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25.02.2014
Stellungnahme

18 Jahre alt - und dann?

Die Zahlen zur Altersverteilung in den Hilfen zur Erziehung zeigen einen massiven Einbruch der Hilfen beim Übergang vom 17. zum 18. Lebensjahr, der sich dann weiter fortsetzt. Mit diesen Daten haben wir beim Parlamentarischen Abend der Fachverbände der Erziehungshilfen das Statement der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) eröffnet. Eine notwendige neue Diskussion in Deutschland!

Care Leaver stehen nach dem Verlassen der stationären Jugendhilfe oft vor einer ungewissen Zukunft. - Eine notwendige neue Diskussion in Deutschland!

Aus der Webseite des Paritätischen Gesamtverbandes:

Durchschnittlich verlassen junge Männer und Frauen in Deutschland das Elternhaus mit 25 bzw. 24 Jahren. Junge Menschen, Einrichtungen, Betreutes Wohnen oder Pflegefamilien mit 18 Jahren. Wie kann das sein?

Die Lebenswege sogenannter „Care Leaver“, Heranwachsende, die die stationäre Jugendhilfe verlassen haben, werden aktuell in einigen Studien untersucht und bieten Ansatzpunkte für Handlungsbedarf und Diskussionen. Es gibt noch weitere Erhebungen, die verwundern: Die Zahlen zur Altersverteilung in den Hilfen zur Erziehung zeigen einen massiven Einbruch der Hilfen beim Übergang vom 17. zum 18. Lebensjahr, der sich dann weiter fortsetzt. Mit diesen Daten haben wir beim Parlamentarischen Abend der Fachverbände der Erziehungshilfen das Statement der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) eröffnet. Und es stellten sich uns die Fragen:

Ausgerechnet diejenigen, deren „Aufwachsen an einem anderen Ort“ eine Vielzahl biografischer Belastungen erahnen lassen, sind mit 18 so erwachsen und selbstständig, dass sie keiner weiteren Begleitung und Unterstützung mehr bedürfen?

„Wirkt“ Hilfe zur Erziehung so phänomenal, dass pünktlich ab 18 alle Wunder vollbracht sind und die Hilfe eingestellt werden kann?

Das glaubt niemand! Das glauben auch die Politiker_innen nicht, von denen viele durchaus ein Bild vom Unterstützungsbedarf ihrer Kinder und Enkel nach dem 18. Lebensjahr haben. Aber bisher ist die Notwendigkeit, sich als Gesellschaft wesentlich intensiver mit dem Unterstützungsbedarf junger Erwachsener zu beschäftigen, noch nicht zu einem dringend in der Politik für junge Menschen zu verhandelnden Thema geworden. Der 14. Kinder- und Jugendbericht deutet die Probleme zart an, setzt sie aber noch nicht klar genug auf die Agenda politischer Handlungsnotwendigkeiten.

Vielleicht liegt das auch daran, dass wir zu sehr im „deutschen Blick“ gefangen sind. 1975 wurde das Volljährigkeitsalter von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt. Die plötzliche Lücke im Jugendwohlfahrtsgesetz wurde notdürftig durch eine Regelung geschlossen, die die Fortsetzung einer Hilfe bis zum Abschluss einer Schul- oder Berufsausbildung über das 18. Lebensjahr hinaus ermöglichte. Das SGB VIII befreite eine mögliche Hilfe für junge Volljährige dann von dieser engen Fessel, konzipierte mit § 41 eine eigene Hilfemöglichkeit.

Deren Umsetzung untersuchte Prof. Dr. Dirk Nüsken, Professor für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum mit dem Forschungsschwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe und Vorstandsmitglied der IGfH. Er belegte massive „Regionale Disparitäten in der Kinder- und Jugendhilfe“.

Das Care-Leaver-Projekt der Uni Hildesheim und der IGfH nimmt jetzt das Ausland mit in den Blick. Und siehe da: Die Perspektiven ändern sich gründlich. Da fallen Länder auf, in denen nicht begründet werden muss, warum ein 21-Jähriger noch Hilfe erhält, sondern warum sie ihm schon mit 21 entzogen werden soll! Da gibt es Länder mit einer zehnfach so hohen Studierendenquote bei den Care Leavern wie bei uns. Da gibt es Länder, in denen die Behörden verpflichtet sind, in gewissen Abständen nachzufragen, ob die Einschätzung des jungen Menschen, keine Hilfe zu brauchen, noch Bestand hat, oder ob sich neue Aspekte bei ihm ergeben haben...

In all diesen Ländern fällt auf, dass es starke, internetgestützte Selbstorganisationen von Care Leavern gibt, die ihre eigenen Perspektiven in die Entwicklung einer unterstützenden und fördernden Sozialpolitik für Care Leaver einbringen. Wer hierzulande heute über die gestiegenen Kosten für die Hilfen zur Erziehung klagt, der müsste doch eigentlich darauf bestehen, dass eine solche Investition nicht durch einen unsinnig frühen Abbruch konterkariert wird! Und wer die mühsamen Diskussionen um das Unrecht der Heimerziehung der 1950er- bis 70er-Jahre miterlebt hat, könnte auch von daher motiviert sein, jungen Menschen aus den Hilfen zur Erziehung Gehör, Respekt und Unterstützung zukommen zu lassen. Care Leaver brauchen zügig Unterstützung für ihre Selbstorganisation von Bund und Ländern, und dann sollte die Jugend- und Familienministerkonferenz sich bald mit einem Masterplan neuer Unterstützungsformen für Care Leaver in Deutschland befassen!

Norbert Struck, Jugendhilfereferent des Paritätischen Gesamtverbands

Dieser Beitrag basiert auf dem Beitrag „,Care Leaver‘ – eine notwendige neue Diskussion in Deutschland!“, erschienen in „Forum Erziehungshilfen“ 3/2013. Im gleichen Heft erschien ein Beitrag zur Care Leavers‘ Association in Großbritannien von Britta Sievers.

www.jugendhilfe-bewegt-berlin.de

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