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Spielen lernen in der neuen Familie

Der Anblick von spielenden Kindern ist nichts Ungewöhnliches. Doch Pflege- und Adoptiveltern erzählen immer wieder, dass ihr Kind nicht richtig spielen konnte, als es zu ihnen kam.

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Der Anblick von spielenden Kindern ist nichts Ungewöhnliches. Doch Pflege- und Adoptiveltern erzählen immer wieder, dass ihr Kind nicht richtig spielen konnte, als es zu ihnen kam. Ein paar Gedanken über den Umgang mit dem Spielverhalten von Kindern, die erst lernen müssen, zu spielen.

HeiligabendUm spielen zu können, muss ein Kind eine gesunde Portion Neugierde und ein aktives Interesse an seiner Umwelt entwickelt haben. Es fühlt sich körperlich und psychisch wohl, wenn es sich in ein Spiel vertieft. Pflege- und Adoptiveltern machen immer wieder die Erfahrung, dass ihr Kind gar nicht wusste, wie und was es spielen sollte, als es zu ihnen in die Familie kam. Es wusste nichts mit Legosteinen anzufangen, kannte keine Kartenspiele und konnte schon gar nicht in verwunschene Spielwelten mit den Puppen abtauchen. Es gibt Pflege- und Adoptivkinder, die noch nie erlebt haben, dass sich ein Erwachsener Zeit nimmt für sie und sich mit ihnen beschäftigt.

Noch nie ein eigenes Spielzeug gehabt

Ausländische Adoptivkinder, die bisher in einem Heim ihres Ursprungslandes gelebt haben, hatten möglicherweise dort wenig Spielzeug, welches sie auch noch mit vielen Kindern teilen mussten. Da blieb wenig Zeit, um in Ruhe zu spielen.
Margot Weyer zitiert in ihrem Buch "Adoption - und danach? ein Adoptivelternpaar, das ein Heimkind aus dem Ausland adoptiert hat:

"Was uns am Anfang sehr deprimiert hatte, war Carstens Spielverhalten. Er wusste mit Spielsachen nichts anzufangen, konnte sich keine Minute allein beschäftigen und lag am liebsten Daumen lutschend auf dem Boden. Ich musste mich dazu setzen, ihm vorspielen, um ihn zu aktivieren. Inzwischen weiß er, was man mit einem Ball machen kann, fährt mit kleinen Autos, beschäftigt sich im Sandkasten mit Förmchen, manchmal auch schon ganz von allein ohne Aufmunterung, aber immer nur, solange ich in der Nähe bin. Ich glaube, er hatte vorher noch nie Spielzeug gesehen." (S. 61-62)

Energie zum Spielen ist nicht vorhanden

Kinder, die Vernachlässigung und Gewalt erleben mussten, leben mit einer tiefgreifenden Verunsicherung. Ihre natürliche Neugierde, die Umwelt aktiv zu erkunden, ist erlahmt. Die positive Energie und die Phantasie zum Spielen können sie von selbst nur kaum oder gar nicht entwickeln. Eine Bereitschafts-Pflegemutter erzählt über den fast 5-jährigen Manuel:

"Er wollte zunächst weder spielen noch malen noch sonst etwas tun und ließ sich erst ganz allmählich und auch nur zeitweise von Dennis, 9 Jahre alt, der seit zweieinhalb Monaten bei uns lebte, ins Spielen einbeziehen. Die Jungen vertrugen sich gut. Ich glaube, ohne Dennis hätte er während der 5 Wochen bei uns kaum gespielt. Er saß viel lieber mit einem Spielzeug im Arm leicht schaukelnd auf einem Stuhl und `träumte`vor sich hin."

Über Frederik, der mit drei Jahren zu ihr kam, erzählt sie:

"Frederiks physische Versorgung hatte die Mutter wohl sichergestellt, aber seine psychischen Bedürfnisse hatte sie wohl nicht erkannt und befriedigt. Er war wohl oft mit Spielzeug in eine Zimmerecke gesetzt und sich selbst überlassen worden. Er konnte sich über einen längeren Zeitraum beschäftigen, das aber mit einem Minimum an Bewegung. Er spielte nur mit Dingen, die zwischen seinen gespreizten Beinen lagen. Mit Autos durch den Raum zu schieben hat er erst bei uns gelernt."

Enormer Nachholbedarf

Viele Adoptiv- und Pflegekinder haben in ihrem Spielverhalten einen enormen Nachholbedarf. Es ist nichts besonderes, wenn ältere Kinder Spiele spielen, die für viel jüngere Kinder gedacht sind. Ein 6-jähriges Adoptivkind, der keine Ahnung hat, dass es Bauklötze aufeinander stapeln kann, wird mit etwas Hilfestellung schnell lernen, was mit Bauklötzen alles anzustellen ist. Es holt nach, was ihm bisher verwehrt geblieben ist.

Die 15-jährige Sophie zum Beispiel wünschte sich zu Weihnachten nichts sehnlicher als einen Playmobil-Bauernhof. Ihre Pflegeeltern erfüllten ihr den Wunsch und erzählten, dass sie sich tagelang in ihre Bauernhof-Welt vertiefte und spielte. Von Altersangaben auf Spielzeugpackungen sollten sich Adoptiv- und Pflegeeltern also nicht verunsichern lassen.

Die Freude hält nicht lang

"Ich habe nie genug!" Vernachlässigte Kinder leben mit einem tief liegenden Mangelgefühl. Sie haben das Gefühl, niemals genug zu bekommen. Die Freude über Geschenke hält mit diesem Grundgefühl nicht lange an. Ist die Freude über ein Weihnachtsgeschenk an Heiligabend noch riesengross, so kann am ersten Weihnachtsfeiertag gleich die Frage kommen: "Und was kriege ich heute?" Die Freude über das "alte" Spielzeug vom Tag zuvor ist schon vergessen.

Vom Geschenkerummel nicht verunsichern lassen

Noch weniger als Kinder, die in behüteten Verhältnissen aufgewachsen sind, können viele Adoptiv- und Pflegekinder mit dem weihnachtlichen Geschenkerummel umgehen. Schnell sind sie völlig überfordert. Die meisten Pflege- und Adoptiveltern wissen dies sicherlich bereits und können das Verhalten ihres Kindes richtig deuten. Doch auch die "neuen" Grosseltern, Tanten und Onkel sollten sich davon nicht verunsichern lassen und auch nicht irritiert sein, wenn das Kind sich über die Geschenke nicht so freuen kann, wie sie es vielleicht erwartet haben.

Und haben es Verwandte und Freunde mal wieder zu gut gemeint, können Sie das ein oder andere Geschenk vielleicht wieder verschwinden lassen und während des Jahres aus der Überraschungskiste ziehen. Will Ihr 13-jähriges Pflegekind viel lieber mit den Bauklötzen der kleinen Schwester spielen als mit dem neu geschenkten Lego-Bausatz, spielen Sie mit ihm zusammen mit den Bauklötzen! Der Lego-Bausatz kann warten.

Zitate aus "Adoption - und danach?" von Margot Weiher, erschienen 2006 im Kirchturm-Verlag.

und "Zusammenleben mit auffälligen Kindern. Erfahrungen einer Pflegemutter", herausgegeben 2005 von PAN Pflege- und Adoptivfamilien in NRW e.V.

Autorin: Astrid Hopp-Burckel, Dezember 2007

Weiterlesen: 
Buch: Ratgeber
von
Margot Weyer

Adoption - und danach?

Erfahrungen, Orientierungen und Berichte über die Adoption fremdländischer Kinder

Mit Leseprobe: "Selbst Spielen will gelernt sein"
Letzte Aktualisierung am: 
27.05.2008