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28.11.2023
Projekt

Leaving Care und Nachbetreuung: Neue Aufgaben für die Kinder- und Jugendhilfe

Im Rahmen des Projekts »Fachstelle Leaving Care – Beratung und Infrastrukturentwicklung für Kommunen« der IGFH und der Stiftung Universität Hildesheim entstand eine Broschüre zu Rechtlichen Regelungen und Praxisempfehlungen für die Umsetzung des § 41a SGB VIII (Nachbetreuung junger Volljähriger).

Inhaltliche Schwerpunkte der Broschüre

1. Nachbetreuung nach § 41a SGB VIII als neue Aufgabe kommunaler Infrastrukturen des Leaving Care

2. Nachbetreuung – Was sieht das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz vor?

Verselbstständigung - Nachbetreuung innerhalb eines angemessenen Zeitraums nach Beendigung der Hilfe - Beraten und unterstützen - Notwendiger Umfang und angemessener Zeitraum nach Beendigung der Hilfe - Kontakt zu dem*der jungen Volljährigen

3. Lernen aus internationaler Forschung, Praxis und Fachpolitik für den Aufbau von Nachbetreuungsstrukturen in Deutschland

Extended Care – Erkenntnisse der Forschung über die Nachhaltigkeit längerer Hilfen  - Aftercare  Anspruch der Kinder- und Jugendhilfe, dass junge Menschen nicht unfreiwillig allein klarkommen müssen - Nachbetreuungskonzept: Person of Reference (Schweiz)

4. What the hell means Nachbetreuung im Sinne des § 41a SGB VIII?

Konzeptionelle und strukturelle Überlegungen für die Praxis Konzeptionelle Ausrichtungen von Nachbetreuung: Ein erster Ordnungsversuch - Nachbetreuung als Infrastruktur des Leaving Care: Praxisbeispiele im Überblick - Individuelle Angebote Angebote der Übergangsgestaltung - Offene Anlaufstellen - Grundstrukturen in den bisherigen Nachbetreuungsangeboten

5. Nachbetreuung an der Schnittstelle zu anderen Angeboten und Rechtskreisen

6. Anforderungen, Empfehlungen und offene Fragen

 
Rechtliche Grundlage

§ 41a Nachbetreuung

(1) Junge Volljährige werden innerhalb eines angemessenen Zeitraums nach Beendigung der Hilfe bei der Verselbständigung im notwendigen Umfang und in einer für sie verständlichen, nachvollziehbaren und wahrnehmbaren Form beraten und unterstützt.

(2) Der angemessene Zeitraum sowie der notwendige Umfang der Beratung und Unterstützung nach Beendigung der Hilfe sollen in dem Hilfeplan nach § 36 Absatz 2 Satz 2, der die Beendigung der Hilfe nach § 41 feststellt, dokumentiert und regelmäßig überprüft werden. Hierzu soll der Träger der öffentlichen Jugendhilfe in regelmäßigen Abständen Kontakt zu dem jungen Volljährigen aufnehmen.

Auszug zum § 41a (Broschüre Seite 6/7) 

„Das neue KJSG stärkt die Rechte junger Volljähriger auf angemessene Hilfen in ihrer jeweiligen Lebenssituation, auf Hilfestellung bei der Gestaltung von Übergängen und auf eine bedarfsgerechte Nachbetreuung. Gerade im jungen Erwachsenenalter entscheidet sich, wie die soziale Teilhabe im Gefüge des Ausbildungs- und Arbeitsmarktes gelingt. Das gilt selbstverständlich auch für junge Menschen mit Behinderungen“, heißt es In der Beschlussempfehlung zu dem Gesetz (Deutscher Bundestag 2021, S. 9). Die Bedarfsgerechtigkeit steht bei der Gestaltung der Hilfen und schließlich auch bei der Nachbetreuung im Mittelpunkt. Die Offenheit aller Betreuungs- und Hilfekonzepte soll damit unterstrichen werden (ebd.). Es werden also gerade nicht vorgefertigte Konzepte seitens der Gesetzgebung erwartet. Die Formulierung des § 41a SGB VIII gibt zudem keine Limitierung vor. Die Unterstützung kann bis zum 27. Lebensjahr in Anspruch genommen werden.

Nachbetreuung im Sinne des § 41a SGB VIII ist nun ein mit der Verabschiedung des KJSG neues Aufgabenfeld in Verbindung mit den Hilfen zur Erziehung, ohne selbst Teil der Hilfen zur Erziehung zu sein. Es ist als nachgehendes Angebot zu den Hilfen für junge Volljährige (§ 41 SGB VIII) verpflichtend vorgesehen. Die Nachbetreuung nach § 41a setzt somit aber eine vorherige Gewährung einer Hilfe für junge Volljährige voraus; sie kommt nicht als Folgeleitung einer Erziehungshilfe nach § 27 SGB VIII in Betracht (Wiesner/Wapler 2021, § 41a Rn 9). Es besteht allerdings im Anschluss an eine Hilfe für junge Volljährige (§ 41 SGB VIII) ein Rechtsanspruch auf weitergehende Unterstützung, die nicht beantragt werde muss und auch nicht den Verfahren der Hilfegewährung und Hilfeplanung im Sinne des § 36 SGB VIII unterliegt. Damit wird unterstrichen, dass die Nachbetreuung nicht mit den Hilfekriterien nach § 27 bzw. § 41 SGB VIII gleichgesetzt werden kann. Auch kann die Leistung nicht über die Festschreibung von Betreuungszielen reguliert werden.

Dennoch wird in § 41a Abs. 2 SGB VIII festgehalten, dass die vorgesehene Art der Nachbetreuung und deren Umfang bereits am Ende der Hilfe für junge Volljährige im abschließende Hilfeplangespräch dokumentiert wird.  Dies schließt auch die konkrete Verständigung mit dem jungen Menschen darüber ein, in welcher Art und Weise die Nachbetreuung geleistet wird und in welchem Umfang. Ein pauschales, nicht näher definiertes Angebot wird dem gesetzlichen Auftrag nicht gerecht (vgl. Wiesner/Wapler 2021, S. 961, Rn 14). Damit ist schließlich auch dafür Sorge zu tragen, dass der junge Mensch transparent und umfänglich über die Möglichkeiten und Ausgestaltung einer Nachbetreuung informiert wurde.

Die Formulierung der gesetzlichen Regelung zur Nachbetreuung beinhaltet somit also grundsätzlich die Verpflichtung des öffentlichen Trägers, ihrem Beratungsauftrag gegenüber jungen Menschen in Angelegenheiten und Möglichkeiten der Nachbetreuung nachzukommen und den mit dem jungen Menschen im Hilfeplanverfahren erörterten Bedarf und Umfang einer Nachbetreuung zu dokumentieren. Diese schließt eine regelmäßige Kontaktaufnahme des Jugendamtes zu dem jungen Menschen ein, welche nicht die Nachbetreuung selbst beinhaltet, sondern um den Bedarf, Zeitraum und Umfang dieser regelmäßig zu überprüfen. 

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