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11.03.2009
Interview

Unsere Tochter und wir lernen ihre leibliche Mutter kennen

Vor einigen Jahren hat die Adoptivfamilie die leibliche Mutter und die leibliche Schwester der Adoptivtochter kennen gelernt. Der Weg dorthin wird in diesem Interview, dass die Adoptivmutter mir gegeben hat, beschrieben.

Vor einigen Jahren hat die Adoptivfamilie die leibliche Mutter und die leibliche Schwester der Adoptivtochter kennen gelernt. Der Weg dorthin wird in diesem Interview, dass die Adoptivmutter mir gegeben hat, beschrieben. Henrike Hopp

Unsere Tochter und wir lernen ihre leibliche Mutter kennen

HH: Sie haben Ihre Tochter als jungen Säugling adoptiert. War die Adoption ein Thema in Ihrer Familie?

AM: In unserer Familie wurde die Adoption nie zu einem Geheimnis gemacht. Auch mit unserer Tochter Nicole haben wir stets offen darüber gesprochen.

HH: Hat sie nach ihrer Herkunftsfamilie gefragt?

AM: Natürlich hat sie gefragt. Leider konnten wir Nicoles Fragen nur sehr lückenhaft beantworten, da wir nicht viel über ihre Herkunft wussten. Aber wir haben ihr versprochen, ihr zu einem späteren Zeitpunkt zu helfen, die Fragen beantwortet zu bekommen. Als Nicole 10 Jahre alt war, zeigte sie Interesse, ihre leibliche Mutter kennen zu lernen.

HH: Wie haben Sie auf dieses Interesse reagiert?

AM: Mein Mann und ich waren zuerst unsicher über die Vorgehensweise und darüber, wann wohl der richtige Zeitpunkt, das richtige Alter für dieses kennen lernen sei. Darum sind wir zur Selbsthilfe-Initiative der Pflege- und Adoptivfamilien an unserem Ort gegangen. Dort haben wir dann erfahren, dass unsere Töchter mit 16 Jahren auf jeden Fall das Recht hat, die leibliche Mutter kennen zu lernen. Je nach dem Stand ihrer Entwicklung wäre dies auch schon mit 14 Jahren sinnvoll. Da uns 10 Jahre zu früh war, haben wir mit Nicole vereinbart, dass wir mit ihr auf Suche gehen, wenn sie 14 Jahre alt ist. Darauf hat sie sich einlassen können.

HH: Was passierte, als sie ihren vierzehnten Geburtstag hatte?

AM: Zu unserer Überraschung passierte gar nichts. Wir wollten auch nicht drängen und warteten, ob sie die Sache in Angriff nehmen wollte. Doch auch sie wartete auf uns. Das merkten wir zwei Monate später, als sie mir sagte, sie müsse wohl mal zum Jugendamt gehen und sich dort nach der leiblichen Mutter zu erkundigen, da wir ja nichts täten.

HH: War sie sauer?

AM: Sie hatte eindeutig das Gefühl, dass wir ihr ein Versprechen gegeben hatten, aber uns nicht so richtig trauten. Und da wollte sie sich eben allein auf den Weg machen. Sie beruhigte uns, dass wir vor diesem Schritt keine Angst haben müssten. Für sie sei es selbstverständlich, dass wir ihre Familie sind und bleiben werden. Aber es gäbe in ihrem Leben noch etwas Unbekanntes, wonach sie forschen müsse.

HH: Sie haben ihr dann angeboten, den Weg zusammen zu gehen?

AM: Ja, wir wollten zu unserem Versprechen stehen und hatten, wie schon gesagt, ihr eigentlich nur nichts aufdrücken wollen, wozu sie vielleicht noch nicht bereit war und haben deswegen auf sie gewartet. Aber sie hat das eben anders verstanden. Wir haben dann noch einmal miteinander gesprochen und konnten das Problem schnell lösen. Wir haben ihr dann vorgeschlagen, nicht über das Jugendamt zu gehen, sondern erst einmal bei der Sozialarbeiterin des freien Verbandes, die wir über die Selbsthilfeinitiative kennen gelernt haben, anzufragen. Damit war sie einverstanden.

HH: Dann begann der Weg?

AM: Ja, ich habe mit der Sozialarbeiterin des Verbandes Kontakt aufgenommen. Wir Adoptiveltern und sie haben uns dann erst einmal getroffen, um zu dritt die Vorgehensweise zu überlegen. Dann gab es ein weiteres Treffen mit uns Eltern, der Sozialarbeiterin und Nicole, um auch mit ihr den Weg zu besprechen. Uns war ja besonders wichtig, das Nicole die einzelnen Schritte absegnete und jeden Schritt auch verarbeiten konnte. So sollte zwischen jedem weiteren Schritt erst eine Rückmeldung zu Nicole und uns sein und sie und wir würden dann grünes Licht für den nächsten Schritt geben.

HH: welche Schritte haben sie vereinbart?

AM:
1. Ausfindig machen der Adresse der Herkunftsmutter;
2. Anschreiben der Herkunftsmutter;
3. wenn die Mutter sich meldet, einladen ins Büro der Sozialarbeiterin;
4. dort kennen lernen der Sozialarbeiterin und der Herkunftsmutter;
5. bei diesem Treffen sollten schon Fragen, die Nicole hatte und der Sozialarbeiterin gegeben hatte, an die Mutter weiter gegeben werden;
6. Rückmeldung der Sozialarbeiterin über das Treffen an Nicole und uns Eltern;
7. Überlegungen von uns - machen wir weiter? Wenn ja:
8. Treffen von uns Adoptiveltern und leiblicher Mutter mit der Sozialarbeiterin in deren Büro;
9. Rückmeldung dieses Treffens an Nicole;
10. Entscheidung von Nicole, was sie jetzt möchte;
11. wenn sie will, dann gemeinsames Treffen mit uns Eltern, der leiblichen Mutter, Nicole und der Sozialarbeiterin wiederum in deren Büro;
12. nach diesem Treffen würde sich dann alles weitere entwickeln oder nicht.

HH: War Nicole mit diesem Weg einverstanden?

AM: Ja, sie fand die einzelnen Schritte gut. Die Sozialarbeiterin gab ihr eine Kopie der vereinbarten Schritte, damit sie die Möglichkeit hatte, eventuell noch Schritte zu verändern oder zu ergänzen.

HH: Hat sie sich noch dazu geäußert?

AM: So wie wir es besprochen hatten, wollte sie es gemacht haben.

HH: Nachdem Nicole grünes Licht gegeben hatte ging es los?

AM: Ja, wir hatten inzwischen die Adresse der leiblichen Mutter ausfindig gemacht und die Sozialarbeiterin schrieb einen Brief an sie.

HH: Wissen Sie, was sie geschrieben hat ?

AM: Sie hat geschrieben: „Sehr geehrte Frau ... betrifft den (Geburtsdatum von Nicole)
Ich bin gebeten worden, mich deswegen mit Ihnen in Verbindung zu setzen. Wenn Sie möchten, bitte ich Sie, mich anzuschreiben oder mit mir zu telefonieren."

HH.: Kam eine Rückmeldung?

AM: Sofort. Die leibliche Mutter hat unmittelbar, nachdem sie den Brief erhalten hat, bei der Sozialarbeiterin angerufen. Diese hat uns sofort über das Gespräch informiert.

HH: Waren Sie überrascht?

AM: Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die Rückmeldung so schnell erfolgen würde. Diesen Schritt hatte ich mir schwieriger vorgestellt. Ich war froh zu erfahren, dass die leibliche Mutter für ein Treffen bereit war und freute mich für unser Kind.

HH: Wie hat Nicole reagiert?

AM: Bei ihr war die Reaktion „Siehste, ich hab gewusst, sie meldet sich sofort". Sie hat dann gefragt, ob die leibliche Mutter schon was erzählt hätte. Dann hat sie der Sozialarbeiterin einen Brief geschrieben und hat Fragen für das erste Treffen formuliert:

  • Wo lebt die Mutter?
  • Habe ich Geschwister?
  • Warum hat sie mich abgegeben?
HH: Dann gab es ein Treffen zwischen der Sozialarbeiterin und der Herkunftsmutter?

AM: Genau. Die Sozialarbeiterin berichtete uns dann folgendes: Die Mutter kam mit ihrem Ehemann und zwei ihrer Kinder. Sie war sehr aufgeregt und erzählte bereitwillig wie sie lebt, dass es noch mehrere Geschwister gibt und was die Familie so macht. Die Frage, warum sie Nicole abgegeben hat, stellte die Sozialarbeiterin wegen der anwesenden Kinder nur sehr vorsichtig und bekam auch eine sehr vorsichtige Antwort. Die Mutter zeigte sich dann mit den besprochenen Schritten einverstanden. Sie war einfach nur glücklich, etwas über Nicole zu erfahren und sie evtl. sogar sehen zu können. Die Sozialarbeiterin vereinbarte dann einen nächsten Termin mit ihr und uns.

HH: Wie war Ihr Gefühl, als die Sozialarbeiterin Ihnen von dem Gespräch berichtete?

AM: Als sie die leibliche Mutter beschrieb und über den Besuch berichtete, war ich
erleichtert. Ich konnte davon ausgehen, dass die leibliche Mutter unser Familienleben und die Beziehung zwischen Nicole und uns Eltern nicht zerstören wird. Aber ein wenig Angst blieb schon, wie eng der Kontakt im Nachhinein sein würde und ob nicht doch negative Einflüsse Auswirkungen haben werden. Oder drängelte die leibliche Mutter vielleicht? Doch es war sehr beruhigend zu wissen, dass sie den vereinbarten Weg mit uns gehen würde, dass sie sich neutral verhielt und Nicole den Ablauf bestimmen ließ. Ich hatte auch Angst davor, dass die leibliche Mutter ein „Nein" zu der Suche sagen würde und kein Interesse an Nicole hätte und war erleichtert, als alles so gut klappte.

HH: Dann lernten Sie die leibliche Mutter auch kennen?

AM. Etwa drei Monate nach dem ersten Treffen lernten wir die leibliche Mutter von Nicole im Büro der Sozialarbeiterin kennen. Bei diesem Treffen war die Mutter und ihr Mann da, als mein Mann und ich rein kamen. Ich war aufgeregt, welchen Eindruck sie auf mich und ich auf sie machen würde und wie wir miteinander umgehen würden. Aber als ich sie sah und wir uns begrüsst hatten, ging es mir schon besser. Ich habe dann einige Fragen an sie gestellt und zwar zur gesundheitlichen Situation und zu Erbkrankheiten. Und auch, warum sie Nicole zur Adoption freigegeben hat, wie sie so lebt und was sie macht. Ich erhielt auf alle Fragen eine Antwort. Während dieser Unterhaltung bin ich immer ruhiger geworden und war mir ziemlich sicher, dass durch diese Frau unser Familienleben nie in irgend einer Form zerstört wird und dass sie das Treffen gemacht hat, um Nicole den Gefallen zu tun, sie kennen zu lernen.
Das Gespräch dauerte etwa eine Stunde. Ich hatte das Gefühl: einmal gesehen und die Last war weg. Es war ein harmonisches Gespräch. Es war leichter dadurch, dass die
Sozialarbeiterin dabei war und dass sie die Mutter schon kannte.
Als wir wieder zuhause ankamen, wurden wir sofort von Nicole überfallen und mussten alles genau berichten. Es ging mir gut dabei und ich habe auch alles locker erzählen können. Nicole wurde jetzt besonders neugierig und wollte nun alles ganz schnell haben.

HH.: Haben Sie sich von der Eile anstecken lassen?

AM: Nun ja, ich habe am nächsten Tag bei der Sozialarbeiterin angerufen und grünes Licht für den nächsten Schritt gegeben. Die Terminvereinbarung zog sich dann doch etwas hin, so dass der Termin, an dem Nicole ihre Mutter treffen würde, erst 10 Wochen später statt fand.

HH.: Hatte Nicole eine Vorstellung, wie der Termin ablaufen sollte?

AM: Oh ja, Nicole hatte präzise Vorstellungen. Erstens wollte sie nur ein Frauentreffen. d.h. leibliche Mutter (ohne Ehemann). Nicole, ich und die Sozialarbeiterin. Mein Mann nahm diesen Wunsch gelassen hin. Nicole nutzte die Zeit bis zum Treffen, um sich selbst vorzubereiten. Sie suchte Fotos heraus und gab der Sozialarbeiterin und mir „genaue Anweisungen", wie das Treffen ablaufen sollte: Sie und ich sollten zuerst im Büro sein, sollten bereits sitzen und nicht aufstehen, wenn die leibliche Mutter hereinkäme.
Die Sozialarbeiterin bereitete mit der Mutter das Treffen telefonisch vor.

HH: War Nicole kurz vor dem Treffen nervös oder aufgeregt?

AM: Eigentlich war sie ganz normal, aber am Abend vorher bekam sie Angst, wirkte sehr aggressiv und wollte dieses Treffen nicht mehr haben. Sie sagte: „Eigentlich will ich gar nicht die sonder lieber meine Schwester kennen lernen".

HH: Waren sie verblüfft? Nach all den Vorbereitungen nun das?

AM: Meine Reaktion war Nicole zu erklären, dass die Frau von weit her kommt, Nicole den Termin wollte und ihn daher auch nun wahrnehmen muss. Weil ich sie aber so bedrängte, wollte sie jetzt gar nicht mehr. Am nächsten Morgen rief ich daraufhin die Sozialarbeiterin an und die meinte, dass Nicole nicht muss, wenn sie nicht will. Auch wenn sie ganz kurz, also unmittelbar vor dem Treffen nein sagen würde, wäre dies in Ordnung. Ich holte Nicole wie vereinbart von der Schule ab und sagte ihr, was die Sozialarbeiterin mir gesagt hatte: Dass es jetzt schwer für sie ist. Wenn sie es aber geschafft hat, dann ist sie zufrieden und fühlt sich ganz stark, aber es kann sein, dass sie es diesmal noch nicht schafft. Dann ist es auch in Ordnung und wir lassen es.

HH: Konnten Sie und Nicole die Meinung der Sozialarbeiterin annehmen?

AM: Nicole merkte, dass ich meine Meinung vom Abend vorher verändert hatte und dass ich es ihr jetzt wirklich frei überlassen konnte, ob sie das Treffen machen wollte oder nicht. Durch die freie Wahl konnte sie nun auch frei entscheiden und entschied sich, zum Treffen zu gehen.
Sie hat sich gut angezogen und sich sicher gemacht. Im Auto war alles normal - ich war aufgeregt. Ich machte mir Gedanken: wie wird sie das alles aufnehmen. Wir hatten vorher schon viel darüber gesprochen und sie hat immer gesagt: „Lass mal, das mache ich schon. Alles Weitere wird sich beim Gespräch von selbst ergeben".

HH: Lief der erste Moment des Treffens so ab, wie Nicole es gewollt hatte?

AM: Genau so, wir waren da und die leibliche Mutter kam etwas später allein ins
Büro. Nicole, die Sozialarbeiterin und ich saßen da und ich war überrascht über die Fassung von Nicole. Wie sie sich verhalten hat, das hat mich überrascht.
Die Mutter ist reingekommen, hat gezittert, hat ihr die Hand gegeben und geweint. Sie hat sich dann hingesetzt, Nicole einfach nur angeguckt und gesagt: „Du siehst aus wie deine große Schwester".
Ich habe dann gemerkt, dass Nicole sich sehr gut im stillen Kämmerlein auf das Treffen vorbereitet hatte. Sie sagte: „Ich habe Fotos mitgebracht, möchtest du sie sehen?" und hat dadurch die Spannung rausgenommen. Nicole war souverän. Beim Erzählen fiel mir immer wieder auf, dass sie sich viel auf uns - ihre Adoptiveltern - bezog und mich immer wieder mit ins Gespräch hinein nahm.

HH: Wie sprach Nicole ihre leibliche Mutter an?

AM: Ach ja, dass habe ich vergessen zu erzählen. Beim ersten Treffen zwischen uns Adoptiveltern und der Mutter haben wir vereinbart, dass Nicole ihre leibliche Mutter mit Vornamen anreden könnte und wir uns mit Sie und Frau und Herr.... Wir waren aber bereit, unsere Namen der Mutter bekannt zu geben. Das war auch so mit Nicole besprochen.

HH: Zurück zum Treffen, wie ging es weiter?

AM: Das Gespräch dauerte etwa 1 1/2 Stunden. Als es dann beendet wurde, blieb die Mutter etwas zurück, blieb bei Nicole stehen und fragte, ob sie sie einmal umarmen dürfe. Nicole meinte: „Ja, warum nicht" und ließ sich umarmen und die Mutter sagte ihr, wie toll sie sie findet. Dann ging sie. Dieses Umarmen war für mich eine Situation bei der ich dachte: „Spielt sich hier doch noch was ab?" und hörte dann von Nicole, dass
dies bei ihre keine Gefühle ausgelöst habe und sie dem wenig Bedeutung beimaß.

HH: Zu Hause angekommen, wie war es da für Sie?

AM: Es ging uns gut, wir sind noch essen gegangen und waren zufrieden und entspannt.

HH: Hat Nicole noch anschließend etwas zu Ihnen gesagt?

AM: Nach dem Gespräch hat sie zu uns gesagt: „Ein bisschen verbindet mich mit ihr, z.B. haben wir gemeinsame Hobbies" aber es ist völlig klar, dass wir ihre Familie sind und das wir Mutter und Vater sind und innerliche Gefühle hätte sie für ihre leibliche Mutter gar nicht. Sie hätte uns lieb und gehörte da nicht hin. Es wäre ein anderes Leben, was diese Familie führt und sie spürt, dass sie da nicht hingehört, möchte aber weiterhin Kontakte haben und eventuell auch mal dort einen Besuch machen.

HH: Hat es noch mal Kontakte zueinander gegeben?

AM: Beim Treffen waren auch Adresse und Telefonnummern ausgetauscht worden und zwei Wochen nach dem Treffen schrieb die Mutter an Nicole, erwähnte dass es ihr gut ging und dass sie froh sei, dass Nicole so gute Eltern habe und ließ uns auch grüßen. Es sei in Ordnung, dass sie so wenig über Nicole wüsste und habe auch keine weiteren Fragen. Sie erwähnte auch, dass die ältere Schwester von Nicole diese gern kennen lernen würde und ob dies machbar sei.

HH.' Nicole hat dann Kontakt zu dieser Schwester aufgenommen?

AM: Ja, es gab Kontakt per Handy, dann zwei briefliche Kontakte und dann haben wir überlegt, wie ein Treffen möglich wäre. Da alles so gut gelaufen war bisher, waren wir der Überzeugung, dass wir die Sozialarbeiterin diesmal nicht beteiligen brauchten. Die Schwestern haben sich dann in der Nähe des Wohnortes der leiblichen Familie getroffen. Wir haben Nicole dort hingebracht, die leibliche Mutter die Schwester. Die beiden Mädchen konnten ein paar Stunden zusammen verbringen. Später wurden sie von den Erwachsenen wieder abgeholt.

HH: Wie war dieses Treffen für die Mädchen?

AM: Beide waren glücklich, dass sie sich kennen gelernt haben und haben dann häufiger per MSS miteinander Kontakt gehabt. Aber die Abstände werden immer größer, wobei im Grunde herein geplant ist, dass die Schwester uns einmal besuchen wird. Nicole will ihr dann hier ihre Umgebung zeigen. Aber wie gesagt, der Kontakt ist nun doch selten geworden.

HH: Wenn Sie jetzt so knapp 2 Jahre nach Nicoles 14. Geburtstag zurückblicken, wie sehen Sie jetzt dies ganze Unterfangen'

AM: Es geht mir gut, dass es so gelaufen ist und dass dadurch kein Knacks in unsere Familie gekommen ist. Ich bin froh darüber, dass die leibliche Mutter sehr zurückhaltend ist und sehr darauf achtet, Nicole
entscheiden zu lassen. Ich befürchtete zu Beginn, dass sie alle Nase lang am Telefon sein würde und damit Nicole verunsichern könnte. Nicole hat ihren Wunsch erfüllt bekommen. Sie hat ihre leibliche Mutter kennen gelernt, sie kennt ihren Ursprung, kann Kontakt aufnehmen, wenn sie möchte. Damit ist die Sache auch mehr oder weniger für sie abgeschlossen. Sie ist aufgeschlossener und ruhiger geworden und hat in der Schule selbst noch einmal einen Vow-trag gehalten über die Kontakte und über Pflege- und Adoptivkinder. Sie hat dies darin alles positiv geschildert. Irgendwie ist der Dampf raus und sie hat das alles verarbeitet. Eine große Rolle hat dabei gespielt, dass wir immer offen waren und sie hat auch gesagt, dass diese Klarheit des Wissens um die Adoption ihr diesen souveränen Umgang mit ihrer Herkunft ermöglicht.

HH: Würden Sie bereit sein, mit anderen Pflege- oder Adoptiveltern über Ihre Erfahrungen zu sprechen?

AM: Ich bin gern bereit, mit Eltern, die sich mit der Herkunftsfrage herumschlagen in Kontakt zu treten. Wer dies möchte, kann sich an die Patenredaktion wenden.
Wir sind von Frau Breathing vom Landratsamt Call auf einen Fehler hingewiesen worden, den wir berichtigen wollen. Im Heft 1/03 auf Seite 8 heißt es, dass gemäß § 9b AdVermiG Unterlagen und Aufzeichnungen 40 Jahre lang aufzubewahren sind. Richtig ist, diese Unterlagen sind 60 Jahre vom Geburtsdatum des Kindes an aufzubewahren.

Für das Interview und den Bericht möchte ich mich sehr herzlich bei der Adoptivmutter und Nicole (ich habe ihren Namen natürlich geändert) bedanken und interessierte Adoptiveltern ermuntern, sich an die paten-Redaktion zu wenden. Wir vermitteln dann ein Gespräch.
Henrike Hopp

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