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Basiswissen

Das Pflegekind wird volljährig

Wenn das Pflegekind volljährig wird, ist es kein ‚Pflegekind‘ im Sinne des Gesetzes mehr. Die meisten 18jährigen bedürfen jedoch weiterhin der staatlichen Unterstützung. Es gibt verschiedene Möglichkeit, die ein 18-jähriger in Anspruch nehmen kann. Das kann unübersichtlich werden, wie wir an einem Beispiel zeigen. Hier finden Sie wichtige Antworten dazu.

Themen:

Wenn das Pflegekind volljährig wird, ist es kein ‚Pflegekind‘ im Sinne des Gesetzes mehr. Die meisten 18jährigen bedürfen jedoch weiterhin der staatlichen Unterstützung. Es gibt verschiedene Möglichkeit, die ein 18-jähriger in Anspruch nehmen kann. Eine Hilfe ist die ‚Hilfe für junge Volljährige‘ im Rahmen der Jugendhilfe. Im Rahmen dieser Hilfe kann der junge Mensch in eine eigene Wohnung ziehen aber durchaus auch noch in der Pflegefamilie wohnen bleiben. Hierzu bedarf es gemeinsamer Überlegungen VOR der Volljährigkeit, damit das Jugendamt entsprechend informiert werden kann und die Überlegungen umgesetzt werden können.

Das Jugendamt Düsseldorf schreibt in seinem Konzept zur Hilfe für junge Volljährige:

Vollzeitpflege als Hilfe zur Verselbstständigung

Lebt der junge Mensch bei einer Pflegeperson und wird Hilfe zur Erziehung in Vollzeitpflege gewährt, bietet das Jugendhilferecht mit der Vorschrift des § 41 in Verbindung mit § 33 SGB VIII die Möglichkeit, einen weiteren Aufenthalt in der Pflegefamilie zu begründen, wenn dies aufgrund der individuellen Situation des jungen Menschen für die Persönlichkeitsentwicklung und die Befähigung zu einer eigenverantwortlichen Lebensführung notwendig erscheint. Dies ist immer dann der Fall, wenn Einschränkungen festzustellen sind.
Die Hilfe kann nur versagt werden, wenn keine „spürbare Verbesserung“ zu erwarten ist (vgl. DJI 2011 Handbuch Pflegekinderhilfe S. 51 ff).

Fragen, die sich Pflegeeltern selbst stellen sollten:
  • Was sind wir für das Pflegekind?
  • Was ist das Pflegekind für uns?
  • Was wollen wir in der Zukunft sein? Welche Rolle wollen wir übernehmen?

Die Volljährigkeit ist nicht plötzlich da – wir wissen es vorher und können uns vorbereiten.

  • Rechtzeitig anfangen mit den realistischen Rückmeldungen an das Jugendamt.
  • Evtl. Beistand zu den Hilfeplangesprächen mitnehmen (vorher Jugendamt informieren) gemäß § 13 SGB X.
  • Perspektive/Ideen „was sollte ich im Hilfeplangespräch sagen“ mit dem Jugendlichen klären.
  • Im vorletzten / letzten Hilfeplangespräch darauf hin planen, dass ein Antrag auf Hilfe für junge Volljährige gemäß § 41 SGB VIII gestellt werden sollte. Die Teilnahme des Pflegekindes an diesen Hilfeplangesprächen ist natürlich notwendig.
  • Überlegen ob (und Begründungen überlegen wenn ja) der Jugendliche auch als Volljähriger noch in der Pflegefamilie wohnen bleiben will.
  • Überlegungen, ob der Jugendliche nach der Volljährigkeit einen gesetzlichen Betreuer braucht – und wenn ja, ob die Pflegeeltern dies sein sollten.
  • Verschiedene Hilfsmöglichkeiten auf dem Weg zur Volljährigkeit überlegen.
  • Alle Ansparungen überprüfen.

Folgendes Beispiel aus der Praxis soll die Notwendigkeit der rechtzeitigen (vor Einstellung der Hilfe zur Erziehung) Klärung der Perspektive verdeutlichen:

Lisa lebt seit ihrem 3. Geburtstag in der Pflegefamilie und wird demnächst volljährig. Kurz vor ihrem 18. Geburtstag findet ein abschließendes Gespräch im Jugendamt statt.

Lisa hat sich gut entwickelt, besucht derzeit die 10. Klasse und wird in ein paar Wochen den Realschulabschluss erreichen. Auf Grund dieser positiven Aspekte wird ein Antrag auf Hilfe für junge Volljährige in Form des Verbleibes in der Pflegefamilie nicht in Erwägung gezogen. Lisa hat bereits einen Ausbildungsvertrag in Aussicht und möchte eigenen Wohnraum in der Nähe des Ausbildungsbetriebes beziehen.

Die Hilfe zur Erziehung wird mit dem 18. Geburtstag eingestellt, das Pflegeverhältnis damit offiziell beendet. Lisas Lebensunterhalt wird bis zum Ausbildungsbeginn durch die Halbwaisenrente und Schüler-Bafög bestritten. Kindergeld muss neu beantragt werden, an die Stelle der bezugsberechtigten Pflegeeltern rücken nun nach Auflösung des Pflegeverhältnisses automatisch die leiblichen Eltern.

Die Mutter ist verstorben, der Vater lebt 400 km entfernt. Er ist Alkoholiker und versteht gar nicht, wieso er nun plötzlich einen Kindergeldantrag stellen soll.

Weil Lisa mitten in den Abschlussprüfungen steckt, wird sie erst nach den Prüfungen in ein paar Wochen in eigenen Wohnraum zu ziehen. Auf die Frage nach einer Beihilfe zur Erstausstattung des Wohnraumes wird ihr vom Jugendamt die jeweilige Zuständigkeit erläutert: So lange Hilfe zur Erziehung gewährt wird, zahlt das Jugendamt – ansonsten soll sie sich an das Jobcenter wenden.

Lisa hält drei Wochen später stolz ihren Realschulabschluss in der Hand. Nun geht sie auf Wohnungssuche. Das Jobcenter lehnt ihren Antrag auf ein Darlehen für die Kaution sowie die Erstausstattung ab – Lisa erhält noch bis Monatsende Juli Schüler-Bafög und hat somit keinen Anspruch auf Leistungen aus dem Sozialgesetzbuch II (HARTZ IV). Ab August beginnt sie die Ausbildung und hat somit Anspruch auf Berufsausbildungsbeihilfe, auch ein Ausschlusstatbestand nach dem SGB II.

Die Bewilligung wird sich noch eine Weile hinziehen, schließlich muss ihr leiblicher Vater die entsprechenden Formulare zur Prüfung der Unterhaltsverpflichtung ausfüllen.

Zum Ausbildungsbeginn benötigt Lisa eine kostenintensive Werkzeugausrüstung – so eine Beihilfe kann eigentlich über das Sozialgesetzbuch III bei der Arbeitsagentur beantragt werden. Voraussetzung: der Antragsteller ist arbeits- bzw. ausbildungssuchend gemeldet.

Da sich im Rahmen des Bürokratieabbaus Schüler zwischen Schulabschluss und Lehrbeginn nicht mehr ausbildungssuchend melden müssen, wenn sie schon einen Ausbildungsvertrag in der Tasche haben, wird Lisa auch hier abgewiesen. Nun steht sie da: von dem im Moment zur Verfügung stehenden Geld kann sie weder eine eigene Wohnung beziehen, noch ihre nötigen Utensilien für die Ausbildung beschaffen.

Lisa wird von Behörde zu Behörde geschickt und ist total verwirrt und verzweifelt. Zum Glück nimmt alles ein gutes Ende, da das Jugendamt das Dilemma erkennt.

Hier wird deutlich, wie wichtig eine rechtzeitige Klärung aller offenen Fragen beim Übergang in ein selbständiges Leben und eine Begleitung bei der Bewältigung dieses Schrittes sind.

Sehr zu empfehlen ist eine sogenannte Checkliste auf dem Weg in die Verselbständigung, die möglichst langfristig geführt und entsprechend ergänzt wird, um dem jungen Menschen die notwendige Sicherheit zu vermitteln.

Unmittelbar nach Volljährigkeit beachten:

  • Kindergeld (neu beantragen, wenn der junge Volljährige in der Familie bleibt),
  • Krankenkasse,
  • Versicherungen,
  • Renten,
  • Lebensunterhalt des jungen Volljährigen klären,
  • wichtig für die Pflegeeltern: Bescheinigung beim Jugendamt über die Zeit des Pflegeverhältnisses anfordern – dies ist notwendig für die eigene Rente.
Letzte Aktualisierung am: 
18.11.2013

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