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15.08.2020
Fachartikel

Bedeutung der Pflegeelternvereine / Initiativen

Wie in allen Bereichen unserer Gesellschaft wird es auch in der Pflegekinderhilfe zunehmend schwieriger, Personen für den ehrenamtlichen Bereich in der Betroffenenhilfe zu finden. Pflegeeltern scheuen sich, in Organisationen tätig zu werden - auf örtlicher oder überörtlicher Ebene. Aber wie soll es zu guten Rahmenbedingungen in der Pflegekinderhilfe kommen, wenn die Betroffenen selbst - die Pflegeeltern - sich nicht äußern, sich nicht selbst helfen, nicht den Mund aufmachen, wenig Haltung zeigen, mutlos sind? Der Austausch in den sozialen Medien mag dem Einzelnen helfen - aber verändern, verbessern, das Pflegekinderwesen örtlich und politisch beeinflussen: das geht nur über öffentliches Tun.

Wie wichtig sind Vereine?

Liane Rosemund ist Mitglied des Vorstandes des Landesverbandes für Pflege- und Adoptiveltern im Lande Sachsen-Anhalt. 

Zum 01.08.2020 bekam der Landesverband für Pflege- und Adoptiveltern im Land Sachsen-Anhalt e.V. eine Geschäftsstelle mit einem/einer Geschäftsführer/in. Dafür hat es sich der Landesverband unter anderem zur Aufgabe gemacht, ein Sprachrohr und auch der Vermittler zwischen den Pflegeeltern und den örtlichen Jugendämtern im Land zu sein.

In jedem Landkreis sehen sich die Pflegeeltern vor anderen Herausforderungen gestellt. Hier wird angesetzt, um die Probleme zu definieren und mit den jeweiligen Behörden in eine Debatte zu treten und eine Konsensorientierung zu finden.

Diese Gesprächsbasis ist für ortsansässige Vereine weitaus einfacher zu finden, als für die Vertreter des Landesverbandes, die mit den regionalen Problemen nur durch Zutragen vertraut gemacht werden können. Der Unmut der Pflegeeltern im jeweiligen Landkreis steigt, aber ohne Kenntnis der Ursachen kann keine Lösung herbeigeführt werden. Um hier schnellere und unkompliziertere Hilfe zu bekommen, wendet man sich kurzerhand an seinen Verein. Dieser kann handeln und das Gespräch mit dem Landkreis und den Jugendbehörden suchen.

Er wird gehört!

Dieser Prozess ist nicht in kurzer Zeit erreichbar, jedoch lohnt sich der Aufwand und die Ausdauer.

Als gutes Beispiel sehe ich hier den Landkreis Harz. Hier befinden sich drei gut vernetzte Vereine der Pflege- und Adoptiveltern, die gemeinsam die Gespräche mit den Behörden suchen und auch Lösungen vorschlagen.

Sie werden gehört!

Das Jugendamt berät sich mehrmals im Jahr mit den Vorständen und Konflikte zwischen den Pflegeeltern und der Behörde werden an der Wurzel gepackt. Die Vereine werden gefragt und um ihre Mithilfe gebeten. Sie sind das Sprachrohr der Pflegeeltern.

Vereine können aber nicht nur Probleme lösen. Durch gemeinsame Aktivitäten erfahren die Kinder, dass sie mit ihrer besonderen Situation nicht allein sind. Gemeinsame Ausflüge, Feiern und andere Unternehmungen bilden den Grundstein für Vertrauen und Offenheit. Gemeinsame Stammtische dienen den Pflegeeltern zum Erfahrungsaustausch. Viele Fragen (Vormundschaft, Beihilfen, Hilfeplan usw.) können von erfahrenen Pflegeeltern an neue oder die, die es werden wollen, weitergegeben werden. Ein „Wie hast du das gemacht?“ stößt immer auf offene Ohren. Irgendjemand war schon in der gleichen Situation und kann mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Darum schließt euch zusammen, werdet Sprachrohr in eurer Region. Kein Außenstehender kennt eure Situation so gut wie ihr und kann so individuell argumentieren.

Wir unterstützen euch gern. Meldet euch, wir freuen uns.

Zusammenschlüsse/Initiativen der Pflegeeltern müssen nicht nur 'Vereine' sein

Henrike Hopp

Pflegeelterninitiativen haben unterschiedliche formelle Strukturen, die abhängig sind von der Aufgabe, die sich die Initiative stellt:

1. Austausch, gegenseitige Hilfe

– also mehr Hilfreiches von einer Pflegefamilie zur anderen – eigene Erfahrungen weitergeben, anderen direkt oder indirekt helfen wollen. Für diesen Aufgabenbereich würde eine 'Gruppe' reichen, die sich regelmäßig trifft.

2. Das Pflegekinderwesen vor Ort beeinflussen wollen

Häufig entwickelt sich in Gesprächen untereinander eine Unzufriedenheit mit den Rahmenbedingungen vor Ort. Manchmal gibt es aber auch eine Situation, die wie ein Brennglas die Problematik des örtlichen Pflegekinderwesens deutlich macht. Auch Fortbildungen oder überörtliche Treffen wecken in Pflegeeltern den Wunsch nach Veränderung der örtlichen Situation. 

Wenn sich Pflegeeltern dann zusammenfinden, möchten sie natürlich auch gegenseitigen Austausch, aber ihnen ist auch klar geworden, dass dieser allein nicht reicht und sie versuchen müssen, die Rahmenbedingungen ihrer örtlichen Pflegeelternsituation zu verbessern. Dafür brauchen sie Wissen vor Ort, Wissen von Bedingungen anderer Pflegeeltern in anderen Jugendämtern und die Lust, über den eigenen Tellerrand zu schauen. 

Mit einem solchem Aufgabenbereich muss sich die Initiative dann klar darstellen und nach außen hin erkennbar machen, denn wer etwas verändern will muss ein Gesicht haben.

Dazu braucht die Initiative:

  1. einen Namen
  2. eine Adresse
  3. einen Sprecher oder einen Vorstand
  4. Aufgaben und Zielbeschreibung

Grundsätzlich wichtig ist, dass es einen Zusammenschluss gibt. Ob es "nur" eine 'Initiative' oder ob es ein 'Verein' ist, ist für die Aufgabe ansich ohne Bedeutung. Obwohl in unseren deutschen Landen die rechtliche Form eines Vereins meist als ernsthafter und einschätzbarer angesehen wird, muss es diese rechtliche Form nicht sein. Eine reine 'Initiative', also ein Zusammenschluss interessierter Pflegeeltern, kann genau so gut tätig sein und seine Vorstellungen versuchen zu verwirklichen. Zunehmend scheuen Pflegeeltern, sich in Vereinen zu engagieren. Sie wollen keine Vorstandsposten übernehmen, aber durchaus für eine gewissen Zeit aktiv sein. Ich habe schon einige Vereine erlebt, die letztendlich aufgegeben haben, weil sie keine Vorstandspersonen mehr gefunden haben und nicht weil sie keine Themen mehr hatten. 

Zusammenschlüsse und Initiativen sind genau so Betroffenenvertretungen wie entsprechende Vereine. Und als solche sind sie von den Jugendämtern ernst zu nehmen und als Partner anzusehen. 

Vereinsgründung

Für die Gründung eines e.V. sind mindestens sieben Mitglieder erforderlich. Ist der Verein eingetragen, darf die Mitgliederzahl nicht unter drei sinken.
Als erstes muss eine Satzung erstellt und mit den Gründungsmitgliedern diskutiert werden. Sie enthält die wichtigsten Regelungen für die Zusammenarbeit im Verein. Soll der Verein gemeinnützig werden, sollte die Satzung unbedingt vor der Anmeldung zum Vereinsregister dem Finanzamt zur Prüfung vorlegt werden. Hat das Finanzamt nämlich Bedenken bei der Gewährung der Gemeinnützigkeit, sind Satzungsänderungen und damit weiterer organisatorischer Aufwand nötig und zusätzliche Kosten (Notar, Vereinsregister) fällig.

Die überörtlichen Vereine der Pflegeeltern - besonders die Landesverbände - geben Informationen und bieten Hilfen an. 

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