Sie sind hier

Aus der Praxis

Pflegekind Marie

In meiner Begleitung von Pflegefamilien und Pflegeelterngruppen wurde es immer wieder extrem deutlich, wie belastend für viele Pflegekinder ihre Lebenssituation und ihr Status als Pflegekind sind. Das System Pflegekinderhilfe kam an seine Grenzen, wenn es gerichtliche Beschlüsse und Anordnungen gab, die die Auswirkungen auf das Kind entweder nicht sehen oder nicht ernst nehmen wollten. Ein sehr berührendes Beispiel dafür ist das Pflegekind Marie.

Mit neun Monaten kommt Marie in die Pflegefamilie. Nach neun Monaten ist die Rückführung geplant, nachdem es in der Zeit dazwischen häufige Besuchskontakte gegeben hat. Zur Rückführung wird Freitag und Samstag acht Stunden bei der Mutter geplant, dann abends wieder zur Pflegefamilie. Am Sonntag soll Marie dann ganz bei der Mutter bleiben.

Am Freitagmorgen ist Marie mürrisch gar nicht gut gelaunt wie sonst immer. Als ihre Mutter sie holen kommt wehrt sie sich vehement in den Kinderwagen gesetzt zu werden. Unter lautem Protest verlässt sie die Pflegeeltern. Abends kommt sie zurück. Die Mutter erzählt den Pflegeeltern, dass Marie keinen Mittagsschlaf halten wollte und geweint hat. Dann geht die Mutter. Zunächst verhält sich Marie abwartend, dann kommt der Wutausbruch. Das 18-monatige Kind räumt das Haus der Pflegeeltern ab. Sie wirft mit Büchern und schreit. Es ist unmöglich, sie zu beruhigen. Sie will weder essen noch trinken. Irgendwann schläft sie völlig übermüdet für 3-4 Stunden ein. Während sie schläft ruft sie immer wieder :“Nein, Papa, Mama“.

Am folgenden Morgen (Samstag) will Marie nicht aufstehen, sich nicht anziehen lassen und wirft sich in der Küche auf den Boden – weint und schreit. Als sie ihre Mutter sieht, verstärkt sich ihr Verhalten. Das Geschehene vom Vortag wiederholt sich. Die Mutter bitte die Pflegeeltern: „ Dann setzen Sie die Kleine mal in den Kinderwagen, dann habe ich nicht die schlechten Karten“. Nachdem Marie und ihre Mutter das Haus verlassen haben, ruft die Sozialarbeiterin des Jugendamtes und erkundigt sich. Es wird den Pflegeeltern und ihr klar, dass es so nicht geht und unter Berücksichtigung der Spielregeln gehandelt werden muß.

Gegen 18.00 Uhr kommt Marie wieder. Die Mutter erzählt, dass auch diesmal Marie nichts gegessen hat und auch nicht schlafen wollte.

Die letzte Übernachtung in der Pflegefamilie steht bevor. Marie bewegt sich im Zeitlupentempo durch die Räume, wirkt abwesen, apathisch. Dann wiederholt sich das Spektakel des Vorabends. Sie „zerlegt“ das Haus, ist außer sich und muss sich zuzüglich noch mehrmals übergeben.

Da klingelt es (Samstagabend!) an der Tür. Die Sozialarbeiterin steht vor der Tür, sie möchte sich über Maries Verfassung informieren. Sie ist schockiert und bricht die Rückführung ab.

Seit diesem Abend schläft Marie in den nächsten zwei Jahren grundsätzlich nicht mehr allein ein. Sie klammert sich an die Pflegeeltern. Die nehmen sie auf allen ihren Gängen mit. Absolut. Zur Toilette, zum Duschen --- überall hin. Marie ist misstrauisch geworden.

Die Besuchkontakte zur leiblichen Mutter finden nun wieder im Jugendamt statt. Einmal in der Woche für eine Stunde in Anwesenheit der Pflegeeltern. An einem dieser Kontakte erklärt die Mutter ihr „Das sind nicht deine Mama und Papa“. Marie weint heftig und sitzt die restliche Besuchszeit nur noch auf dem Schoß der Pflegeeltern. Zu Hause in der Pflegefamilie zurückgekommen bekommt sie einen Tobsuchtsanfall mit Fieber und Erbrechen. Die nächsten Besuchskontakte sind emotional geladen. Während die Mutter mit Marie spielt, hält Marie ständig Blickkontakt mit den Pflegeeltern und kommt immer wieder auf sie zu, um Körperkontakt aufzunehmen. Nach den Besuchen immer wieder Tobsuchtsanfälle mit Fieber und Erbrechen.

Die Besuche werden daraufhin auf die Dauer von drei Monaten eingestellt. Langsam kommt Marie zur Ruhe. Sie kann jedoch immer noch nicht allein einschlafen und will überallhin von den Pflegeeltern mitgenommen werden. Den Pflegeeltern fällt auf, dass Marie all ihre Puppen umbenannt hat. Alle Puppen haben nun Namen aus dem Freundeskreis der Pflegefamilie. Gehen die Pflegeeltern mit Marie zu Besuch, möchte sie bereits nach kurzer Zeit wieder heim.

Die Pflegeeltern fahren mit Marie in den Urlaub. Nach 4 Tagen ereilt Marie wieder die bekannten Attacken. Sie bekommt 40 Fieber. Die Untersuchung in der Kinderklinik ergibt keinerlei körperliche Erkrankung. Die Pflegeeltern fahren trotz Fieber am nächsten Tag mit Marie nach Hause zurück. Als Marie das Haus betritt und dort auch noch von ihren „Pflegegroßeltern“ begrüßt wird, läuft sie wild grölend durch die Zimmer und innerhalb einer Stunde sinkt ihre Körpertemperatur von 39.5 auf 37.0 Grad.

Auf Antrag der Mutter stimmt der Richter einer Ausweitung der Besuchszeiten von einer Stunde auf vier Stunden zu. Als ersten Termin dazu legt der Richter den ersten Weihnachtstag fest - Marie soll von der leiblichen Mutter zu sich nach Hause geholt werden. Im Vorfeld machen die Pflegeeltern Marie diesen Besuch „schmackhaft“. Spielen, spazieren gehen. Marie will nicht. Sie lässt sich weder wickeln noch anziehen. Sie will das Haus nicht verlassen, als die Mutter sie abholen kommt. Mit einiger Überredungskunst geht sie doch. Nach zwei Stunden bringt die Mutter Marie zurück.

Marie verhält sich abwartend, bewegt sich im Zeitlupentempo durchs Haus, um dann wieder loszulegen. Mit Tritten und Bissen traktiert sie die Pflegeeltern, will andererseits aber auf deren Arm und schmusen. Im Haus will sie sich nur in ganz bestimmten Ecken aufhalten. Will einer der Pflegeeltern das Haus verlassen, versteckt sie sich unter dem Ablußrohr des Gäste-WCs. Gemeinsame Einkäufe und Besuche müssen abgebrochen werden, weil Marie dringend nach Hause will. Immer wieder muß sie sich bei Schreiattacken erbrechen und bekommt stundenweise hohe Fieber.

Nach dem dritten Besuch ist für Marie das Maß voll. Sie scheint das Vertrauen in die Pflegeeltern verloren zu haben. Sie schenkt ihren Worten keinen Glauben, wenn sie ihr sagen, dass sie nur mal kurz mit ihr wegfahren wollen zum Einkaufen. Ihr Misstrauen erhält eine nie dagewesene Qualität. Bei jedem Telefonklingeln zuckt sie zusammen. Nahezu unaufhörlich weint und schreit sie. Sie verweigert die Nahrung und verweigert den Schlaf. Sie schläft nur stundenweise vor Erschöpfung im Arm der Pflegemutter. Nachts liegt sie zwischen den Pflegeeltern im Bett. Sie klammert sich an sie und hat in dieser Zeit drei Pfund an Körpergewicht verloren.

Aufgrund eines Eilantrages der Pflegeeltern und der entsprechenden Stellungnahme des Jugendamtes an das Gericht werden nun die Besuchskontakte angesichts der Gefährdung des Kindeswohls ausgesetzt.

Langsam- ganz langsam stabilisiert sich Maries Zustand wieder. Sie braucht über zwei Wochen, ehe sie wieder zu einem annähernd normalen Essverhalten findet. Sie ist nach wie vor misstrauisch, insbesondere wenn die Pflegefamilie das Haus verlassen will oder unbekannte Personen zu Besuch kommen. Sie kann das nicht aushalten und fragt die Besucher, wann sie denn nun wieder gehen.

Marie keine Besuchskontakte mehr gehabt, denn die Mutter ist nach einigen Jahren an ihrer Sucht gestorben und Marie konnte von den Pflegeeltern adoptiert werden.

Ich habe diesen Bericht des Pflegevaters zusammengezogen und gekürzt. Seine Version ist sehr viel ausführlicher und ergreifend in den Beschreibungen des Kindes und der Empfindungen der Pflegeeltern, ebenso wie der Fachkraft. Hier können Sie diesen Bericht lesen:

Weiterlesen: 
Erfahrungsbericht
Letzte Aktualisierung am: 
31.05.2022

Das könnte Sie auch interessieren

Interview

von:

Auf dem Weg

Vor Jahren kam eine Adoptivmutter zu mir und fragte mich, ob ich sie, ihren Mann und ihre Adoptivtochter beim Kennenlernen der leiblichen Mutter ihrer Adoptivtochter begleiten würde. Ich sagte zu. Gut zwei Jahre später bat ich die Adoptivmutter, mir in einem Interview zu erzählen, wie es eigentlich damals der Familie bei der doch einige Zeit dauernde Aktion gegangen war.
Bericht

von:

Verfahrensbeiständin für ein Pflegekind - Teil 2

Weiterführung meines Berichtes zu meiner Tätigkeit als Verfahrensbeiständin für das Pflegekind Mira.
Bericht

von:

Erfahrungen von früher im hier und jetzt

Immer wieder erleben Pflegeeltern ein Verhalten ihres Pflegekindes, das sie überrascht und oft unverständlich für sie ist - bis ihnen klar wird (oder sie zumindest vermuten), dass das Kind seine Erfahrungen von früher auf heute überträgt. Wie gut könnten die Pflegeeltern ihr Pflegekind verstehen, wie hilfreich wäre es für eine angemessene Reaktion auf das kindliche Verhalten, wenn die Pflegeeltern über die Geschichte des Kindes doch noch mehr wüssten. Hier finden Sie einige Beispiele von zuerst irritierendem Verhalten eines Pflegekindes.
Bericht

von:

An die eigene Grenze gekommen

Über einige Jahre begleitete ich Selbsthilfe-Gruppen von Pflegeeltern als unabhängige Fachkraft. Wir trafen uns einmal monatlich. Während anfänglich die Themen des Abends von mir leicht vorgegeben worden waren, veränderte sich dies im Laufe der Monate. Jetzt konnte sich die Gruppe auf das einlassen, was unmittelbar aus der Gruppe selbst kam. Es ging darum, mit Menschen zu sprechen, die wussten, wovon man redete, die zuhörten, auffingen und Mut machten. Ein verzweifelter Pflegevater konnte genau dies an einem Abend erleben.
Aus der Praxis

Aufnahme eines Pflegekindes

Bericht aus einer Pflegeelterngruppe.
Bericht

von:

Trotz aller Mühen ...

Mit sechs Jahren wird ein Junge von einer Pflegefamilie aufgenommen. Sieben - oft schwierige Jahre - bleibt er dort, dann möchte er bei seinem Vater leben. Er zieht zu ihm. Die Pflegefamilie ist geschockt und versucht, irgendwie damit klar zu kommen.
Erfahrungsbericht

von:

Unser Pflegekind hat sexualisierte Gewalt erfahren.

In vielen Gruppentreffen sprachen die Pflegeeltern über das Verhalten ihres Pflegekindes und holten sich Kraft und Erfahrung bei den anderen Gruppenteilnehmern. Nachdem das Mädchen drei Jahren bei ihnen war, erfuhren sie, dass ihr Pflegekind durch den leiblichen Vater missbraucht worden war und dies in den regelmäßigen Besuchskontakten auch immer wieder geschah.
Bericht

von:

Verfahrensbeiständin für ein Pflegekind - Teil 1

Meine Begleitung von Mira bei der Regelung von Besuchskontakten und einer von der Mutter gewünschten Rückkehr des Kindes. Der Bericht ist sehr ausführlich und umfasst daher mehrere Teile.
Erfahrungsbericht

von:

Veras Einzelvormund

Während meiner Einzelvormundschaft für Vera beschäftigte sich diese immer wieder in besonderem Maße mit ihrer Herkunftsfamilie.