen der aufgenommenen Kinder und Jugendlichen in den Lebensgemeinschaften gerecht zu werden.

Der Erfolg des Konzepts der familienanalogen Lebensgemeinschaften lässt sich daran ablesen, dass viele Kinder und Jugendliche mit vielen Belastungsfaktoren über lange Jahre in den familienorientierten Lebensgemeinschaften leben und einen guten Weg nehmen und auch nach ihrem Auszug in Kontakt bleiben.

Autorin:
  • Claudia Vannahme (Pädagogische Leitung P.E.B. e.V.) in Zusammenarbeit mit dem Team des P.E.B. e.V.
  • Frau Vannahme ist von der Ausbildung her Diplom Pädagogin. Als systemische Familientherapeutin, Supervisorin (SG) und Trauma Pädagogin ist sie seit vielen Jahren sowohl angestellt wie auch freiberuflich im Bereich der erzieherischen Hilfen tätig.
  • Seit 2014 ist Frau Vannahme im Team des P.E.B. e.V. in Bornheim tätig als eine von drei pädagogischen Leitungen. Der P.E.B. e.V. (ehemals Kinderhausberatung e.V.) wurde 1978 als Beratungsstelle für Kinderhäuser (selbstständige Kleinstheime) gegründet.
  • Seit 1998 ist der P.E.B. e.V. Träger für zunächst Fachfamilien mit einem Betreuungsvertrag und dann für familienanaloge Lebensgemeinschaften entsprechend dem §34 SGB VIII mit einem Arbeitsvertrag. Als Träger verfügt der P.E.B. e.V. über viel Erfahrung in der Zusammenarbeit mit kleinen, professionellen, familienanalogen Systemen.

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