Sie sind hier

Tiefergehende Information

Leibliche Kinder der Pflegeeltern - Auszüge aus der Literatur

Hier finden Sie einige Auszüge aus bedeutenden Titeln der Literatur, die sich mit dem Thema leibliche Kinder der Pflegeeltern befassen.

Alice Ebel: Praxisbuch Pflegekind – Informationen und Tipps für Pflegeeltern und Fachkräft

Am Ende dieser Seite finden Sie Links zu allen genannten Büchern

Ist es besser, wenn das Pflegekind jünger ist als das/die leiblichen Kind/er? Oder sollte es lieber älter sein? (S. 75, 76 )

Diese Frage lässt sich aus Gesprächen mit Pflegeeltern und aus vielerlei Erfahrungen folgendermaßen beantworten:

  • Am „Natürlichsten“ verläuft der Prozess der „Familienerweiterung“, wenn das neu aufgenommen Kind das (mit Abstand) jüngste Kind in der Geschwisterreihe ist.
  • Je größer der Altersabstand/Entwicklungsabstand zwischen leiblichen und Pflegekind, um so geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder in Konkurrenz zueinander geraten bzw. einander „ins Gehege kommen“.
  • Je kleiner der Alters-/Entwicklungsabstand, um so größer ist die Chance auf gemeinsame Spiele oder Interessen der Kinder, auch auch auf (handfeste) Konflikte zwischen ihnen. Außerdem kann der Aufbau einer exklusiven Bindung zur Pflegemutter schwieriger sein.
  • Je älter das leibliche Kind ist, umso geringer das Risiko, dass es unter den „Macken“ eines (jüngeren) Pflegegeschwisters allzu sehr leidet.
  • Je größer die Gewaltproblematik (in der Vorgeschichte) des Pflegekindes, um so älter (wehrhafter) sollte das leibliche Kind sein
  • Je jünger das Pflegekind bei seinem Einzug ist und je größer der Altersabstand zu leiblichen Kindern, um so größer die Chance, dass ihm als Nesthäkchen „Welpenschutz“ gewährt wird und es frühe Entbehrungen durch liebevolle Fürsorge allmählich kompensieren lernt.

Natürlich müssen diese „Faustregeln“ nicht in jedem Einzelfall zutreffen und natürlich gibt es Ausnahmen, aber sie können eine erste Orientierung geben. Dennoch empfehle ich für die Einzelfallentscheidung genau hinzuschauen, um ein möglichst realistisches Bild davon zu erhalten, was auf Euch und Eure leiblichen Kinder zukommen wird, wenn Ihr ein spezielles Kind aufnehmt.

Dafür kann es sehr nützlich sein, vor der Entscheidung einiges über sein Sozialverhalten (insbesondere in Bezug auf andere Kinder) zu erfahren und einige Kontakte zwischen leiblichem und potenziellem Pflegekind zu beobachten. Es wird zwar oft davon ausgegangen, dass leibliche Kinder aus oben angeführten Erwägungen deutlich älter als ein aufzunehmendes Pflegekind sein sollten und Ausnahmen von dieser Regel immer besondere Risiken berg, doch die für sie passendste Konstellation in Bezug auf die Altersstruktur muss jede Familie letztlich selbst herausfinden.

Hilfreich kann Literatur sein, die sich mit dem Platz in der Geschwisterreihe beschäftigt, wobei diese meistens nicht die Situation von Pflegefamilien berücksichtigt. Dennoch kann sie uns helfen zu verstehen, was es für unsere Kinder bedeutet ihren Platz in der Geschwisterreihe (gegebenenfalls mehrfach) im Laufe der Kindheit neu definieren zu müssen.

Unsere Kinder erleben ja die besondere Situation, dass ihr Platz nicht feststehend ist und nicht nur durch die Geburt von jüngeren Geschwistern „nach oben geschoben“ wird, sondern dass sie sich möglicherweise binnen einen Tages plötzlich an einem ganz anderen Platz in der Geschwisterreihe wieder finden. Bildlich könnt Ihr Euch das als Mobile vorstellen, das jedes Mal wenn ein Teil hinzugefügt oder fortgenommen wird, neu austariert werden muss, indem alle Teile auf neue Plätze verschoben werden.

Besonders deutlich wird so eine Veränderung, wenn ein bis dato ältestes Kind ein größeres Pflegegeschwister bekommt und dadurch plötzlich zum „Sandwich-Kind“ wird; noch drastischer, wenn ein Einzelkind durch die Aufnahme eines Geschwisterpaares plötzlich in der Mitte einer Geschwisterreihe steht. Es ist für ein Kind aber auch nicht leicht, wenn es plötzlich zum „Zwilling“ wird, weil ihm ein gleichaltriges Pflegegeschwister zur Seite gestellt wird.

Deshalb halte ich es für sehr wichtig, dass sich jede Pflegefamilie im Vorfeld Gedanken darüber macht, welches Alter ihr Pflegekind idealerweise haben sollte, damit es für die leiblichen Kinder nicht schwierig wird. Die Aufnahme von Pflegekindern ohne Rücksicht auf die Veränderungen in der Geschwisterreihe und die daraus resultierenden Auswirkungen auf die leiblichen Kinder können zu unnötigen Belastungen führen.

Monika Nienstedt/Arnim Westermann: „Pflegekinder“ und ihre Entwicklungschancen nach frühen traumatischen Erfahrungen

Überlegungen zur Milderung geschwisterlicher Konkurrenz (ab. S. 355)

Annahme von Rivalitätskonflikten

Wenn ein Kind in eine Familie aufgenommen wird, in der schon andere Kinder leben, so wird es fast zwangsläufig zu erhöhten Konflikten und Rivalitäten kommen. Für die vorhandenen Kinder bedeutet das Hinzukommen eines weiteres Kindes immer auch ein Aufgeben von Besitzständen, erhöhte Unsicherheit, die entsteht, wenn sich Änderungen im Beziehungsgefüge und in den alltäglichen Gewohnheiten ergeben, einen Zuwachs an Frustrationen und verlangter Rücksichtsnahme, vor allem aber Unsicherheit darüber, ob die Beziehung zu den Eltern trotz des neuen Konkurrenten die gleiche bleibt, so wie es auch bei der Geburt eines leiblichen Geschwisters der Fall ist.

Das neu aufgenommene Kind, das gleichzeitig Eltern und Geschwister bekommt, befindet sich im Vergleich zu leiblichen Kindern, die ein Geschwister bekommen, in einer noch weitaus schwierigeren Lage. Denn es verfügt ja noch über keine sicheren Beziehungen und seine Wünsche nach vollständig befriedigenden und exklusiven Eltern-Kind-Beziehungen sind angesichts des zuvor erlittenen Mangels mitunter außerordentlich stark im Vergleich zu den leiblichen Kindern, die als Säugling in diesen Wünschen befriedigt worden sind.

Nun ist es aber der Wunsch vieler Eltern, dass es allen Familienmitgliedern auch anschaulich gut gehen solle, dass Harmonie herrschen sollte, dass Eifersucht und Rivalitäten möglichst nicht sein sollten oder rasch befriedet werden müssten. Und folglich versuchen sie, jedem Rivalen mehr Verständnis für den anderen Rivalen zu vermitteln und den Kindern die Berechtigung ihrer Gefühle auszureden. Aber man lernt mit der Wirklichkeit von Gefühlen besser umzugehen, wenn man sie in ihrer Existenz anerkennt, sich auf sie einlässt, lernt, sie zu kultivieren, statt sie wegzudiskutieren oder sie nicht zuzulassen und ihre Berechtigung zu bestreiten, wo sie berechtigt sind. Ein leibliches Kind hat ein Recht auf Wut und Eifersucht, wenn es die Eltern nun noch mehr teilen muss. Das neue Kind hat ein Recht auf die gleichen Gefühle, wenn es die Möglichkeit ahnt, Eltern für sich zu haben, und dann erlebt, dass ihm dabei ständig andere vor der Nase sitzen.

Alle, die eigenen Kindern, die bereits integrierten und die neuen Kinder werden besser mit ihren eigenen Gefühlen, Konflikten und Frustrationen umgehen, wenn sie sich mit den Eltern identifizieren können. Und das können sie, wenn die Eltern ihre Gefühle und Wünsche einfühlend wahrnehmen, d.h. wenn Eltern die Gefühle der Wurt, Aggression, Eifersucht, Rivalität anerkennen und verbalisieren und wenn sie die dahinter sich verbergenden Wünsche, z.B. nach alleiniger oder vermehrter Zuwendung, als legitim achten und mit dem Kind bedauern, dass seine Wünsche so oder in diesem Maße nicht zu verwirklichen sind. Kinder können die Rivalitätskonflikte besser bewältigen, wenn die Eltern in der Lage sind, aggressive Auseinandersetzungen und Rivalitätskonflikte auszuhalten. Das schließt helfende Eingriffe nicht aus, sondern macht sie nur wirksamer.

Irmela Wiemann: Leibliche Kinder in Pflegefamilien

Internetseite www.irmelawiemann.de

Auszug aus einem Referat aus „Blickpunkt Pflegekinder“ September 1997

Zwischen Erwachsenen und Kindern, die schon lange zusammen gelebt haben, bilden sich unsichtbare Bande, selbstverständliches Aufeinandereingehen. Familienregeln und gesellschaftliche Normen sind wie von selbst verinnerlicht. [...] Pflegekinder sprechen oft eine andere Seelensprache. Das kann für die Pflegeeltern und das leibliche Kind enttäuschend sein. [...] Schon in der Anbahnungsphase, wenn das Leben turbulent wird und sich plötzlich alles um das neue Kind dreht, fühlen sich die leiblichen Kinder oft verunsichert oder sogar zurückgesetzt. Das leibliche Kind wird gezwungen, seine eigene Position infrage zu stellen.

Manche leiblichen Kinder schämen sich in der Schule oder im Freundeskreis für das im Sozialverhalten oft schwierige Pflegekind. [...]

Das Pflegekind riskiert Verhaltensweisen, die sich das Familienkind nicht getraut hätte, macht sich oft unbeliebt. Wenn dann Zeit verstrichen ist und sich das Pflegekind dennoch nicht in der erwünschten Weise «ändert», wird es besonders schwer für das Familienkind. Seine eigenen Normen können durcheinander geraten. Das Leben der leiblichen Kinder wird gehörig durcheinander gewirbelt.

[...] Die täglichen Sorgen und Aufregungen der Eltern wegen des Pflegekindes überschatten das Leben des leiblichen Kindes. Es spürt die Verzweiflung der Eltern, kann ihnen aber nicht helfen. Es bekommt Wut auf das Pflegekind. Die Eltern können Schuldgefühle bekommen, weil sie dem eigenen Kind ein so schwieriges Familienleben abverlangen. [...]

Manchmal dauert es Jahre, bis eine Pflegefamilie lernt, die verschiedenen Bahnen, in denen leibliches Kind und Pflegekind sich bewegen auch so zu gestalten, dass es für alle erträglich wird.

Pflegeeltern mit leiblichen Kindern sollten beherzigen:

  • Der Status Pflegekind – eigenes Kind darf sich im Lebensalltag spiegeln und muss nicht verleugnet werden.
  • Pflegeeltern sollen dem leiblichen Kind keine Verantwortung für das Pflegekind übertragen.
  • Sie sollen dem leiblichen Kind abverlangen, mit den besonderen Schwierigkeiten des Pflegekindes einerseits umzugehen und sich andererseits auch ohne schlechtes Gewissen abzugrenzen.
  • Pflegeeltern sollten sich das Vergleichen der Kinder abgewöhnen.
  • Die Gefühle gegenüber leiblichen Kindern und Pflegekindern dürfen verschieden sein.
  • Beide Kinder haben ein sehr unterschiedliches Leben hinter sich. Sie sind und bleiben im Spiel-, Leistungs- und Sozialverhalten sehr verschieden.
  • Pflegeeltern sollten auch den Kindern dabei helfen, zu ihrer Unterschiedlichkeit Jasagen zu lernen.
  • Pflegeeltern dürfen das Zusammensein mit dem leiblichen Kind weiterhin genießen, sie sollen trotz ihrer Zuwendung für das Pflegekind noch genug Platz lassen, dem leiblichen Kind besondere Zuwendung zu geben.
  • Für die Kinder sollten unterschiedliche Interessen, unterschiedliche Freundeskreise, eigene Lebensbereiche, eigene Hobbys gefördert werden.
  • Nur wenn in der Familie jeder jedem anderen ein Stück Eigenleben, Anderssein und Autonomie zugesteht, kann das Zusammenleben gelingen.
  • Beide Kinder sind immer wieder neu zu ermutigen, dass sie trotz ihres anderen Status und trotz ihrer anderen Herkunft einzigartige und wertvolle Menschen sind. Es gehört zum Pflegekind dazu, dass es anderswo noch eine Familie hat und dass es nicht leibliches Kind in dieser Familie ist. Das bleibt schwer und die Trauer darüber kann niemand dem Pflegekind ersparen. Pflegeeltern sollten sich selbst und den Kindern gegenüber immer wieder verdeutlichen, dass jedes Kind seine einzigartige Geschichte hat. Die Folgen daraus gilt es immer wieder neu zu akzeptieren.
Letzte Aktualisierung am: 
10.11.2010

Das könnte Sie auch interessieren

Erfahrungsbericht

Bericht einer leiblichen Tochter von Pflegeeltern

Gott sei Dank musste Laura nicht gehen. Sie ist noch immer bei uns. Jetzt 6 Jahre. Sie ist meine Schwester – absolut. Es wäre schön, wenn wir sie adoptieren könnten. Irgendwie, so finde ich, würde das mehr ausdrücken was sie jetzt eigentlich ist.
Tiefergehende Information

Leibliche Kinder in Pflegefamilien - Ein Bericht der Fachstelle Bern

Was muten wir unseren Kindern zu? Wie werden sie mit der Situation umgehen? Werden sie profitieren oder eher leiden? Wie können wir unsere Kinder in der neuen Situation unterstützen? Es ist wichtig, dass sich Eltern mit diesen Fragen vor der Aufnahme eines Kindes auseinander setzen.
Erfahrungsbericht

Meine kleine Pflegeschwester und ich

Erfahrungsbericht eines leiblichen Tochter über das Zusammenleben mit ihrer Pflegeschwester