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Pflegefamilien für behinderte Kinder „Die innere Einstellung muss stimmen!“

Projekt „Familie leben“ von Bethel. Die Pflegefamilien, die wir suchen, müssen vor allem Freude am Leben und an der Arbeit mit Kindern mitbringen“, umreißt Albrecht Schönborn die Voraussetzungen, um an „Familie leben“ teilzunehmen.

"Es wird wohl noch etwas dauern, bis Lea* mit dem Spielzeug ihrer Geschwister auf dem Rasen im Garten etwas anfangen kann. Auch den Tomaten in dem kleinen Gewächshaus der Familie Kinas bleibt noch genug Zeit zum Reifen, bis das Mädchen sie verputzen kann. Lea ist schließlich erst fünf Monate alt. Gut angekommen ist sie in ihrer neuen Pflegefamilie aber trotzdem.

Dass Lea jetzt ein Zuhause hat, verdankt sie ihren neuen Pflegeeltern – und dem „Heilpädagogischen Pflegekinderdienst“. Seit anderthalb Jahren wird das Projekt „Familie leben“ an drei Bethel-Standorten vorbereitet, jetzt sind die ersten praktischen Umsetzungen gelungen. Die Idee des „Heilpädagogischen Pflegekinderdiensts“: Auch Kinder mit schweren Behinderungen oder chronischen Erkrankungen sollen die Möglichkeit erhalten, in der Geborgenheit einer Pflegefamilie aufzuwachsen.

Als erstes Kind konnte Lea Mitte Dezember 2012 an eine Familie vermittelt werden. Das Mädchen hatte einen schweren Start ins Leben. Sie kam zu früh auf die Welt und wog bei der Geburt nur 1.600 Gramm. Von den leiblichen Eltern weiß man wenig. Die Mutter ist wieder abgetaucht in die Drogenszene, der Vater ist nicht bekannt. Zwei Monate nach der Entbindung konnte Lea aus dem Krankenhaus entlassen werden. Das zuständige Jugendamt in Niedersachsen suchte händeringend eine zunächst zeitlich befristete „Schutzstelle“ – es musste ganz schnell eine Lösung gefunden werden.

Ein Blick zurück: Wegweisend für die Akteure in Bethel war ein Angebot der Diakonie Düsseldorf, die bereits seit 2006 ein Projekt mit heilpädagogischen Pflegefamilien betreibt. Schon 180 Kinder mit Behinderung wurden erfolgreich an geeignete Pflegefamilien vermittelt. Dank einer Kooperationsvereinbarung konnten Bethel-Mitarbeitende von der Pionierarbeit profitieren: In Schulungen gaben die rheinländischen Kollegen ihr Wissen und ihre Erfahrungen an sie weiter. Zehn Personen wurden zu Fachberatern geschult, drei sind aktuell im Einsatz. „Wir haben den Kreis der geschulten Personen bewusst vergrößert. Jetzt ist ein Ausbau des Fachdienstes jederzeit möglich, weil die Qualifizierung im Unternehmen vorhanden ist“, sagt Regionalleiter Detlef Vincke, der in Bethel bei dem Projekt federführend ist. Anne Kordbarlag ist für den Bereich Ostwestfalen-Lippe zuständig, Albrecht Schönborn für Berlin-Brandenburg, und Michael Schindler ist im Bereich von Bethel im Norden im Einsatz.

Ein Glück für Lea – und auch ein Glück für Alexander und Tatjana Kinas. Das Ehepaar aus Schloß Neuhaus in Ostwestfalen war vom Jugendamt als Pflegefamilie zugelassen und hatte gerade das obligatorische Vorbereitungsseminar in Bassum besucht, als für Lea eine Schutzstelle gesucht wurde. Tatjana Kinas brachte als Kinderärztin ausgezeichnetes medizinisches Knowhow mit. Ausreichend Platz für ein weiteres Kind war in dem Einfamilienhaus auch vorhanden – obwohl das aus Kasachstan stammende Ehepaar bereits vier leibliche Kinder hat. „Wir kommen beide aus großen Familien, meine Frau und ich haben beide vier Geschwister.“ Jetzt gibt es in dem Einfamilienhaus in Schloß Neuhaus sogar fünf Kinder. Die Geschwister haben Lea gut angenommen: „Unser Jüngster ist richtig stolz, jetzt nicht mehr der Kleinste zu sein.“

Die Anfragen an den Heilpädagogischen Pflegekinderdienst kommen über die Jugendämter; der Fachdienst versucht, geeignete Pflegeeltern zu finden. Und das ist nicht leicht: „Jedes Kind benötigt ein stabiles Umfeld, und natürlich ist ein geeignetes Raumangebot nötig“, fasst Detlef Vincke die grundsätzlichen Voraussetzungen zusammen. Familien mit leiblichen Kindern, kinderlose Paare, Alleinerziehende und Einzelpersonen können Pflegeeltern werden. „Die innere Einstellung muss stimmen. Man muss es für das Kind tun, nicht für sich“, betont Detlef Vincke. „Das ist sonst ungesund für alle Beteiligten.“ Eine so hohe fachliche Qualifikation wie die von Frau Kinas sei allerdings keine zwingende Voraussetzung, um ein behindertes Pflegekind gut versorgen zu können. „Jedes Kind profitiert von einer festen Bindung zu einer klaren Bezugsperson“, weiß der Bethel-Mitarbeiter. Wichtig sei, dass sich alle in der neuen Familie, auch die Geschwister, darauf einlassen könnten.

Der Betheler Fachdienst unterstützt die Familien intensiv und dauerhaft, auch in akuten Krisen oder Notfällen. Dafür gibt es eine Rund-um-die-Uhr-Rufbereitschaft an 365 Tagen im Jahr. Außerdem helfen die Mitarbeitenden den Eltern bei der Organisation von regelmäßigen kinderfreien Zeiten als Erholungspausen. Die Projektphase ist im Spätsommer abgeschlossen. Dann folgt die Verstetigung in regionaler Aufteilung. „Aber natürlich werden wir die existierenden Pflegefamilien genauso weiter begleiten wie bisher“, versichert Detlef Vincke.

Bevor es zu einer Vermittlung kommt, prüfen die Fachberater aus Bethel gemeinsam mit den jeweils zuständigen Jugendämtern die Bewerber. Vorzulegen sind ein erweitertes Führungszeugnis, eine Schufa-Auskunft und Gesundheitszeugnisse. Das letzte Wort hat das Amt. Die Pflegefamilien werden finanziell unterstützt und erhalten Betreuungsgeld, Pflegegeld sowie zusätzliche Betreuungsleistungen.

Die Idee, ein Pflegekind aufzunehmen, kam dem Ehepaar Kinas bei einer Bibelmission in der Ukraine: „Wir haben dort Kinderheime besucht, und ich habe die Kinder dort gesehen. Sie verlangten nach Liebe und einem Zuhause“, sagt Alexander Kinas. Er ist überzeugt: „Gerade kranke und behinderte Kinder brauchen Geborgenheit und Zuwendung.“ Vor Kurzem erhielt die Familie eine gute Nachricht: Lea darf unbefristet bei ihnen bleiben.

Das fünfmonatige Mädchen wiegt inzwischen 3.500 Gramm. Es gibt Anzeichen für eine Epilepsie, aber dank einer guten medikamentösen Einstellung ist Lea momentan anfallsfrei. Allerdings bestehen weitere hirnorganische und motorische Auffälligkeiten, die jetzt therapeutisch behandelt werden. Regelmäßig werden EEG-Untersuchungen gemacht, zudem müssen bei Lea auch zu Hause Atmung, Sauerstoffsättigung und Herzschlag überwacht werden. „Der Alarm geht bis zu zwanzig Mal pro Nacht“, sagt Alexander Kinas und streichelt Lea liebevoll über den Kopf. „Unsere Kleine vergisst leider manchmal zu atmen.“ Trotzdem ist der 44-Jährige voller Zuversicht: „Mit Gottes Hilfe werden wir es schaffen.“

„Jedes Kind hat ein Recht auf ein Familienleben“, findet auch Regine Keita. Die 48-Jährige nimmt ebenfalls an dem Projekt „Familie leben“ teil. Momentan wartet sie, nach Prüfung durch das Jugendamt, auf die Vermittlung eines Pflegekindes. Es wäre nicht das erste für Regine Keita, sie kann bereits auf eine zehnjährige Erfahrung zurückblicken. Nach dem Ende ihrer ersten Pflegemutterschaft brauchte die alleinstehende Berlinerin eine Auszeit und kehrte zurück in ihren erlernten Beruf. Heute arbeitet sie als Altenpflegerin in einer gerontopsychiatrischen Wohngemeinschaft. Doch der Gedanke, noch einmal ein Pflegekind anzunehmen, meldete sich immer wieder.

„Dann habe ich die Anzeige von ‚Familie leben‘ in meiner Tageszeitung gesehen. Die hab ich ausgeschnitten und aufgehoben, drei Wochen lag sie hier“, erinnert sich Regine Keita und klopft auf den Wohnzimmertisch. Sie dachte viel nach, und schließlich war ihr klar: „Ich will wieder Verantwortung für ein Kind übernehmen.“ Mittlerweile hat Regina Keita das Bewerbungsverfahren erfolgreich absolviert. Jetzt wartet sie auf die Vermittlung eines Pflegekindes. „Allerdings“, betont Bethel-Mitarbeiter Albrecht Schönborn, „gibt es bis zum Abschluss eines Pflegevertrags keine Verbindlichkeit – beide Seiten können den Prozess jederzeit abbrechen.“

Regine Keita hat mit Albrecht Schönborn ausgiebig über ihre Vorstellungen gesprochen. Aufgrund ihrer Erfahrung kann sie gut einschätzen, was sie sich zutrauen kann. Eine geistige Behinderung wäre gar kein Problem, sagt sie, eine körperliche auch nicht, sofern eine grundsätzliche Mobilität gewährleistet sei. „Das wird sicher anstrengend, aber es gibt ja auch professionelle Unterstützung“, sagt sie. „Außerdem habe ich viele Freunde und Nachbarn, die helfen können. Das soziale Umfeld steht!“

„Die Pflegefamilien, die wir suchen, müssen vor allem Freude am Leben und an der Arbeit mit Kindern mitbringen“, umreißt Albrecht Schönborn die Voraussetzungen, um an „Familie leben“ teilzunehmen. Wichtig sei, dass die Eltern offen über ihre Probleme sprechen und das eigene Handeln reflektieren könnten. Ein weiterer Vorteil sei, wenn konkrete Vorstellungen geäußert würden: „Unser Ziel ist, dass es langfristig funktioniert. Deshalb hilft es uns, wenn wir möglichst viel wissen und berücksichtigen können.“ So hat auch Regine Keita einen Wunsch für ihr zukünftiges Pflegekind geäußert: „Ich fände es schön, wenn das Kind sehen könnte. Ich bin nämlich gerne unterwegs und will ihm die Welt zeigen.“ Ob die Chemie zwischen Pflegefamilie und Kind dann tatsächlich stimmt, zeigt eine mitunter mehrwöchige „Anbahnungsphase“. Doch bis es soweit ist, steht bei Regine Keita zuerst noch ein Umzug an: „Ich brauche auf jeden Fall ein weiteres Zimmer.“

AnsprechpartnerInnen:

  • Anne Kordbarlag, Bielefeld, Tel. 0521 1445552, anne.kordbarlag@bethel.de
  • Michael Schindler, Diepholz, Tel. 05441 9756834, michael.schindler@bethel.de
  • Albrecht Schönborn, Berlin, Tel. 030 46705231, a.schoenborn@lobetal.de

Weitere Informationen: www.pflegefamilien-bethel.de

Letzte Aktualisierung am: 
23.05.2013

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