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11.05.2022
Bericht

An die eigene Grenze gekommen

Über einige Jahre begleitete ich Selbsthilfe-Gruppen von Pflegeeltern als unabhängige Fachkraft. Wir trafen uns einmal monatlich. Während anfänglich die Themen des Abends von mir leicht vorgegeben worden waren, veränderte sich dies im Laufe der Monate. Jetzt konnte sich die Gruppe auf das einlassen, was unmittelbar aus der Gruppe selbst kam. Es ging darum, mit Menschen zu sprechen, die wussten, wovon man redete, die zuhörten, auffingen und Mut machten. Ein verzweifelter Pflegevater konnte genau dies an einem Abend erleben.

Die Pflegeeltern kannten sich inzwischen gut und an den Abenden waren die meisten immer wieder vertreten. Natürlich hatten wir hin und wieder auch Bedarf an der Bearbeitung eines bestimmten Themas, welches im Laufe der vorherigen Treffen häufiger aufgetreten war. Solche „Themen“Abende machten wir dann öffentlicher. Dann kamen immer wieder Pflegeeltern dazu, die zu den offenen Abenden nicht kamen.

Immer wieder ließen Pflegeelternbewerber sich in der Gruppe sehen, um die Praxis des Lebens mit Pflegekindern kennen zu lernen. Auch hier kamen Manche ein oder zweimal, aber wir erlebten auch, dass Bewerber sehr regelmäßig kamen und fester Bestandteil der Gruppe wurden. Oft standen sie dann eines Abends strahlend und etwas erschöpft vor uns und wir wussten, jetzt gibt es was zu feiern, das Kind war angekommen. Als es dazu kam, dass zu jedem Treffen neue Pflegeelternbewerber kamen und wir eigentlich nur noch mit deren Fragen beschäftigt waren, beschränkten wir die Neuaufnahme auf zwei Abende im Jahr. So konnten alle Interessierten wieder auf ihre Kosten kommen, denn die erfahrenen Pflegeeltern vermissten schon die Abende „für sich selbst“.

Ein besonderer Abend

Wie gut diese Lösung war zeigte sich besonders an einem Abend, der uns alle sehr berührt hat.

An jenem Abend „unter uns Alten“ erschien ein Pflegevater (den wir als beständig und engagiert, mit positiver Grundstimmung kannten) bleich, leicht gebückt und tief ernst. Er setzte sich müde hin, blickte auf seine Hände im Schoß, sagte nichts. Wir schauten uns erschrocken an. Eine Weile war es ganz ruhig, dann fragte ich vorsichtig: „Können wir etwas für dich tun?“.Da schossen Tränen aus seinen Augen und fielen auf seine Hände und ein großes Weinen schüttelte ihn. Die Leute hinter und neben ihm strichen ihm über Rücken, Schultern und Arme und manchem von uns standen ebenfalls Tränen in den Augen. Mehrmals beruhigte er sich etwas, um dann erneut in Schluchzen auszubrechen. Dann trank er eine Tasse Tee, schluckte, hustete, seufzte und konnte endlich beginnen zu erzählen. Was war passiert:

Gestern hatte er einen anstrengenden Arbeitstag und war ziemlich erledigt nach Hause gekommen. Dort traf er auf seine erschöpft aussehende Frau und seinen brüllenden und kreischenden Pflegesohn, der außer sich war, weil er seinen Willen nicht bekam. Der Pflegevater versuchte, die Situation zu deeskalieren und ruhig mit dem 13jährigen zu sprechen. Der fühlte sich dadurch noch mehr gereizt, brüllte nun auch seinen Pflegevater an und trat gegen den Wohnzimmerschrank. Als der Pflegevater nun ebenfalls lauter sagte: „Geh jetzt sofort in dein Zimmer und beruhige dich erst mal“ trat er noch einmal gegen den Schrank, so dass es darin heftig klirrte und brüllte: „Von dir Arsch muss ich mir überhaupt nichts sagen lassen“.

Da scheuerte ihm der Pflegevater eine.

Der Junge sah ihn mit großen Augen an und verließ den Raum. Nach einem Moment des Schreckens eilte der Pflegevater hinter ihm her, sah wie der Junge die Tür seines Zimmers zuwarf und hörte, wie er etwas vor die Tür schob. Auf seine Worte der Erklärungen reagierte der Sohn nicht.

Als er soweit erzählt hatte, begann er erneut heftig zu schluchzen. „Nie wollte ich das“, sagte er „Genau dies wollte ich nie. Ich wollte ihn niemals schlagen. Ich weiß doch, was es bedeutet geschlagen zu werden. Ich habe mir geschworen, dies nie zu tun“.

Eine Weile nachdem er sich erneut beruhigt hatte, erzählte er leise von seinem Vater, von dem er immer und immer wieder verprügelt worden war. Er beschrieb, wie es ihm dabei erging und dass er sich als Erwachsener mit dieser Kindheit auseinandergesetzt hatte. Er schilderte, wie schrecklich er es finde, wenn ein Kind von einem Mächtigeren geschlagen würde und dass er sich sicher war, dass ihm dies nie passieren würde. Deshalb hätten seine Frau und er auch zugestimmt, als das Jugendamt anfragte, ob sie einen fünfjährigen Jungen mit Gewalterfahrungen aufnehmen könnten. Und nun habe er diesen Jungen, der doch in seiner leiblichen Familie so sehr verprügelt worden sei, nun habe er ausgerechnet diesen Jungen geschlagen. „Das darf doch einfach nicht passieren“ sagte er „Wie konnte ich das nur machen!“.
Der Pflegevater war zutiefst erschüttert über sich selbst, schüttelte immer wieder den Kopf und sah uns verweint und hilflos an.

Andere Pflegeeltern begannen von ähnlichen Situationen zu erzählen, wo es ihnen gerade noch gelungen sei nicht auszurasten. Manchmal hatte der Partner rechtzeitig erkannt, was passieren könnte und die Lage deeskaliert. Manchmal hat der/die Erzürnte noch gerade den Raum verlassen können. Manchmal hat es nur Gebrüll gegeben und einmal – erzählte eine Pflegemutter – habe sie völlig aufgebracht vor ihrer zickenden Tochter gestanden und gerade die Hand gehoben, als beide in hysterisches Gelächter ausgebrochen und sich in die Arme gefallen seien. Allen war klar, dass sie haarscharf an dem vorbeigeschlittert waren, was der Pflegevater gestern erlebt hatte.

Als dieser nun nachfragte, was er denn jetzt am besten tun solle, kamen Überlegungen und vorsichtige Ratschläge. Uns allen schien es wichtig zu sein, dass der Sohn erfuhr, wie betroffen sein Vater war und wie leid ihm die Ohrfeige tat. Wir fanden, dass er unbedingt mit ihm reden musste und sich überlegen sollte, ob er ihm nicht auch von seinen eigenen Misshandlungen als Kind berichten sollte. Natürlich musste seine Frau über alles Bescheid wissen und ihn unterstützen, so dass sie nicht auseinander drifteten oder auseinander dividiert werden konnten.

Es wurde auch klar, dass eine fachliche Beratung in der nächsten Zeit sinnvoll sein würde. Verschiedene Erfahrungen mit unterschiedlichen Beratungsstellen und Psychologen wurden besprochen und die besten Möglichkeiten herausgesucht. Es wurde ein langer Abend, aber als das Treffen beendet war erlebten wir wieder einen positiv denkenden Pflegevater. Natürlich war der Weg nun schwierig, aber er würde es schaffen und hatte in der Gruppe Leute, die er jederzeit anrufen konnte.

Einen Monat später betrat wieder der Mann den Raum, den wir immer so gekannt hatten. Er konnte es kaum abwarten zu berichten.
Am Abend des letzten Treffens hatte seine Frau auch noch so spät zuhause auf ihn gewartet. Er hat ihr von dem Pflegeelterntreffen und den Überlegungen berichtet und dann hatten sie selbst noch lange gesessen und nachgedacht.

Als am nächsten Abend der Junge nach dem Fußballverein nach Hause kam, ging der Vater sofort zu ihm und bat ihn um ein Gespräch. Zuerst reagierte der Junge ruppig, doch dann stimmte er zu. So setzen sich die beiden zusammen. Der Vater entschuldigte sich und beschrieb dann sehr genau dem Sohn die Gefühle, die man hat, wenn man geschlagen wird und wie gut er nachempfinden könne, wie es dem Sohn ergangen sei. Als der Sohn ihn erstaunt ansah, fasst der Pflegevater sich ein Herz und berichtete von seinen eigenen Misshandlungen durch seinen Vater. Er erläuterte dem Jungen auch, wie bitter enttäuscht er gerade deswegen von sich selber sei und dass er sich die Ohrfeige nicht verzeihen könne.

Der Junge war während des Gespräches ganz ruhig geworden. Dann stand er auf, boxte den Vater leicht in den Bauch und sagte: „Papa, wir schaffen das – und jetzt lass uns was essen, ich habe Hunger“. Es wurde ein entspanntes Abendessen. Letztendlich einigte sich die Familie darauf, zu einer Beratungsstelle zu gehen und sich Unterstützung zu holen.

Das erste Treffen in der Beratungsstelle lag nun schon hinter ihnen und sie hatten ein ganz gutes Gefühl. Auch der Junge fand es nicht „ganz so blöd“. Inzwischen war wieder Normalität in den Alltag eingekehrt, aber der Pflegevater hatte das Gefühl, dass sich doch etwas verändert hatte zu einem vorsichtigeren und gutwilligen Miteinander hin.

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