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26.04.2021
Fachartikel

Volljährig – und was kommt dann?

Das Begleitete Wohnen in Familien als mögliche „Anschlussbegleitung“ für erwachsen werdende Pflegekinder mit Beeinträchtigung
Volljährig werden - und dann?

Sascha lebt bei Familie Messburger. Eigentlich schon immer. So empfindet er das jedenfalls. Im Alter von 3 Monaten wurde er damals vom Jugendamt an das Ehepaar Messburger als Pflegekind vermittelt, weil er nicht länger bei seiner leiblichen Mutter bleiben konnte. Für ihn sind Herr und Frau Messburger seine Eltern – und für Herrn und Frau Messburger ist Sascha wie ein eigener Sohn. Sascha besucht derzeit noch die Förderschule. Nach der Förderschule ist die Aufnahme in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung geplant, wo er gerade ein Praktikum absolviert hat. Nun steht bald der 18. Geburtstag vor der Tür und damit die Volljährigkeit und das Auslaufen der Jugendhilfemaßnahmen. Aufgrund seiner Beeinträchtigung ist es aus Sicht von Familie Messburger und auch aus Saschas eigener Sicht undenkbar, dass Sascha bald von zu Hause auszieht und in einer eigenen Wohnung ein selbständiges Leben führt. Doch wie soll es stattdessen für Sascha weitergehen?

So wie in dieser fiktiven Darstellung erzählt oder so ähnlich erleben das in Deutschland immer wieder Pflegefamilien, deren Pflegekinder mit Beeinträchtigung bald den 18. oder 21. Geburtstag feiern: Die gesetzlichen Regelungen sehen vor, dass mit Erreichen der Volljährigkeit die Zuständigkeit des Jugendamtes endet. Die von einem Jugendhilfeträger erbrachten Unterstützungsleistungen im Rahmen der Eingliederungshilfe für Kinder und Jugendliche mit Behinderung können dann nur noch in begründeten Einzelfällen verlängert werden. Viel häufiger ist es so, dass junge Erwachsene mit Behinderung direkt mit der Erreichung ihrer Volljährigkeit und dem Ende der Pflegekindschaft aus dem Haushalt ihrer Pflegeeltern ausziehen müssten, wenn diese sie nicht darüber hinaus ohne professionelle Begleitung und ohne finanzielle Unterstützung weiter für sie da wären und sie bei sich leben lassen würden. Schaut man sich die Entwicklung in unserer Gesellschaft an, stellt man fest, dass heute die wenigsten 18- bis 21-Jährigen bereits einen eigenen Haushalt führen und selbständig in einer Wohnung leben. Die Mehrheit lebt teilweise bis über das 25. Lebensjahr hinaus noch im Elternhaus und wird von ihren Eltern gefördert und unterstützt. Doch gerade denjenigen jungen Erwachsenen, die aufgrund einer Behinderung nicht altersgerecht entwickelt sind und den Reifegrad einer Volljährigkeit noch nicht erlangt haben, wird zugemutet, dass sie ausziehen. Für eine Verselbständigung und die Abnabelung vom Elternhaus benötigen jedoch gerade diese jungen Menschen in den meisten Fällen eher eine längere und intensivere Vorbereitung und Begleitung – und zwar oft weiterhin durch die langjährig vertrauten Pflegeeltern. Hinzu kommt, dass auch die Pflegeeltern gerade in dieser Lebensphase ihrer erwachsen werdenden Pflegekinder einerseits einen hohen Entlastungsbedarf haben, andererseits weiterhin eine fachlich begleitende Beratung wünschen.

Das Begleitete Wohnen in Familien

Das Begleitete Wohnen in Familien (BWF) bietet volljährigen Pflegekindern mit Assistenzbedarf die Möglichkeit, bei ihrer bisherigen Pflegefamilie auch dann wohnen zu bleiben, wenn die Maßnahmen der Jugendhilfe auslaufen und eine Überleitung in die Eingliederungshilfe ansteht. Das Angebot richtet sich an diejenigen Pflegekinder, bei denen absehbar ist, dass sie für längere Zeit oder auf Dauer nicht in der Lage sein werden, ein selbständiges, von einer intensiven Begleitung unabhängiges Leben zu führen. Sollte es von allen Beteiligten für die weitere Entwicklung als förderlich angesehen werden, dass der/ die junge Erwachsene (noch) nicht auszieht, sondern im gewohnten Umfeld der Pflegefamilie weiter Assistenz erfährt, kann ein Wechsel zum BWF sinnvoll sein. Ein professioneller BWF-Fachdienst berät und begleitet den/ die junge Erwachsene und die (dann sogenannte) BWF-Familie. Zwischen der Familie, dem volljährigen Pflegekind und dem BWF-Fachdienst wird ein Vertrag abgeschlossen, der Rechte und Pflichten aller Beteiligten regelt.

Ziel des Begleiteten Wohnens in Familien (BWF) ist es, den jungen Menschen eine intensive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Inklusion und eine größtmögliche Selbstverantwortlichkeit sollen die Lebensqualität der jungen Erwachsenen erhöhen. Die überschaubare und konstante Wohn- und Lebensform in einer Familie soll den jungen Menschen eine an ihren Bedürfnissen orientierte, familienbezogene, individuelle Assistenz sichern, ihre sozialen Interessen fördern, sie zur Entwicklung von Lebensperspektiven befähigen und ihre Selbständigkeit so weit wie möglich fördern bzw. erhalten.

Junge Erwachsene, die für eine Aufnahme in das BWF in Frage kommen, haben einen individuell unterschiedlichen Assistenzbedarf. Dieser kann sich hinsichtlich der psychischen Bewältigung der Beeinträchtigungsfolgen wie auch hinsichtlich der praktischen Bewältigung von Alltagsanforderungen in den Bereichen Selbstversorgung, Beziehungsgestaltung, Beschäftigung und Tagesstrukturierung zeigen.

Die Familien beziehen die jungen Erwachsenen in ihre familiäre Lebenswelt ein und stellen ein separates Zimmer angemessener Größe zur Verfügung. Nach individueller Absprache mit dem jungen Menschen werden die Dinge des alltäglichen Lebens (Verpflegung, Körper- und Wäschepflege, Beschäftigung, etc.) im Bedarfsfall von der Familie begleitet oder geregelt. Die Familie ist bereit zur intensiven Zusammenarbeit mit dem BWF-Fachdienst.

Das Begleitete Wohnen in Familien (BWF) bietet also die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen sowie die psychosoziale Assistenz sowohl für das ehemalige Pflegekind als auch für die ehemaligen Pflegeeltern. Der junge Erwachsene mit Behinderung kann weiter in der ihm vertrauten Umgebung im (pflege-)elterlichen Haushalt mit leben. Die bisherigen Pflegeeltern bleiben als vertraute Bezugspersonen erhalten, so dass der Prozess der Loslösung entsprechend der eigenen Fähigkeiten, des persönlichen Bedarfs und des individuellen Tempos des jungen Erwachsenen gestaltet und begleitet werden kann. Die bedürfnis- und lebensweltorientierte Beratung, Assistenz und Begleitung durch den BWF-Fachdienst umfasst neben Telefonkontakten regelmäßige, mindestens einmal monatlich durchgeführte Hausbesuche. Dabei finden Einzelgespräche sowohl mit den Pflegeeltern als auch mit dem jungen Erwachsenen statt. Es werden aber auch in Beratungsgesprächen, die mit allen Beteiligten gemeinsam stattfindenden, die aktuelle Situation des Zusammenlebens, mögliche Missverständnisse und divergierende Wünsche reflektiert. Dabei steht oft das Thema Verselbständigung und Loslösung vom (Pflege-)Elternhaus im Mittelpunkt. Hier kann es um mögliche, konkrete, nächste Schritte im Blick auf die Vorbereitung auf eine größere Selbständigkeit gehen. Es kann aber auch sein, dass ganz praktische Hilfen, wie zum Beispiel die Begleitung von Gesprächen mit anderen Institutionen oder die Assistenz bei der Vermittlung von entlastenden Diensten für die Familie, im Vordergrund der Begleitung durch den BWF-Fachdienst stehen. Dies gehört ebenfalls mit zum Spektrum des Aufgabenbereichs des BWF-Fachdienstes und steht vor allem dann im Vordergrund der Begleitung und Beratung, wenn aufgrund der Beeinträchtigung des jungen Erwachsenen klar ist, dass eine Verselbständigung in Richtung selbständiges Wohnen und Leben auch langfristig nicht erreicht werden wird, sondern der Umzug in eine besondere Wohnform die Alternative zum Leben in einer BWF-Familie wäre.

An wen richtet sich das Angebot Begleitetes Wohnen in Familien?

Das BWF gibt es in Deutschland in fast allen Bundesländern als Angebot der Eingliederungshilfe. Die Rechtsgrundlagen des Leistungsangebots zur Sozialen Teilhabe – Assistenzleistung im Begleiteten Wohnen in Familien für Menschen mit einer psychischen, geistigen oder körperlichen Beeinträchtigung sind § 80 i.V.m. § 78 Abs. 1, 2, 3 und 5 SGB IX.

Das Angebot richtet sich an alle Erwachsene mit Beeinträchtigung, die derzeit nicht in der Lage sind, ein selbständiges Leben außerhalb einer besonderen Wohnform zu führen und denen eine begleitende Assistenz in ihrer Wohnung nicht zur Deckung ihres Assistenzbedarfs ausreichen würde. Die Begleitung in einer BWF-Familie kann als Übergangszeit dienen, bis ein selbstständigeres Leben möglich ist. Es ist grundsätzlich aber auch möglich, dass eine BWF-Familie einen Erwachsenen mit Beeinträchtigung bis ins hohe Alter in ihrem Haushalt begleitet und pflegt. Die BWF-Familie erhält in der Regel über den BWF-Fachdienst vom Leistungsträger der Eingliederungshilfe ein monatliches Entgelt für die Assistenz der Person mit Beeinträchtigung, die sie in ihren Haushalt aufnimmt bzw. dort begleitet. Für die Kosten der Unterkunft und die Lebenshaltungskosten muss die Person mit Beeinträchtigung entweder selbst aufkommen oder hierfür Sozialleistungen (nach SGB II oder SGB XII) beantragen. Alle Einnahmen einer BWF-Familie sind gemäß Einkommenssteuergesetz §3 Abs. 10 steuerfrei. Bei der Antragstellung, die in den einzelnen Bundesländern und dort wiederum teilweise auch in den verschiedenen Landkreisen sehr unterschiedlich gestaltet ist, kann der BWF-Fachdienst vor Ort unterstützend tätig werden.

Unter www.bwf-info.de  finden Sie nähere Angaben zum Angebot des BWF im deutschsprachigen Raum sowie zu den jeweiligen Ansprechpersonen in Ihrer Region.

Zur Autorin:

Nicola Hinker ist  Diplom-Pädagogin und engagiert sich seit 18 Jahren im BWF und seit mehr als 10 Jahren im bundesweiten Netzwerk für das BWF, dem Fachausschuss BWF der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V.

Sie ist zu erreichen über:

Guter Hirte Münster gGmbH, Mauritz-Lindenweg 61, 48145 Münster, www.hvghirten.de

Tel: 0251 37 87 607 - Email: hinker@guterhirte.de

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