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20.12.2018

Zwischenruf - Ohne Fachkräfte keine qualifizierte Kinder- und Jugendhilfe!

Der Fachkräftemangel ist in aller Munde, auch für das Arbeitsfeld Hilfen zur Erziehung bei freien und öffentlichen Trägern. Darum fordert der AFET-Bundesverband für Erziehungshilfen e.V. entschiedene und gemeinsame Anstrengungen von freien und öffentlichen Trägern, Bund, Ländern und Kommunen.

Der Fachkräftemangel ist in aller Munde, auch für das Arbeitsfeld Hilfen zur Erziehung bei freien und öffentlichen Trägern. Viele Träger haben sich schon mit den Herausforderungen, möglichen Folgen und notwendigen Anstrengungen befasstAGJ-Positionspapier vom 07./08.12.2017, JFMK 2012 bis 2018.
Das Problem, für die wichtigen Aufgaben der Erziehungshilfe, qualifizierte und engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden, bleibt akut und wird aus Sicht des AFET in den kommenden Jahren noch drängender. Dies gilt für die Arbeit in den Jugendämtern ebenso wie für die vielfältigen Aufgaben und Leistungen freier Träger - von der Schulbegleitung und Erziehungsberatung über Hilfen in Familien und für junge Menschen bis zur Begleitung und Förderung von Kindern in Heimen und Wohngruppen.

Darum meldet sich der AFET-Bundesverband für Erziehungshilfen e.V. mit einem Zwischenruf zum Fachkräftemangel in den Erziehungshilfen und Jugendämtern zu Wort und fordert vor allem entschiedene und gemeinsame Anstrengungen von freien und öffentlichen Trägern, Bund, Ländern und Kommunen.

Drei Fragen sind zu beantworten, um das Problem des Fachkräftemangels für diese Arbeitsfelder bewerten zu können und erforderliche Aufgaben deutlich zu machen:

1. Gibt es weniger Fachkräfte oder mehr Aufgaben im Feld der Hilfen zu Erziehung und in den Jugendämtern – und wie wird diese Entwicklung weiter gehen?

Die Zahl der Fachkräfte in den Arbeitsfeldern der Hilfen zur Erziehung und in den Jugendämtern hat in den letzten knapp 20 Jahren deutlich zugenommenMonitor Hilfen zur Erziehung 2018. Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik (AKJStat) Sandra Fendrich, Jens Pothmann, Agathe Tabel, Dortmund 2018.

Diese deutliche Zunahme der Beschäftigten ist vor allem dadurch begründet, dass die gesellschaftlichen Erwartungen an eine förderliche Unterstützung für alle Kinder und Familien erheblich gewachsen sind, vor allem in der Kindertagesbetreuung mit Rechtsansprüchen ab dem 1. Lebensjahr oder dem geplanten Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung. Zugleich haben auch die Erwartungen und Anforderungen an Hilfe und Unterstützung für Kinder und Eltern in Krisen, Belastungs- und Notsituationen deutlich zugenommen, z.B. im Kinderschutz. Die Komplexität und die Koordination multipler und interdisziplinärer Hilfen haben die Anforderungsprofile verändert. Und nicht zuletzt sind neue Anforderungen in einem Einwanderungsland deutlich geworden, die mit den Anstrengungen zur Integration und Inklusion auch die Hilfen zur Erziehung und die Jugendämter erheblich herausfordern. Es ist also in keiner Weise erkennbar, dass der erhebliche Zuwachs an Aufgaben und damit Beschäftigung nur vorübergehend sein wird, wesentlich wahrscheinlicher ist es, von weiteren Steigerungen auszugehen.

Und nicht zuletzt sind die Erwartungen und Anforderungen an die Qualität der geleisteten Arbeit, ob in Kindertagesbetreuung, Beratung und Unterstützung oder Kinderschutz, erheblich gestiegen und werden es weiter tun. Auch die intensiv diskutierte Integration aller Kinder mit Behinderungen in die Jugendhilfe wird zu wachsenden Qualitätsanforderungen führen. 

Fazit:

Gestiegene gesellschaftliche Erwartungen an Zahl und Qualität von Angeboten und Leistungen durch Hilfen zur Erziehung und in den Jugendämtern haben zu einem deutlich gestiegenen Bedarf an qualifizierten Fachkräften auch in diesen Arbeitsfeldern geführt; eine Entwicklung, die nicht umkehrbar erscheint, eher weiter anwachsend. Bei den Akteuren in Fachpolitik und Verwaltung, Ausbildung und Praxis hat sich auf breiter Ebene die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Fachkräfte bei der Umsetzung der vielfältigen fachlichen Anforderungen eine Schlüsselposition einnehmen.

Sie gelten aus fachpolitischer Perspektive mittlerweile als wesentliche Qualitätsgaranten für eine nachhaltige und wirkungsorientierte Gestaltung der sozialpädagogischen Arbeit in den Einrichtungen und Diensten der Erziehungshilfe. 

2. Was kann die Arbeit in den Hilfen zur Erziehung und den Jugendämtern für Fachkräfte attraktiv machen?

Die Lage auf dem Arbeitsmarkt für sozialpädagogische Fachkräfte hat sich grundlegend geändert. Einerseits führt wachsende Nachfrage zu gestiegenen Stellenangeboten, andererseits sind die Ausbildungs- und Studienkapazitäten zwar auch gewachsen, aber längst nicht in gleichem Maße.

Für Fachkräfte erfreulich, für Arbeitgeber zunehmend eine Herausforderung, stehen für ausgeschriebene Stellen immer weniger BewerberInnen zur Verfügung, so wird es von öffentlichen und freien Trägern übereinstimmend als Problem angezeigt. Sicher gibt es auch hier regionale und arbeitsfeldspezifische Unterschiede, aber der Tenor ist übereinstimmend eine deutliche Problemanzeige: Öffentliche und freie Träger finden zunehmend weniger ausreichend qualifizierte BewerberInnen für die anspruchsvollen Aufgaben in den Hilfen zur Erziehung und den Jugendämtern!

Die skizzierten Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt für sozialpädagogische Fachkräfte machen es unbedingt erforderlich, neben der Frage, was müssen Fachkräfte mitbringen für diese Aufgaben, danach zu fragen, was macht diese Arbeit für Fachkräfte attraktiv. Hierzu gibt es deutliche Hinweise und Erfahrungen, um nur die wichtigsten zu nennen:

  • Ein vielfältiges Arbeitsfeld mit abwechslungsreichen, spannenden und verantwortlichen Aufgaben und Herausforderungen;
  • eine Balance von Sicherheit und Entwicklungs- und Karrieremöglichkeiten;
  • eine angemessene Bezahlung, auch als Ausdruck gesellschaftlicher Wertschätzung;
  • die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, für junge Frauen und Männer;
  • eine positive work-life-balance, gerade in physisch und psychisch anstrengenden Arbeitsfeldern.

Arbeitgeber sind herausgefordert, für jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter individuell und ab dem ersten Tag der Anstellung ein Maßnahmepaket zu schnüren, das sofort attraktive Arbeitsbedingungen gewährleistet und perspektivisch gute Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet. Nur wenn Arbeitgeber für genau diese Qualitäten stehen und bekannt werden, wird es ihnen gelingen in einem engen und enger werdenden Arbeitsmarkt, qualifizierte Fachkräfte für sich zu gewinnen und halten zu können.

Fazit:

Der Arbeitsmarkt fordert von den Arbeitgebern, sich attraktiv zu machen; BewerberInnen können auswählen und tun dies auch. Nur wenn den Arbeitgebern gelingt, diesen Perspektivenwechsel - nicht wir können auswählen, sondern wir werden ausgewählt - konstruktiv zu begegnen, ihre Qualitäten ebenso wie ihre Qualitätsanforderung attraktiv zu präsentieren, werden sie bestehen können. 

3. Was muss getan werden, um dem Fachkräftemangel in den Hilfen zur Erziehung und den Jugendämtern konstruktiv und entschieden entgegenzuwirken – und wer muss was tun? Der Zwischenruf des AFET richtet sich an Bund, Länder, kommunale Spitzenverbände, Hochschulen und Tarifparteien und versteht sich als Aufruf zum Dialog der Verantwortlichen.

Der AFET fordert von Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden:

  • Zusammenzuarbeiten, Stolperfallen zu beseitigen und Baustellen zu schließen.
  • Die Fachkräfteressourcen der Erziehungshilfe zu einem ständigen Berichtsthema im Familienausschuss des Deutschen Bundestages und in den Landesjugendhilfeausschüssen zu machen.
  • Die Entwicklung einer gemeinsamen Fachkräfteoffensive voranzutreiben mit zusätzlichen Bundesmitteln.
  • In einer gemeinsamen Arbeitsgruppe Empfehlungen zu erarbeiten zur Anerkennung von im europäischen Ausland erworbener Abschlüsse, zur Durchlässigkeit der Berufsabschlüsse in den Ausbildungsberufen und Studiengängen und zu Anerkennungsverfahren für QuereinsteigerInnen.
  • Die Grundlagen für die Bundesstatistik gesetzlich neu und qualifiziert zu regeln.
  • Gespräche zwischen den verantwortlichen Ministerien der Länderregierungen (Wissenschaft/Forschung/Bildung/Jugend/Arbeit) und den Hochschulen zu initiieren, um die Fachkräftefrage in den Hilfen zur Erziehung zu thematisieren und zu konkretisieren. Hier sind insbesondere die Auswirkungen des Deutschen Qualitätsrahmens (DQR) und des Europäischen Qualitätsrahmens (EQR) zu beleuchten, die Akkreditierungspraxis von Studiengängen, die Konzepte und Auswirkungen der dualen Studiengänge.
  • Die Ausbildungskapazitäten für ErzieherInnen und Fachkräfte der Sozialarbeit zu erhöhen.
  • Finanzielle Anreizsysteme für die Ausbildung zu schaffen und/oder Hürden abzubauen (Studiengebühren, schulgeldfreie und vergütete ErzieherInnenausbildung).
  • Programme und finanzielle Anreizsysteme für BerufseinsteigerInnen und QuereinsteigerInnen voranzutreiben, um die Durchlässigkeit zu fördern, z.B. durch Hospitations- und Qualifizierungsprogramme oder durch länderfinanzierte qualifizierte Personalteams, die regional BerufseinsteigerInnen beraten und qualifizieren.
  • Kampagnen zu fördern und anzustoßen, die für gesellschaftliche Anerkennung von Arbeitsfeldern und Fachkräften in den Hilfen zur Erziehung und den Jugendämtern sorgen (wie z.B. „Unterstützung, die ankommt“).
  • Werbekampagnen für die Arbeitsfelder und Träger zu fördern.
  • Best-practise-Modelle zu publizieren und damit nachhaltige Entwicklungen zu fördern.

Der AFET fordert von den Tarifparteien:

  • Die Verantwortung für eine angemessene und attraktive Bezahlung zu sorgen.
  • Die Vergütung der Fachkräfte als einen entscheidenden Faktor, qualifizierte Fachkräfte gewinnen und zu halten zu können, anerkennen und spürbar verbessern.
  • Die realistischen Arbeitsbelastungen durch fundierte Personalbemessung in Jugendämtern und den erzieherischen Hilfen aufzugreifen und aktiv zu gestalten.
  • In den Tarifgruppen und Erfahrungsstufen Vergütungsdifferenzierungen einzuführen, die die besonderen Herausforderungen in den erzieherischen Hilfen abgelten und berufliche Vorerfahrungen würdigen.
  • Die schulgeldfreie und vergütete praxisintegrierte ErzieherInnenausbildung tarifvertraglich zu regeln.
  • Die Erprobung von flexiblen Personaleinsatzmodellen voranzutreiben.

Der AFET fordert von Fach- und Hochschulen, Ländern und Trägern:

  • Die bessere Zusammenarbeit mit der Praxis.
  • Die Erhöhung der Praxisanteile im Studium.
  • Die Ausweitung und Flexibilisierung der Ausbildungs- und Studienangebote.
  • Die Förderung von qualifizierten dualen Studiengängen.
  • Die Entwicklung von handhabbaren und transparenten Instrumenten, die den freien und öffentlichen Trägern die Ein- und Zuordnung der ausdifferenzierten Studien- und Ausbildungsabschlüsse zu den Anforderungs- und Kompetenzprofilen ermöglichen oder erleichtern. 

Der AFET fordert vom Bund:

  • Wichtige Wissenslücken zu schließen!
  • Forschungsprogramme zum quantitativen und qualitativen Fachkräftebedarf aufzulegen und die Praxis mit Forschungsergebnissen in den nachfolgenden Bereichen zu versorgen:
    Erfahrungen und Auswirkungen mit den Bachelor- und Masterabschlüssen,
    Übergang zwischen Ausbildungs- und Beschäftigungssystem, Bedeutung der Phase der Berufseinmündung,
    Qualifizierungsbedarfe des Arbeitsfeldes Erziehungshilfe,
    Auswirkungen der Dualen Studiengänge, Auswirkungen des Deutschen Qualitätsrahmens (DQR),
    Auswirkungen veränderter Anforderungs- und Kompetenzprofile im Arbeitsfeld (z.B. durch die zunehmende inklusive Ausrichtung der Kinder- und Jugendhilfe, Migration und Kinderschutz),
    geeignete Personaleinsatzmodelle und Modelle veränderter Arbeitsformen.
Fazit:

Fachkräftemangel in den Arbeitsfeldern der Hilfen zur Erziehung und in den Jugendämtern ist kein Problem der betroffenen Arbeitgeber alleine! Wie in anderen Arbeitsfeldern der Gesundheitsversorgung, Bildung und Schule oder Pflege betrifft es Aufgaben, die für Zukunft und Zusammenhalt unserer Gesellschaft von enormer Bedeutung sind, hier das gelingende Aufwachsen aller Kinder, auch der Kinder, die mit Belastungen und in Krisen groß werden müssen. Nur mit großen Anstrengungen vieler Akteure im Bund, den Ländern und Kommunen sowie bei Freien Trägern und Organisationen, kann es gelingen, in Zeiten von Fachkräftemangel für ausreichende und qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesem wichtigen Arbeitsfeld zu sorgen.

Dazu ruft der AFET alle angesprochenen Akteure dringend auf.

Hannover, den 12. Dezember 2018

AFET – Bundesverband für Erziehungshilfe e.V.

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