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Basiswissen

Spracherwerb – Wie lernen Kinder Sprache?

Kleine Kinder besitzen ein instinktives Gefühl für Sprache. In ihrem Gehirn sind beim Spracherwerb andere Teile aktiv als bei Erwachsenen, die sich in der Regel sehr anstrengen müssen, wenn sie eine neue Sprache lernen. Der automatische Sprachlernmechanismus ermöglicht es kleinen Kindern, sich Sprache einschliesslich ihrer grammatikalischen Strukturen unbewusst anzueignen.

Kleine Kinder besitzen ein instinktives Gefühl für Sprache. In ihrem Gehirn sind beim Spracherwerb andere Teile aktiv als bei Erwachsenen, die sich in der Regel sehr anstrengen müssen, wenn sie eine neue Sprache lernen. Der automatische Sprachlernmechanismus ermöglicht es kleinen Kindern, sich Sprache einschliesslich ihrer grammatikalischen Strukturen unbewusst anzueignen. Mittlerweile ist erwiesen, dass auch der Kontakt zu mehrerer Sprachen in der frühen Kindheit die kognitiven Fähigkeiten fördert.

Kinder lernen Sprache, indem sie zuhören und das Gehörte mit ihrer Umwelt und ihren eigenen Handlungen in Beziehung setzen. Intuitiv probieren sie neue Wörter und Regelmäßigkeiten in der Grammatik solange aus, bis sie sie richtig anwenden können.

Die Grundvoraussetzung für den Spracherwerb ist zum einen, dass das Kind die organischen Voraussetzungen mitbringt und zum anderen, dass das Kind Kontakt zu anderen Menschen hat. Ohne Beziehung und Zuwendung vertrauter Menschen entwickelt sich keine Sprache.

Sprachkompetenz

Der Spracherwerb ist ein lebenslanger Lernprozess. Jedes Kind benötigt für die verschiedenen Sprachentwicklungsstufen unterschiedlich viel Zeit. Neue Wörter lernt der Mensch sogar ein Leben lang.

Anhaltspunkte für die Sprachentwicklung:

0 Jahre: Schreien und Lallen
1 Jahr: 1-Wort-Äußerungen
2 Jahre: 2-Wort-Sätze
3 Jahre: Mehrwortsätze
4 Jahre: Fragealter, Nebensätze

Ein bedeutender Schritt für jedes Kind ist sein Schuleintritt. Ob ein Kind sich am Unterricht beteiligen kann und gern in die Schule geht, hängt stark von seinem Sprachverständnis und seiner Ausdrucksfähigkeit ab. Um den Anforderungen zum Zeitpunkt des Schuleintritts gerecht zu werden, sollte im Vorschulalter die Basis für die Sprache vorhanden sein.

Dies bedeutet:

  • das Kind hat bis zum Schuleintritt die Grundzüge der Grammatik gelernt
  • es kann die Laute und Lautverbindungen seiner Muttersprache richtig aussprechen
  • Erlebnisse und kleine Geschichten kann es inhaltlich zusammenhängend sowohl erzählen als auch verstehen
  • das Kind ist in der Lage, seine Gefühle und Bedürfnisse angemessen zu artikulieren
  • es kann sich im Gespräch auf seine Gesprächspartner einstellen

Die Aufzählung zeigt, dass sich die Sprachkompetenz eines Menschen aus verschiedenen Teilbereichen zusammensetzt. Um welche Teilkompetenzen handelt es sich?

Wortschatz

Schon Säuglinge beginnen mit dem Aufbau ihres Wortschatzes, indem sie auf die Zuwendung ihrer Bezugspersonen reagieren. Dabei achten sie vor allem auf die Stimmen und die Mimik. Sie nehmen die Sprachmelodie in sich auf und geben sie mit ihrem Lallen und Brabbeln ansatzweise wieder. Im zweiten Lebensjahr beginnt ein Kind dann meist die ersten Wörter zu sprechen. Durchschnittlich kennt ein Kind mit achtzehn Monaten bereits fünfzig Wörter. Ein Meilenstein für sein Sprachverständnis, denn diese fünfzig Wörter benötigt es, um sich nun auch die grammatikalischen Strukturen der Sprache zu erschliessen. Mit etwa vier Jahren beginnt ein Kind, die Wortbedeutungen vom Hier und Jetzt zu lösen. Dem Kind wird bewusst, dass beispielsweise der Hund vom Nachbarn immer noch ein Hund ist, auch wenn es ihn gerade nicht sieht oder hört.

Doch wie genau lernt ein Kind im Vorschulalter einen neuen Begriff? Das Kind hört ein neues Wort, spricht es nach und wiederholt es. Doch erst, wenn es die Bedeutung des Wortes mit seinen Sinnen erfahren hat, kann es das neue Wort tatsächlich begreifen und verinnerlichen. Hilft ein Kind zum Beispiel bei der Zubereitung eines Obstsalates, kann es eine Vielzahl von neuen Begriffen lernen. Über die Benennung der Obstsorten hinaus kann das Kind die Bedeutung von süss, sauer, saftig, hart, weich und viele weitere Begriffe direkt erfahren und abspeichern - vorausgesetzt natürlich, dass die Handlung sprachlich begleitet wird.

Um es zu verinnerlichen, muss ein Kind ein neues Wort in einen sinnvollen Zusammenhang bringen können. Dabei erweitert sich der Wortschatz vom Allgemeinen zum Besonderen. Zu Beginn sind für ein Kind beispielsweise alle vierbeinigen Tiere ein Hund, bevor es lernt, dass es auch Katzen, Pferde usw. gibt.

Phonologische Bewusstheit

Auch das Wissen um die formalen Eigenschaften von Wörtern gehört zur Sprachkompetenz. Das Kind bemerkt, dass es einen Unterschied gibt zwischen Inhalt und Form eines Wortes. Es lernt Silben, Laute und den Rhythmus der Sprache kennen.
Zum Beispiel das Wort „Kuh“:

  • Ein Tier auf dem Bauernhof. Sie gibt die Milch (Inhalt)
  • Reimt sich auf Schuh, einsilbig (Form)

Die phonologische Bewusstheit spielt eine wichtige Rolle für das Lesen- und Schreibenlernen. Kann ein Kind die einzelnen Teile eines Wortes heraushören, Silben klatschen und Reimwörter finden, wird es ihm leichter fallen, die gesprochene Sprache in Schrift umzusetzen.

Grammatikalische Regeln der Sprache

Das Kind setzt sich auch mit den Regeln der Sprache (Satzstruktur, Einzahl, Mehrzahl etc.) auseinander. Diese werden angewendet und ausprobiert. Dabei kommt es zu neuen Wortschöpfungen, denn das Kind wendet die grammatikalischen Regeln, die es bereits kann, auf Neugelerntes an. Zum Beispiel bildet das Kind aus der Einzahl „eine Maus“ die Mehrzahl „zwei Mausen“, denn die grammatikalische Endung auf „–en“ kennt es bereits. Durch sprachliches Feedback und die Erwähnung der richtigen Mehrzahl „Mäuse“ lernt es dann die neue Form kennen.

Der Aufbau des Wortschatzes und der phonologischen Bewusstheit sowie das Verständnis für die grammatikalischen Regeln der Sprache befähigen das Kind schliesslich, vollständige und sinnvolle Sätze zu bilden.

Die pragmatisch kommunikative Kompetenz

Mit der pragmatisch kommunikativen Kompetenz ist die Verwendung der Sprache in verschiedenen sozialen Kontexten gemeint. Soziale und kulturelle Regeln müssen erlernt werden. Die Mimik, Gestik, die Sprachmelodie spielen eine Rolle für das Sprechen und Verstanden werden.

Beispiele: ein Kind muss erst lernen, dass es in gewissen Situationen nicht angebracht ist, einfach draufloszureden. Auch muss es lernen, sein Gegenüber beim Sprechen anzuschauen. In anderen Kulturkreisen hingegen ist es unhöflich, sich beim Sprechen in die Augen zu schauen.

Hinzu kommt das Wissen darüber, was man mit der Art und Weise zu Sprechen bewirken kann. Ein Kind, das unentwegt quengelt „Ich will ein Eis“ weiss genau, dass es gute Chancen hat, es irgendwann doch zu bekommen, wenn es in der Vergangenheit schon Erfolg mit seinem Quengeln hatte.

Die pragmatisch kommunikative Kompetenz spielt in Pflegefamilien eine besondere Rolle, wenn das Pflegekind seine Pflegeeltern einfach nicht versteht. Zum Beispiel sind die Pflegeeltern Akademiker. Sie sprechen eine vollkommen andere Sprache als das Kind, das in seinem bisherigen Leben möglicherweise keine positive sprachliche Zuwendung erfahren hat. Hier müssen Pflegeeltern mit ihrem Pflegekind erst eine gemeinsame Sprache finden.

Letzte Aktualisierung am: 
01.01.2011