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Lob ist nicht gleich Lob - Das Loben innerhalb der Pflegefamilie
Laut Duden hat sich aus dem althochdeutschen Verb lobôn loben, preisen, verherrlichen, empfehlen, jubeln) entwickelt, dessen Wurzel das Substantiv lob (= Lobgesang, Hymnus, Laudes, Dank, Beifall, Auszeichnung, Ruhm) ist.
Alle, die an der Begleitung von Pflegekindern beteiligt sind, kennen die positiven Wirkung des Lobens. Sie stellen fest, dass dadurch Kinder sich freuen, Gelungenes wiederholen und sich eher neuen Herausforderungen stellen.
Der deutsche Erziehungswissenschaftler und Arzt Herbert Renz-Polster vom Mannheimer Institut für Public- Health der Universität Heidelberg beobachtet immer öfters Folgendes (2024):
Wer sich aber auf Spielplätze und in Kinderzimmer begibt, muss manchmal glauben, dass dem Land eine strahlende Zukunft bevorsteht: Offensichtlich trainieren nur noch künftige Spitzenathleten auf Rutschbahn und Klettergerüst, Fingerfarben-Kleckereien werden wohl dereinst Höchstpreise auf Auktionen erzielen, architektonische Brillanz zeigt sich im Sandkasten. Und wenn eine Achtjährige ein Musikinstrument eher nicht so gut behandelt, ist die Chance dennoch groß, dass jemand in Hörweite sagt: "Niemand spielt so toll Geige wie du!". Mit seinen erfolgreichen Elternratgebern, Vorträgen und Kommentaren in den Medien gilt Renz- Polsterer als eine der wichtigsten Stimmen im Bereich kindliche Entwicklung und Erziehung in Deutschland.
Weiter betont er, dass positive richtig angewandte Bewertungen immer gut für Kinder sind, aber es auch wichtig ist dabei aber immer , dass sie selber ihre Erfahrungen für gut befinden: "So wenig es dem Kind hilft, wenn Eltern immer gleich in Lobeshymnen ausbrechen oder vor Freude fast einen Anfall bekommen, wenn ihm einmal etwas gelingt, genauso wenig hilft es ihm, wenn die Eltern vor Mitleid zerfließen, wenn etwas misslingt. Kinder lernen auch im Laufe der Zeit diese Sachen selbst zu regeln."
Hugo und ein alltägliches Beispiel
Der Spielplatz in der Kita wird neugestaltet und es entsteht ein großer hoher Sandberg.Der dreijährige Hugo, der gerade von der Krabbel- in die Regelgruppe gewechselt ist versucht – aus sich selbst motiviert ihn hochzusteigen und schafft es und ist sichtlich stolz. Die Erzieherin seiner Gruppe macht ein Foto, was er registriert, lacht und sich sichtlich darüber freut.Er steigt wieder hinunter, um dann mit einer Schaufel nochmals hinaufzusteigen: „Spielen ist Arbeit für das Kind“ (Montessorie 2005).Als zwei ältere Kinder dazukommen und etwas bauen und darüber gehen, beobachtet er sie genau und versucht es auch. Was ist passiert? Nicht immer muss eine neue Handlung oder Eroberung seitens der Erwachsenen angeregt und gelobt werden. In diesem Fall sind es weitere Kinder, die durch deren Mitspielen Anerkennung und Motivation vermitteln (Zimmer2013) So kommt die wichtige Lernmethode: Lernen durch Beobachten und Imitieren zum Tragen.
- Die deutsche Sportpädagogin Renate Zimmer meint, dass ein Spielgeschehen für alle durch eine ergebnisoffene Umgebung und Material wie im Beispiel geschehen positiv beeinflusst wird, sodass alle Kinder dadurch zusammen eine homogene kreative Gruppe bilden können. So findet ein Lernen durch Beobachten und Wiederholen als eine der vier Lernmethoden statt: Lernen durch Hören und Sehen, durch Anfassen und Bewegung
- Lernen durch SehenLesen, Analysieren.
- Lernen durch Gespräche
Hugo erlebte, dass er auch ältere Kinder zum Spielen anregen kann. Stolz und sichtlich zufrieden beendete er und die anderen das Spiel.
Beim nächsten Mal geht Hugo wieder zum Berg und veersucht einen Weg nach unten zu kommen und springt ein Stück hinunter, was eine neue Herausforderung für ihn ist.
Wie könnte das sinnvolle Loben seitens der Erzieherin und der Pflegeeltern aussehen?
„Du hast es ganz alleine geschafft den Berg hochzugehen und bist alleine wieder heruntergekommen.“
„Du hast etwas Neues ausprobiert“.
Die deutsche Pädagogin und Buchautorin Anna Rüppel (2022) hat folgende Hinweise zum richtigen Loben formuliert:
- Leistungen loben
- Das Kind nicht mit anderen vergleichen
- Ehrlich bleiben
- Nicht versuchen, das Kind zu manipulieren
- Das Lob an das Kind anpassen
- Übertreibungen vermeiden, präzise sein
Insgesamt hat Hugo Mut, Ausdauer, Konzentration, Fantasie und Kreativität erprobt und eingeübt. Alle Lehrer*innen wären froh, wenn Kinder diese Eigenschaften aufwiesen. Welches Lob ist besser: „Du bist ja superschlau“ oder „Super, wie viel Mühe du dir bei deinen Mathehausaufgaben gegeben hast. Studien zeigen, dass es besser ist, Anstrengungen und Bemühungen zu bestärken, als Fähigkeiten und Talente zu loben. So lernt das Kind, dass es nicht unveränderliche Persönlichkeitseigenschaften sind, die zu guten Leistungen führen, sondern der eigene Einsatz. Das stärkt das Selbstbewusstsein und die Selbstwirksamkeit von Kindern.
Natürlich enthielt das Geschehen auch Gefahren. Hugo hätte ausrutschen und fallen können. Aber niemand hätte ihn davor bewahren können. Das Fallen gehört aber auch zu jeder Entwicklung des notwendigen Gleichgewichts dazu. Hier gilt: Das Fallen muss genauso wie das Gehen eingeübt werden und kann als Metapher für das Leben angesehen werden: Hinfallen, Aufstehen und Weitergehen.
Wie sieht das typische Elterverhalten aus? Renz-Polster meint, dass die meisten Eltern glücklicherweise Gewalt und Kälte als pädagogische Maßnahmen abgeschafft haben und viele von ihnen in ein anderes Extrem verfallen: Sie loben jede Lebensäußerung ihres Nachwuchses ohne „Sinn und Verstand“ - und hoffen, dass dieses Verhalten den Kindern guttut. Doch das ist ein Irrtum, wie auch hier eine wachsende Zahl von Studien belegt. Diese zeigen, dass es nicht so sehr darauf ankommt, ob gelobt wird, sondern wie, wofür und wann.
Er betont und Pflegeeltern und Pädago*innen wissen nur zu gut, dass positive Bewertungen immer gut für Kinder sind. Selbstwertgefühl entwickelten Kinder entgegen der landläufigen Meinung nicht dann, wenn sie von den Erzieher*innen und Eltern besonders viel gelobt werden. Wichtiger ist dabei aber immer , dass sie selber ihre Erfahrungen für gut befinden: "So wenig es dem Kind hilft, wenn Erwachsene immer gleich in Lobeshymnen ausbrechen oder vor Freude fast einen Anfall bekommen, wenn ihm einmal etwas gelingt, genauso wenig hilft es ihm, wenn die Eltern vor Mitleid zerfließen, wenn etwas misslingt. Kinder lernen im Kleinkindalter auch, diese Sachen selbst zu regeln.
In den USA wird Lob dagegen erwartet, was einem eingefleischten Deutschen am Anfang sehr merkwürdig vorkommt, meint der deutsche Psychiater, Gruppendynamiktrainer und Psychotherapeut Fritz B. Simon (2012).
Er stellt fest, dass wir Deutschen eine ausgeprägte Kritikkultur aufweisen. Es gibt das schöne(?) schwäbische Sprichwort: Nicht geschimpft ist gelobt genug (politisches Motto einer deutschen Partei. Man erwartet – so Simon, dass alles funktioniert. In den Blick fällt schnell, was nicht in Ordnung ist. Das wird dann kritisiert. Das ist auch funktionell: Wenn man bestimmte Normen und den Status quo aufrechterhalten will, dann kann eine ab und zu angewandte Kritik auch ein gutes Mittel sein.
Wenn wir aber Kreativität und Innovationen fördern wollen, so Simon weiter, müssen auch Abweichungen positiv bewertet werden. Nur so hat Kreativität gegen die in soziale Systeme generell eingebaute, konservative Tendenz eine Chance. Sehr risikofreudig sind wir in unserer Gesellschaft nicht. Das ist in Amerika etwas anders. Man musste schon risikofreudig sein, um überhaupt da hinzukommen. Wir leben dagegen immer noch nach dem Adenauer-Slogan: Nur keine Experimente.
Viele Eltern loben ihre Kinder, wenn diese etwas richtig gemacht oder etwas erreicht haben. Manche Eltern neigen dazu, ihre Kinder mit übertriebenem Lob zu überschütten. Dann heißt es nicht „Das hast du gut gemacht!“, sondern „Das hast du so wunderbar gemacht!“. Und nicht „Das ist aber ein schönes Bild, was du da gemalt hast!“Kannst Du mir erzählen, was da gerade passiert? sondern „Das ist das schönste Bild, das ich jemals gesehen habe!“. Das übertriebene Loben geschieht in guter Absicht, denn viele Eltern und auch Lehrer*innen sind überzeugt, dass man nie genug loben kann, und sie werden in ihrer Meinung auch durch viele Erziehungsratgeber und Erziehungsbroschüren unterstützt dort heißt es häufig, dass Lob besonders jenen Kindern guttut, die ein niedriges Selbstwertgefühl haben (was bei Pflegekindern sehr oft vorkommt, wie es oft bei Damit sind Kinder gemeint, die häufig an ihrer Leistungsfähigkeit zweifeln und sich selten zutrauen, etwas Schwieriges zu tun. Eigene Beobachtungen im Alltag zeigen, dass Erwachsene vor allem bei solchen Kindern mit Lob nicht geizen. (Lindner 2018)
Es wird deutlich,dass Lob nicht gleich Lob ist. So zeigte sich, dass ein Fähigkeitslob („Du bist so clever!“) im Gegensatz zum Anstrengungslob („Da hast du dir wirklich Mühe gegeben!“) dazu führt, dass die Kinder herausfordernde Aufgaben in der Zukunft eher vermeiden. Als Erklärung wird, angegeben, dass Fähigkeiten im Gegensatz zur Anstrengung nicht veränderlich sind und dass Kinder so vermeiden wollen, als „unfähig“ dazustehen. Auch zeigte sich, dass ein Vergleichslob („Das hast du viel besser als die anderen Kinder gemacht!“) im Gegensatz zum Meisterungslob („Jetzt hast du den Dreh raus!“) die intrinsische Motivation der Kinder senkt, vermutlich, weil es den Kindern suggeriert, es wäre wichtiger besser zu sein als andere als etwas tatsächlich zu können.
Forschungen zeigen zwar, wie wichtig Loben etwa für das Lernen neuer Dinge ist. Es regt im Gehirn das Belohnungszentrum dazu an, Dopamin auszuschütten. Der Botenstoff motiviert und hilft beim Lernen. Schon wenn wir nur ein Lob in Aussicht haben, spüren wir dieses angenehme Kribbeln.
Lob braucht jeder Mensch nicht nur im Kindesalter, sondern auch als Erwachsener. Auch hier wird ehrliches Loben erkannt und durchschaut bestärkt und motiviert. Wer nie gelobt wird, dessen Seele nimmt Schaden. Loben kann man trainieren. Die deutsche Pädagogin Gretchen Hilbrands (2022) zeigt mit vielen alltagsnahen Beispielen, wie loben geht und wie gut es tut: Sehen und aussprechen lernen, was andere gut machen. In der Familie, im Freundeskreis, in der Gemeinde und im Umgang mit Kolleg*innen. Gretchen Hilbrands rät aufgrund ihrer eigenen Erfahrung: • Wenn Sie loben, lassen Sie die Kritik weg! Seien Sie so konkret wie möglich. Was genau war gut? Loben Sie zeitnah. Ein Lob, das Tage später kommt, verliert an Wirkung. Auch das Alltägliche, Selbstverständliche darf gelobt werden. Ein Lob sollte von Herzen kommen. Übung macht den; die Meister*in. Lob tut gut – dem, der gelobt wird, und dem, der lobt.
Es wird deutlich, dass das Loben als ein wesentlicher, weil wichtiger Bestandteil im Zusammenleben mit Pflegekindern darstellt. Im Zusammenhang von Pro und Contra im Gebrauch des Lobens in Praxis und Theorie spricht der holländische Erziehungswissenschaftler Eddi Brummelmann (2019) in diesem Zusammenhang von einem Lobparadox.
Im Gespräch mit der Leiterin eines Familienzentrums wird deutlich, dass die Eltern eine hohe Erwartungshaltung bezüglich den „Leistungen“ ihrer Kinder zeigen. Selbsthergestelltes werden oft über Gebühr beim Zeigen gelobt. Es wird erwartet, dass auch die Erzieherin begeistert ist. (Lindner, 2018).
Es wäre wünschenswert dieses Thema auf einem Elternabend oder beim Zusammenkommen beim Träger anzuspechen.
Literatur:
- Brummelmann, Eddi (2019): Das Lob-Paradox Wie gut gemeinte Worte nach hinten losgehen. Letzter Zugriff 5.2.2024
- Hilbrands, Gretchen (2022): Ein kleiner Ratgeber für den Alltag. Tankstelle für die Seele. Gießen Brunnen
- Lindner,U.(2018):Eltern willkommen-Elternarbeit in der Kita neugestalten. Bielefeld Cornelsen
- Lindner,U: (2018):So gelingt moderne Erziehungspartnerschaft mit digitalen Medien, frischen Methoden und bewährten Klassikern) Bielefeld Cornelsen
- Renz- Polster, H. (2024): Mit Herz und Klarheit - Wie Erziehung heute gelingt und was eine gute Kindheit ausmacht. München Pieper
- Rüppel, Anna (2022): Kinder richtig loben: https://www.euroakademie. de/magazin/kinder-richtig-loben/ Letzter Zugriff:15.1.2024
- Montessori, M. (2005): Kinder sind anders. München. dtv
- Zimmer, R. (2013). Handbuch der Psychomotorik. Theorie und Praxis der psychomotorischen Förderung (1. Ausgabe der überarbeiteten Neuausgabe, 13. Gesamtaufl.). Freiburg: Herder.







