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08.02.2013
Interview

Krisenhilfe und Beratung durch die Pflegefamilienverbände

Alle Pflegefamilienverbände bieten Krisenhilfe und Beratung für Pflege- und Adoptiveltern an.

Alle Pflegefamilienverbände bieten Krisenhilfe und Beratung für Pflege- und Adoptiveltern an. Die meisten dieser Anrufe kommen aus dem Land, in dem der Landesverband seinen Sitz hat. Nicht wenige Anrufe kommen jedoch aus ganz anderen Bundesländern. Das spielt dann keine Rolle, auch diese Pflegeeltern werden beraten.

Hier ein Bericht einer Verbandsvertreterin.

Im Rahmen unseres Angebotes der Krisenhilfe erreichen uns immer wieder Berichte von Pflegeeltern die nachdenklich stimmen. Wir möchten Sie als unsere Leser und oftmals ähnlich Betroffene daran teilhaben lassen. Selbstverständlich werden Namen und Begebenheiten so verändert, dass dem Datenschutz Rechnung getragen wird.

Die Pflegemutter M. aus dem Landkreis A. meldet sich aufgeregt am Telefon und legt direkt los: Meine Pflegetochter ist weg, einfach abgehauen. Was soll ich bloß tun? Ich habe sie überall gesucht, alle Freunde die ich kenne angerufen, keiner weiß etwas. Und das Handy hat sie abgeschaltet.

Wie alt ist denn ihre Pflegetochter?

In sechs Wochen wird Melissa 16 Jahre alt.

Seit wann ist sie denn verschwunden?

Am Montagnachmittag war Melissa noch hier. Da hat sie mir erzählt, dass sie bei ihrer Freundin Maria übernachten möchte. Das macht sie oft, die beiden sind ganz dicke Freundinnen. Aber heute ist schon Mittwoch und sie ist immer noch nicht da. Und bei Maria war sie überhaupt nicht. Was soll ich bloß tun?

Wie lange ist Melissa denn schon als Pflegekind bei Ihnen?

Seid sie ein Baby war. Sie war drei Wochen alt und so ein süßes Baby.

Wer ist denn Vormund von Melissa?

Das Jugendamt

Das Jugendamt? Nach so einer langen Zeit?

Wer denn sonst?

Sie als Pflegeeltern wären doch der geeignete Einzelvormund.

Das Jugendamt sagt, Vormund ist immer das Amt.

Das trifft nicht zu, das Gesetz sagt klar, dass Einzelvormundschaften vor Amtsvormundschaften gehen.

Das wusste ich gar nicht. Das hat mir noch nie jemand gesagt.

Im Moment hilft Ihnen das auch nicht weiter. Haben Sie denn den Vormund, bzw. ihren beim Jugendamt zuständigen Sachbearbeiter informiert, dass Melissa verschwunden ist?

Ja, das habe ich versucht, aber der Sozialarbeiter hat Urlaub und der Vertreter hat gesagt, dass Melissa schon wieder auftauchen wird.

Und der Vormund?

Der hat dasselbe gesagt. Ich soll mich nicht aufregen, Jugendliche würden schon mal verschwinden und ein paar Tage später wieder auftauchen.

Eine seltsame Reaktion. Ist Melissa denn schon öfter weggeblieben?

Nein, noch nie, sie ist eigentlich ein liebes Mädchen. Im Moment ein bisschen schwierig und aufmüpfig.

Gab es am Montag Streit?

Ich war nicht begeistert, weil sie für die Schule noch einiges tun musste. Mir wäre lieber gewesen Melissa hätte das zuerst erledigt. Aber sie wollte unbedingt zu Maria und da habe ich sie halt laufen lassen.

Hat Melissa einen Freund?

Ja, leider!

Leider?

Ich mag ihn nicht, der kifft und trinkt viel zu viel.

Wie alt ist der Freund denn?

Ach, der ist schon siebzehn. Aber da ist sie auch nicht. Den habe ich gefragt.

Waren Sie bei ihm zuhause?

Nein, ich habe ihn angerufen. Melissa hat seine Handynummer auf ihrer Pinnwand stehen.

Vielleicht hat er gelogen?

Das kann sein. Daran habe ich auch schon gedacht.

Ist Melissa denn bei der Polizei als vermisst gemeldet?

Der Vormund hat gesagt, dass wäre nicht nötig.

Das hört sich an, als ob der Vormund bzw. das Jugendamt über Informationen verfügen, die Sie nicht haben.

Der Vormund hat auch noch gesagt, vielleicht wäre es besser wenn Melissa gar nicht mehr bei uns leben würde. Ich verstehe das nicht, Melissa ist doch unser Kind. Es war doch immer alles in Ordnung. Und jetzt auf einmal nicht mehr.

Es ist seltsam, dass der Vormund eine solche Option ins Spiel bringt, wenn bis jetzt keine entsprechenden Bedürfnisse da waren.

Es war noch nie die Rede davon, dass Melissa nicht mehr bei uns bleiben soll.

Ich schlage vor, dass Sie morgen früh zum Jugendamt gehen und dort versuchen zu klären welche Informationen der Vormund hat. Lassen Sie sich nicht wegschicken. Bestehen Sie auf Klärung. Sie müssen wissen was mit Melissa ist, bzw. geplant wird. Zumindest scheint der Vormund mehr zu wissen als er bisher sagt.

Das werde ich machen. Darf ich wieder anrufen?

Selbstverständlich!
Einen Tag später…

Pflegemutter: Ich war im Jugendamt. Der Vormund wollte erst gar nicht mit mir sprechen. Er meinte, er habe mir doch gesagt, dass ich mir keine Sorgen machen soll und warum ich denn jetzt käme? Da habe ich mich fürchterlich aufgeregt. Die Tränen schossen mir in die Augen. So hilflos habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Melissa ist doch mein Kind und der sagt mir, ich soll mich nicht aufregen. Ich habe ihn gefragt, ob er Kinder hat und ob er sich auch nicht aufregen würde, wenn sein Kind verschwinden würde. Er hat mich ganz seltsam angeschaut und gesagt, dass ich ja wohl wisse, dass Melissa ein Pflegekind ist. Natürlich weiß ich das! Trotzdem ist sie mir doch ans Herz gewachsen wie ein eigenes Kind! In fast sechszehn Jahren!

Natürlich bindet man sich an ein Pflegekind. Das ist doch Sinn und Zweck eines Pflegeverhältnisses. Das muss auch der Vormund wissen.

Ja, und dann hat der Vormund mir mitgeteilt, dass Melissa bei ihrem Freund ist und dass er das schon die ganze Zeit weiß! Melissa will angeblich nicht mehr zu uns zurück, weil sie bei uns nichts darf. Wir würden sie behandeln wie ein kleines Kind; das stimmt aber gar nicht. Natürlich darf sie nicht alles. Manchmal müssen wir auch eingreifen. Das Schlimmste ist, dass der Vormund dem zugestimmt hat. Er bestimmt jetzt, dass Melissa nicht mehr zu uns zurück kommt. Er will, dass Melissa in eine Wohngruppe geht. Angeblich hat er das schon mit Melissa besprochen und sie möchte das auch. Auch der Sozialarbeiter ist angeblich der gleichen Ansicht. Ich verstehe das nicht, wir haben doch immer alles für Melissa getan und es ging ihr doch gut bei uns. Sie war doch immer glücklich und jetzt? Was haben wir falsch gemacht?

Sie haben nichts falsch gemacht. Dass der Vormund jetzt so entscheidet macht es schwierig. Wenn Melissa nicht zu ihnen zurück will, können Sie nichts tun. Trotzdem sollten Sie nicht aufgeben. Versuchen Sie Melissa zu schreiben, ohne Vorwürfe, nur als Kontaktaufnahme. Sprechen Sie noch einmal in Ruhe mit dem Vormund, dem Sozialarbeiter und vielleicht sogar mit Melissa. Sprechen Sie Besuchskontakte an.

Das will ich versuchen. Es ist so schwer das Kind zu verlieren, sie fehlt uns jetzt schon so sehr.

Versuchen sie nicht den Kontakt zu verlieren. Bieten Sie Melissa ihr Zuhause auch für die Zukunft als Heimat an.

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