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30.12.2015
Interview

Wir sind eine Familie - eine Pflegefamilie

Interview mit einer Pflegemutter über die Aufnahme von zwei Schwestern.

Dieses Interview mit der Pflegemutter führte Henrike Hopp

Was seid ihr für eine Pflegefamilie?

Wir sind eine Familie mit zwei Pflegekindern, Schwestern, mein Mann und ich.

Wann sind die Mädchen zu euch gekommen?

Verena ist zu uns gekommen im Juni 2000, da war sie 6 Monate alt. Linda ist mit einem Monat im April 2001 gekommen.

Beide waren also noch ganz klein und beide sind leibliche Geschwister

Ja, richtig.

War das eure erste Erfahrung mit Pflegekindern?

Ja, in dieser Form schon, aber wir hatten vorher schon mal zwei Jungs, die bei uns in Tagespflege waren und die auch über das Jugendamt vermittelt worden waren. Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden Jungen 4 und 7 Jahre alt und sind zwei Jahre bei uns geblieben.

War es euch bei den Mädchen von Anfang an klar, dass das eine dauerhafte Unterbringung war? Oder ward ihr vielleicht eine Bereitschaftspflegefamilie?

Nein, Bereitschaftspflegefamilie wollten wir nie sein. Wir wollten schon Dauerpflegefamilie sein. Bei Verena war es noch so, dass die Mutter diverse Auflagen vom Gericht bekam – also Wohnung in Ordnung halten usw. Wenn sie diese Auflagen erfüllen würde, dann würde sie die Tochter wieder zurück bekommen.

Das heißt, dass das Jugendamt das Kind in Obhut genommen hat?

Genau, das Jugendamt hat das Kind in Obhut genommen und dann hatte die Mutter eben bestimmte Auflagen. Die Mutter war zu diesem Zeitpunkt schon Ende 30, also kein junges Mädchen mehr. Da haben wir uns natürlich die Frage gestellt, ob wir Verena sofort nehmen sollen oder lieber warten bis das alles geklärt ist. Wir für uns dachten dann, na ja, eine Frau die mit 40 ihr Leben nicht im Griff hat, wird sich auch mit 41 nicht im Griff haben – und so kam es dann auch. Sie konnte die Auflagen, die der Richter und das Jugendamt ihr aufgegeben hatten, nicht erfüllen.

War der Mutter klar, was sie zu machen hatte? Wurde es z.B. im Hilfeplan beschrieben?

Ja, das wurde ganz klar im Hilfeplan definiert - z.B. ihre Wohnung in Ordnung halten, zu Besuchskontakten pünktlich und regelmäßig erscheinen. Ich glaube, beim Arbeitsamt sollte sie sich melden, diese ganzen Dinge.

Die Mutter konnte dann die Auflagen nicht einhalten?

Ja, das war so, dass sie die Auflagen halt nicht erfüllen konnte - wie z.B. die Besuchskontakte. Ich kann nur sagen, dass von späteren fünfzig vereinbarten Besuchskontakten sie 37mal nicht gekommen ist.

Den Rest des Interviews können Sie in unserem Abonnement lesen - unter anderem mit diesen Fragen:
  • Die Besuchskontakte sollten ja wohl so oft sein, damit das Kind auch hätte zurückgehen können?
  • Nach einem dreiviertel Jahr war es dann für euch klar, dass es so nicht weiterging?
  • Bist du berufstätig gewesen als Pflegemutter?
  • Gab es da Hilfe für euch vom Jugendamt?
  • Hat das Jugendamt die Kosten dafür übernommen?
  • War es für euch von Bedeutung, dass ihr die Mutter eigentlich so gut kanntet?
  • Ihr habt die Mutter ja immer bei den Besuchskontakten getroffen. Als nun diese endgültige rechtliche Lösung war, haben sich die Besuchskontakte dann verändert?
  • Habt ihr mit den beiden Mädchen so eine Art Lebensbuch gemacht? Wo man Dinge sammelt, wo Fotos reinkommen, die Geschichte mal aufschreibt?
  • Apropos Vater, weiß die Mutter wer der Vater der Kinder ist?
  • Was möchtest du jetzt mit deinen Erfahrungen gerne noch Pflegeeltern sagen, die neu anfangen Pflegeeltern zu sein?
  • In welchen Situationen hättest du gerne mehr Unterstützung gehabt?
  • Mir fällt gerade noch ein – du bist ja Fachfrau, du bist ja Erzieherin.
  • Hat es deshalb mal Überlegungen gegeben, lieber Erziehungsstelle zu sein?
Die Besuchskontakte sollten ja wohl so oft sein, damit das Kind auch hätte zurückgehen können?

Genau, es war ja erst eine Rückführung angedacht und deshalb waren bei Verena zwei- bis dreimal die Woche Besuchskontakte geplant.

Und wie lange war das zwei, drei mal die Woche, mehrere Monate?

Ja – ein dreiviertel Jahr. Wir hatten auch die Auflage, gemeinsam einen Babykurs im Schwimmbad zu machen und wir hatten uns deshalb eine 10erkarte für das Schwimmbad gekauft. Aber sie hat nur einmal daran teilgenommen und dann nicht mehr.

Nach einem dreiviertel Jahr war es dann für euch klar, dass es so nicht weiterging?

Ja, an für sich war es schon schwierig und es war mir auch klar, dass sie das nicht durchhalten würde. Im Nachhinein erinnere ich mich auch, dass sie sich dann und wann mal entschuldigt hat und gesagt hat, dass sie nicht kommen konnte, weil es ihr nicht gut war und ihr übel war. Heute weiß ich, dass sie zu diesem Zeitpunkt ja schon schwanger war mit Linda.

Nach einem guten Jahr war es also für euch so, dass ihr sagten konntet: "Jetzt kann Verena bleiben". Waren das auch Entscheidungen vom Jugendamt und vom Gericht oder war das nur euer Gefühl?

Also, wir hatten ja von Anfang an gesagt, dass sie bleiben kann. Inzwischen war der Richter so weit, dass auch er sagte: „Wir müssen mal so langsam eine Entscheidung treffen“. Jugendamt und Verfahrenspflegerin sahen das auch so. Es gab daraufhin eine Gerichtsverhandlung. Dazu erschien auch die Mutter. Es sollte klargestellt werden, wie es jetzt weitergeht und dass das Kind in unserer Familie verbleiben solle. Dann sagte die Mutter dort, dass sie schwanger wäre und dass man jetzt nochmals anders gucken müsse. Das hat alle vom Hocker gehauen, so dass wir auch nach über einem Jahr noch immer keine Entscheidung hatten.

Ihr habt dann gewartet – oder alle haben eigentlich gewartet – bis das zweite Kind geboren wurde?

Ja, wir hatten ja erst mal nichts in der Hand. Ob sie wirklich schwanger war konnte man auch nicht sehen weil sie halt immer sehr dick war. So, und dann hat man erst mal abgewartet und geguckt, wie sie die Besuchskontakte in Anspruch nimmt. Es lief eigentlich genau so weiter wie bisher. Bis wir dann eines Tages einen Anruf bekamen. Das Krankenhaus, in dem die Mutter entbinden wollte, hatte vorher ein Fax vom Jugendamt bekommen, das es sich beim Jugendamt melden möge, wenn die Mutter dort ein Kind zur Welt bringen würde.

Erst zwei Wochen nach dem Geburtstermin hat sich eine Krankenschwester der Klinik gemeldet und gesagt: „Ja, die Frau war hier und hat ein Kind geboren. Sie ist aber um zwölf gekommen, um drei hat sie das Kind geboren und um sieben Uhr ist sie wieder nach Hause gegangen“. Das Jugendamt berichtete, dass die Mutter nun mit dem Kind auf der Flucht sei und wenn das Kind gefunden würde, ob sie es dann zu uns bringen dürften. Wir haben zwei Tage und zwei Nächte gewartet. Dann kam nachts ein Anruf der Verfahrenspflegerin, das Kind ist gefunden und soweit gesund, kommt aber in die Klinik zur Beobachtung. Nach drei Tagen bekam ich dann Bescheid, dass ich das Kind in der Klinik abholen könne. Das habe ich dann auch gemacht und seitdem ist Linda auch bei uns. Sie war sehr, sehr klein.

Du hast eben gesagt, dass sich die Verfahrenspflegerin mit euch in Verbindung gesetzt hat?

Ja. Die Verfahrenspflegerin war ja dazu da, um das Kind immer vor dem Jugendamt oder dem Gericht zu vertreten. Ich konnte zwar meine Meinung als Pflegemutter/Pflegeeltern dazu sagen, auch wie sich das Kind bei uns verhält, aber vor Gericht oder dem Jugendamt hat die Verfahrenspflegerin das Kind vertreten.

Gab es denn da schon ein Sorgerechtsverfahren?

Nein, da gab es noch kein Sorgerechtsverfahren, das kam erst später. Als Linda dann ungefähr drei Monate bei uns war, gab es eine erneute Gerichtsverhandlung. Da sind wir hingegangen. Ich hatte einen Tag vorher mit dem Richter telefoniert, um ihm einfach im Vorfeld klar zu machen, was er da von uns erwartet und verlangt, denn inzwischen warteten wir ja nun schon seit 1 ½ Jahren auf eine Entscheidung. Ich habe einfach versucht, ihm einmal zu erklären, wie schwierig das auch im Alltag ist. Wir hatten hier alle verschiedene Namen. Bei Verena wussten wir nicht, bleibt sie oder geht sie? Was passiert jetzt mit Linda.? Müssen wir da das gleiche abwarten? Dann hat er auch gesagt, dass er mich gut verstehen kann und am nächsten Tag gab es die Gerichtsverhandlung. Die hat eine halbe Stunde gedauert und darin wurde festgelegt, dass wir beide Vormund für beide Kinder werden und dass die Kinder in unserer Familie als Dauerpflegekinder verbleiben bis zur Volljährigkeit. Außerdem dürften beide Mädchen unseren Nachnamen annehmen und katholisch getauft werden.

Das war ja eine super Entscheidung für euch! Linda war da vier Monate alt?

Ja

Hatten Verena oder Linda als Kinder Schwierigkeiten oder Probleme?

Also - beide Kinder sind nur 15 Monate auseinander. Linda kam zu uns, als Verena gerade laufen lernte. Das wissen ja alle Eltern, wie anstrengend das ist. Verena war ein total pflegeleichtes, liebes Kind und strahlte auch immer. Linda war sehr sehr klein, brauchte sehr viel Körperkontakt und war das erste Jahr ein Schreikind. Also sie hat wirklich Tag und Nacht geschrien.

Hättet ihr auch ein weiteres Kind in so einem kurzen zeitlichen Abstand aufgenommen, wenn es jetzt nicht die leibliche Schwester gewesen wäre?

Wir hatten uns eigentlich gesagt, dass wir warten, bis Verena im Kindergarten ist und dann hätten wir nach einem zweiten Kind gefragt.

Einfach die Tatsache, dass die Mutter die leibliche Schwester nach so kurzer Zeit geboren hat, hat euch beeinflusst in eurer Entscheidung?

Ja, genau

Bist du berufstätig gewesen als Pflegemutter?

Ich habe meine Berufstätigkeit bis kurz vor der Aufnahme von Verena ausgeübt. Ich kannte Verena ja schon, weil meine Freundin sie in Bereitschaftspflege aufgenommen hatte. Verena war 14 Tage alt, da hatte ich sie schon auf dem Arm und durch die weitere Entwicklung mit den verschiedenen Jugendämtern kam es dann dazu, dass Verena tatsächlich zu uns kam.

Mit den beiden kleinen Kindern war dies ja noch einmal eine besondere Situation und du hast ja auch erzählt, dass Linda ein Schreikind war. Was bedeutet das so alltäglich?

Ja, das bedeutet z.B., dass ich nicht länger als zwei Stunden am Stück geschlafen habe, weil du ja Tag und Nacht das Kind auf dem Arm hast, um es irgendwie zu beruhigen. Aber sie schrie sich wirklich irgendwie ihren Frust von der Seele, denn sie hatte eine sehr hektische Geburt, eine schnelle, hektische Geburt. Vor der Geburt hatte die Mutter auch keinen passenden Lebenswandel geführt. Sie hat in einem vermüllten Wohnwagen gelebt, war nur bei einer Schwangerschaftsuntersuchung und, und und. Diesen Stress merkst du eben auch beim Kind. Als die Mutter den Gedanken hatte, dass das Jugendamt oder die Polizei sie suchen könnte, da war sie über eine Woche auf der Flucht mit vier Hundewelpen im Auto und diesem wirklich kleinen Säugling. Und das machte sich jetzt natürlich im Alltag auch bemerkbar. Eben die Schreierei. Sie hat wirklich alles zusammengebrüllt und wenn sie nicht gebrüllt hat, dann wenigstens gewimmert oder gejammert.

Gab es da Hilfe für euch vom Jugendamt?

Ja, den Mitarbeitern des Jugendamtes war dieses Problem bekannt. Sie konnten uns aber nicht wirklich Hilfe anbieten. So was wie Schreiambulanzen gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht und der Arzt verschrieb mir dann Beruhigungszäpfchen für Linda. Eine Möglichkeit mal Hilfe zu bekommen oder sich an jemanden zu wenden, das war wirklich schwierig. Weil mein Mann auch sehr viel beruflich unterwegs war, haben wir uns dann eine Kinderfrau geleistet, die einfach zwei Nachmittage kam und dann wenigstens mal mit einem oder beiden Kindern irgendwas gemacht hat.

Hat das Jugendamt die Kosten dafür übernommen?

Nein, hat es nicht.

Du hast gesagt, als Linda vier Monate alt war, hat sich rechtlich alles geregelt. War das dann leichter für dich dieses alles - mit dem Schreien zum Beispiel - auszuhalten?

Nun ja, das Schreien muss man irgendwie ertragen, aber es war für uns alle leichter, weil wir wussten, dass wir eine gemeinsame Zukunft haben. Das finde ich bei Bereitschaftspflegeeltern so ganz anders: Du weißt, du hast das Kind begrenzte Zeit und bei manchen Kindern musst du eben auch sehr viel investieren. Das kostet dich sehr viel Kraft und da sollte man sich im Vorfeld darüber klar sein, ob man diese Kraft aufwendet, um dem Kind zu helfen. Also das muss man einfach mal sachlich so sehen. Bei uns war klar, die Kinder bleiben bei uns und du wirst alles tun, dass es den Beiden gut geht oder holst dir Hilfen oder guckst, dass alles wieder in die Reihe kommt.

War das für euch besonders schön, dass die Mädchen leibliche Schwestern waren?

Ja, das fand ich auf jeden Fall gut. Bis heute finde ich es immer noch gut. Obwohl ich damals der Mutter bei einem Besuchskontakt auch gesagt habe „Wenn Sie jetzt noch ein Kind kriegen, das nehmen wir nicht“. Ich glaube, wir hätten es aber trotzdem genommen. Aber das mit den Schwestern ist auf jeden Fall gut. Man sieht auch viele Ähnlichkeiten. Sie ergänzen sich sehr und – ja- ich finde es auf jeden Fall gut. Ich hätte es auch nicht übers Herz gebracht, Geschwister zu trennen.

War es für euch von Bedeutung, dass ihr die Mutter eigentlich so gut kanntet?

Ja das fand ich schon sehr wichtig. Ich habe auch immer die Besuchskontakte genutzt, um viel zu erfahren von ihrer Art ihr Leben zu führen, ihrer Einstellung, und auch zu wissen, wie sie aussieht. Im Nachhinein kann ich nun viele Vergleiche ziehen oder wissen, woher manches kommt. Also, die Kinder haben schon viel von der Mutter, auch vom Aussehen usw.

Ihr habt die Mutter ja immer bei den Besuchskontakten getroffen. Als nun diese endgültige rechtliche Lösung war, haben sich die Besuchskontakte dann verändert?

Die Notwendigkeit von Besuchskontakten wurde vom Richter nicht mehr gesehen. Der Richter hat zur Mutter gesagt: „Sie haben so viel Hilfe und Unterstützung für die Erfüllung der Auflagen gehabt und haben diese nicht umgesetzt, so dass die Kinder jetzt in der Dauerpflegefamilie verbleiben und keine Rückführung mehr angedacht ist. Von daher braucht man auch diese Besuchskontakte nicht mehr. Wenn Sie alle wollen, können Sie die aber gerne machen“. Bei der Gerichtsverhandlung hatten wir auch einen Besuchskontakt vereinbart, aber da ist die Mutter auf uns zugekommen und wir hatten ein sehr interessantes Gespräch, welches eigentlich zukunftsweisend war. Da hat die Mutter gesagt: „Ich musste mich bei der Gerichtsverhandlung ja für meine Kinder einsetzen, denn ich hab sie ja geboren, aber ich weiß, dass sie bei Ihnen in den besseren Händen sind. Dass Sie sich besser um sie kümmern. Dass die Kinder sich wohl fühlen und gut aufwachsen werden und ich werde mich jetzt zurückziehen, damit die Kinder in Ruhe groß werden können“. Ich hab ihr damals angeboten, wann immer sie die Kinder sehen möchte, kann sie sich beim Jugendamt melden und wir würden ein Treffen vereinbaren.

Hat es so ein Treffen gegeben?

Wir haben dreizehn Jahre nichts von ihr gehört.

Du hattest ja zu Anfang erzählt, dass ihr beide Vormund geworden seid. War das hilfreich für euch? War das für eure Familie gut?

Ich fand das sehr von Vorteil. Wir konnten ja die Alltagsentscheidungen schon vorher treffen, nun aber eben auch viel mehr. Wir konnten zum Beispiel beim Landkreis die Namensänderung beantragen. All diese Dinge, zu denen man normalerweise die Unterschrift der Mutter braucht, konnten wir nun eben selbst erledigen. Das mit der Unterschrift zieht sich ja manchmal sehr lange hin und ist schwierig. Das konnten wir jetzt alles selbständig machen und für den Alltag war es viel leichter.

Hattest du das Gefühl, dass es damit auch für die Kinder leichter war?

Ich glaube, auch wenn Kinder noch klein sind, merken sie das. Auch weil man selbst dadurch die Einstellung hat. Die merken einfach, hier gehör ich hin, hier ist mein zuhause und wir gehören zusammen.

Beide Kinder haben ja eure Nachnamen bekommen.

Ja. Unserem Antrag auf Namensänderung wurde ja stattgegeben.

Wir haben uns damals kennengelernt über die Pflegeelterngruppe. Ihr seid in die Gruppe gegangen und auch in den Verein. Wie seid ihr dahin gekommen?

Ich habe ja eine Ausbildung als Erzieherin gemacht und im Rahmen meiner Ausbildung habe ich in einem Kinderdorf gearbeitet. Da wurde ich das erste Mal konfrontiert mit Pflegekindern und mit Kindern, die ihre Eltern verloren haben und mit auffälligen Kindern. Von da an war mir eigentlich klar, dass ich nur Pflegekinder oder Adoptivkinder haben würde. Und dann haben mein Mann und ich, nachdem wir geheiratet hatten, uns nochmal damit beschäftigt. Das war Anfang der 90er Jahre und zu der Zeit hat man hier am Wohnort überlegt, ob man mal einen Verein gründen könnte. Gibt es Pflegekinder? Wie machen wir das? Ich hatte ja damals die Tagespflegekinder aufgenommen. Im Amt gab es noch gar keine Struktur, es gab keinen Pflegekinderdienst. Eigentlich musste man selbst gucken. Wie kam man an die Kinder, wie ist das zu regeln, wie ist die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt? Es gab keine Vorgaben oder Vorlagen an denen man sich orientieren konnte. Durch die Tageskinder hatte ich Mitarbeiter des Jugendamtes kennengelernt und dadurch ergaben sich auch Gespräche über Pflegekinder. Das man einen Antrag stellen konnte, das man Pflegekinder aufnehmen kann, das man überprüft wurde, das war auch damals alles schon so.

Du hast dich ja schon sehr früh als Pflegemutter, als die Kinder noch nicht lange bei euch waren, im Verein engagiert.

Ja

Warum?

Es gab eben ganz viele Dinge - Internet gab es zu der Zeit ja auch noch nicht – die ich wissen musste, die man wissen sollte. Als Pflegeeltern ist man am Anfang doch sehr naiv in manchen Dingen. Z.B., bei den ersten Jungs die wir aufgenommen haben, habe ich meine Adresse bekannt gegeben und hatte dann zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten die Mutter vor der Tür stehen. Da habe ich dann gelernt, dass ich meine Adresse nicht mehr bekannt gebe und dass wir Besuchskontakte lieber separat in einem anderen Gebäude gestalten. So was zum Beispiel. Aber auch, dass man im Verein Unterstützung und Hilfe bekommen kann. Das jemand auch sagt, du darfst auch NEIN sagen, du darfst auch SO und SO reagieren. Wenn ich eine Anbahnung mit einem Kind habe, wo ich das Gefühl habe – ne, das passt einfach nicht – dann darf ich das sagen. Das fand ich schon sehr wichtig.

Heute sind deine Töchter ja 15 und 14 Jahre alt. Wenn du so zurückblickst auf eure Zeit und man dich fragt, wie denn das Leben mit den Kindern so war und wie es jetzt ist– was würdest du dann sagen?

Bei Verena ist es so, dass sie bis heute, also 15 Jahre jetzt schon – das muss man sich wirklich mal verdeutlichen – immer dieses Gefühl hat, sie muss besonders viel leisten um anerkannt und gesehen zu werden, weil sie aus ihrer Sicht ja irgendwie einen Makel hat, weil ihre Mutter sie nicht haben wollte. Seit sie bei uns ist, versuchen wir sie davon zu überzeugen, dass es nicht an ihr liegt, sondern an der Mutter, weil sie nicht in der Lage war, den Alltag zu bewältigen.

Darf ich mal unterbrechen: Du sagtest, sie denkt die Mutter wollte sie nicht haben, aber sie wollte sie doch haben, sie konnte sie „nur“ nicht versorgen. Aber das kann Verena nicht so sehen?

Nein, das kann sie nicht so sehen. Und „sie wollte sie haben“ würde ich auch mal in Gänsefüsschen stellen. Sie hat das zwar gesagt, aber wenn du von 50 Besuchen 37mal nicht kommst, dann willst du sie doch nicht wirklich. Verena sucht den Fehler immer bei sich. Sie muss was an sich haben, dass die Mutter sie nicht wollte, oder sich nicht um sie gekümmert hat. Bis heute merkt man also immer, dass sie sich furchtbar unter Leistungsdruck stellt, dass sie Versagensängste hat, und das – ja – das bestimmt den Alltag. Sie will auch immer ihre Geschichte hören, wie sie gekommen ist, wie sie laufen gelernt hat usw. Bei Linda ist das im Moment nicht so ein Thema.

Habt ihr mit den beiden Mädchen so eine Art Lebensbuch gemacht? Wo man Dinge sammelt, wo Fotos reinkommen, die Geschichte mal aufschreibt?

Wie gesagt, aufgeschrieben haben wir nicht, ich erzähle das immer. Das einzige was wir haben ist ein Ordner, wo die ganzen Unterlagen drin sind. Da haben wir unter anderem auch zwei drei Fotos von den Eltern. Irgendwann packen wir die aus und gucken sie uns noch mal an. Die Mutter hatte den Mädchen bei einem Besuchskontakt auch mal Spielzeug geschenkt und das haben wir in einer Kiste.

Wenn ihr so als Familie den Alltag mit den Mädchen lebt, hattest du das Gefühl, dass sie dann auch noch Interesse an der Mutter und der Vergangenheit haben oder ist das nur zeitweise mal so ein Aufblitzen?

Das ist zweitweise mal so ein Aufblitzen, würde ich sagen. Aber man weiß es nie so genau. Zum Beispiel hat mich vor einiger Zeit die Klassenlehrerin von Linda mal angerufen. Im Fach Religion hat sie mit der Klasse versucht, sich verschiedene Familien anzusehen, welche Arten von Familien es gibt, und so. Da kamen u.a. auch Pflegefamilien und Adoptivfamilien vor– und da muss Linda wohl furchtbar in Tränen ausgebrochen sein. Warum konnte die Lehrerin nicht sagen, aber es hat sie doch sehr gerührt.

Ist es für dich rückblickend ein Manko, dass die Mutter sich so wenig gemeldet hat?

Ich glaube, das war für die Zeit jetzt einfach mal gut. Ich würde auch im Moment noch keinen Besuchskontakt begrüßen, weil beide Mädchen so in der Pubertät sind. Im Moment sind andere Dinge viel viel wichtiger. Das wird bestimmt mal dazu kommen, dass sie danach mehr fragen, aber jetzt ist das eher kein Interesse. Wir hatten im Sommer Hilfeplangespräch mit Frau Z. vom Jugendamt. Sie hat auch gefragt: „Habt ihr Interesse, die Mutter mal zu sehen“ und dann kam ein Kopfschütteln. Sie müssen sich mit der Sache mal vertraut machen, aber die Mutter war irgendwie nicht präsent. Sie können sich ja noch nicht einmal daran erinnern.

Glaubst du, dass da schon ein bisschen mehr heimatliche oder heimische Gefühle sind weil sie mit der leiblichen Schwester aufwachsen?

Das kann ich mir schon vorstellen. Wir haben ja nicht zwei Lebensgeschichten, sondern wir haben ja eine und das tragen ja beide und sie sind als Geschwister schon sehr verbunden.

Aber du sagtest ja, sie sind sich nicht sehr ähnlich.

Vom Charakter sind sie total unterschiedlich aber so vom körperlichen her sind schon viele Ähnlichkeiten.

Du sagtest, dass im Moment für die Mädchen ganz andere Dinge vorrangiger sind als Herkunft oder Mutter?

Ja, Herkunft und Mutter ist im Moment nicht so das Thema, obwohl sie schon immer genau hingucken, wie ist das bei anderen Familien ist, wie das da läuft. Ich finde es bis heute noch interessant, dass sie, wenn wir an Fahrten vom Pflegefamilienverein teilnehmen, mich dann immer lächelnd angucken und sagen: „Die sind so wie wir!“ Das ist immer der Spruch, den finde ich dann immer gut so: das ist was Besonderes und wir fühlen uns dazugehörig. Linda hat einen Jungen in der Klasse der ist auch Pflegekind. Die zwei haben sich auch mal darüber unterhalten. Linda nutzt das auch immer als Mittel zum Zweck und sagt „eigentlich habe ich zwei Väter und zwei Mütter und ganz viele Omas und ganz viele Opas“. Sie sieht so das Positive daran.

Apropos Vater, weiß die Mutter wer der Vater der Kinder ist?

Ja, den haben wir auch mal bei Besuchskontakten kennengelernt, aber nachdem er vor Gericht gesagt hat, dass seine Hunde ihm wichtiger sind als seine Kinder, hat der Richter ihn ausgeschlossen.

Was möchtest du jetzt mit deinen Erfahrungen gerne noch Pflegeeltern sagen, die neu anfangen Pflegeeltern zu sein?

Ja, was ich auf jeden Fall wichtig finde ist, dass man sich wirklich ausgiebig damit befasst, dass man alles an Pflegeeltern mitnimmt was man kriegen kann. Vorbereitungsseminar, Infos Jugendamt, Treffen mit Pflegeeltern, um einfach mal zu hören, wie läuft sowas ab, wie sind die Kinder in der Familie, auch nicht nur wenn sie klein und süß sind, sondern was passiert in der Pubertät, wenn sie älter werden, das ist schon eine andere Geschichte. Und ja, dass man sich wirklich einem Verein anschließt, um auch mal die ganzen rechtlichen Seiten kennen zu lernen. Was heißt es Vormund zu sein, was heißt es einfach nur eine Pflegefamilie zu sein, was kann ich für die Familie bewirken. Wir haben ja nicht nur die Vormundschaft, sondern die Kinder konnten ja auch unseren Nachnamen annehmen. Wir haben Linda sogar den Vornamen gegeben, weil die Polizei ja das Kind der Mutter auf der Flucht abgenommen hat und dabei vergessen hatte, nach dem Namen zu fragen. So hatten wir offiziell ganz lange keinen Vornamen von dem Kind. Und weil sie sich dann nach einer Weile mit dem Namen Linda identifiziert hatte, konnten wir später noch einmal einen Antrag stellen, dass der Vorname Linda als Vorname hinzugefügt wurde. Dafür musste dann allerdings erst ein neues Formular entwickelt werden.

In welchen Situationen hättest du gerne mehr Unterstützung gehabt?

Z.B. als Linda als Baby so geschrien hat, da hätte ich gerne Unterstützung gehabt, aber da war einfach zu diesem Zeitpunkt Hilfe dafür noch nicht so präsent. Das hat sich glücklicherweise heute ja sehr verändert. Dann gibt es natürlich immer so einen bestimmten Punkt: viele Eltern sagen einfach „na ja, das hat der Sohn von mir, oder die Tochter vor dir“, das haben wir natürlich nicht. Ich fand es immer sehr interessant zu sehen, was ist eigentlich anlagebedingt und was ist so umweltbedingt. Was haben die Kinder so von uns mitgenommen und was steckt eigentlich drin, was du nicht ändern kannst. Ich würde Pflegeeltern deswegen immer raten, Besuchskontakte als Chance zu sehen. Die Eltern auszufragen, ganz viel zu fragen, weil man immer in Situationen kommt, wo dieses Wissen bedeutsam ist. Dass man z.B. einen Anamnesebogen ausfüllen muss, ob das beim Arzt ist, beim Therapeuten und wie auch immer. Ich musste da leider oft viele Fragezeichen machen, weil wir es einfach nicht wissen.

Glaubst du, dass es Sinn macht, Pflegefamilien in bestimmten Entwicklungsphasen der Kinder mehr Hilfe anzubieten z.B. in der Pubertät?

Mehr Hilfe über das Jugendamt durchaus. Aber man kann ja auch jederzeit zur Erziehungsberatung gehen. Das habe ich z.B. vor Kurzem gemacht. Die Dame vom Jugendamt hatte mir angeboten, dort einen Termin für mich zu vereinbaren und dadurch musste ich nur zwei Wochen warten. Das fand ich sehr positiv. Also sie versuchen dann schon zu unterstützen, wo immer es geht.

Hier an eurem Wohnort ist die Situation ja so, dass die Beratungsstelle schon sehr früh bei neuen Pflegeeltern mit einbezogen wird. Ich glaube daher, dass die Pflegeeltern hier dadurch kaum Hemmungen vor der Erziehungsberatungsstelle haben und eher einfach hingehen. Ist das auch deine Erfahrung?

Ja, das würde ich auf jeden Fall so befürworten. Erst mal hört sich diese Beratung im ersten Jahr nach der Aufnahme des Kindes ja immer so nach Zwangsberatung an, was es aber überhaupt nicht ist. Die Pflegeeltern empfinden das wirklich für die ganze Familie als positiv. Ich persönlich hätte mich auch immer nur für Dauerpflege entschieden, nicht für Adoption, einfach weil ich finde, dass man als Pflegeeltern viel mehr Unterstützung bekommt. Schon allein durch Hilfeplangespräche. Es ist ja auch so, ich hatte ja noch keine Kinder die z.B. über 16 sind. Ich weiß ja gar nicht, was in den nächsten Jahren noch auf uns zukommt. Als Eltern und auch als Pflegeeltern wächst man ja mit seinen Aufgaben und befasst sich damit, aber es ist ganz gut, dass man über Jugendamt oder Beratungsstelle – oder welche Hilfe es auch immer gibt –eben auch mal Impulse bekommt, vielleicht in eine andere Richtung zu denken.

Ihr seid ja schon sehr früh Vormund eurer Kinder geworden. Aber die Unterstützung des Jugendamtes war euch trotzdem weiter wichtig.

Ja, ich fand es auf jeden Fall immer gut, die Unterstützung des Jugendamtes im Rücken zu haben. Verena leidet unter Dyskalkulie, das war ein ganz langer Weg, dass das anerkannt wurde. Es war gut, dass ich da immer die Unterstützung des Jugendamtes hatte. Sie haben die Hilfen, Therapien und so weiter unterstützt. Ich erlebe jetzt hier im Alltag, dass Familien mit leiblichen Kindern unheimliche Schwierigkeiten haben. Dass sie nicht wissen, welchen Weg sie gehen sollen, wo können sie sich Informationen holen, wie können sie Unterstützung beim Jugendamt bekommen oder Hilfe bei den Kosten und das ist dann schon für Pflegeeltern – finde ich – um einiges leichter.

Mir fällt gerade noch ein – du bist ja Fachfrau, du bist ja Erzieherin.

Ja

Hat es deshalb mal Überlegungen gegeben, lieber Erziehungsstelle zu sein?

Ach, na ja, Erziehungsstelle. Ach ich weiß nicht, ich wollte halt nicht so auffällige Kinder haben. Wir hatten damals auch überlegt, ob wir nicht mehr Kinder haben wollen, vielleicht vier. Aber dann musst du schon für den Alltag gucken. Bei sechs Personen brauchst du schon ein anderes Auto, bei sechs Personen ist in Urlaub fahren auch schon ne andere Sache und wenn du dann eben einen Mann hast, der beruflich sehr eingespannt bis, dann musst du auch immer bedenken, dass du alleine ja dann eigentlich die vier Kinder hast.

Ihr seid ja dann aus beruflichen Gründen deines Mannes nach Abu Dhabi (VAE) gezogen. Wie geht das, mit Pflegekindern wegzuziehen?

Wir mussten erst mal beim Jugendamt abklären, ob das überhaupt möglich ist, ob wir mit Pflegekindern, die einmal im Jahr ein Hilfeplangespräch haben müssen, überhaupt wegziehen können. Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass immer im Sommer, wenn wir wieder hier in Deutschland waren, das Hilfeplangespräch stattfinden würde. Wir haben natürlich viel Emailverkehr hin und her gehabt. Ich habe immer für Freunde und Bekannte Berichte geschrieben wie der Alltag so ist, wenn man neu in ein fremdes Land kommt und das habe ich auch immer den Mitarbeitern vom Jugendamt geschickt. Wie ich später gehört habe, haben die sich dann alle zusammengesetzt und das gemeinsam durchgelesen, weil sie es alle spannend fanden. Wenn es Besuchskontakte gegeben hätte zu diesem Zeitpunkt, hätten wir das nicht machen können. Das wurde auch ganz klar gesagt.

Das heißt, dann hättet ihr nur in ein Land ziehen können, welches räumlich so nah war, das ein Besuchskontakt hätte stattfinden können.

Ja

O.K. Gab es da irgendwelche Aufhänger mit Kinderausweis, mit Pässen? Gab es da irgendwas Rechtliches, was ihr noch bedenken musstet? Aber ihr ward ja Vormund und hattet so mehr Möglichkeiten.

Ja, das war der Vorteil, dass wir Vormund waren und so konnten wir Pässe und Visa beantragen. Ein großer Vorteil war auch, dass die Kinder unseren Nachnamen hatten, denn in ein arabisches Land mit verschiedenen Namen, das ist ganz schwierig. So wurden wir nicht weiter gefragt und es war in Ordnung. Übrigens – der gleiche Nachname ist auch von Vorteil bei Versicherungen, Krankenversicherung, Haftpflichtversicherung etc. Wir haben das zwar immer gesagt, aber dann haben die gemeint, dadurch dass die Kinder den gleichen Namen haben ist das nicht weiter auffällig. Das fand ich auch noch wichtig. Ja und dann habe ich mich damals an den Deutschen Verein gewendet und einfach mal gefragt, wie eine vor Ort Betreuung in einem arabischen Land so aussehen würde. Die haben sich sehr, sehr bemüht, aber das gibt es da nicht. Jugendamt, Jugendhilfe, Betreuung, familiäre Unterstützung gab es da nicht, das regeln die Familien alles selbst.

Das heißt, eure Hilfe bestand darin, dass ihr weiterhin so engen Kontakt über Email mit eurem Jugendamt hattet?

Ja

Ihr ward drei Jahre weg und seid dann wieder hergekommen. War das für eure Kinder ein Problem weg zu sein und wieder zurückzukommen? Oder war das einfach ‚normal‘?

Also, die Kinder wären viel lieber noch da geblieben, denen hat es da sehr gut gefallen. Inzwischen sind wir ja vier Jahre wieder in Deutschland, aber das Heimweh nach Abu Dhabi ist heute noch. Wenn man sie fragen würdet: Würdet ihr nochmal zurückgehen, dann würden sie sagen SOFORT. Obwohl sich auch da viele Dinge geändert haben und ich es natürlich hier in Deutschland jetzt von Vorteil finde : Erstmal natürlich die Sprache – o.k. Das Schulsystem ist hier einfach anders und man bekommt therapeutische Unterstützung, was dort nicht möglich war. Es gab eine Erziehungswissenschaftlerin, die der Schule angegliedert war, die hat sich mit Kindern befasst, die irgendwie Therapie brauchten. Verena brauchte ja Unterstützung in ihrer Rechenschwäche und so hat sie mit ihr einmal die Woche eine Stunde zur Förderung gemacht. Das war eben privat. Es war eine deutsche Schule, und deswegen konnten wir das in Anspruch nehmen. Aber ansonsten gibt es das in anderen Ländern in dieser Form nicht.

Wenn ich dir so zuhöre wird mir klar, dass ihr euch als Pflegeeltern doch sehr viel selbst helfen müsst und dass ihr dazu auch in der Lage sein müsst, mal so richtig ‚auftreten‘ zu können.

Genau. Auf jeden Fall. Wir waren ja auch eine Familie, die mit so kleinen Kindern den Nachnamen beantragen konnte, das war schon sehr ungewöhnlich. Das wir auch noch einen Vornamen aussuchen konnten, das gab es ja noch gar nicht und dann sind wir auch noch ins Ausland gegangen. Also als PFLEGEfamilie – nicht als Adoptivfamilie – das stellt auch ein Jugendamt vor Herausforderungen. Das hatten sie bisher alles noch nicht. Da muss man dann schon in die Bresche gehen und muss der Macher sein, sonst wird das nicht viel.

Glaubst du, dass eure Mädchen als Volljährige einen Antrag auf Adoption durch euch stellen möchten?

Ich glaube ja, weil sie sich einfach hier zuhause fühlen, wir ihre Familie sind und weil sie einfach dazugehören. Wir sind ja eine Familie. In dem Zusammenhang kann ich vielleicht auch noch sagen, dass in all den Jahren unsere Verwandtschaft, Nachbarn oder Freunde noch nie ein Problem damit hatten, dass wir Pflegekinder aufgenommen haben. Damals bei den Jungs, da gab es so ein Raunen – fremde Kinder aufnehmen?! Aber das hatte sich nach einem Monat gelegt, da hatten sie die Jungs ins Herz geschlossen und dann kam die Frage: ja wann nehmt ihr denn die nächsten Pflegekinder auf? Also, wenn die Leute damit konfrontiert sind, dann ändert sich die Meinung – wenn sie nicht so gut gewesen sein sollte – ins Positive, schlagartig. Wir haben nie negative Erfahrungen gemacht, im Gegenteil. Witzig ist auch, dass sie bei der älteren Tochter immer sagen, die wäre ja meinem Mann wie aus dem Gesicht geschnitten und er dann immer sagt: Hoffentlich nicht.

Herzlichen Dank für das Interview.

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Tiefergehende Information

Pflegeeltern Können nicht allein die Musik bestimmen – Sie gehören zu einem Team

Zum Team gehören neben Ihnen auch die leiblichen Eltern, der Vormund, der Pflegekinderdienst, der Allgemeine Sozialdienst, Lehrer, Psychologen, Erzieher. Die Bedeutung des Vormundes ist durch die letzte gesetzliche Änderung zum Vormundschaftsrecht aufgewertet worden.
Antrag / Musterschreiben

Korrekturen und Ergänzungen zum Hilfeplanprotokoll

Der Hilfeplan und die dort dokumentierten Vereinbarungen sind die Basis für die Bedingungen des Pflegeverhältnisses.
Tiefergehende Information

Taschengeld für Kinder in Pflegefamilien

Für Kinder in Pflegefamilien gibt es keine bestimmten Empfehlungen oder Verordnungen. Pflegefamilien sind private Familien, die ein Kind bei sich aufgenommen haben, für deren Versorgung, Erziehung und Pflege sie verantwortlich sind.