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29.06.2016
Erfahrungsbericht

Fünf Monate mit Mohammed (Namen geändert)

Erfahrungsbericht einer Pflegemutter, die einige Monate - bis zu seiner Volljährigkeit - einen jungen Flüchtling in ihre Familie aufgenommen hatte.

Bevor ich von unserer Zeit mit Mohammed berichte, möchte ich unsere Familie kurz vorstellen:

Mein Mann und ich sind 65 Jahre alt, schon ewig verheiratet und haben drei leibliche Kinder, die schon über 35 Jahre alt sind, verheiratet, berufstätig und Eltern sehr drolliger Kinder. Wir haben drei Pflegekinder, unser älterer Pflegesohn wird 32 und hat einen Beruf, der ihm viel Bestätigung gibt. Unsere Pflegetochter ist 31, auch berufstätig und hat eine kleine Tochter, über die wir engen Kontakt zu ihr halten. Unser „Nesthäkchen“ ist 20, türkischer Abstammung, lebt noch bei uns, beendet bald seine Ausbildung und hat schon einen Arbeitsvertrag. Mein Mann ist Arzt und seit Anfang des Jahres im Ruhestand. Ich engagiere mich seit vielen Jahren in unserem lokalen Verein für Pflege-und Adoptivfamilien.

Es geht uns also rundherum ganz gut. So lag es nahe, dass wir aufhorchten, als unsere Stadt im Sommer 2015 vor dem Problem stand, minderjährige unbegleitete Flüchtlinge unterbringen zu müssen. Es ging um männliche Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren. Die Heime und die Bereitschaftspflegefamilien waren voll, Plätze mussten für Neuankömmlinge geräumt werden, so lag es nahe, Pflegefamilien anzusprechen.

Es gab mehrere Info-Veranstaltungen, wo die Heimleiter und Bereitschaftepflegeeltern von ihren ersten Erfahrungen berichteten. Die waren sehr vielfältig: alle berichteten von Heimweh, von Kulturschocks, manche hatten sehr anpassungsbereite Jugendliche im Haus, andere klagten über unverschämtes, forderndes Verhalten, Verständigungsprobleme auf Grund fehlender Deutschkenntnisse, nicht genügend Dolmetscher, mangelnde Schulbildung, und wenig Bereitschaft, sich von den Frauen, die sich um sie überwiegend kümmerten, etwas sagen zu lassen, um nur die wichtigsten Probleme zu nennen.

Wir sollten einen 15jährigen afghanischen Jungen aufnehmen, der schon einige Zeit in einem städtischen Kinderheim gelebt hatte und in der Stadt zur Schule ging. Man erhoffte sich, dass wir ihn durch die Schule begleiten und gut fördern würden. Bei einem Besuch bei uns mit Heimleiter, Amtsvormündin und Dolmetscherin war er freundlich, erkundigte sich nach den „Hausregeln“, fragte, ob er für uns kochen dürfe, alles sehr nett. Dann warteten wir vergeblich darauf, dass er bei uns einzog, bis nach einigen Wochen der Heimleiter uns mitteilte, dass der junge Mann nicht bereit sei, in einer Familie zu leben, er wolle bei seinen Freunden im Heim bleiben. Er habe dem Umzug nur zugestimmt, weil ein Nein unhöflich gewesen wäre.- Wieder was dazugelernt.

Mitte Oktober zog dann Mohammed aus Syrien bei uns ein, er kam direkt aus einer Bereitschaftspflegefamilie, die den Platz neu besetzen musste. Mohammed wurde offiziell schon am 1.1.2016 volljährig (eigentlich war es es schon seit August, aber im Pass stand das offizielle Datum.) Allen Beteiligten war klar, dass wir in den wenigen Monaten, die er bei uns bleiben sollte, nicht übermäßig viel erreichen konnten, aber wir wollten die Zeit nutzen, um asylrechtliche Formalitäten zu erledigen, eine Ausbildungsperspektive zu öffnen und vor allem Deutsch zu lernen.

Mohammed ist ein hübscher großer junger Mann, sehr freundlich und höflich, Frauen gegenüber sehr ritterlich, charmant, wenn er angesagte Klamotten brauchte. Weil er in dem Punkt nicht unverschämt war, habe ich schmunzelnd nachgegeben.

Er bestand nicht darauf, dass ich für ihn extra Speisen zubereitete, z.B. Fleisch von geschächteten Tieren, wir haben nur auf Schweinefleisch verzichtet. Er bat um einen Krug mit Wasser, der neben dem WC stehen musste, denn Toilettenpapier zu benutzen, fand er eklig. So war unser WC öfter mal pitschnass, wenn Mohammed morgens das Haus verließ, was ich aber gut aushalten konnte.

Erstaunlich anpassungsfähig zeigte sich Mohammed im Umgang mit den Hunden der Familie. Uns wurde vorher gesagt, dass Menschen aus dem vorderen Orient keine Hunde im Haus dulden, sie gelten als schmutzig, unser afghanischer Anwärter zeigte diese Abneigung deutlich. Mohammed bat nur darum, dass sein Zimmer hundefrei bleiben sollte. Er zeigte sich sehr mutig gegenüber dem Hund unseres jüngeren Sohnes, der jedem fremden Mann erst mal drohend begegnet. Die Hündin unseres älteren Sohnes, der bei uns im Haus wohnt, ist meist in unserem Teil des Hauses und sieht aus wie ein riesiges Schaf. Sie wurde von Mohammed oft verstohlen gekrault. Als sie einen seiner Freunde begeistert begrüßte, machte der einen Zwei-Meter-Satz rückwärts. Da habe ich Mohammed zum ersten Mal laut und herzlich lachen gehört.

Mit dem Deutschlernen klappte es leider nicht annähernd so, wie wir es beim Kennenlernen abgesprochen hatten. Mohammed drückte sich so oft er konnte vor den geplanten Übungseinheiten und es kam mir unangebracht vor, einen jungen Erwachsenen zu maßregeln. Bei Gesprächen mit seinen Lehrern, (er besucht eine berufsbildende Schule, Fachrichtung Holz, mit erhöhtem Anteil an Deutschunterricht) zu denen ich ihn öfter begleitete, gelobte er Besserung, war dann aber schnell wieder unterwegs zu seinen Freunden, mit denen er naturgemäß arabisch sprach. Es ergaben sich leider wenig Gelegenheiten, mit gleichaltrigen Deutschen zu sprechen. Unser türkischer Pflegesohn stand dem „Neuen“ sehr ablehnend gegenüber, brachte in Diskussionen mit uns die krudesten rechtslastigen Sprüche, er war schlicht und einfach eifersüchtig. Mohammed äußerte den Wunsch, Kampfsport zu machen und er entschied sich für ein Kung-Fu-Studio, wo er herzlich aufgenommen wurde und von wo er anfangs euphorisch nach Hause kam. Doch nach wenigen Wochen bat er uns, in ein Fitness-Studio wechseln zu dürfen, wo viele seiner Freunde trainierten und wo es Anleitungen durch einen arabisch sprechenden Trainer gab.

Mohammed hielt sich leider nicht immer an Absprachen, kam zu spät oder gar nicht zum Abendessen, übernachtete bei Freunden oder bei der Familie seines Onkels, bei der er aber nicht wohnen konnte, weil die Famile schon zu groß war. Meist schickte er aber eine SMS. Wir konnten sogar verstehen, dass er die gemeinsamen Abendessen mied, denn seine Deutschkenntnisse und auch seine Englischkenntnisse waren immer noch so schlecht, dass die Unterhaltungen sehr mühsam waren. Er sprang sofort nach dem Essen auf, räumte sein Geschirr ab und ging in sein Zimmer. Mit mir allein ging es besser, weil wir uns aufeinander konzentrierten.

Häufig brachte Mohammed einen Freund mit zu uns, zum Abendessen und auch über Nacht. Dann gelangen uns oft interessante Unterhaltungen. Dabei habe ich aber auch beobachtet, dass ein älterer Freund, der im Nachbarort mit seinem Bruder lebte, großen Einfluss auf Mohammed hatte, er bestand darauf, die Gebetszeiten einzuhalten, halal zu essen. Er war mir ein wenig suspekt, aber ein interessanter Gesprächspartner für mich.

Uns ist klar geworden, dass Freunde für die jungen Männer existentiell wichtig sind, sie besänftigen das Heimweh, geben Halt und Verständnis. Als Mohammed im Januar die Nachricht erhielt, dass sein dreijähriger Neffe in Daraa gestorben war, weil das Krankenhaus nicht mehr ausreichend funktionierte, waren es natürlich eher seine Freunde als wir, die ihn trösten konnten. Anfang März erzählte er mir, dass die Eltern seines Kindheitsfreundes, der z.Zt. in Frankfurt lebt, bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen waren. Uns wurde immer deutlicher, dass diese Jugendlichen nicht unbedingt aus Bequemlichkeit sich für uns so frustrierend verhielten, sondern dass sie wohl noch nicht in der Verfassung waren, sich um Ausbildung und Integration zu bemühen. Sie waren vor den traumatischen Erfahrungen in ihrer Heimat geflohen, hatten ihre Familien zurückgelassen oder verloren und brauchten Halt, Trost und auch Ablenkung. Dies berichten andere Pflegeeltern hier genauso. Mohammed würde auch sofort nach Syrien zurückkehren, wenn das Land sich wieder stabilisieren würde.

Mohammed fühlt sich für seinen wohl besten Freund hier vor Ort sehr verantwortlich, Abdul ist deutlich stärker traumatisiert als Mohammed, lebte in einer eigenen Wohnung, betreut von einer Sozialarbeiterin eines freien Trägers und war ständig mit Mohammed zusammen. Er wurde Ende Januar volljährig und hätte dann die Wohnung verlassen müssen.

Mohammed hatte mich schon bald nach seinem Einzug bei uns gebeten, eine Wohnung für ihn zu suchen, aber noch wichtiger war ihm, dass Abdul dort auch einziehen konnte und nicht in eine Sammelunterkunft zurück musste.

Als Mohammed 18 wurde, verlängerte das Jugendamt die Hilfe noch bis Ende Februar, weil es in der kurzen Zeit bis zum Jahresende unmöglich war, alles Notwendige zu regeln. Mohammed hatte im November 2015 an einer Fragebogenaktion teilgenommen, in der es syrischen Flüchtlingen ermöglicht wurde, die Wartezeit für die Bearbeitung ihres Asylantrags zu verkürzen, indem sie auf die Anerkennung als politisch Verfolgte, also das sog. „große Asyl“ verzichteten, die sie sowieso nicht bekommen würden, und nur die Anerkennung als Flüchtlinge beantragten. Bei dieser Sitzung im Jugendamt musste ich feststellen, dass der Dolmetscher sich in Fragen des Asylrechts nicht wirklich auskannte. Mohammeds Betreuerin vom Pflegekinderdienst, seine Vormündin und ich konnten ihm viele Fragen beantworten, die er in den Sammelunterkünften ständig zu hören bekam, und er war sehr dankbar für die „Nachhilfestunde“. Mohammed bekam Ende Februar den Bescheid über seine Anerkennung und damit ein Aufenthaltsrecht für drei Jahre.

Das war der Zeitpunkt, an dem sich unsere Wege trennten, denn es war mir gelungen, auf dem extrem engen Wohnungsmarkt unserer Stadt mit einer etwas blauäugigen Suchanzeige in der Lokalzeitung eine hübsche, preiswerte Wohnung für Mohammed und Abdul zu finden, die ein sehr liebenswertes altes Ehepaar ihnen zur Verfügung stellte. „Man muss den jungen Leuten doch unter die Arme greifen“. Als es etwas Stress mit einer Mitbewohnerin des Hauses gab, den wir durch gegenseitige Erklärungen und Vermitteln entschärfen konnten, stellte sich der über 80jährige Vermieter eindeutig auf die Seite der jungen syrischen Mieter. Die Betreuung für beide wird noch eine Weile von der Sozialarbeiterin geleistet, die schon vorher für Abdul zuständig war. Sie hat mächtig zu kämpfen, damit Mohammed genug Geld zum Leben hat, weil nicht mehr das Sozialamt der Stadt für ihn zuständig ist, sondern mit der Anerkennung als Flüchtling eigentlich das Jobcenter, das aber aufs Bafögamt verweist, das wiederum..... Da müssen noch viele Dinge geklärt und erkämpft werden.

Mohammed hat aber fürs nächste Schuljahr einen sicheren Schulplatz zur Erreichung des Hauptschulabschlusses, den er formal in Syrien schon erreicht hatte, was er aber nicht belegen kann und was ihm wegen seiner Sprachprobleme jetzt auch nichts nützt. In den Jahren seit Ausbruch des Bürgerkrieges in Syrien konnte er auch nur gelegentlich zur Schule gehen.

Wir entlassen die beiden jetzt in die Selbstständigkeit, halten aber den Kontakt aufrecht, haben z.B. die Wohnung zusammen eingerichtet und freuen uns darüber, dass sie sich dort so wohl fühlen. Richtig glücklich waren sie, als sie jeder ein breites Bett bekamen, das war extrem wichtig. Wir sind nicht beleidigt, dass sie sich so erlöst fühlen in ihrer eigenen Wohnung, Wir haben verstanden, dass das Leben in einer Familie, die nicht die so vermisste eigene Familie ist, nicht die geeignete Lebensform für diese jungen Männer ist. Wir müssen andere Betreuungsformen für sie finden. Dabei kam es uns und Mohammed sehr entgegen, dass die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt in Gestalt des Pflegekinderdienstes und der Amtsvormündin, dem Sozialamt und der Ausländerbehörde so gut funkioniert hat und dass auch die Lehrer und Sozialarbeiter der Schule sehr engagiert sind.

Beim Schreiben dieses Berichts ist mir nochmal deutlich geworden, wie vielschichtig und wenig eindeutig unsere Gefühle und Erfahrungen in diesen gemeinsamen Monaten waren. Wir waren häufig genervt und frustriert, es war anstrengend, aber sicher nicht nur für uns, sondern mindestens genauso für Mohammed. Aber wir haben auch vieles geregelt und auf den Weg gebracht und unglaublich viel gelernt.