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Sprache des Kindes - Wie ‘spricht’ das Kind?

Das Kind spricht nicht durch die Sprache des Mundes 'Worte', sondern durch die Sprache des Körpers Mimik, Gestik, Körperhaltung, Bewegung und durch sein Verhalten.

Das Kind spricht nicht durch die Sprache des Mundes 'Worte', sondern durch die Sprache des Körpers Mimik, Gestik, Körperhaltung, Bewegung und durch sein Verhalten.

Unser Verstehen

Diese Sprache des Kindes interpretieren wir durch die Brille unserer eigenen Erfahrungen und interpretieren sie daher anders, als das Kind es ausdrücken wollte.
Es ist daher so wesentlich, dass wir die Sprache des Kindes verstehen, dass wir begreifen, warum Kinder sich so verhalten, wie sie es nun mal tun.

Schwieriges manchmal kontraproduktives Verhalten ist aus der Perspektive des Kindes daher sinnvolles Verhalten.

Verhalten des Kindes an einigen Beispielen

Pflegekinder zeigen häufig eine Maske

Sie trauen sich noch nicht so zu sein, wie sie sind. Sie wollen den Erwartungen Anderer entsprechen, obwohl sie sich so oft gerade in deren Erwartungen irren. Ihr Selbstbewusstsein ist gering ausgeprägt oder stark negativ behaftet.

Aufmerksamkeit einfordern

Viele Pflegekinder haben große Angst, übersehen zu werden, keine Rolle zu spielen, nicht wichtig zu sein. Sie wissen nicht, ob sie gemocht werden. Sie sind unsicher in der Klasse und bei Freunden und suchen sich Rollen, die sie für bedeutsam halten (Clown).

Konzentrationsprobleme und Vergesslichkeit

Viele Pflegekinder leben in unsicheren Perspektiven. Sie müssen in der Gegenwart ankommen, sie müssen sich mit Vergangenem auseinandersetzen. Sie müssen sehr verschieden Welten miteinander in Einklang bringen z.B. durch Besuchskontakte. Es gibt eine Menge Dinge, die von den Kindern wirklich als wichtiger empfunden werden als Schule und Lernen. Darüber hinaus haben die Kinder häufig Beeinträchtigungen wie ADHS, FASD u.a, bei denen Konzentrationsprobleme als Symptome bekannt sind.

Angst zu versagen

Unsicherheit und häufig auch Überanpassung lässt viele Kinder ihre eigenen Möglichkeiten, ihr Können und ihre Grenzen nicht erkennen. Weil sie das Gefühl haben, den Anforderungen nicht gerecht zu werden oder den Erwartungen der Erwachsenen nicht entsprechen zu können befürchten sie Strafe und Verlassenwerden.

Nicht zuhören können / Gehörtes nicht umsetzen können / nicht alles erkennen / andere nicht verstehen

Wahrnehmungsprobleme sind eine der häufigsten Beeinträchtigungen von Pflegekindern. Die Kinder können dabei Dinge nur selektiert wahrnehmen. Sie erkennen nicht, was wichtig und unwichtig ist und werden überschwemmt von jedweder Form von Eindrücken.
Sie haben Schwierigkeiten in der räumlich-visuellen und akustischen Wahrnehmung, ebenso auch in andere Wahrnehmungen wie kalt - warm, hoch-tief etc. Erst im Rahmen einer neuen Bindung zu den Pflegeeltern kann das Kind seine Gefühle wieder zulassen und verstehen und dann auch die Gefühle anderer verstehen, denn Gefühle für andere sind Spiegelungen eigener Gefühle.

Klauen – ‚mitgehen‘ lassen

"Du sollst nicht stehlen" ist eine Wertvorstellung. Um Werte erkennen und übernehmen zu können, muss der Mensch selbst sich wertvoll fühlen und als wertvoll angesehen werden. Viele Pflegekinder kennen dieses Gefühl nicht – oder erlernen es gerade mühselig. Es fällt ihnen daher schwer, Werte überhaupt zu verstehen und erst recht, Werte zu werten. Darüber hinaus nimmt das Kind in den ersten Lebensjahren die Wertvorstellungen seiner Umgebung auf. Kinder, die schon älter in die Pflegefamilie kommen, haben daher oft andere Werte von früher verinnerlicht, als die, die für ein soziales Verhalten angebracht wären.

Pflegekinder haben oft eine verzerrte, unrealistische Vorstellung von sich selbst

Pflegekinder haben häufig eine verzerrte und unrealistische Vorstellung von sich selbst. Es fällt ihnen ebenso schwer, andere Menschen und Dinge realistisch einzuschätzen. Sie können ihre Leistung nicht einschätzen, wissen nicht, wie der Lehrer zensieren oder reagieren wird. Sie haben "Freunde" – jeden Tag neue und erkennen nicht, wie ihr Verhalten sich auf andere auswirkt. Sie sind dadurch sehr verführbar und durch andere "benutzbar".

Forderungen nicht entsprechen, Leistungen nicht bringen wollen

Pflegekinder weigern sich oft so heftig, eine Aufgabe zu erledigen, dass diese Verweigerung in keinem Verhältnis zur eigentlichen Aufgabe steht. Auch wird vom Kind sehr viel mehr an Energie aufgewendet, um eine Aufgabe nicht machen zu müssen, als es notwendig wäre, sie zu erledigen. Das "nicht machen wollen" ist also keine Faulheit sondern der Ausdruck einer Verletzung und Verwirrung des Kindes. Verletzte Kinder fühlen sich durch Anforderungen und Aufforderungen schnell bedroht. Sie haben das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren und überwältigt zu werden und ‚müssen‘ daher diese Anforderungen heftig bekämpfen.

Grenzen werden nicht wahrgenommen

Kommt das Kind in eine neue Umgebung ändert sich alles. Hier müssen erst einmal die dort gültigen Grenzen deutlich gemacht werden, denn das Kind kennt diese Grenzen nicht. Je größer jedoch das innere Chaos des Kindes ist, desto deutlicher müssen die äußeren Grenzen und Strukturen sein, damit das Kind sich an etwas festhalten kann. Erst durch Erfahrung von Sicherheit, Beziehung, Klarheit und konsequentem Verhalten kann das Kind Grenzen wahrnehmen und sie dann auch übernehmen.

Nicht bei der Wahrheit bleiben – Geschichten erzählen

Kinder erzählen Märchen (Lügen) und haben dafür besondere Gründe: Das Kind "füllt" Geschehnisse, an die es sich nicht mehr erinnern kann und macht sie somit für sich real "zur Wahrheit". Traumatisierte Kinder oder auch Kinder mit FASD können sich oft nicht erinnern. Sie haben sowieso weniger oder nur teilweise die Dinge mitgekriegt und können darüber hinaus noch weniger behalten. Sie erfinden daher Geschichten. Manchmal ‚lügen‘ sie auch, um den Erwartungen anderer zu entsprechen.

Die Pflegefamilie ist die Chance für das Kind

Nur immer sich wiederholende gute, verlässliche Erfahrungen geben dem Kind die Möglichkeit, seine Vorsicht langsam aufzugeben und Vertrauen zu entwickeln. Dieses neue Vertrauen überlagert die alten Erfahrungen und schafft Raum für neue Erfahrungen

Sicht der Welt

Das Bild der Welt verändert sich, das Modell des Umgangs mit anderen verändert sich, das Verständnis für sich selbst entsteht.

Letzte Aktualisierung am: 
03.10.2012

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