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07.11.2019
Fachartikel

Care Leaver: Unterstützungsnetze für Pflegekinder im Übergang zur Volljährigkeit

Auf dem Hessischen Fachtag für Pflegekinderhilfe "Pflegekinder - Bedingungen für ein gelingendes Aufwachsen" vom 22.10.2019 in Fulda wurden auch "Indikatoren für einen gelingenden Übergang in die Selbständigkeit" benannt, die wir hier vorstellen wollen.

Indikatoren für einen gelingenden Übergang in die Selbständigkeit

1. Hilfeplanung

Das Problem:
”… dass Kinder und Jugendliche, die in stationären Erziehungshilfen aufwachsen, außerdem im Vergleich zu denen, die in ihrer Herkunftsfamilie leben, deutlich früher in den Prozess der Verselbstständigung eintreten (müssen). Damit erfahren die Jugendlichen nicht nur biografisch bedingte, sondern auch mit der stationären Erziehungshilfe korrespondierende strukturelle Benachteiligungen. … Obwohl das Kinder- und Jugendhilfegesetz weitere Angebote für junge Volljährige ermöglichen würde, sehen viele Akteure in der Kinder- und Jugendhilfe ihre Verantwortung für diese jungen Menschen mit dem Erreichen der Volljährigkeit oder dem Verlassen der jeweiligen Einrichtungen als beendet an.” (Stellungnahme der IGfH zum 14. Kinder-und Jugendbericht: Was kommt nach der stationären Erziehungshilfe? Gelungene Unterstützungsmodelle für "Care Leaver”)

Was hilft:

  • Unterstützung bei der Inanspruchnahme der Hilfen nach § 41 SGB VIII, bei Bedarf auch durch einen Rechtsbeistand.
  • Rechtzeitige psychologisch / psychiatrische Diagnostik zur Klärung des Hilfebedarfs, z. B. Feststellung einer psychischen Erkrankung / Beeinträchtigung oder einer Behinderung,insbesondere auch einer seelische Behinderung nach § 35a SGB VIII.
  • Abwendung von Überforderung und Misserfolgen. 

2. Bindung

Abhängig von der Bindungsqualität des Pflegekindes gestaltet sich auch der Ablösungsprozess aus der Pflegefamilie. Ein Pflegekind bzw. junger Heranwachsender, dessen Bindungsqualität der einer sicheren Bindung entspricht, kann diesen Prozess eher mit Stabilität, Selbstvertrauen usw. meistern als ein Heranwachsender mit einer ambivalenten oder vermeidenden Bindungsqualität oder gar einer Bindungsstörung. Die Bindungsentwicklung wird beeinflusst von frühkindlichen Erfahrungen, die möglicherweise vor dem Beginn des Pflegeverhältnisses stattgefunden haben, aber auch von dem Beziehungsangebot während des Pflegeverhältnisses. Das heißt, die frühkindlich entwickelte Bindungsqualität eines Kindes ist im Laufe seiner weiteren Entwicklung bedingt veränderbar. (vgl. Karl Heinz Brisch)

Das Thema Bindung sollte daher während des gesamten Entwicklungsprozesses des Pflegekindes Beachtung finden. 

Und eine ”gute” Bindung des Pflegekindes / Heranwachsenden impliziert auch, dass nach Beendigung des rechtlichen Pflegeverhältnisses die Beziehung des Heranwachsenden zu seiner Pflegefamilie nicht abbricht, sondern: ”Pflegeeltern bleiben Pflegeeltern” und bleiben häufig der ”sichere Hafen” für das Pflegekind. Auch eine Rückkehroption zur Pflegefamilie trägt zu dessen Sicherheit bei.

3. Integration der eigenen Biografie

Die Integration der eigen Biografie ist ein wichtiger Indikator für Stabilität und Orientierung des Heranwachsenden. Damit verbunden sind die zentralen Fragen:

  • Wo komme ich her, wer sind meine Eltern und deren sozialer Hintergrund?
  • Warum lebe ich nicht bei meinen Eltern, bzw. konnte ich nicht bei ihnen aufwachsen?
  • Wie stehen meine Eltern heute zu mir und wie kann ich mich zu ihnen positionieren?
  • Wie kann ich mein Leben mit Eltern und Pflegeeltern in Einklang bringen?

Die Biographiearbeit mit dem Pflegekind sollte altersentsprechend durchgeführt werden, mit dem Ziel ein möglichst hohes Maß an Integration zu erreichen. Das Bedürfnis der Kinder und Jugendlichen, ihre Herkunft zu erfassen und integrieren zu wollen, ist immer erkennbar und bedarf des nötigen Respekts und der nötigen Hilfestellung. Viele Eltern brechen leider den Kontakt zu ihren Kindern ab und stehen für diesen Prozess in Persona nicht mehr zur Verfügung.

4. Unterstützungsnetze

a. Wie können Unterstützungsnetze installiert werden?

Pflegekinder bedürfen Vernetzung und insbesondere Care Leaver. Das heißt, der Bedarf der Vernetzung besteht von Anfang an. Die Kinder lernen andere Pflegekinder kennen und bilden ein Verständnis von: Pflegekind sein ist ja ganz normal. Die Kinder lernen sich auf Freizeiten kennen und bei unseren vielfältigen Aktivitäten. Später, wenn sie Care Leaver sind gehören sie zu der Gruppe der Ehemaligen und sind per Facebook und anderen sozialen Medien vernetzt, wenn sie dies möchten. Nicht alle Heranwachsenden nehmen diese Angebote wahr, sondern wollen, nach Beendigung der Jugendhilfemaßnahme kein ”Jugendhilfefall” mehr sein und das bezieht sich dann auch auf die Zugehörigkeit zu Löwenzahn Erziehungshilfe.

b. Wie kann Vernetzung durch den Träger gefördert werden?

Löwenzahn Erziehungshilfe bietet den Ehemaligen Workshops an, wie zum Beispiel ein Wochenendworkshop zum Thema: Was war für meine Entwicklung als Pflegekind hilfreich, was
war nicht hilfreich? Wir bieten ihnen Raum zu Interaktionen, wie gemeinsames Kochen, Ausflüge und vieles mehr. Einige Care Leaver haben ein Buch über ihre Lebensgeschichte geschrieben und dabei nochmals auf besondere Art und Weise ihre Biografie aufgearbeitet. ”Diese eine Blume, die uns verbindet” ist der Titel dieses Werkes. Ehemalige nehmen häufig als Honorarkräfte an Veranstaltungen bei Löwenzahn Erziehungshilfe teil. Dabei haben sie Pflegeeltern Einblick in ihr Leben als Care Leaver und ihrer Entwicklung gegeben. Es haben sich auch vereinzelt Patenschaften von Ehemaligen zu jüngeren Pflegekindern ergeben. Diese Entwicklungen sind möglich durch ein hohes Maß an Bereitschaft zur Vernetzung und Offenheit der Pflegeeltern und allen Beteiligten von Anfang an und steht für eine Haltung, die die Einrichtung in ihren Grundsätzen fördert.

c. Was bewirkt die Vernetzung für die Care Leaver und andere Beteiligte?

Unsere Care Leaver behalten den Kontakt zu den ihnen schon vertrauten Personen, also nicht nur zu ihrer Pflegefamilie, sondern auch zu jungen Heranwachsenden, die sie teils schon lange kennen. Sie fühlen sich mit der Einrichtung Löwenzahn Erziehungshilfe verbunden, die für sie ein ”sicherer Ort” ist oder zumindest ein vertrauter Ort, wo sich wichtige Begebenheiten ihrer Kindheit und Jugend abgespielt haben. Bei den Treffen, die durch einen Fachberater begleitet werden, sprechen die Care Leaver ihre aktuellen Themen an sowie Themen aus ihrer Vergangenheit, also aus ihrer Biografie, die bis heute ihr Leben mit beeinflusst. Die Vernetzung ermöglicht Verarbeitung in einem vertrauten Umfeld mit professioneller Hilfestellung. Das wirkt Vereinsamung und Verdrängung entgegen. Unter den vernetzten Care Leavern haben sich Freundschaften gebildet; sie treffen sich,
feiern Feten zusammen und vieles mehr. Hilfreich im Ablösungsprozess von der Pflegefamilie ist also letztlich ein Netzwerk aus Beziehungen, das das emotionale und soziale Leben belebt und sichert.

Der Autor Frank Haase ist Erziehungsstellen-Berater bei Löwenzahn Erziehungshilfe e.V., Oberhausen 

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Löwenzahn Erziehungshilfe e.V. ist ein gemeinnütziger, anerkannter Träger der Jugendhilfe und beschäftigt sich seit 1992 mit der Vermittlung von Kindern, die aus unterschiedlichsten Gründen für einen unbestimmten Zeitraum nicht in ihrer Ursprungsfamilie leben können. In der Regel werden 100 Kinder im ganzen Ruhrgebiet betreut.

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