Sie sind hier

06.04.2021
Kommentar

Medien müssen mehr Verantwortung übernehmen!

Ein Einwand zu einem Artikel der ZEIT zu FASD

Der Bundesverband behinderter Pflegekinder e.V. ist jeden Tag mit den Herausforderungen durch die Fetale Alkoholspektrum - Störung (FASD) konfrontiert. Im aktuellen Beitrag „Ein Glas Wein scheint in der Schwangerschaft nicht zu schaden“ im ZEIT-Magazin vom 3. April 2021 wird die dringend notwendige und weitgreifende Prävention im Keim erstickt und Alkoholkonsum während der Schwangerschaft legitimiert und auf verantwortungslose Weise beschönigt.

Themen:

Einwand des Bundesverbandes behinderter Pflegekinder e.V. zum Zeitartikel

Das Fetale Alkoholsyndrom ist eine lebenslange hirnorganische Schädigung, die beim noch ungeborenen Fötus durch den Alkoholkonsum der werdenden Mutter verursacht wird. Bereits geringe Mengen können zu irreversiblen Schäden führen. Dr. Mirjam Landgraf, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin mit Schwerpunkt Kinderneurologie und Autorin der S3-Leitlinie zur FASD-Diagnostik, sagt auf die Frage „Gibt es eine unbedenkliche Trinkmenge in der Schwangerschaft?“:
„Nein, die gibt es nicht. Es führt zwar nicht jeder Alkoholkonsum dazu, dass das Kind erkrankt, aber wir wissen nicht, welche Menge dem Fötus schadet und welche nicht. Dazu gibt es keine gesicherten, wissenschaftlichen Erkenntnisse. Die weltweite Empfehlung ist: Vollständige Alkoholabstinenz in der Schwangerschaft!“ (Focus-Interview vom 25.02.2021)

Im aktuellen Beitrag „Ein Glas Wein scheint in der Schwangerschaft nicht zu schaden“ im ZEITMagazin vom 3. April 2021 wird die dringend notwendige und  weitgreifende Prävention im Keim erstickt und Alkoholkonsum während der Schwangerschaft legitimiert und auf verantwortungslose Weise beschönigt.

Jedes Jahr kommen allein in Deutschland über 20.000 Kinder mit der Diagnose „Fetale Alkoholspektrum-Störung“ (FASD) zur Welt. Die Dunkelziffer ist weit höher. Damit führt FASD die Liste der häufigsten angeborenen Behinderungen der westlichen Welt an – und wäre gleichzeitig zu 100 Prozent vermeidbar! Die betroffenen Menschen leiden ein Leben lang unter dem entstandenen strukturellen Hirnschaden und den damit verbundenen Einschränkungen und Komorbiditäten.

Im aktuellen Interview von Fiona Weber-Steinhaus mit der Ökonomie-Professorin Emily Oster wird einmal mehr deutlich, dass die gesellschaftliche Verantwortung zur Vermeidung des Fetalen Alkoholsyndroms fehlt. „Ich bin Ökonomin, die meisten Entscheidungen basiere ich auf einer Risiko-Nutzen-Abwägung“, sagt Oster zu Beginn des Interviews. So scheint Emily Osten den „Nutzen“ von Wein (worin auch immer dieser bestehen mag) gegen das Risiko einer lebenslangen Schädigung des Kindes durch Alkohol in der Schwangerschaft durch eine Excel Tabelle abzuwägen.

Auf Nachfrage, ob man sich als Schwangere auch mal ein Glas Wein gönnen dürfte, fällt die Antwort erschreckend verantwortungslos aus: „Ich fand keine stichhaltigen Beweise, dass eine geringe Menge Alkohol die kognitive Entwicklung des Ungeborenen beeinträchtigt. Das heißt: Mal ein Glas Wein zu trinken scheint nicht zu schaden.“

Weiter wird im Artikel über die Mengen von Alkohol in der Schwangerschaft diskutiert. An dieser Stelle wird suggeriert, dass Alkohol nur in großen Mengen schädlich sei. Aus unserer Sicht ist dies grob fahrlässig, da nur eines gelten kann: Null Alkohol – null Risiko!

Alkohol ist ein Nervengift, das in jeder Menge schadet – umso mehr bei ungeborenen Kindern, deren Organismus diesem Gift schutzlos ausgeliefert ist. Der Fötus trinkt mit und braucht etwa zehn Mal so lange für die Entgiftung wie die Mutter selbst. Die Leber des Fötus arbeitet erst ab dem 7. Monat der Schwangerschaft eigenständig. Neben der Menge des Alkohols spielen z.B. Zeitpunkt und Konstitution eine wesentliche Rolle für die konkrete Auswirkung und die Stärke der Schäden.

Es darf an dieser Stelle keine beschönigende Risiko-Nutzen-Abwägung geben! Es ist keinerlei „Nutzen“ von Alkoholkonsum in der Schwangerschaft vorstellbar, der das Risiko einer lebenslangen Schädigung des ungeborenen Kindes aufwiegen kann! Prof. Dr. Hans-Ludwig Spohr, Spezialist für alkoholgeschädigte Kinder mit jahrzehntelanger Erfahrung in der FASD-Diagnostik, beantwortet die Frage nach geringen Mengen Alkohol in der Schwangerschaft: „Wir können nicht ausschließen, dass es trotzdem zu kognitiven Schäden kommen kann, die sich beispielsweise erst im Schulalter zeigen.“ (ZEIT vom 16. September 2017)

Beim aktuell vorliegenden Interview mit Emily Oster hat die ZEIT – auch wenn das Interview ansonsten sachlich geführt ist – keine ausreichende Verantwortung übernommen. Die gefährlich falsche Schlagzeile und der fehlende Hinweis auf das Fetale Alkoholsyndrom sind für ein derart seriöses Medium als fahrlässig anzusehen. Mediziner und Forscher aus verschiedenen Fachrichtungen und ihre langjährigen Erkenntnisse werden durch Excel-Aufzeichnungen einer Wirtschaftswissenschaftlerin diskreditiert. Bereits mit ein wenig oberflächlicher Recherche hätte man herausfinden können, dass mittlerweile zahlreiche renommierte Institutionen und Organisationen aus guten Gründen zu „Null Alkohol in der Schwangerschaft und Stillzeit“ aufrufen, darunter die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, der Berufsverband der Frauenärzte oder die Deutsche Gesellschaft für Ernährung.

Wir fordern deshalb: Aufklärung statt Bagatellisierung! Medien haben hier eine wesentliche Verantwortung zu tragen.

Bundesverband behinderter Pflegekinder e.V.
Nevim Krüger, Kerstin Held (FASD-Ausschuss)

Das könnte Sie auch interessieren

Tiefergehende Information

Adoptiveltern klagen gegen ein Jugendamt wegen unzulänglicher Aufklärung

Adoptiveltern haben gegen eine aus ihrer Sicht unzulängliche Aufklärung des Jugendamtes über die mögliche FAS-Behinderung des Adoptivkindes mit der Begründung geklagt, dass sie das Kind nicht adoptiert hätten, wenn sie von der Behinderung gewusst hätten.
Hinweis

von:

Materialien zu FASD

Ein Projekt in den Niederlanden widmet sich Aufgabe, das Bewusstsein für FASD in der Öffentlichkeit zu stärken und besonders auf die Gefährlichkeit von Alkoholkonsum in der Schwangerschaft hinzuweisen. In diesem Zusammenhang wurde ein einprägsames Video von knapp vier Minuten gedreht, welches die Wirkung von Alkohol beim Fötus darstellt. In Deutschland hat der Beltzverlag ein neues Buch zu FASD und Schule herausgebracht. Unabhängig vom Erwerb des Buches können Materialien beim Verlag zur Hilfe für Lehrer und Eltern heruntergeladen werden.
Tiefergehende Information

Adoption aus Russland

Russland ist ja bekannt für´s Trinken, viele deutsche Ehepaare adoptieren Kinder aus Russland, sind voller Freude über den Nachwuchs. Leider werden viele davon später enttäuscht, wenn es klar wird, dass ihr Kind doch nicht gesund ist, sondern an FAS leidet. Ein Artikel von Ann Gibson
Erfahrungsbericht

von:

Florian unser Pflegekind mit FASD

Erfahrungsbericht über ein Pflegekind mit FASD, welches in der Pflegefamilie erwachsen wird.Teil 1 (Vermittlung und Aufwachsen bei uns) Teil 2 - Wechsel ins Betreute Wohnen
Erfahrungsbericht

Erfahrungsbericht Florian

Erfahrungsbericht über ein Pflegekind mit FASD, welches in der Pflegefamilie erwachsen wird.
Hinweis

FASD einfach erklärt

Die Lebenshilfe erklärt auf ihrer Webseite in einfacher Sprache, wie FASD entsteht und wie FASD sich im alltäglichen Leben ausdrückt.
Tiefergehende Information

FASD-Kinder in Pflegefamilien - Arbeit eines Pflegekinderdienstes

"Wir sind uns bewusst, welch große Herausforderungen unsere FASD-Pflegekinder und ihre Pflegeeltern tagtäglich meistern müssen. Unsere Aufgabe ist es, sie zu unterstützen und ihnen den Rücken frei zu halten." - Bericht zur Arbeit des Pflegekinderfachdienstes Neustadt/Aisch, Bad Winsheim.
Hinweis

Alkohol im Mutterleib – Folgen für ein ganzes Leben

ZDF 37 Grad berichtet am 15. März 2022 um 22.15 Uhr zum Thema FASD und seine Folgen. „37°“ begleitet Betroffene in unterschiedlichen Lebensphasen. Die 30-minütige Sendung ist ab dem 15. März auch in der Mediathek von ZDF und ab 22. März ebenfalls auf sat 3 zu sehen.
Tiefergehende Information

FASD - Links und Literatur

Hier finden Sie zahlreiche Links und Literaturhinweise zum Thema FASD
Tiefergehende Information

FASD - Die wichtigsten Fragen der sozialrechtlichen Praxis

Die Fetale Alkoholspektrum-Störung (FASD) wird als Oberbegriff für die Schädigungen eines Menschen verwendet, die pränatal durch Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft entstehen. Alkohol während der Schwangerschaft kann die Entwicklung des Ungeborenen beeinflussen und zu erheblichen körperlichen und geistigen Schädigungen sowie zu Verhaltensauffälligkeiten führen. Auszüge aus der Broschüre der Behindertenbeauftragten.