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17.07.2013
Erfahrungsbericht

Mein Pflegekind wird volljährig – Bericht einer Pflegemutter

Erfahrungsbericht einer Pflegemutter über den Weg ihres Pflegesohnes Tim in die Volljährigkeit

Als Tim zu uns kam, damals war er 7 Jahre alt, merkten wir schnell, dass er anders ist. Wut und Tränen gab es nicht. Er war immer nett und immer freundlich, in vielen Dingen völlig unfähig und er hatte eine ganz eigene Sicht auf die Realitäten des Lebens.

Die Berichte aus der Herkunftsfamilie belegten körperliche und seelische Misshandlungen und da die Mutter dem Alkohol sehr zugetan war, war der Verdacht auf FAS nicht von der Hand zu weisen.

Wir hatten mehrere Termine beim SPZ und verschiedene Therapeuten führten Tests durch, die eigentlich alle dasselbe aussagten: er sei nicht altersgemäß entwickelt, hat wahrscheinlich eine Alkoholschädigung, aber er ist sehr freundlich. Für Tim waren diese Tests immer sehr anstrengend. Er war wie er war und daran konnte auch kein schriftliches Gutachten etwas ändern und so entschieden wir auf eine FAS-Diagnostik zu verzichten.

Tim besuchte die Grundschule und obwohl ihm das Lernen sehr schwer viel, ging er gerne hin. Am Ende der ersten Klasse, die er einmal wiederholt hatte, war deutlich zu sehen, dass er mit dem Unterrichtsstoff überfordert war. Besonders mit Zahlen hatte er große Probleme. Mit der ersten Mathearbeit kam er freudestrahlend nach Hause. Ich war verblüfft, denn alle Aufgaben waren falsch. Ich erklärte ihm dies, aber das war völlig egal, denn – so sagte er – er war der einzige mit ganz vielen „f“ und das machte ihn überglücklich.

Die Schule riet uns zu einer Überprüfung und einer anderen Schulform. Die für die Überprüfung zuständige Pädagogin stellte allerdings fest, dass Tim hoch intelligent sei und nur wir nicht in der Lage seien, ihn zu fördern. Er blieb weiterhin in der Grundschule. Es brauchte drei Jahre und drei Überprüfungen bis festgestellt wurde, dass er an einer Schule für Lernbehinderte besser aufgehoben wäre.

Nun kam er von der 3. Klasse der Grundschule in die 5. Klasse der Schule für Lernbehinderte.

Sein Sozialverhalten, das ja schon in der Grundschule für Probleme gesorgt hatte, war auch in der neuen Schule ein Problem. Er lächelte immer, jeder war sein Freund, er konnte nicht nein sagen, mischte sich überall ein und da er Freund und Feind nicht unterscheiden konnte, war er das perfekte Opfer.

Aber er ging gern zur Schule. Die Zensuren auf dem Zeugnis bewegten sich zwischen 2 und 3 und hatten mit der Realität nichts zu tun. So vergingen die Jahre. In der 8. Klasse schlug die Lehrerin vor, dass Tim die Schule wechseln sollte um den Hauptschulabschluss zu erreichen. Wir und auch der Vormund waren dagegen, vor allem weil sein Verhältnis zu Zahlen nach wie vor unverändert schlecht war. Allerdings wurde uns plötzlich mit einem Schlag bewusst, dass Tim ja in absehbarer Zeit die Schule beenden würde – und was wird dann? Da wir immer wieder die Erfahrung gemacht hatten, dass unsere Meinung (außer beim Jugendamt) nicht zählt, bemühten wir uns um einen Diagnostik-Termin bei Professor Spohr (FAS-Spezialist aus Berlin), um ein Gutachten erstellen zu lassen.

Das Gutachten war sehr eindeutig. Prof. Spohr diagnostizierte FAS – Fetales Alkoholsyndrom. Als Tim in der 9. Klasse war, begannen wir uns intensiv mit dem Thema Ausbildung zu beschäftigen. Tim hatte keine Vorstellung, was er werden möchte. Wir auch nicht.

Bei einem Hilfeplangespräch wurde über die Möglichkeit einer geschützten Werkstatt gesprochen. Auch das Thema ‚Verselbständigen‘ war von nun an immer Bestandteil der Hilfeplangespräche. Allen war klar, dass Tim aller Voraussicht nach nicht allein und ohne Betreuung leben könne.

Wir begannen zu überlegen, ob wir die rechtliche Betreuung für Tim übernehmen wollen. Wir haben natürlich auch immer wieder mit Tim darüber geredet, wie er sich das Erwachsensein denn vorstelle. Das es viele Dinge gibt, um die er sich dann als Erwachsener kümmern muss und dass es sicher besser ist, wenn er jemanden hat, der ihm dabei hilft.

Bei einer Informationsveranstaltung vom Arbeitsamt erfuhren wir, dass es für Schüler wie Tim die Möglichkeit einer theorieverminderten Ausbildung gibt. Auf welchem Gebiet seine Stärken liegen und für welchen Beruf er sich entscheiden würde ließe sich ja dann während des berufsvorbereitenden Jahres feststellen. Die Tatsache, dass er für das berufsvorbereitende Jahr zur Berufsschule gehen muss (die keinen guten Ruf hat) stürzte Tim in tiefe Verzweiflung.

Wir hatten ein Gespräch mit der Mitarbeiterin vom Arbeitsamt Abteilung Reha. Bei diesem Gespräch waren wir sehr ehrlich. Wir erklärten, dass sein Zeugnis nichts über seine realistischen Leistungen aussagt, dass wir eine Ausbildung für problematisch halten und das er nicht zur Berufsschule gehen will und kann. Wir sprachen über FAS und was dies bedeutet. Und dass er auf Grund seines Sozialverhaltens das perfekte Opfer ist und sich nicht wehren kann. Uns wurde erklärt, dass es die Möglichkeit einer Schulpflichtbefreiung gibt und das er das berufsvorbereitende Jahr dann nicht an der Berufsschule sondern bei einem Bildungsträger absolvieren kann.

Tim musste zur psychologischen Begutachtung beim Arbeitsamt. Auf die Frage des Psychologen, warum wir eine Schulpflichtbefreiung haben möchten, erklärten wir wieder, dass Tim aufgrund seines Sozialverhaltens nicht zur Berufsschule gehen kann. Dass er schon in der Schule ständig verprügelt wurde und sich nicht wehren kann, dass seine Leistungsfähigkeit sehr begrenzt ist und er mit Zahlen nichts am Hut hat, was eine Ausbildung ja sehr erschwert. Der Psychologe unterhielt sich kurz mit Tim und stand meinen Äußerungen doch sehr skeptisch gegenüber. Er würde ja verstehen, dass wir das Kind beschützen wollen, aber bei entsprechender Anleitung und Förderung sind Jugendliche sehr leistungsfähig und die Anforderungen bei einer Teilausbildung wären durch den reduzierten Theorieanteil ja nicht so hoch, meinte er.

Er würde mit Tim nun einige Tests machen und dann werden wir sehen. Nach den Tests kam das Auswertungsgespräch. Tim hatte uns stolz berichtet, dass er fast alle Fragen beantwortet hatte. Anschließend erklärte uns der Psychologe, dass für Tim derzeit keine Teilausbildung in Frage komme da er erhebliche Defizite habe. Außerdem erhielt Tim eine Schulpflichtbefreiung.

Die nächsten 11 Monate sollte er ein berufsvorbereitendes Jahr bei einem Bildungsträger absolvieren um festzustellen, ob er in der Lage ist eine Ausbildung, welcher Art auch immer, zu machen. Er sollte verschiedene Berufsfelder durchlaufen um zu erkennen, was ihm am besten gefallen würde. Das hörte sich sehr gut an, er musste nicht zur Berufsschule, war vom theoretischen Unterricht befreit und konnte verschiedene Berufsfelder ausprobieren.

Ich sprach vor Beginn der Maßnahme mit dem Bildungsträger darüber, dass Tim auf bestimmten Gebieten Schwierigkeiten habe und dass ich mir eine enge Zusammenarbeit wünsche. Die Realität sah dann anders aus. Er konnte wählen zwischen Holzverarbeitung und Hauswirtschaft. Tim entschied sich für die Hauswirtschaft. Die Tätigkeiten beschränkten sich in der Regel auf Tisch decken, abwaschen, Küche wischen, Zeitung lesen und spazieren gehen.

Nach 4 Monaten bekamen wir einen Zwischenbericht. Die Leistungen in Deutsch, Mathematik, Englisch, Geschichte.... alles war ungenügend. Einen Bericht über seine praktischen Leistungen bekamen wir nicht. Es wurde angeraten, dass er doch den Hauptschulabschluss machen solle. Die Tatsache, dass er eine Schulpflichtbefreiung hatte, spielte dabei keine Rolle.

Wir besprachen den Vorschlag mit Tim und seinem Vormund und kamen zu dem Ergebniss, dass er keinen Hauptschulabschluss machen solle, zumal seine Leistungen in allen Fächern ungenügend waren. Der Bildungsträger sah das natürlich anders und Tim wurde sehr deutlich darauf hingewiesen, dass diese Entscheidung nicht von uns zu fällen sei sondern von ihm. Ich erklärte daraufhin den Mitarbeitern des Bildungsträgers, was ich davon halten würde. Ab diesem Zeitpunkt erhielten wir keine Berichte mehr.

Einen Monat vor Beendigung der Maßnahme kam Tim nach Hause und erklärte uns, dass er sich freuen könne, denn er könne eine Ausbildung machen. Ich dachte an einen Scherz, aber dem Bildungsträger und dem Arbeitsamt war es sehr ernst mit folgendem Vorschlag: eine Ausbildung zum Hauswirtschaftshelfer, Dauer drei Jahre, Theorie an der Berufsschule und Prüfung vor der Landwirtschaftskammer.

Tim begann nun den Unterricht zu schwänzen und dachte sich extreme Lügengeschichten aus. Seine Logik war: wenn er da nicht mehr hingeht, schmeißen sie ihn raus. Dann braucht er keine Ausbildung mehr machen und muss auch nicht zur Berufsschule.

Wir sprachen mit dem Vormund. Der sprach mit dem Arbeitsamt. Dann wurden wir zu einem Gespräch ins Arbeitsamt gebeten. Die Mitarbeiterin erklärte, dass sie doch mit Tim gesprochen hatte und dass er den Vorschlag toll gefunden hat. Außerdem hatte der Bildungsträger festgestellt, dass die Leistungen für eine Ausbildung ausreichend sind. Und die Mitarbeiter dort seien schließlich Sozialpädagogen die können das wohl einschätzen könnten. Der Vormund und wir sahen das anders. Daraufhin gab es ein weiteres Gespräch mit der Mitarbeiterin des Arbeitsamtes, dem Psychologe des Arbeitsamtes, der Leiterin des Bildungsträgers, mit Tim, seinem Vormund und uns.

Die Mitarbeiterin des Arbeitsamtes konnte nicht nachvollziehen, warum wir uns gegen die Ausbildung aussprachen. Die Leiterin des Bildungsträgers war der Ansicht, dass Tim durchaus eine Ausbildung machen könne. Sie als Sozialpädagogin könne dies mit Sicherheit besser einschätzen als die Pflegeeltern. Tim sei immer pünktlich, sauber und ordentlich. Seine theoretischen Leistungen seien gut. Tim könne sehr gut lesen und sei immer sehr freundlich. Die anderen Teilnehmer der Maßnahme seien auch nicht besser und daher verstehe sie unsere Einwände nicht. Der Psychologe des Arbeitsamtes äußerte den Gedanken, das wir Tim so unselbständig erzogen haben, damit er länger bei uns bleiben könne, denn das sei ja schließlich auch eine finanzielle Frage.

Ich hatte große Mühe mich zurückzuhalten. Da ergriff dann der Vormund das Wort. Als erstes stellte er klar, dass auch im Jugendamt Sozialpädagogen arbeiteten und er selbst Diplom- Sozialpädagoge sei. Dann erläuterte er seine Meinung. Er hatte die Hilfepläne der letzten 10 Jahre dabei und erklärte, dass Tim seit 10 Jahren in unserer Familie lebt und dass wir beim Jugendamt als sehr kompetente und erfahrene Pflegeeltern bekannt sind. Dass keiner das Kind so gut kennt wie wir, das Tim mit FAS geboren wurde und sich daraus massive Probleme in verschiedenen Bereichen ergeben, wie ja auch das Gutachten von Professor Spohr aussagt. Ich stellte klar, dass das ganze nichts mit Geld zu tun hat. Hier ginge es mir um die Zukunft meines Kindes. Ich erklärte, dass Tims ständige Freundlichkeit eigentlich ein Problem ist und dass wir natürlich täglich dafür sorgen, dass er immer pünktlich und ordentlich erscheint. Ich erklärte, dass Tim Angst vor der Berufsschule und der Prüfung hat, deshalb schwänze er auch den Unterricht und dass er gern in eine geschützte Werkstatt gehen möchte. Außerdem sei es mein gutes Recht auch mal emotional zu reagieren.

Das Gespräch endete mit einem Kompromiss: das Berufsvorbereitungsjahr wird um drei Monate verlängert, Tim wechselt den Bildungsträger, der neue Bildungsträger nimmt eine neue Einschätzung vor.

Nach den 3 Monaten beginnt Tim dann entweder eine Ausbildung oder bekommt einen Platz in der geschützten Werkstatt.

Der neue Bildungsträger nahm seine Arbeit sehr ernst, Tim durchlief mehrere Bereiche und musste selbständig arbeiten. Es wurden Tests zu seinen schulischen Leistungen gemacht usw. Es wurde festgestellt, dass Tim nicht in der Lage ist eine Ausbildung zu machen.

Im Januar wurde Tim 18 Jahre alt.

Da er einen Antrag auf Hilfe für junge Volljährige gestellt hat und diese Hilfe für ein Jahr bewilligt wurde, haben wir genügend Zeit ihn und uns auf seinen Auszug vorzubereiten. Wir haben uns, auch im Interesse des familiären Friedens, entschieden, nicht die Betreuung für Tim zu übernehmen. Das macht eine Betreuerin die über das Gericht bestellt wurde. Seit 14 Tagen fährt er jeden Tag in die Werkstatt und es gefällt ihm. Manchmal fragen wir uns natürlich ob wir die richtigen Entscheidungen getroffen haben, Müssten nicht wir Betreuer für unser Kind sein, ist die Werkstadt wirklich das Richtige?

Letztens gab es bei uns zum Abendbrot Spiegelei. Tim sollte schon mal alles hinstellen. Er nahm 3 Eier aus dem Kühlschrank. Ich erklärte, dass wir 4 Personen sind und jeder 2 Eier bekommen solle. Tim rechnete aus, dass wir ja dann 6 Eier brauchen würden und holte zu den 3 Eiern, die er vorher aus dem Kühlschrank genommen hatte noch 2 hinzu.

In solchen Momenten sind wir uns sicher, dass es zum jetzigen Zeitpunkt die richtige Entscheidung war.

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