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Vorbemerkung
Der Bund, die Länder und die Kommunen sind finanziell überfordert und können ihren Verpflichtungen, speziell im sozialen Bereich, nicht mehr umfassend nachkommen. Die Kritik an Einschnitten – auch im Feld der Pflegekinderhilfe – ist allerorten zu vernehmen und auch mehr als berechtigt. Gleichwohl ist nicht zu erwarten, dass plötzlich ein Wandel auftritt und Gelder dann wieder fließen, dazu ist die aktuelle Finanzlage zu prekär. Auch die überall zu hörenden Forderungen nach mehr Geld und der Bereitstellung von Ressourcen werden daran nichts ändern. Die Größe des Kuchens ändert sich nicht, nur die Verteilung kann geändert werden - d. h. für die einen werden die Stücke größer, während sie für andere schrumpfen. Lässt sich dieses Problem lösen? Grundsätzlich nicht, aber vielleicht zumindest eindämmen. Hier ist der Hinweis wichtig, dass, wenn etwas weg ist, dieses nicht zwangsläufig zu Einsparungen führt, sondern dadurch sogar Mehrausgaben provoziert werden können – dieses unter dem Motto: „Wer früh spart, zahlt später drauf“.
1 Situation in der Pflegekinderhilfe
Die Pflegekinderhilfe ist ein Marathon, der bis zu 21 Jahre (ggf. sogar 27 Jahre) gelaufen werden muss und damit geht er über alle politischen Legislaturperioden hinaus: bei 21 Jahren sind die Abgeordneten 5x ausgewechselt worden. Die Pflegekinderhilfe eignet sich daher nicht als Politikfeld, wenn man in einer Legislaturperiode einen Erfolg erzielen will. Was wäre denn ein Erfolg in der Pflegekinderhilfe? Ohne differenzierte Definitionen zu bemühen, könnte man sagen, ein Erfolg ist, wenn die Kinder, respektive die jungen Menschen, gut über die Ziellinie kommen: Wenn sie eine Schulausbildung haben, eine Ausbildung oder ein Studium beginnen, wenn ihre soziale Teilhabe gesichert ist, sie psychisch stabil sind und Beziehungen zu anderen Menschen eingehen können (das sind nur einige Beispiele). Wichtig für die Politiker über Legislaturperioden hinaus zu wissen ist, dass die ehemaligen Pflegekinder mit dem erfolgreichen Eintritt in das Berufsleben über ihre Steuern die Kosten zurückzahlen, die vorher durch den kommunalen Jugendhilfeträger für sie aufgewendet wurden. Damit diese Erfolge eintreten und langfristig auch zu Entlastungen der Haushalte führen, ist es unumgänglich, dass hier Qualität nicht entfernt bzw. eingeschränkt wird. Andernfalls bewahrheitet sich der Ausspruch: „Wer billig kauft, kauft zweimal“.
2 Probleme im Bereich der Qualität in der Pflegekinderhilfe
Die Pflegekinderhilfe ist ein sich ständig veränderndes Feld (durch neue gesellschaftliche Rahmenbedingungen, veränderte Familienformen, sich wandelnde rechtliche Regelungen), das immer wieder neu an die Bedingungen angepasst werden muss. Unerlässlich ist daher eine kontinuierliche Fort- und Weiterbildung der Fachkräfte in den Pflegekinderdiensten. Inzwischen gibt es eine Reihe sehr unterschiedlicher Formate und auch Institutionen, die entsprechende Angebote vorhalten. In der Regel kommen die Fachkräfte zu den Seminaren (extern oder inhouse) und erwerben dort methodische, fachliche und kommunikative Kompetenz.
Die große Frage bei diesen Fort- und Weiterbildungen ist, inwieweit sie nachhaltig wirken, inwieweit sie in den Pflegekinderdiensten implementiert werden können. Nicht selten kommen die Fachkräfte motiviert aus den Veranstaltungen und treffen dann auf eine Realität, die mit der Motivation und den neuen Erkenntnissen nicht vereinbar ist: die Bedingungen vor Ort im Jugendamt schlagen zurück.
Damit neue Erkenntnisse wirklich angewendet werden und ggf. auch den eingefahrenen Alltag verändern, sind zwei Ebenen zu beachten:
- die Leitungsebene (respektive die politische Ebene)
- die in die Fortbildung integrierte praktische Anwendung
Genaugenommen gehören beide Ebenen zusammen – nur dann ist zumindest eine gewisse Wahrscheinlichkeit gegeben, dass neue Erkenntnisse bzw. eine neue Qualität sich durchsetzen.
2.1 Die Leitungsebene
Wenn die Leitungsebene in Person der Jugendamtsleitungen – im Bereich der kommunalen Trägerschaft der Pflegekinderhilfe – nicht aktiv in die Fort- und Weiterbildungen eingebunden ist, kann es sein, dass mögliche gewinnbringende Neuerungen nicht akzeptiert werden. Eine aktive Einbindung ist gegeben, wenn sie zum einen ihre Einwilligung in die Weiterbildung geben – und damit der Möglichkeit, dass sich in der Struktur der Verfahren, Prozesse und Beratungen etwas ändert, die Tür öffnen. Zum anderen sollten sie zumindest teilweise als Gäste bei den Fort- und Weiterbildungen eingebunden werden, und ihnen zum Ende die Ergebnisse der Veranstaltungen präsentiert werden. Auf diese Weise kann eine umfassende und transparente Vermittlung einer neuen Qualität erfolgen, auch mit dem Blick auf mögliche Veränderungen im Pflegekinderdienst des Jugendamtes.
Da es auch bei den Leitungen immer um die zum Zerreißen angespannten finanziellen Ressourcen und damit um die extrem eingeschränkten Möglichkeiten innovativer Veränderungen geht, ist der Einbezug der Politik unumgänglich. Im Jugendhilfeausschuss ist dann darzulegen, aus welchen – gerade auch finanziellen – Gründen eine Investition in diesen Bereich unbedingt notwendig ist: Investition als langfristig angelegte präventive Maßnahme zur Eindämmung von Folgekosten. Dies ist eine schwierige Aufgabe, da weder das Jugendamt noch die Politik es gewöhnt sind, in langen Zeiträumen zu denken, da die akuten Probleme diese Sicht versperren.
Gleichwohl ist eine Beteiligung der Ebenen „Leitung“ und „Politik“ unumgänglich, wenn sich neue Erkenntnisse und Qualitätsstandards in den Pflegekinderdiensten durchsetzen sollen.
2.2 Die in die Fortbildung integrierte praktische Anwendung
Dem sich möglicherweise einstellenden „Praxisschock“ bei der Rückkehr in den Pflegekinderdienst nach einer Fortbildung kann durch eine Integration von praktischen Anwendungen im eigenen Pflegekinderdienst als Teil der Fort- und Weiterbildungen vermieden werden. Die Teilnehmenden können in der Fortbildung ein Praxisprojekt entwickeln und dieses in ihrem Pflegekinderdienst implementieren. Themen können sein: „Altersgerechte Gruppenangebote für Pflegekinder - Aufklärung über Kinderrechte zur Stärkung eines selbstbestimmten Handelns“, „Partizipation von Anfang an – Eine Willkommenskultur als Begleitangebot für den Start in die Pflegefamilie“, „Beratungs-/Methodenkoffer - Für Hausbesuche, Gespräche und Einzelkontakte mit Kindern/Jugendlichen, Eltern und Pflegeeltern“.
Über diese praktische Strategie können Hürden der Implementierung erkannt werden – wobei diese Erfahrungen wiederum zum Thema in der Fortbildung werden können: Eine Implementierung mit Supervision als Teil der Fortbildung.
An dieser Stelle wird auch deutlich, dass die Bereiche „Leitungsebene/Politik“ und „praktische Implementierung“ zusammenhängen. Ohne eine Unterstützung der Leitungsebene sind Neuerungen oft nur schwer durchsetzbar.
3 Ich bin dann doch nicht weg
Investition in Qualität ist Prävention. Allerdings ist darauf zu achten, dass die Qualität sich auch im Handeln der Fachkräfte und der Struktur der Pflegekinderdienste niederschlägt. Dies kann dann erfolgreich sein, wenn praktische Implementierung und Einbezug der Leitungsebenen gegeben sind. Bevor die Qualität im Pflegekinderdienst greift, muss daher die Struktur der Implementierung der Qualität durch entsprechende Konzeptein Fort- und Weiterbildungen aufgebaut werden.
Auch wenn es immer um die Begleitung, Unterstützung und Verbesserung der Situation der Kinder und Jugendlichen (und unter diesem Fokus auch um die Pflegeeltern und Eltern) geht, so sollte das lästige Argument des Geldes nicht ausgespart werden. Dieses Argument spielt in den Kommunen eine gewichtige Rolle, daher sollten Angebote unterbreitet werden, die darauf Bezug nehmen: Statt einer immer wieder gebetsmühlenartig wiederholten Forderung nach mehr sollte darauf verwiesen werden, dass Qualität langfristig zu Einsparungen bzw. zur Eindämmung von Folgekosten führt – dieses allerdings nur dann, wenn die Qualität in den Pflegekinderdiensten auch erfolgreich ankommt.
Dr. phil. Christian Erzberger, Expertise in der sozialwissenschaftlichen Grundlagenforschung, Mitbegründer der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung e. V. (GISS) und Mitglied des Kompetenzzentrums Pflegekinder e. V.
