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20.04.2022
Projekt

Gemeinsam mit den Eltern

In der dreijährigen Laufzeit des Projektes "Gemeinsam mit Eltern - Lücken schließen in der Pflegekinderhilfe" beschäftigten sich die Perspektive gGmbH und Träger der Jugendhilfe in Baden-Württemberg mit der Frage der Zusammenarbeit mit den Eltern von Pflegekindern. Ziel des Projekts zum Einbezug von Eltern in der Pflegekinderhilfe in Baden-Württemberg war und ist es, die Situation von Kindern und Jugendlichen zu verbessern, die befristet oder langfristig in Pflegefamilien aufwachsen.

Auszüge aus der Einleitung des Projektberichtes

Ziel des Projekts zum Einbezug von Eltern in der Pflegekinderhilfe in Baden-Württemberg war und ist es, die Situation von Kindern und Jugendlichen zu verbessern, die befristet oder langfristig in Pflegefamilien aufwachsen. Dadurch wollten und wollen wir gemeinsam mit unseren Kooperationspartner*innen einen an den Modellstandorten erprobten Gegenentwurf vorlegen, der mit dem Narrativ aufräumt, Eltern- und Kinderrechte stünden sich in der Pflegekinderhilfe unvereinbar gegenüber.

Es geht uns darum, die Entwicklungsbedingungen der jeweiligen Kinder und Jugendlichen in einem Pflegeverhältnis zu optimieren und zugleich den Anspruch von Eltern einzulösen, indem ihnen individuell passende Beratungs- und Unterstützungsangebote unterbreitet werden, ihnen ein im Einzelfall begründetes, geeignetes Maß an Partizipation ermöglicht wird und zugleich die Bedeutung der beteiligten Pflegefamilie berücksichtigt wird. Die Interessen von Kindern und Jugendlichen stehen dabei primär im Fokus der handelnden Fachkräfte, während zugleich die berechtigten Interessen der erwachsenen Beteiligten berücksichtigt werden müssen Ȃ das beschreibt nicht weniger als ein komplexes und herausforderndes Ausbalancieren als eine zentrale Aufgabe der Pflegekinderhilfe. Eltern, deren Kinder in Pflegefamilien aufwachsen, haben einen Anspruch auf eine fachlich fundierte Zusammenarbeit mit Fachdiensten der öffentlichen und freien Jugendhilfe. [....]

Für die tatsächliche Umsetzung der aktualisierten Gesetzeslage werden leistungsfähige, innovative und mutige öffentliche und freie Träger benötigt, um sozialpädagogische Handlungsoptionen zu entwerfen, zu erproben und schließlich auszuschöpfen. In dem zugrunde liegenden Modellprojekt haben sich drei Dienste gemeinsam auf den Weg gemacht und sowohl die beschwerlichen Momente als auch die fachlich äußerst befriedigenden Ergebnisse einer intensivierten Zusammenarbeit mit Eltern reflektiert. Die Weiterentwicklung professioneller Praxiskonzepte lässt sich auf der Grundlage empirisch abgesicherter Erkenntnisse aufbauen, verstärkt adressat*innenorientiert ausrichten und gegenüber Entscheidungsträgern (beispielswiese im Hinblick auf zusätzlich erforderliche Personalressourcen) legitimieren.

Neben einer Verbesserung der Entwicklungsbedingungen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene können und sollen Eltern von Pflegekindern künftig stärker auch selbst von der Erziehungshilfemaßnahme profitieren. [....]

In das letzte Drittel des Projekts ragte ein wichtiger gesellschaftlicher Entwicklungsprozess, den man dramaturgisch so nicht besser hätte planen können: Das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG) ist als Ergebnis des langjährigen SGB VIII-Reform-Prozesses am 10.06.2021 in Kraft getreten. Darin enthalten ist neben vielen anderen Änderungen auch eine Stärkung der Rechte von Eltern (mit und ohne Sorgerecht), deren Kinder außerhalb der Familie aufwachsen. Die aus unseren Projektergebnissen abgeleiteten Empfehlungen und Forderungen treffen daher auf eine Fachszene, die sich in Bewegung befindet und gleichzeitig Orientierung benötigt, um die erweiterten Anforderungen zu erfüllen, die der Gesetzgeber festgelegt hat. Für die qualitative Ausgestaltung liegen nun konkrete Orientierungshilfen sowie Anregungen und Empfehlungen in Bezug auf geeignete methodische Ansätze vor. Diese können interessierten Fachkräften Sicherheit bei ihrer alltäglichen Beratung, Begleitung und Unterstützung sowie dem Aufbau einer KJSG-konformen Pflegekinderhilfe bieten. Wir hoffen auf konstruktive Fachdebatten innerhalb der Pflegekinderhilfeszene sowie Berücksichtigung seitens der jugendhilfepolitischen Entscheidungsträger*innen, um so der Zusammenarbeit mit Eltern den Stellenwert beizumessen, den sie innerhalb der Pflegekinderhilfe verdient.

Die vorliegenden Ergebnisse wurden auf der Grundlage von ausführlichen Gesprächen, Interviews, Ideenwerkstätten, Arbeitstreffen, Praxiserprobung und -bewertung entwickelt. Dabei waren Eltern und Pflegeeltern beteiligt, um ihre Sichtweisen einzubringen. Für ihr Engagement und ihre Bereitschaft, uns Einblick in ihr Erleben zu gewähren und so einen wichtigen Beitrag dafür zu leisten, damit sich Maßnahmen der Pflegekinderhilfe verstärkt an den Belangen von Beteiligten orientieren können, möchten wir uns herzlich bedanken.

Der Gesamtbericht gliedert sich wie folgt:

* Im zweiten Kapitel werden fachliche und rechtliche Hintergründe zum Thema aufbereitet und ein Überblick über die Ziele, den Ansatz und den Verlauf des Modellprojekts geboten.
* Kapitel drei stellt die systematisch aufbereiteten empirischen Erkenntnisse hinsichtlich der Sichtweisen von Eltern vor und bietet durch den Einbezug von Originalaussagen einen tiefen Einblick und einen fachlich nutzbaren Zugang in deren Lebens- und Erlebenswelten.
* Im vierten Kapitel werden auf der Grundlage der zuvor aufbereiteten Erkenntnisse Lücken und mögliche Lösungswege innerhalb der Pflegekinderhilfe gekennzeichnet.
* Darauf aufbauend werden in Kapitel fünf konkrete Ansatzpunkte und erprobte Modelle zur Weiterentwicklung des Einbezugs von Eltern an den beteiligten Standorten vorgestellt.
* Kapitel sechs enthält Erfahrungsberichte und damit einen exklusiven Einblick in die Binnenperspektive der am Projekt beteiligten Standorte durch Vertreter*innen der jeweiligen Dienste. Kapitel sieben schließt den Bericht mit einem Fazit und einem Ausblick ab.

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