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27.11.2012
Interview

herausgegeben von:

Liebhaben reicht nicht – warum scheitern Pflegefamilien?

Verschriftlichung des Radio-Intervies auf SWR2 Forum v. 24.10.2012 Redaktionsleitung und Interviewerin: Susanne Kaufmann Teilnehmer: Henrike Hopp, Sibylle Schotten-Stehle, Prof. Klaus Wolf

Verschriftlichung des Radio-Interviews auf SWR2 Forum v. 24.10.2012

Redaktionsleitung und Interviewerin: Susanne Kaufmann

Teilnehmer: Henrike Hopp, Sibylle Schotten-Stehle, Prof. Klaus Wolf

Henrike Hopp ist Sozialarbeiterin und lebt in Ratingen bei Düsseldorf. Sie engagiert sich seit Jahrzehnten für Pflegekinder als ehrenamtlicher Vormund und in den Verbänden und sie hat im Internet das Portal www.moses-online.de gegründet. Es bündelt Informationen zum Thema Pflegekinder und Adoption

Sybille Schotten-Steele ist Dipl.-Pädagogin und arbeitet beim Jugendamt der Stadt Mainz.

Prof. Klaus Wolf lehrt Erziehungswissenschaften an der Universität Siegen und forscht über Kinder, die unter ungünstigen Bedingungen aufwachsen

Red: Familien, die ein Pflegekind aufnehmen, stoßen oft an ihre Grenzen. Das Leben mit einem Pflegekind ist schwierig, weil diese Kinder sich in vielen Situationen anders verhalten als es andere Kinder tun. Sie wurden vernachlässigt, haben oft Gewalt erlebt und familiäres Chaos und tragen schwer an dieser Last. Und - in die Pflegefamilie kommt nicht nur ein zusätzliches Kind hinein, das soziale Umfeld erweitert sich auch um die leiblichen Eltern, die dieses Kind besuchen. Meist behalten sie das Sorgerecht und müssen bei allen wichtigen Entscheidungen zustimmen. Pflegeeltern sind nur Eltern auf Zeit, sie haben viele Pflichten und verhältnismäßig wenig Rechte und eine Aufgabe, die schwierig ist. In manchen Städten scheitern bis zu 40% der Eltern, die mit besten Absichten ein Kind zu sich genommen haben.

Red: Frau Schotten-Steele, der Pflegekinderdienst für den Sie tätig sind macht eine ausgesprochen solide Arbeit. In Mainz werden nur sehr wenige Pflegeverhältnisse abgebrochen. Erleben Sie trotzdem Situationen, in denen Eltern total ratlos sind?

Sch: Ja, ich denke das sind Phasen, die in jeder Pflegefamilien immer mal sich entwickeln können, dass Eltern einfach an ihre Grenzen stoßen, dass nicht nur wissen, wie sie mit dem Verhalten des Kindes umgehen können, wie sie die Situation wieder entschärften können. Ich kann vielleicht einfach mal ein Beispiel nennen von einem Mädchen, die seit ihrem siebten Lebensmonat in der Pflegefamilie gelebt hat: Das ging eigentlich mit kleinen Hochs und Tiefs ganz gut in der Familie und jetzt im Alter von 14 ist es dermaßen eskaliert, dass die Pflegeeltern wirklich keine Chance mehr gesehen haben mit dem Kind umzugehen. Sie hat ganz massive Zwangsverhaltensweisen entwickelt. Sie hat extreme Stimmungsschwierigkeiten gehabt, wurde hoch aggressiv. Auch autoaggressives Verhalten ist vorgekommen. Sie hatte überhaupt keine Kontrolle mehr über ihre Impulse. Das ging also so weit, dass die Pflegeeltern sich nicht mehr getraut haben, sie morgens anzusprechen und zu fragen, ob sie noch irgendwas nötig für die Schule braucht oder sie zu wecken, weil ihr ganzer Tag- und Nachtrhythmus durcheinander war. Das sind natürlich Situationen, da stehen Pflegeeltern hilflos da und sind auf uns Fachdienste angewiesen, dass wir ihnen da einfach entsprechende Beratung und Unterstützung anbieten.

Red: Woher kommen denn diese Probleme? Sie sagten jetzt, dieses Mädchen kam schon als es sieben Monate alt war in die Pflegefamilie. Sind das dann alles Prägungen aus den quasi ersten sechs, sieben Monaten oder auch vorgeburtlich? Oder ist es auch die Situation dieses Lebens nicht mit leiblichen Eltern sondern Eltern, von denen das Kind weiß, es sind NUR Pflegeeltern?

Sch: Ich denke, das ist multifaktoriell. Bei diesem Kind ist es so. Es hat eine psychisch kranke Mutter. Dieses Kind hat ganz unregelmäßig Besuchskontakt zur Mutter gehabt, weil die das auch nicht dauerhaft leisten konnte. Aber sie weiß von ihrer Mutter und sie schreibt ihrer Mutter hin und wieder Briefe. Sie ist in der Pubertät und ich denke, man kann nicht immer ganz genau sagen, das oder das ist die einzige Ursache, die das bewirkt.

Red: Frau Hopp, wie viele Kinder tragen denn traumatische Erfahrungen in sich, wenn sie in eine Pflegefamilie kommen?

HH: Auch das ist wieder so eine Zahl, die Sie sehr unterschiedlich benannt bekommen. Aus der Praxis, so bei den Kollegen, auch meine Erfahrungen - wir liegen bei 50 bis 75%

Red: Wie zeigt sich das dann in ihrem Verhalten?

HH: Es zeigt sich eigentlich in ihrem Verhalten dann, wenn sie in der Pflegefamilie sind, weil der Umzug in die Pflegefamilie ja für sie nicht bedeutet - oder sie es nicht nachvollziehen können -, jetzt wird alles wunderbar und besser, sondern es (das Pflegekind) überträgt die alten Erfahrungen auf die neue Familie und benimmt sich dann auch so, wie es bei seinen leiblichen Eltern hat überleben lernen müssen.
Z.B. haben wir eins: viele, viele Pflegekinder, die Vernachlässigung erlebt haben, horten Essen. Sie sind froh, dass es Essen gibt. Sie holen es aus dem Kühlschrank, sie verstecken es unters Bett, sie tun es in den Tornister, wo auch immer hin - in der Hoffnung, dass das keiner findet und dass sie es dann haben, wenn es mal wieder nichts gibt, weil sie den Pflegeeltern noch nicht vertrauen.
Ich kenne ein anderes Kind, was auch immer weggelaufen ist. Nicht weil es nicht bei den Pflegeeltern sein wollte, sondern weil es erleben wollte und gucken wollte, vermissen die mich überhaupt und suchen die mich. Das heißt, wir haben immer wieder Situationen wo Pflegeeltern mit Verhalten umgehen, das nicht unbedingt durch die Pflegeeltern selber verursacht wurde, sondern Ergebnisse einer Vorgeschichte des Kindes sind, bevor es in die Pflegefamilie kam.

Red: Prof. Wolf - Werden solche Kinder denn rechtzeitig aus ihren Herkunftsfamilien geholt?

Prof. W.: Wenn man die Pflegeeltern fragt, sagen sie ganz häufig ‚nein, viel zu spät‘. Weil sie ja auch nur die Kinder kennen lernen bei denen man zunächst mal versucht hat, die Situation in der Herkunftsfamilie weiter zu entwickeln und zu stabilisieren und die erfolgreichen Fälle, wo eine gute Entwicklung der Kinder in ihrer Familie mal mit Schwierigkeiten dann doch noch gelungen ist, lernen die Pflegeeltern dann nicht mehr kennen. Also, das ist eine komplizierte Einschätzung im Einzelfall und die Mitarbeiter im Jugendamt sehen diese komplizierten Abwägeprozesse und mein Eindruck ist, sie machen das häufig ganz vernünftig auch.

Red: Wie viel Hilfe brauchen Pflegeeltern, um solche Herausforderungen und Probleme überhaupt bewältigen zu können?

Prof. W.: Ja, das ist schon eine komplizierte Geschichte, die wir den Pflegeeltern zumuten. Einige der Probleme deuteten sich schon an in dem, was wir bisher besprochen haben. Weitere Probleme kommen hinzu:

  • der laufende Kontakt zur Herkunftsfamilie,
  • sehr häufig eine unsichere Perspektive,
  • kann das Kind mitbestimmen, ob es jetzt in der Pflegefamilie bleibt
  • oder wird es dort wieder herausgerissen, obwohl es schon richtig Wurzel geschlagen hat
  • und ähnliches

Alle diese Themen und Probleme der Kinder werden indirekt auch zu Aufgaben und Herausforderungen für die Pflegeeltern.
Aber wir sollten auch nicht ein Bild zeichnen, was so aussieht, als ob Leben in Pflegefamilien heißt, nur mit riesigen Problemen und allen möglichen Störungen zu tun zu haben und so. Die Beschreibungen von Pflegekindern, die wir in der Forschung finden, sind häufig auch so, dass es richtig tolle neue Erfahrungen sind, die die Kinder in der Pflegefamilie gemacht haben. Ein Kind hat es mal so auf den Begriff gebracht ‘das war wie ein Wunder für mich, wie man dort mit mir umgegangen ist‘ und beschreibt es denn ganz konkret. Also Pflegefamilien sind oft auch wunderbare Orte für eine richtig gute Entwicklung.

Red: In Deutschland leben immer weniger Kinder. Auch Adoptionen gibt es immer weniger. Die Zahl sank seit dem Jahr 2000 um ein ganzes Drittel. Aber, was auffällig ist, es gibt immer mehr Kinder, die in Pflegefamilien leben. 2005 waren es knapp 60.000, 2010 schon 74.000 ein Jahr später schon 76.000 Warum werden es immer mehr Kinder in Pflegefamilien?

Sch.-St.: Sie haben ja eben schon einen Grund genannt. Die Vermittlung in Adoptionsfamilien ist rückläufig. Das sind häufig dann auch Eltern, die sich mit der Frage auseinandersetzten, was ist anderes bei einem Pflegekind als bei einem Adoptionskind und ist das für uns auch vorstellbar. Das ist inzwischen ein Aspekt warum wir inzwischen mehr Pflegeeltern-Bewerber haben als noch vor etlichen Jahren.

Prof. W.: Wobei - wenn jemand eigentlich einen Säugling adoptieren wollte und jetzt so in die Situation kommt ‚ja, hier ist ein 6jähriger Junge, der hat schon einiges erlebt‘, dann stehen die Pflegeeltern schon vor der Aufgabe, ihr gesamtes Programm, was sie sich eigentlich vorgestellt hatten zu transformieren und zu verändern. Wenn die Bedürfnisse ungebrochen erhalten bleiben, dann hätte ich die Befürchtung, dass die Abbruchquote sehr hoch wird.

Sch.-St.: Genau - in einem solchen Fall wäre es ganz wichtig, dass eine gute Vorarbeit gemacht wird und das in einem Vorbereitungskurs, der bei uns ja auch angeboten wird und der Pflichtprogramm ist Und in so einem Vorbereitungskurs werden diese Fragen dann auch ganz gezielt besprochen und erarbeitet. Wir als Pflegekinderdienst haben danach, wenn die Pflegeelternbewerber dieses Kurs absolviert haben, ja noch viele Kontakte, die der weiteren Überprüfung dienen und wo wir einfach versuchen herauszufinden, ist diese Familie in der Lage, sich von diesem ursprünglichen Bild des Adoptionskindes zu verabschieden. Es gibt auch Bewerber in den Adoptionskursen, die sich ganz bewusst danach umentscheiden und sagen ‚ich kann mir das andere auch vorstellen‘ weil sie sich mit dem anderen vorher gar nicht beschäftigt hatten und auch gar keine Idee davon hatten, was Pflegeeltern –Dasein bedeutet.

Red: Herr Wolf, Wie sehen Sie denn die Rolle von Pflegeeltern? Sind das Dienstleister für das Jugendamt?

Prof. W.: Ja, so stellen sich manche - Allgemeinen Sozialen Dienste insbesondere- das vor, dass sie sagen ‚die kriegen von uns einen Auftrag‘. ‚Sehr genau schreiben wir dann auf, worum es da geht, und die sollen dann diesen Auftrag erfüllen‘.
Und dann ist das ganze Projekt schon völlig falsch eingefädelt.
Wir müssten eher ein Verständnis haben:
Die Pflegeeltern helfen uns, der Gesellschaft, ein richtig schwieriges Problem zu lösen vor dem jede Gesellschaft steht, nämlich ‚Was machen wir mit den Kindern, die zeitweise oder auf Dauer, aus welchen Gründen auch immer, von ihren biologischen Eltern nicht betreut werden können‘. Und wenn die uns jetzt helfen, diese schwierige gesellschaftliche Aufgabe gut zu lösen, dann haben sie einen Anspruch darauf, dass professionelle Dienste als Dienstleister die Pflegeeltern in ihrem Familienleben, bei den ganzen Themen und Problemen, die dabei auftauchen können, unterstützten. Und wer glaubt, er kann die Familien benutzen wie eine Organisation und ihnen Aufträge erteilen und die müssen sie erfüllen, der ist in einem völlig falschen Modell.

HH: Da muss ich auch noch mal Herrn Wolf unterstützen. Das können nur Dienstleistungen an den PFLEGEELTERN sein, so, dass die ihre Aufgabe gut hinkriegen. Das ist aus meiner Sicht ‚Dienstleistung im Pflegekinderwesen‘.

Sch.-St.: Für mich ist es ganz wichtig in der Betreuung und in der Zusammenarbeit mit Pflegeeltern, dass ich eine Atmosphäre schaffen kann, ein Vertrauen herstellen kann, in dem es möglich ist, dass Pflegeeltern alles sagen dürfen. Dass man auch mal sagen darf: ‚Wir sind im Moment so belastet, dass sich manchmal der Gedanke einschleicht, schaffen wir das noch?‘ Und das man dann trotzdem, wenn man das sagt, kein schlechtes Gefühl hat. Dass man sich das traut und dass man gemeinsam guckt, welche Unterstützungsmöglichkeiten brauchen sie.

Prof. W.: Dass Pflegeeltern an Grenzen stoßen ist vollkommen normal und darauf haben sie ein Recht. Und dann müssen sie Vertrauen haben, dass sie nicht von außen feindselig betrachtet werden und hyperkritsch man alles was sie tun betrachtet, sondern das man sagt, Ja, im Zusammenleben mit den Kindern macht man auch schon mal einen Fehler, das machen andere Eltern auch, und das beeinträchtigt keineswegs per se die Entwicklung der Kinder‘. Und dafür brauchen sie eine regelmäßig vertrauensvolle Begleitung. Aber uns muss klar sein, dass dies keineswegs selbstverständlich in der Bundesrepublik ist.

Sch.-St.: Ich denke, dass hängt natürlich mit der Fallbelastung zusammen. In der Stadt Mainz haben wir - glaube ich - ein ganz großes Glück. Wir stehen wirklich personell sehr gut da und wir haben eine Fallverantwortung von 33 bis 40 Fällen pro Vollzeitstelle
und ..

Red: Eine Mitarbeiterin, ein Mitarbeiter des PKD kümmert sich um 33 bis 40 Kinder – da sind sie gut. Also Schnitt in Rheinland-Pfalz - hier habe ich gerade die Zahlen -, das sind im besten Fall 30 im schlechtesten Fall 150 Kinder pro Mitarbeiter.

Sch.-St.: Ich denke, es ist klar, wenn man 150 Kinder betreut, dann kann man nur das aller, aller Notwendigste machen. Dann kann man nicht emotional so mit den Eltern im Kontakt sein, das diese Atmosphäre entsteht, wie wir sie grad eben beschrieben haben, in der sich Pflegeeltern eben auch trauen etwas einzufordern. Trauen ihre Unsicherheiten zu formulieren und wissen, dass da ein Team ihnen gegenüber steht, das versucht, sie zu unterstützen und Lösungsmöglichkeiten gemeinsam zu finden.

Red: Nun gibt es ja auch nicht nur Pflegeeltern, denen es um das Wohl des Kindes geht, es gibt auch durchaus andere Fälle. Wie viele Familien nehmen wegen des Geldes, was sie bekommen, ein Pflegekind auf – 600 bis 800 € Aufwandentschädigung pro Monat und Kind.

Prof. W.: Naja, wenn ich so meine Studenten am Anfang des Studiums manchmal frage, was glauben Sie denn warum Pflegeeltern das machen, dann kommen so als erste oder zweite Antwort 'Geld'. Und wenn wir uns das dann genauer angucken und schauen, ob das denn so viel Geld ist die 500 oder 600 € und welche Kosten daraus zu betreiben sind und ähnliches, dann kommt man relativ schnell auf eine Situation zu sagen, na ja, ob man sich da bereichern kann, das ist doch eher fraglich. Ich kenne jedenfalls aus den verschiedenen Forschungskontexten sehr viel mehr Pflegeeltern, die aus ihrem privaten Vermögen noch etwas drauflege, als Pflegeeltern, die am Ende richtig was übrig haben finanziell durch die Betreuung des Pflegekindes.

HH: Ich würde es auch so sehen, dass die Pflegeeltern das nicht aus finanziellen Gründen tun . Also, wenn das schon so in der Bewerbung vorkommt, dann wird schon im Jugendamt darauf hingewiesen, dass es so nicht sein kann und spätestens in den Vorbereitungsseminaren - glaube ich - fällt manchen dann doch auf, dass das keine gute Motivation sein kann, irgendetwas dauerhaft auch durchzuhalten.
Red. Wobei die Auswahl und die Vermittlung der Kinder ja nicht immer optimal verlaufen. Es gab gerade jetzt Anfang des Jahres ja ein Fall in Hamburg, da ist ein Mädchen Chantal an einer Methadonvergiftung gestorben. Beide Pflegeeltern waren drogenabhängig. Die Nachbarn wussten das, aber das Jugendamt leider nicht.

Prof. W.: Ja, zu diesem Fall kann man noch eine Menge sagen. Im Hintergrund spielt jedenfalls die Rolle, das vollkommen klar ist, dass in Hamburg gravierende Fehler – und lassen Sie es mich so deutlich sagen – Schlampereien passiert sind. Die Hamburger Bürgerschaft untersucht es auch in einem Sonderausschuss gerade, aber daraus kann man nicht hochschließen auf normale Probleme im Pflegekinderwesen. Also, das eine Familie, die anerkannt drogenabhängig ist, ein Pflegekind aufnehmen kann, das ist für fast alle Regionen absolut ausgeschlossen.

HH: Unabhängig von diesem speziellen Fall in Hamburg denke ich, ist es für uns auch von großer Bedeutung, dass die Leute die die Kinder – also die Jugendämter, auch die Vermittlungsstellen der freien Träger – die Kinder zu Pflegeeltern vermitteln, auch genau hingucken, dass das zusammen passt. Wenn wir über 30% Abbrüche sprechen, dann wissen wir, dass das zum großen Teil Abbrüche sind, weil die Vermittlung Menschen zusammengebracht hat, die nicht richtig zusammen passen. Wenn sie zusammen passen, ergibt sich eine Nähe, eine Zuneigung, vielleicht eine Liebe. Wenn sie nicht zusammen passen ist es ein höchst mühseliges Leben, was eben häufig zu Abbrüchen dann auch führen muss.

Red: Frau Hopp, Sie leiten Kurse für Pflegeeltern. Was sind denn die Pflichten von Pflegeeltern, was sind die Rechte? Klären Sie uns da doch mal kurz auf.

HH: Pflichten sind einfach, die Kinder zu versorgen, gut mit ihnen umzugehen – wir hoffen, dass sie es fürsorglich tun. Sie haben die Pflicht mit dem Jugendamt zusammen zu arbeiten. Sie haben auch - denke ich - die Pflicht, mit den Herkunftseltern zusammen zu arbeiten in einer Form, die dem Kind gut tut. Also diese Einschränkung möchte ich noch mal machen. Sie haben natürlich auch nicht so viele Rechte. Sie haben das Recht der Alltagssorge, aber sie können jetzt z.B. nicht sagen, welche Schule besucht das Kind oder welche Schulform. Sie können z.B. nicht Operationen unterschreiben. Das sind alles Sachen, die macht der Sorgeberechtigte. Aber dann, was im Alltag dann daraus passiert, also z.B.

  • Arztbesuche,
  • die Kinder im Krankenhaus besuche,
  • sie zu Klassenfahrten schicken,
  • Schulpflegschaftsmitglied sein,
  • Freunde besuchen lassen,

das sind alles Rechte die Pflegeeltern im Alltag für diese Kinder entscheiden dürfen.

Red: Pflegeeltern sind stets im Blick der Öffentlichkeit. Da sind einfach zu viele Instanzen involviert, der Pflegekinderdient, eventuell ein Vormund Dann gibt es den Allgemeinen Sozialen Dienst des Jugendamtes. der im Idealfall gut und sehr aufmerksam nach den Kindern schauen sollte. Therapeuten sind involviert, gegebenenfalls. noch Gerichte. Wie hält eine Familie das denn aus, dieses ständige unter Beobachtung sein

HH: Schwer. Als jetzt diese vormundschaftlichen Änderungen kamen, dass der Vormund jetzt monatlich sein Mündel in dessen Wohnort zu besuchen hat, da haben viele Pflegeeltern geschluckt. Also - das war schon so, dass sie auch gesagt haben: heißt das jetzt, dass wir auch monatlich jetzt den Vormund hier sitzen haben? Und ja, das heißt es. Und jetzt müssen alle Beteiligten gucken, wie sie jetzt eigentlich diese Aufgaben um das Kind herum so miteinander in den Rollen geklärt kriegen, dass das für das Kind auch o.k. ist.

Red: Pflegefamilien bekommen natürlich auch noch Besuch von den anderen, von den leiblichen Eltern. Das ist ja etwas, was von vielen, vielen Pflegeeltern als sehr belastend beschrieben wird. Frau Sch.St.: reden wir tacheles, was ist an diesen Besuchskontakten so problematisch?

Sch-St: Problematisch ist an den Besuchskontakten, wenn es nicht gelingt Wertschätzung und Respekt füreinander bereit zu stellen. Wir versuchen den Fokus wirklich immer darauf zu legen, dass wir Pflegeeltern darin schulen, dass wir mit ihnen daran arbeiten zu sagen, die leiblichen Eltern gehören zur Familie des Kindes dazu. Und wenn es ihnen gelingt, diesen Eltern mit Wertschätzung und Respekt gegenüber zu treten, dann ist es für das Kind viel einfacher, mit diesen leiblichen Eltern auch umzugehen, wenn es merkt, die Pflegeeltern sind auch mit diesem Kontakt einverstanden. Umgekehrt geht es darum, die leiblichen Eltern dafür zu sensibilisieren und ihnen verständlich zu machen, wie wichtig es für das Kind ist, dass das Kind erleben kann, das die leiblichen Eltern ihre Erlaubnis quasi geben, dass das Kind in der anderen Familie leben kann. Aber das ist natürlich alles mit sehr vielen Emotionen verbunden. Die abgebenden Eltern haben sehr viele Schuldgefühle. Es kann sein, dass sie die Pflegeeltern als Konkurrenz empfinden und da gilt es, ganz feinfühlig zu begleiten und das auch immer wieder zu thematisieren.

Prof. W.: Das ist der ganz wichtige Punkt. Feinfühlig sie zu begleiten. Kontinuierlich sie am Anfang zu begleiten. Nicht den Pflegeeltern einfach zuzumuten: 'Ihr müsst das jetzt einfach hinkriegen mit der Herkunftsfamilie, egal, was da sich abspielt in eurer Wohnung. Das müsst ihr begleiten und ihr sollt da konstruktiv sein'. Wir haben den deutlichen fachlichen Standard allen Pflegekinderdiensten empfohlen: am Anfang müssen BK begleitet werden und an einem neutralen Ort stattfinden.

Sch-St: Ich kann ja mal ganz kurz darstellen, wie wir das üblicherweise machen.

Red: In Mainz Frau Sch.T.

Sch.-St.: Ja in Mainz. Wir haben eine Wohnung angemietet. Das ist eine 3-Zimmer Wohnung, Küche, Bad, in der in der Regel die Besuchskontakte stattfinden. Da gibt es ein Spielzimmer. Da können leibliche Eltern sich auch mal kurz zurückziehen mit dem Kind. Da kann ich als Begleitende die Besuchskontakte einfach besser beobachten. Ich kann sehen, wie die Stimmung ist. Für Pflegeeltern ist es ganz wichtig, danach auch besprechen zu können : "Hab ich mich 'richtig' verhalten. Wie soll ich das denn verstehen, was die Mama jetzt zum Abschluss gesagt hat" Wenn die Mama vielleicht so was sagt wie, "Wenn ich das nächste Mal komme, dann nehme ich dich mal mit und dann gehen wir mal allein spazieren, ja?" So was kann ja passieren. Das verunsichert ein Kind ganz immens. Dann geht es darum, darüber wieder zu sprechen, sowohl mit den leiblichen Eltern, warum so was nicht geht, was so was beim Kind auslöst, als auch mit den Pflegeeltern, weil man ihnen Sicherheit geben muss, dass diese Dinge eben nicht passieren. Das sind so Sachen, da wären Pflegeeltern komplett überfordert, wenn man ihnen das überlassen würde. Die müssen einfach die Erfahrung erstmal machen: Was kann alles passieren bei einem Besuchskontakt. Wie kann ich mich auch vorbereiten auf einen Besuchskontakt und wie kann ich auch auf bestimmte Situationen reagieren.

Red: Frau Schotten-Stehle was machen Sie, wenn eine Mutter betrunken ist oder wenn der Vater pöbelt bei einem Besuchskontakt?

Sch-St: Dann wird sofort abgebrochen, das geht einfach nicht. Also, wenn wir leibliche Eltern haben, bei denen uns solche Verhaltensweisen bekannt sind, dann finden auch diese betreuten Besuchskontakte nicht in dieser Wohnung statt, sondern die würden dann im Jugendamt stattfinden. Einfach um einen sichereren Rahmen sowohl für die Pflegeeltern als auch für uns Fachpersonal zu schaffen. In dem Moment würde ich sofort den Sicherheitsdienst holen und sagen, das geht nicht, der Besuchskontakt wird abgebrochen. Und dann würde der auch erst mal ausgesetzt werden. Dann werden erst mal Gespräche mit den leiblichen Eltern stattfinden, um klar zu machen, dass da eine Grenze ist, die überschritten wurde und dass wir das aufgrund des Wohles des Kindes, was wir im Auge haben müssen, nicht machen können. Da gibt es eine ganz klare Ansage und dann muss man gucken, was man an Auflagen entwickeln kann für die leiblichen Eltern - und dann müssen die erst mal unter Beweis stellen, dass sie ihr Verhalten bereit sind zu verändern bevor es einen weiteren Kontakt gäbe.

Red: Aber wäre es denn nicht am besten, wenn ein Kind solche Eltern gar nicht mehr sähe?

Sch-St: Ja, das wird natürlich sehr unterschiedlich auch diskutiert. Aber diese leiblichen Eltern sind Teil, sie gehören zum Leben dieses Kindes dazu und ich sehe meine oder unsere Aufgabe im PKD darin, Eltern, sowohl leibliche Eltern als auch Pflegeeltern, dafür zu sensibilisieren, dass sie an diesem Punkt zusammen arbeiten müssen, um auch dem Kind für seine spätere Identitätsentwicklung die Möglichkeit zu geben zu erfahren, wo sind meine Wurzeln und wer gehört alles zu mir und auch darüber zu sprechen, warum kann ich da nicht sein, wo ich ursprünglich her komme.

HH: Was mir noch mal ganz wichtig wäre, - dass die Besuchskontakte als solche dem unterliegen müssen, was wir denn für das Kind als Perspektive angepeilt haben. Wenn das Kind dauerhaft in der Familie untergebracht ist, dann möchten wir, dass dies die Familie für das Kind wird. Das die Pflegeeltern Elternfiguren für das Kind werden, dass das Mama und Papa werden im emotionalen Sinne. Die Besuchskontakte dürfen das Kind nicht verunsichern in diesem Entwicklungsgang. Denn wenn wir etwas gelernt haben, dann ist es das, dass Kinder irgendwo zugehören wollen. Die wollen wissen, wo gehöre ich denn hin. Und sie haben eine Herkunftsfamilie und sie haben eine Pflegefamilie und viele Pflegekinder können gut damit umgehen, wenn die beiden miteinander gut umgehen können. Aber sie haben so EINE, wo sie sich sehr gebunden fühlen. 'Das ist MEINE Familie'. Und das wollen wir, wenn Kinder in Pflegefamilien untergebracht werden, dauerhaft für viele viele Jahre, dass die Kinder das in der Pflegefamilie entwickeln können. Das ist das Problem, was die Pflegeeltern mit den Besuchskontakten haben. Sie haben die nicht mit den Herkunftseltern, sondern sie haben die mit diesem Drumherum, mit den vielen Menschen, die dazu was zu sagen haben: Vormund, Pflegekinderdient, Gericht, alles so etwas - wo man dann manchmal sagt, ja wer guckt hier auf wen. Auf das Kind wird dann in manchen Beschlüssen am Allerwenigsten geguckt.

Prof. W.: Wir haben in zwei Forschungsprojekten uns sehr genau angeguckt, wie die Pflegekinder diese Besuchskontakte erlebt und beschrieben haben. Und da reicht das Spektrum von richtig furchtbaren Situationen, die sie erlebt haben, wo Übergriffe der Eltern stattgefunden haben ihnen gegenüber, bis hin zu Situationen, wo sie Riesensehnsucht hatten, ihre Eltern wieder zu sehen und sich gefreut haben und es ganz herzliche Situationen waren. Das heißt, wir müssen auch aufpassen, dass wir da nicht zu einheitliche Bilder haben. Das was Sie beschrieben haben, Frau Schotten-Stehle, so eine intensive und selbstverständlich etablierte Begleitung, ist natürlich ein vorbildliches Beispiel dafür, wie solche Risiken begrenzt und die Chancen gleichzeitig genutzt und gefördert werden können. Die Kinder stehen immer vor der Entwicklungsaufgabe zu klären: 'Was ist eigentlich mit meinen leiblichen Eltern, warum haben sie mich nicht behalten, was ist da zuhause passiert und so'. Auch wenn sie ihre Eltern nie sehen würden, bleibt das ein wichtiges Thema für sie.

HH: Ich würde dazu gern noch was ergänzen. Ich erlebe auch, dass Kinder sich wirklich Sorgen machen um ihre leiblichen Eltern. Wir haben manchmal Kinder, die vermittelt werden, die eigentlich zuhause so die Versorger waren. Die Mutter war alkoholkrank oder tablettensüchtig oder was und dann hat dieses 4-5jährige Mädchen oder der Junge die Mutter versorgt, und wenn es da noch ein jüngeres Geschwisterkind gab, haben sie auch das jüngere Geschwisterkind versorgt. Jetzt ist es in der Pflegefamilie und natürlich macht sich dieses Kind Sorgen, wie es denn der Mama geht und fragt auch. Das sind Dinge, wo wir genau gucken müssen, warum will z.B. dieses Kind die Mutter auch öfter sehe? Es will sich vergewissern, dass es der gut geht, weil es sie ja nicht mehr versorgen kann. Ich möchte hier noch mal auf etwas hinweisen, was mir ganz ganz wichtig ist. Ich finde, die Herkunftseltern müssten im Rahmen der Pflegekinderarbeit viel, viel besser unterstützt werden. Wenn Sie gucken, was sind das denn für Eltern, die Kinder in Pflegefamilien haben, und gucken in denen ihre Geschichte. Das sind oft die gleichen Geschichten wie die Geschichten unserer Pflegekinder. Alice Abel hat mal eine Studie gemacht und hat gesagt, 90% aller unserer traumatisierten Pflegekinder haben traumatisierte Mütter. Das heißt, wenn wir immer so viel verlangen von den Herkunftseltern: die müssen das lernen, die müssen das tun!. Es wäre super, wenn sie das könnten. Es wäre super für die Kinder, wenn die das alles hinkriegten, aber dann wären die Kinder nicht in Pflegefamilien -ja! Ich weiß, dass es unheimlich schwierig ist für Eltern, sich das zugestehen zu können. 'Ja, ich akzeptiere, dass dieses Kind jetzt in einer Pflegefamilie lebt. Ich will aber weiter auch für dieses Kind wichtig und interessant sein und nehme daher Kontakt wahr'. So leicht ist das alles nicht, da brauchen sie wirklich viel viel Hilfe.

Red: Lassen wir uns auf die Kinder schauen: Was brauchen Kinder um sich in einer Pflegefamilie gut entwickeln zu können?

Prof. W.:. Na ja, zunächst brauchen die Kinder das, was alle anderen Kinder auch brauchen:

  • liebevolle Menschen, die sich um sie sorgen und um sie kümmern,
  • Sicherheit
  • und eine kontinuierliche und klare Perspektive, wo ist mein Lebensmittelpunkt, wo habe ich meine Wurzeln.

Das wird in der Situation von Pflegekindern schon häufig wacklig und unsicher und unklar . Pflegekinder sind nicht ein ganz anderer Typus von Kindern sondern zunächst mal die, die genau die gleichen Entwicklungsaufgaben und oft auch ganz ähnliche Lebensprobleme haben, wie andere Kinder auch, und dann kommen noch Probleme und Aufgaben zusätzlich dazu. Da ist zu verarbeiten, welche Erfahrungen sie in vorangegangen Zeiten ihres Lebens gemacht haben, warum das Leben bei ihnen so anders verlaufen ist als bei vielen anderen Kindern. Und dann so etwas, das nennt eine Kollegin ‚Pflegekinderspezifische Entwicklungsaufgaben‘ z.B. eine Antwort zu finden auf die Frage: "was ist eigentlich, ich habe zwei Mütter, was bedeutet das eigentlich? Meine biologische Mutter und meine Pflegemutter". Das ist schon ein ziemliches Feld von Entwicklungsaufgaben, Lebensthemen, mit denen Pflegekinder sich beschäftigen müssen und dann so ihre Antworten erarbeiten können.

Sch-St: Ich denke, ein anderer Faktor, wichtiger Faktor ist auch einfach noch der, das wir vom Pflegekinderdienst schauen, die richtigen passenden Eltern zu finden. Ich denke jetzt gerade an ein Kind; der war vier Jahre alt, der hat blitzende schwarze Augen gehabt, dem hat man den Schalk im Nacken angesehen wenn er einen angeguckt hat. Das war ein richtiger Wildfang und Gassenhauer und so ein Kind kann man natürlich nicht in eine Familie stecken, wo man den Eindruck hat, dass beide Eltern eher sehr ruhig sind. Das sie es mögen, wenn es ruhig zuhause ist, wenn nicht arg so viel Spannung entstehen, wenn nicht so viel Aufruhr im Hause ist. Also - das wäre so ein Punkt zu gucken. Das man dann sagt, dann macht es keinen Sinn, dieses Kind in diese Familie zu stecken. Oder – ich habe z.B. ein Kind gehabt, das hat drei mal einen Abbruch erlebt in Familien, also in Bereitschaftspflege (das ist ja kein richtiger Abbruch, aber in einer Bereitschaftspflege, wo es über ein Jahr war und eine starke Bindung an die Bereitschaftspflegemutter hatte) wurde es getrennt. Dann kam es in eine Pflegefamilie und nach einem Jahr wurde dieses Pflegeverhältnis abgebrochen. Dann kam es erneut in eine Bereitschaftspflegestelle. Da war es zwar nur zwei Monate. Aber für mich war dies damals zum Beispiel ein Punkt zu überlegen: dieser kleine junge Mann der hat schon so viele negative Erfahren gemacht und jetzt auch gerade mit "Müttern". Wir hatten dann gerade Bewerber da, da war es klar, der Vater ist zuhause, die Mutter arbeitet außerhalb. Für mich war es ein ganz wichtiges Kriterium zu gucken, könnte es sein, dass das für den Kleinen eine neue Erfahrung bedeutet. Er lebt jetzt seit einem Jahr dort und es war eine sehr gute Entscheidung. Aber da sind viele Sachen, die kann man erst dann bedenken, wenn man sich die Kinder genau anguckt. Wenn man genügend Informationen über die Kinder hat und wenn man sich auf der anderen Seite die Pflegestellenbewerber anguckt und auch von denen etliches weiß. Zeit mit denen verbracht hat und Gespräche mit ihnen geführt hat um zu gucken, wo sind deren Ressourcen, wo sind deren Wünsche, wo sind deren Stärken.

HH: Ich würde das Allerwichtigste erst mal finden für Pflegekinder, dass es für die Kinder eine Klarheit in ihrem Leben gibt. Ich erlebe immer wieder eine Nichtentscheidung, die über Jahre läuft. Die Kinder leben in Warteschleifen und das ist schrecklich. Ich habe einen fünfjährigen Jungen kennen gelernt, der buchstäblich mit einem gepackten Koffer unterm Bett immer schlief. Das war ihm wichtig, weil er auch nach drei Jahren in der Pflegefamilie noch nicht wusste, ob er da bleiben konnte oder nicht. Das ist aus meiner Sicht untragbar für ein Kind. Mir war als Vormund immer wichtig, hier ganz klar Position zu beziehe . Dem Kind zu sagen: "Du lebst hier. Das ist jetzt dein Zuhause, Mama und Papa sind das". So viele Unsicherheiten werden an das Kind herangetragen, dass es auch wichtig ist, dass das wirklich einer klar sagt. Ich habe dann gesagt:" Ich bin jetzt der Chef und ich kann das entscheiden".

Red: Frau Hopp, Sie waren Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft für Kinder in Adoptiv- und Pflegefamilien

HH: Ja

Red: Wie ist es denn - Wenn ein Kind nun in einer Dauerpflegschaft ist, kann es irgendwann sicher sein, dass es wirklich in dieser Familie bleiben wird?

HH: Na ja, also das einzige, was dieses Kind sichert, ist eine Situation in unserem Gesetz, die die Bindungen des Kindes an die Pflegefamilie sichert. Aber wir haben auch – zwar sehr selten, das muss ich wirklich sagen – so genannte Rückführungen, also Rückkehr von Pflegekindern in die Herkunftsfamilie noch nach fünf oder sechs Jahren. Das ist aus unserer Sicht eigentlich nicht haltbar und nicht zu machen. Hier müsste es eine klare Bestätigung auch im Rechtlichen geben, dass eine Dauerunterbringung in einer Pflegefamilie für das Kind auch rechtlich geschützt ist. Dass das Kontinuiätsprinzip in dieser Hinsicht für das Kind auch rechtlich so ist, dass man sagen kann, 'du lebst hier, hier sind die Bindungen gegenseitige, hier ist dieses alles und das schützt dich', das ist jetzt nicht hundertprozentig so gegeben.

Prof. W.: Im internationalen Vergleich kann man sogar zeigen, dass wir in Deutschland ungewöhnlich viel Diskontinuität und insbesondere Unsicherheit produzieren. Wir halten oft jahrelang in der Warteschleife. Das ist nicht nur eine Frage an die soziale Arbeit und an die Mitarbeiterinnen im Pflegekinderdienst sondern auch an die Familiengerichte, an die Gutachter, die es in diesem Bereich gibt, die häufig überhaupt keine realistische Vorstellung davon haben, wie die Entwicklung von Kindern gefährdet wird, wenn die Kinder ständige Ortswechsel und Beziehungsabbrüche erleben oder wenn sie auf Dauer in einer Situation von Unsicherheit bleiben. Das ist richtig ruinös für die Entwicklungsbedingungen der Kinder. Da fehlt es an ganz vielen Stellen an Bewusstsein dafür, dass wir dieser Frage sehr viel mehr Gewicht geben müssen als es tatsächlich der Fall ist . Wenn dann so eine tolle Vormünderin wie Sie, Frau Hopp da ist, die sagt ' ich bestimme das jetzt und wir machen das so und so', dann hat das Kind die Chance von Klarheit. Wenn jahrelanges Rumgeeiere mit dem Familiengericht, mit Rückführungsversuchen, die halbherzig vorbereitet und halbherzig begleitet werden, durchgeführt werden. Am Ende diagnostizieren wir dann, dass es bindungssunfähige Kinder sind. Wir können aus erziehungwissenschaftlicher Sicht nur sagen: Wie sollten die denn diese Verhältnisse aushalten und überleben, wenn sie nicht Strategien entwickeln, zu jedem Menschen gleich dichte Kontakte aufzunehmen oder sich jetzt erstmal jedem ein ganzes Stück weit fernzuhalten und Distanz einzunehmen? Das ist eine Überlebensstrategie in extrem ungünstigen Verhältnissen. Das muss man ganz klar anprangern manchmal bei den Familiengerichten. Man glaubt nicht, das es die gleichen Gesetzen sind, die da angewendet werden, wenn man sich die unterschiedlichen Entscheidungen anguckt Das ist bei den Gutachtern ganz häufig das Problem, die völlige Fehleinschätzungen haben über die Bedeutung dieser Kategorie. Und manchmal sind die sozialen Dienst auch nicht sehr entschieden in dieser Frage.

HH: Ich möchte noch mal eins erwähnen, und da bitte ich einfach Frau Schotten-Stehle das recht richtig zu verstehen. Was ich auch erlebe ist, dass eine Vielzahl von Jugendämtern hier keine klaren Positionen hat, dass sie eben nicht deutlich machen. Und wenn solche Rückführungsgeschichten kommen, dann ist sehr häufig, dass das Jugendamt sagt zu den Pflegeeltern: 'ja, dann könnt ihr einen Antrag stellen' . Das können Pflegeeltern. Sie können einen Antrag auf Verbleib des Kindes in ihrer Familie stellen, wenn das Kind zur Unzeit und gegen seine Bindungen hinausgenommen werden könnte. Dann liegt das auf den Schultern der Pflegeeltern. Die finanzieren eine Menge, die müssen den Anwalt bezahlen. Das sind Dinge, da denke ich manchmal: hier müsste eigentlich das Jugendamt, der Vormund, wer auch immer, deutlichere Positionen haben, um auch hier die Pflegeeltern zu schützen. Die dann für das Kind, und natürlich auch für sich selber, denn sie lieben dieses Kind inzwischen, es ist 'ihr' Kind geworden, da eine Regelung schaffen wollen, die meistens im Sinne des Kindeswohls gedacht ist Sie wird auch dem meistens entsprochen. Die Anträge werden überwiegend positiv beschlossen, aber es ist viel Geld, was Pflegeeltern dafür ausgeben müssen.
Sch-St: Da stimme ich ihnen voll und ganz zu. Bei uns ist eigentlich die Praxis: wenn wir in die Dauerpflegschaft vermitteln, dass dann in der Regel alle Hilfsangebote im ambulanten und stationären Bereich eigentlich erschöpft sind. Das also ganz viel an Vorarbeit geleistet wurde, an Unterstützungsmöglichkeit für die leiblichen Eltern. Wenn es dann soweit kommt, das wir uns für Dauerpflege entscheiden, dass auch die Kinder dort bleiben.

Red: Außer Ihnen, Her Wolf, forscht in Deutschland kaum ein anderer Wissenschaftler über Pflegekinder. Lässt sich daran vielleicht auch noch etwas ganz anderes ablesen? Nämlich ein, ich möchte nicht sagen mangelndes aber doch sehr geringes Interesse oder Problembewusstsein der Politik?

Prof. W.: Sie haben recht. Im internationalen Vergleich z.B. verglichen mit Großbritannien, mit den USA, mit Schweden, ist die Forschung zum Aufwachsen in Pflegefamilien in Deutschland minimal. Es fehlt - meine ich manchmal - auch das Bewusstsein dafür, wie außerordentlich bedeutsam das ist, wenn wir 60, 70, 75tausend Kinder in Pflegefamilien haben. Wie wichtig das ist, ist die Frage: unter welchen Bedingungen können die sich richtig gut entwickeln, das noch einmal Wendepunkte in ihrem Leben eintreten. Daran müsste die Gesellschaft natürlich ein großes Interesse haben. Es gibt Kreise, in denen 70% der fremduntergebrachten Kinder in Pflegefamilien leben und andere Kreise, in denen es 20 oder 25% sind. Das ist schon eine spannende Frage: woher kommt das, dass das so extrem unterschiedlich ist?. Die zentrale Antwort auf diese Frage ist: je höher die Zufriedenheit der Pflegeeltern mit der Begleitung durch ihren Pflegekinderdienst ist, desto größer ist die Chance, das man geeignete und bereite Pflegefamilien findet. Wenn die Pflegefamilien positiv über ihre Erfahrungen und auch über die Bewältigung der schwierigen Zeiten reden können, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Familien noch mal ein Pflegekind aufnehmen. Das Menschen in ihrem Umfeld davon hören und sich dieser Frage zuwenden, das spielt eine ganz zentrale Rolle. Dann gibt es auch noch einen Stadt- und Land unterschied. Es gibt Pflegekinderdienste, die haben sehr enge Familienvorstellungen. Da kommen nur verheiratete Paare, die schon lange Zusammenleben, infrage. Andere Pflegekinderdienste in Großstädten bringen Pflegekinder erfolgreich auch bei gleichgeschlechtlichen Paaren unter. Die schöpfen das ganze Spektrum an familialen Lebensformen in unserer Gesellschaft aus. Andere machen es ganz eng und wundern sich dann, dass sie viel zu wenig Pflegefamilien gewinnen.

Red: Oder das entsprechend gescheitert wird.

Prof. W.: Ja, das ist der zweite Faktor, der dadurch beeinflusst wird. Also auch die Abbruchquote - wer so einen Abbruch eines Pflegekindes erlebt hat, der überlegt sich drei oder viermal, noch mal ein Pflegekind aufzunehmen. Mit dem überlegt auch kaum ein Dienst ohne weiteres das zu machen. Das ist also eine so richtig ungünstige und zerstörerische Erfahrung für das ganze Feld. Ich spitze es gerne so zu dass ich sage "es ist eigentlich nur verantwortlich, Pflegekinder in Pflegefamilien unterzubringen, wenn wir uns dann um die Kinder und um die Pflegefamilien – und Frau Hopp sagt völlig zu recht – auch um die Herkunftsfamilien intensiv kümmern. Wenn wir das nicht können oder nicht wollen, dann sollten wir es lassen. Mit den finanziellen Folgen, die das für unsere Gesellschaft hat, wenn wir dann alle Kinder, die wir fremdunterbringen müssen, nur noch im Heim betreuen lassen können.

Red: Es ist teurer, das muss man sagen – ein Platz im Heim oder der Wohngruppe kostet 3.500 bis 4.000 €, in einer Pflegefamilie sind es 600 bis 800 €.

Prof. W.: Ja. Wenn man jetzt die Ausgaben für die Dienste noch dazu zählt, was ich empfehlen würde. Also die Kosten für einen Hochleistungspflegekinderdienst dazu zu zählen, dann bleibt aber immer noch die Betreuung in Pflegefamilien in der Regel nur halb so teuer wie die Betreuung im Heim. Deswegen sagen wir zum Beispiel auch: Wer's richtig billig kriegen will im Pflegekinderdienst, also nichts ausgeben will für einen qualifizierten Dienst, das Allergeringste nur tun will, der kriegt es richtig teuer, weil ihm die Heimunterbringungskosten in die Höhe schnellen. Das sind häufig erstaunlich unvernünftige, mittelfristige Entscheidungen, die dort getroffen werden.

HH: Was mir auch noch mal wichtig wäre, das es so eine Möglichkeit gibt, dass auch andere Berater z.B. die Erziehungsberatungstellen, eine Offenheit haben für Pflegekinder. Ich kenne Städte, da haben Pflegeeltern quasi so das Vortrittsrecht, das sie auch schnell beraten werden können und dürfen. Für mich - natürlich auch aus meinen langen Erfahrungen heraus - empfinde es als eine große, große Hilfe für Pflegeeltern die Möglichkeit, dass Pflegeeltern sich in Gruppen treffen können. In regelmäßigen Gruppen, die entweder von den Jugendämtern begleitet werden oder von den Verbänden. Selbsthilfegruppen, habe ich über viele Jahre begleitet. Ich fand es ganz gut, dass die Sozialarbeiter des Jugendamtes da nicht drin waren. Da gibt es so manchmal einen anderen 'Touch' dazu und..

Sch.-St.: Andere Themen

HH: Ja, andere Themen. Aber die Gruppe als solche ist so elementar bedeutsam, weil die Pflegeeltern hier mit Menschen sprechen, die genau wissen um was es geh . Wenn sie mit der Nachbarin reden, dann kriegen sie vielleicht die Antwort 'ja, du hast es doch gewollt' oder so. Mit Beratung, Begleitung Betreuung meine ich nicht nur das Jugendamt sondern einen Fächer von Möglichkeiten: über Gruppen über Erziehungsberatungsstelle, Therapeuten. Es müsste möglich sein, das Pflegekinder auch von Psychologen, von Traumatologen, von Psychiatern oder so schneller betreut werden können als das jetzt der Fall ist.
Sch-St: Da stimme ich Ihnen vollkommen zu. Wir haben hier bei uns so eine Begleitgruppe für Pflegeeltern, die achtmal im Jahr stattfindet . Das ist achtmal im Jahr ein Vormittag in dieser angemieteten Wohnung. Die werden auch gut besucht . Da ist so die Aufteilung, das man sagt, auf der einen Seite Austausch zu dem was aktuell jeden so bewegt und zum anderen Teil auch Theorie-Input, sodass es zu bestimmten Fragestellungen Informationen gibt: was heißt eigentlich Traumatisierung, wie können traumatisierte Kinder reagieren, wie kann ich als Pflegeeltern darauf wieder reagieren, oder andere Fragestellungen, die eben die Eltern beschäftigen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Auch Fortbildungen sollten für Pflegeeltern regelmäßig angeboten werden. Das ist auch etwas, das sollte nicht zu kurz kommen

HH: Ja. Ich bin sogar so ketzerisch, dass ich sagen würde, es müsste eine Fortbildung im Jahr verpflichtend sein . Aber die Gruppen noch mal – es hat auch einen anderen Grund. Mir erzählen viele Pflegeeltern, dass sie Teile ihrer Freundschaften, wenn sie ein Pflegekind aufgenommen haben, verloren haben. Das es dann Freunde gibt die sagen, 'nee, das ist uns jetzt alles zu stressig und zu anstrengend'. Viele Pflegeeltern finden durch die Pflegeelterngruppe neue Freunde und können das dann so ein bisschen ausgleichen.

Red: Herr Wolf, an Sie die letzte Frage, mit der Bitte um eine kurze Antwort: Können Pflegeeltern ein Pflegekind so sehr lieben wie ein Eigenes, können sie besser sein als bestellte Erzieher?

Prof. W.: Mit welchem Maßstab soll man Liebe messen? Das ist kompliziert und ich glaube auch, das widerspricht der Vorstellung von Liebe richtig. Was man sagen kann ist, dass sich unter günstigen Bedingungen richtig satte, liebevolle Beziehungen zwischen den Pflegeeltern und dem Kind und dem Kind zu den Pflegeeltern entwickeln können und dass das eine der ganz besonderen Chancen in Pflegefamilien ist. Und wenn sich im Einzelfall 'nur' eine wohlwollende Beziehung entwickelt und das Kind dort ganz andere, wohlwollendere Erfahrungen machen kann, dann - finde ich - sollten wir uns auch überhaupt keinen Stress machen mit der Frage "Ist das nun richtige Liebe oder was weniger wertvolles?". Sondern wenn die Kinder dort neue lebensfreundliche und menschenfreundliche Erfahrungen machen, dann ist das eine wunderbare Entwicklung.

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