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Alltag mit Kindern

Sich Überanpassen und andere kopieren

Nach der Übersiedlung in die Pflegefamilie muss das Kind erst einmal die Art und Weise des Lebens, Denkens und Handelns dieser neuen Familie kennen lernen. Es möchte aber nicht direkt unangenehm auffallen und so tut es denn so, als würde es alles verstehen und richtig machen. Dazu schaut es sich an, was die anderen Mitglieder der Familie tun. Meist sucht es sich eines der Geschwisterkinder heraus und kopiert dessen Verhalten genau. Außerdem passt es sich den Tagesabläufen und Verhalten in der Familie sehr an. So kann es sein, dass es auch sofort Mama und Papa zu den Pflegeeltern sagt, weil dies die anderen Kinder ja auch tun.

Die einfachste Methode Fehler in einer unsicheren Umgebung zu vermeiden ist –
a) genau zu schauen, wie die Anderen etwas machen und dies dann nach zu machen
b) sich im hohen Maße anzupassen (Überanpassung)

Das ist das was Pflegekinder zu Beginn in ihren Pflegefamilien machen.

Nach der Übersiedlung in die Pflegefamilie muss das Kind erst einmal die Art und Weise des Lebens, Denkens und Handelns dieser neuen Familie kennen lernen. Es möchte aber nicht direkt unangenehm auffallen und so tut es denn so, als würde es alles verstehen und richtig machen.
Dazu schaut es sich an, was die anderen Mitglieder der Familie tun. Meist sucht es sich eines der Geschwisterkinder heraus und kopiert dessen Verhalten genau. Außerdem passt es sich den Tagesabläufen und Verhalten in der Familie sehr an. So kann es sein, dass es auch sofort Mama und Papa zu den Pflegeeltern sagt, weil dies die anderen Kinder ja auch tun.

Diese Überanpassung drückt noch keine Integration in die Pflegefamilie aus, sondern ist ein Schritt zu Beginn eines langen Weges in die Familie.

Nienstedt-Westermann schreiben in ihrem Buch „Pflegekinder“ S. 88/89:

Die Überanpassung des Kindes an die Erwartungen der (Pflege)Eltern, sein Wohlverhalten und seine Orientierung an den elterlichen Normen und Werten, die von einem Tag bis zu mehreren Monaten anhalten kann, dient nicht dazu, einen guten Eindruck zu machen. Wenn das Ken den Eltern ihre Wünsche von den Augen abliest und beunruhigend gut funktioniert, hält es seine eigene Unsicherheit unter Kontrolle, als müsste es bedacht sein, seine Lage nicht zusätzlich zu gefährden. Die Überanpassung des Kindes wird aber oft nicht als eine vorübergehende und für die Entwicklung neuer Beziehungen hinderliche, wenn auch für das Kind zunächst notwendige Anpassungsform erkannt, sondern als Hinweis darauf verstanden, dass das Kind gut in die Familie passt, dass es schon die neuen Pflegeeltern als seine Eltern akzeptiert, dass die (Pflege)Eltern schon die Eltern des Kindes geworden sind.
Durch diese Form der Überanpassung werden die Pflegeeltern verleitet, vom Kind Bestätigung und Anerkennung in ihrer Elternrolle zu erwarten, und sie werden verleitet, das Kind rasch erziehen zu wollen, wie es ihren Vorstellungen entspricht.
Infolge dieses Missverständnisses übernehmen die Eltern dann zu rasch eine Erziehungshaltung und reagieren mit Anpassungsdruck, wenn das Kind beginnt, die Beziehungen zu den (Pflege)Eltern aufgrund seiner früheren Erfahrungen nach alten Mustern zu gestalten.
Der Anpassungsdruck kann z.B. durch Sätze wie: „Das geht aber in unserer Familie nicht; wenn du dich nicht änderst, musst du wieder gehen“, oder auch dadurch, dass die (Pflege)Eltern dem Kind signalisieren, dass sie das gute Funktionieren geschätzt haben und möchten, dass es so bleibt.

Das Auftreten von Konflikten wird dann nicht als Entwicklungsfortschritt erlebt, als Hinweis auf gewachsene Sicherheit und als Chance für eine Klärung der Beziehung und eine Aufarbeitung der bisherigen Erfahrungen des Kindes, sondern als Rückschritt und oft als Hinweis auf die eigene Unfähigkeit, mit dem Kind angemessen umzugehenh. „Es war doch zunächst so gut gegangen – warum jetzt nicht mehr? Was haben wir falsch gemacht? Ist das Kind doch viel schwerer gestört als wir dachten?

Die Fragen, die sich Eltern in dieser Situation selten stellen lauten: „Was sagt mir das Kind durch sein Verhalten über seine bisherigen Erfahrungen, über seine Gefühle und Erwartungen?“
Eltern fragen eher:“ Was kann ich tun, damit sich das Verhalten ändert? Welche Belohnungen, Anreize, Ablenkungen oder Zurechtweisungen und Strafen könnten wirksam sein?“ Ein rasches Bewältigen der Probleme wird als Erfolg verbucht, bedeutet aber in vielen Fällen nur, dass das Kind in die äußere Anpassung zurückgedrängt wird, ohne die Chance eines wirklich neuen famililialen Beziehungsaufbaus zu erhalten, da ihm die neuen Normen und Werte aufgezwungen und andressiert werden, statt dass das Kind sie schließlich aktiv erwirbt aufgrund seines Wunsches, sich mit den (Pflege)Eltern zu identifizieren. Bis dahin braucht man jedoch eine sehr viel längere Perspektive. Bei älteren Kindern muss man in der Regel mit mindestens einem Jahr rechnen, bis man an diesem Punkt angelangt ist.
Eine zu rasche Erziehung führt nicht selten zum Aufrechterhalten der Überanpassung beim Kind und schließlich zum Scheitern des Beziehungsaufbaus. Die Anpassung bleibt nur eine äußere und neue Beziehungen werden nicht entwickelt, in denen sich das Kind aktiv an die Normen und Werte der Eltern anzupassen sucht.

Die Pflegeeltern müssen dem Kind erlauben, dass es sie manipuliert und Einfluss auf sie gewinnt. Sie müssen den Weg des Kindes mitgehen und sich von ihm an die Hand nehmen lassen. Nur so kann es dem Kind gelingen, die aufgrund ängstlicher Unsicherheit aufgebaute Überanpassung aufzugeben und sich mehr als es selbst auf die Familie einzulassen.

Tipps für den Alltag:

Sicherlich ist es für das Geschwisterkind in der Familie, welches von dem Pflegekind aus Unsicherheit kopiert wird, notwendig, wenn die Eltern ihm dies so erklären und ihm versichern, dass dieses Verhalten aufhören wird. Meist stört ein solches Verhalten das Geschwisterkind, denn es weiß nicht so richtig damit umzugehen, weil es es nicht versteht. Eine entsprechende Erklärung ist daher wichtig.

Die Überanpassung ist also nur ein zeitweises Verhalten des Kindes, dass es dann lassen kann, wenn es enger in die Beziehung zu der Pflegefamilie geht. Aus dem lieben, friedlichen und angepassten Kind kann dann ein anderes Kind werden, welches den Mut hat, sich und seine bisherigen Lebenserfahrungen in der Pflegefamilie zu zeigen. Dies ist ein großartiger Schritt hin zu Ihnen als Pflegeeltern.
Bisher hat das Kind sich Ihnen angeglichen, nun erwartet es, dass Sie sich mehr ihm angleichen und SEINE Bedürfnisse, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten gelassen tragen lernen.
Wenn Ihnen das gelingt, wird sich eine Beziehung zwischen Ihnen und dem Kind ergeben und nur mit BEziehung ist ERziehung überhaupt möglich.

Haben Sie Geduld, überfluten Sie das Kind nicht mit zu Vielem, leben Sie in einem strukturierten und für das Kind überschaubarem Alltag, versuchen Sie es zu verstehen, dann kann es mit der Zeit Ihre Werte und dass was Ihnen Wichtig ist auch übernehmen und muss nicht einfach dem Mächtigeren nur gehorchen.

Letzte Aktualisierung am: 
22.09.2009

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