Sie sind hier

26.08.2011
Stellungnahme

Offener Brief der Allgemeinen Sozialen Dienste (ASD) Mittelhessen

In Mittelhessen haben sich die ASDs zusammengetan, um auf die sehr schwierige Arbeitssituation in den Allgemeinen Sozialen Diensten hinzuweisen.

Themen:

offener Brief:

Die gesellschaftlichen Wandlungsprozesse mit einer Verschärfung von Armut, sozialen Problemlagen und zunehmender Individualisierung führen zu wachsenden Anforderungen in der sozialen Arbeit, insbesondere auf dem Hintergrund des staatlichen Wächteramtes für das Kindeswohl. Seitens des statistischen Bundesamtes wurde ein rapider Anstieg von erzieherischen Hilfen (HzE) festgestellt. Zwischen 2001 und 2006 liegt der Zuwachs an HzE bei 11%. Seit 1991 sogar bei 79%. Zugleich ist trotz dieses Anstieges der erzieherischen Hilfen ein Rückgang des Stellenvolumens von 4,1 % seit 2001 bundesweit zu verzeichnen (FH Köln & FH Kiel, I. Gissel, Palkovich, M. Rädler, H. Schubert, J. Stegt in: Der Allgemeine Soziale Dienst im Wandel- ein Praxisvergleich aus 2008).

Hinzu kommen seit Einführung des Paragraphen 8 a SGB VIII im Jahr 2005, eine jährlich massiv ansteigende Zahl von Kindeswohlgefährdungsmeldungen.

Die Meldungen über Kinder, welche durch Vernachlässigung und Misshandlung zu Tode gekommen sind, werden auf dem Rücken der MitarbeiterInnen der zuständigen ASD ausgetragen und sorgen in der Folge bei allen SozialarbeiterInnen/SozialpädagogInnen für zusätzliche psychische Belastungen. Die Arbeit endet nicht bei Dienstschluss, sondern überträgt sich ins Privatleben und führt z.B. zu Schlafstörungen, chronischer Erschöpfung oder Burn Out.

Festzustellen ist, dass nur 10 % der ASD MitarbeiterInnen jünger als 30 Jahre aber 25 % zwischen 50 und 60 Jahre sind (DJI zur Arbeitssituation und Personalbemessung im ASD aus 2008). Der massive öffentliche Druck, das enorme Arbeitsaufkommen, geringe Wertschätzung und Bezahlung sind Gründe, die die Arbeit im ASD vor allem für junge Fachkräfte wenig attraktiv machen.

Die dem Problemdruck nicht adäquat angepassten finanziellen und personellen Ressourcen müssen auf die wachsende Anzahl erzieherischer Hilfen verteilt werden. Hier droht der ASD zwischen den steigenden Anforderungen und dem Versuch durch Budgetierung die Wirksamkeit der Leistungen zu steigern, zerrieben zu werden. Diese Umbauprozesse führen vorerst ebenfalls zu einer Mehrbelastung an Arbeit des ASD.

Deshalb fordern wir:

  • fortlaufende Anpassung der Personalschlüssel an die Fallzahlen und das Arbeitsaufkommen
  • Reduzierung der Fallzahlen pro SozialarbeiterIn
  • tariflichen Gesundheitsschutz unter Berücksichtigung alters- und berufsspezifischer sowie individueller Belastungen
  • Vorbeugung von Burn Out Syndrom und Überlastungsdepressionen
  • gesellschaftliche Anerkennung und Aufwertung der Sozialen Arbeit durch höhere tarifliche Eingruppierung
  • Die Garantenstellung für das Kindeswohl darf kein individuelles Risiko sein! Reduzierung des Aufwandes der Dokumentation
  • Aufbau von strukturellen und präventiven Angeboten

Soziale Arbeit sichert unsere volkswirtschaftliche Rendite und den sozialen Frieden.

Wir rufen Arbeitgeber, sozial Verantwortliche und politische Entscheidungsträger auf, unsere Forderungen zu unterstützen.

weitere Infos können Sie hier finden

Das könnte Sie auch interessieren

Gutachten

von:

Zur Übertragung der Rufbereitschaft des Jugendamts auf freie Träger der Jugendhilfe

Eine Rufbereitschaft zum Schutz von Kindern in Gefährdungslagen außerhalb der Dienstzeiten des Jugendamtes kann nicht auf einen freien Träger übertragen werden, da dieser nicht dazu berechtigt ist, Kinder in Obhut nehmen zu können. Darauf weist ein kurzes Gutachten des Deutschen Vereins vom 9. März 2020 hin.
Bericht zur Veranstaltung

Anforderungsprofil für Fachkräfte im Allgemeinen Sozialdienst des Jugendamts

Die gesamtbayerischen Jugendamtsleitungstagung in Weiden vom 09. bis 11. Mai beschäftigte sich mit dem Thema: „Anforderungsprofil der Fachkräfte in Jugendämtern vor dem Hintergrund der Bachelorstudiengänge Soziale Arbeit“. In der Vorbereitung wurde ein Anforderungspapier erarbeitet.
Nachricht aus Hochschule und Forschung

In 2012 führten Ju­gen­däm­ter 107 000 Ge­fähr­dungs­ein­schätzun­gen für Kin­der durch

Das erste Ergebnis der erstmals durchgeführten Erhebung über Verfahren gemäß Paragraf 8a Absatz 1 Achtes Buch Sozialgesetzbuch (Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung).
Gerichtsbeschluss erklärt

Eingruppierung eines/r Bezirkssozialarbeiter/in - Urteil des Bundesarbeitsgerichtes

Das Bundesarbeitsgericht bejaht in seiner Entscheidung, dass ein Bezirkssozialarbeiter im Bereich der 'Vermeidung einer Kindeswohlgefährdung' tätig ist und daher auf Eingruppierung in die Entgeltgruppe S 14 Anspruch hat.
Fachartikel

von:

Die Arbeit mit der Herkunftsfamilie

Bei der Beteiligung von Herkunftseltern im Hilfeplanprozess gibt es einige Herausforderungen an die fachliche Arbeit. An der Bruchstelle einer Fremdplatzierung von Kindern ist die vom KJHG geforderte Partizipation der Eltern wenig realisiert -- möglicherweise kann sie in vielen Fällen auch nicht wirklich realisiert werden.
Fachartikel

von:

Umgang bei Kindern im Kinderheim oder in der Pflegefamilie

Wie Trennungs- und Scheidungskinder haben natürlich auch Heimkinder und Pflegekinder ein Recht auf Umgang mit ihren Eltern, sowie die Eltern eine Pflicht und ein Recht zum Umgang haben. Bei diesen Kindern – und hier besonders bei Pflegekindern – ist es jedoch notwendig, dieses Recht des Umgangs auf eine mögliche Gefährdung des Kindes durch den Umgang selbst oder die Art und Weise des Umgangs zu überprüfen.
Abschlussbericht

von:

Ehrenamtliche Vormundschaft durch Pflegeeltern

Abschlussbericht eines Projektes zur Analyse von Chancen und Grenzen der Vormundschaft durch Pflegeeltern. Das Bundesforum Vormundschaft hat im Auftrag des Kompetenzzentrums Pflegekinder untersucht, wie die Praxis in den Jugendämtern Vormundschaften durch Pflegeeltern einordnet. Die zentrale, forschungsleitende Frage dieser Untersuchung lautet: Welche Chancen und Grenzen von Pflegeeltern-Vormundschaft werden von der Praxis der Amtsvormundschaften und des Pflegekinderdienstes wahrgenommen? Zur Beantwortung der Frage gab es Interviews mit ExpertInnen und eine Fachkräfte-Onlinebefragung von Jugendämtern aus Baden-Württemberg und Brandenburg.
Abschlussbericht

Prüfungsbericht "Jugendamt/Tod eines Mädchens"

Die Finanzbehörde Innenrevision des Senats Hamburg hat einen Teilbericht zum Tod des Pflegekindes Chantal und die Arbeit des Jugendamtes und des Freien Trägers vorgelegt.
Nachricht aus Hochschule und Forschung

Qualitätsoffensive in rheinischen Pflegekinderdiensten

Studien-Ergebnisse des Leuchtturmprojekts Pflegekinderdienst finden erstmals Anwendung in der Praxis / LVR-Landesjugendamt und Uni Siegen bilden Fachkräfte fort / Pflegekinderdienste aus 13 Kommunen nehmen teil
Fachartikel

von:

Beistände als Begleiter der Pflegeeltern

Die Pflegeelternschule Baden – Württemberg und Pfad Baden Württemberg bilden derzeit erfahrene Pflegeeltern, die zum Teil sozialpädagogische oder medizinische Berufe haben, als Beistände gemäß § 13 SGB X aus, um in Krisensituationen Pflegeeltern beizustehen.