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10.10.2018
Interview

Interview mit einem Pflegevater

Dieses Interview zeigt, wie Pflegeeltern durch die guten Rahmenbedingungen eines freien Trägers umfassende Unterstützung und Hilfe finden, um ihren Pflegekindern ein tragfähiges und vertrauensvolles Familienleben zu ermöglichen.
Du bist über deine Frau Heike mit dem Thema Pflegekind in Kontakt gekommen?

Ralf: ...weil Heike schon früher immer so eine Art Helfersyndrom hatte. Schon als sie klein war, hatte sie sich immer mehr oder weniger mit Kindern beschäftigt, sie dazu geholt, ich sag mal so...mit denen, die, in Anführungsstrichen, sozial schwach waren. Wir kennen uns ja schon von klein auf und das war damals schon so. Und nachher hat sie sich auch um Mütter gekümmert, denen es nicht so gut ging: oft alleinerziehend, oder die nicht so viel Geld hatten. Sie ist dann mit ihnen zu den Ämtern gegangen, und hat ihnen geholfen, die Ansprüche, die sie haben, auch einzufordern, damit es den Kindern auch besser ging. Das hat sie schon immer gemacht. Und dann ist sie irgendwann dazu gekommen, auch Tagesmutter zu werden...das hat sie viele Jahre lang gemacht...

Als die Kinder auf die Welt kamen, ist sie auch viel in Spielgruppen gegangen und hat dort viele andere Mütter getroffen,unterschiedlicher Art, Mütter, die alleinerziehend waren und arbeiten gegangen sind und und und....darüber ist sie zur Tagespflege gekommen. Und dann sind wir, so quasi von heute auf morgen, Pflegeeltern geworden, ganz überstürzt.

Sie hatte zwei Tageskinder, zwei Jungs, die Mutter war zwar nicht berufstätig, aber das Jugendamt hat sie insofern unterstützt, dass die Kinder den ganzen Tag bei uns waren. Sie sind morgens gekommen, so um acht und bis zum Abendessen geblieben; Heike hat sie noch gebadet und dann hat die Mutter sie abgeholt und nur noch ins Bett gebracht. Und irgendwann, vor den Ferien, hat die Mutter gesagt, so nach den Ferien kommt nur noch der Kleine. Wieso denn? hat Heike gefragt.. Das sei ihr alles zu viel, der Große gehe ins Heim, sie schaffe das alles nicht. Wie? Die sind den ganzen Tag hier und du bringst sie nur noch ins Bett?

Nein, sie schaffe das nicht, er geht ins Heim. Und der Junge ist auch gleichzeitig mit Marco in eine Klasse gegangen. Und als er das dann hörte, hat Marco gejammert: Das kannst du doch nicht zulassen, dass Philipp, so hieß der Junge, ins Heim geht. Und dann, ich weiß nicht, ob sie mit dem Jugendamt gesprochen hat, auf jeden Fall haben sie gesagt, ja, wenn Sie wollen dann könnten Sie ja als Pflegeeltern fungieren und den Jungen bei sich aufnehmen.

Das war noch zu der Zeit, da hatten wir in Walsum ein Haus gemietet. Und dann kam das so plötzlich, keine Ahnung von der Materie, überhaupt nicht; wie gesagt, Tagesmutter ist ja ganz was anderes, als ein Pflegekind aufzunehmen und dann auch so ein, ich sag mal „verstörtes“, wie der Philipp es damals war.

Philipp war ein auffälliges Kind?

Ralf: ich sag mal, sehr. Er hatte auch Gewalt miterlebt. Ja, und wie Heike nun mal so ist, wenn es keine andere Möglichkeit gibt, dann nehmen wir ihn bei uns erst mal auf. Dann gab es eine riesige Umbauaktion, wir hatten ja keine räumlichen Möglichkeiten, da hatten wir nie drüber nachgedacht.

Und dann haben wir noch jede Menge Geld investiert, weil der Dachboden ausgebaut werden musste, in dem gemieteten Haus. Alles umgebaut, der Dachboden war früher ein ganz großer Raum, der wurde in zwei Räume geteilt, mit zusätzlichem Fenster und außerdem mussten wir noch einen Ausstieg ermöglichen, falls es mal brennt. Also, hat richtig viel Geld gekostet.

Habt ihr denn Unterstützung vom Jugendamt bekommen?

Ralf: Nein. Hat uns auch niemand gesagt und damals wussten wir auch noch nichts davon. Und dann ist Philipp bei uns eingezogen. Also, wie gesagt, wir kannten uns gar nicht aus und dass er so „verstört“ ist, wussten wir natürlich auch nicht. Dann haben wir ihm alles eingerichtet; ja und dann...

Wie alt war der Philipp denn da? Welche Klasse?

Ralf: Dritte Klasse, so acht, neun Jahre muss er da gewesen sein, so um den Dreh. Ist jetzt gut 20 Jahre her. Dann ist er bei uns eingezogen. Wir hatten ihm ein neues Zimmer eingerichtet, er hatte ja damals nichts. Aber ich glaube bei dem Zimmer, da hat das Jugendamt damals sogar was bezahlt.

Und dann wurde er immer auffälliger. Man muss sich vorstellen, wir hatten keinerlei Ahnung. Für uns war das nicht normal. Wie geht so was? Er müsste doch eigentlich froh sein, weil es ihm jetzt gut ging, er hatte ein richtiges Familienleben. Also, wie gesagt, wir kannten uns gar nicht aus. Dann hat er schon nach kurzer Zeit angefangen, sein Zimmer zu zerlegen, wir waren hilf- und ratlos. Heike hat es immer wieder neu probiert und es gab immer mehr Stress.

Und dann gab es auch noch Stress in der Schule, weil er die Kinder vermöbelt hat. Und dann wollte keiner mehr mit Sonja und Marco spielen, weil alle gesagt haben: Dein Bruder verhaut ja eh immer alle, er war dann der Schlägertyp. Und die Beiden haben natürlich sehr darunter gelitten. Heike hat Sonja dann auf einer anderen Grundschule untergebracht, damit sie nicht mehr so große Probleme hatte, weil Philipp zusammen mit Marco in einer Klasse war. Und die Probleme wurden immer größer. Aber wir wussten auch nicht, wer uns helfen konnte und wie was funktionierte. Von heute auf morgen sind wir so da reingerutscht. Bis dann der Tag gekommen ist, an dem der Philipp die kleine Delia... da kam die Sonja auf uns zu gerannt ...Mama, Mama komm ... Da hatte der Philipp der Delia ein Springseil um den Hals gelegt und zugezogen, Delia war schon blau angelaufen und da war natürlich Schluss!

Wie alt war Delia damals?

Ralf: Zwei, drei Jahre. Da war natürlich Schluss. Dann hat Heike auch gesagt, nein, meine Kinder gehen vor, als dass es hier völlig aus dem Ruder läuft. Und dann musste er von unserem Zuhause in eine Heimeinrichtung. Aber das ist so ein Schlüsselmoment gewesen, der Heike nie losgelassen hat, weil sie sich immer den Vorwurf gemacht hat, nicht in der Lage gewesen zu sein, dem Kind gerecht zu werden. Und dann hat sie irgendwann gesagt, ja da das so daneben gegangen ist und ich dem Philipp nicht helfen konnte, möchte ich doch irgendwie ein anderes Kind „retten“.

Dann war erst mal lange Zeit gar nichts, wie gesagt, nur ihr Gefühl, dass sie immer wieder die Gedanken hatte, „ich bin nicht fähig“. Also,  aufgenommen haben wir unseren Maurice dann 2006. Ein Jahr davor, das muss dann so 2005 gewesen sein, hat sie Lehrgänge mitgemacht beim Jugendamt, weil sie immer wieder gesagt hat, ich möchte ein Kind retten.

Und da gab es, sie hatte sich informiert, die Möglichkeit, beim Jugendamt an Seminaren teilzunehmen um dann Pflegeeltern zu werden. Das muss 2005 gewesen sein. Dann musste sie mich erst einmal überzeugen, weil ich gar nicht dafür war. Als sie dann gesagt hat, dass sie an diesem Seminar teilnehmen will, war ich eigentlich immer der Auffassung, okay, das ist ihr Ding. Nein, das muss man schon als Familie gemeinsam tragen, hat sie gesagt. Dann haben wir halt dieses Seminar mitgemacht.

Als wir da durch waren, hat sie gesagt und jetzt möchten wir gerne ein Kind aufnehmen. Ihr Wunsch war natürlich ein Mädchen, das konnte man angeben, keinerlei Behinderun gen, gerne ein Baby. Das waren die Dinge, die wir angekreuzt hatten. Und was ist es dann geworden? Maurice...

Ich weiß gar nicht, wer uns damals beim Jugendamt betreut hat, die Dame hatte eine Akte vor sich und sagte, ich lese Ihnen lieber nichts daraus vor, sie wollten ja ein Mädchen, bis Heike sich die Akte zeigen ließ. Nachdem Heike die Akte von Maurice gelesen schlug sie vor, dass wir können uns ihn ja mal anschauen könnten. So sind wir dann nach Krefeld ins Kinderheim gefahren.

Für mich war sofort klar, der muss jetzt nicht toll sein, der muss uns nicht gefallen, lass uns dem Kind helfen. Heike hatte natürlich die Vorstellung, eigentlich möchte ich lieber ein Mädchen aufnehmen. Sie ist auch jemand, der sich im Vorfeld schon viele Gedanken macht: Bekomm ich das hin, bekomm ich das nicht hin?.. Heute wäre das kein Thema mehr, aber damals stand das schon im Vordergrund, sie möchte das Beste geben, sie möchte möglichst immer alles rausholen. Sie macht immer Gott und die Welt verrückt, damit alles gut läuft. Und dann wurde Maurice uns vorgestellt,er war extrem klein, er konnte bei uns, ohne sich zu bücken, unter dem Küchentisch herlaufen. 2,5 Jahre war er da, 2006. Ich hab mich sofort auf den Boden gelegt und mit ihm gespielt und er war auch ganz begeistert. Ja, so hat das mit Maurice angefangen...

Ralf: Für mich war das klar. Für mich war das sofort klar, das ist jetzt unser Kind. Und dann das da mit den anderen Kindern so mitzukriegen. Wenn man sich da so aufhält, dann merkt man erst einmal, wie viele Sensoren die Kinder haben, die da sind. Kein Mensch hat irgendetwas gesagt, keiner wusste irgendetwas, aber die Kinder haben sofort gesagt: Bist du der neue Papa von Maurice? Wir waren 10 Minuten da, woher wissen die Kinder das?

Und dann hat er also auch dich überzeugt?

Ralf: Ja trotzdem. Ich hätte ja auch „Onkel oder Oma sein können. Ja gut, Oma jetzt weniger, aber ihn einfach besuchen kommen können. Und dann so nach 2, 3 Tagen, nachdem wir den Jungen wieder besucht haben und Kinder fragten: Kannst du nicht auch mein Papa sein und mich mitnehmen? Das war schon extrem, das tat schon weh, dass man da nicht alle „retten“ kann.

Wir hatten mit Maurice anfangs schon reichlich Probleme. Dadurch, dass er sehr klein war, sehr mickrig, sehr kränklich - heute ist er das ja Gott sei Dank gar nicht mehr – aber früher war das extrem. Und durch seine Auffälligkeiten mit dem ständigen Schreien und Kopf gegen die Wand hauen, dann hat er sich dabei selbst verletzt und weh getan. Das war nicht so die leichte Zeit. Auf jeden Fall kann ich mich noch gut daran erinnern, dass wir da auch kurz davor waren, die Segel zu streichen. Das war schon eine extreme Belastung. Da waren unsere Kinder auch noch nicht groß...

Was war denn die schlimmste Belastung? Du sprachst gerade vom Schreien?

Ralf: Ja, er hat ständig geschrien, er hat geschrien, wenn er in den Kindergarten gebracht wurde. Er hat ständig geschrien „Aua, Hilfe“ und solche Geschichten. So wie es nachher Chayenne immer hatte. Aber ständig, unentwegt. Und dann, wenn Heike mit ihm einkaufen gegangen ist, war es grundsätzlich so: Er hat ein Geschäft betreten, er hat dann in dem Moment die Öffentlichkeit gesucht und schon fing er an und man konnte auch nicht mehr mit ihm reden. Bis Heike dann soweit war, ist in ein Geschäft rein, hat ihn dann auf dem Boden liegen lassen, er hat nie irgendetwas aus dem Regal geholt, sondern er hat sich einfach nur auf den Boden geworfen, gestrampelt und geschrien. Heike hat ihn da liegen lassen, ist einfach einkaufen gegangen, hat bezahlt und ihn dann abgeholt. Das war schon ein Ritual.

Er wusste schon, wenn ich jetzt hier reingehe und schreie, dann muss ich da liegen bleiben. Aber irgendwann ging das einfach nicht mehr. Das waren so extreme Sachen, dass man nie so richtig an ihn herankam. Können wir dem Kind gerecht werden, schaffen wir das? Wir haben sehr an uns gezweifelt, weil es in unseren Augen nicht schnell genug voran ging. Heute weiß man ja, das braucht alles seine Zeit. Erst mal kommt die Anpassungsphase und das muss man ja erst auch einmal alles wissen. Und das wussten wir da, trotz der Lehrgänge noch nicht, das ist erst einmal alles Theorie. Das braucht seine Zeit. Man muss lernen, damit umzugehen. Die Kinder denken nicht, „Boah, jetzt geht es uns gut, jetzt wird alles gut“. Das ist für die nicht so.

Es war damals kurz so, dass wir gesagt haben, wir glauben nicht, dass wir das schaffen. Heike war ganz verzweifelt. Da hat Heike sich dann kundig gemacht. FAS. Das war ja vorher nicht festgestellt. Wir wollten eigentlich kein Kind mit Behinderungen.

Das hätte das Jugendamt eigentlich wissen müssen

Ich glaube, sie haben es einfach nicht gewusst. Dann hat Heike sich erst einmal informiert im Internet, was es sein könnte, bis sie dann auf FAS gekommen ist. Hat dann nachgeforscht, hat dann mitbekommen, dass noch eine Schwester von ihm da ist und ein Bruder und dass da auch die Diagnose FAS bestand.

Dann hat Heike ganz viel gelesen, ist überall hingegangen, sie hat alle Informationen aufgesaugt. Bis ich sie dann darauf gedrängt habe, ihn untersuchen und testen zu lassen. Als dann nachher definitiv feststand, er hat FAS, dann konnte sie auch besser damit umgehen. Sie wusste, ich bin nicht diejenige, welche Schuld ist. Es ist eine Krankheit, jetzt müssen wir nur damit leben und damit umzugehen lernen.

Es hätte euch wahrscheinlich geholfen, das eher zu wissen...

Ralf: Ja, wenn man von Anfang an weiß, das ist FAS, dann bist du nicht derjenige, der hier die Schuld bei sich suchen muss. Was machst du hier falsch? Man weiß, das ist eine Krankheit, die äußert sich so und so und dann kann man damit besser umgehen, und so ging es uns auch. Man sucht ja sonst immer die Fehler bei sich, denn das kleine Kind kann ja nichts dafür.

Aber was ich auch gerade noch erzählen wollte, als wir kurz davor waren, die Segel zu streichen, haben wir gemeinsam mit Marco, Sonja und Delia gesprochen: „Das schaffen wir nicht, wir werden ihm nicht gerecht.“ Und dann haben sie ein großes Veto eingelegt. Nein, auf keinen Fall kann Maurice wieder weggehen. Und wenn Maurice ausziehen muss, dann ziehen wir auch aus, dann ziehen wir zur Oma. Und alle haben geschworen, wir helfen euch. Das war so ein richtig schönes Familiengefühl. Und dann konnten wir sehen, dass Maurice schon richtig angekommen ist, obwohl er so viel Stress gemacht hat und obwohl er sie so genervt hat. Er hat ihre Sachen immer wieder zerbrochen und nur geschrien. Er war in dem Sinne kein lieber Bruder, er hat auch von Heikes Zeit viel beansprucht, die sie dann für die anderen nicht hatte. Aber dennoch haben sie sich so für ihn eingesetzt. Und so bin ich dann, auf die Eingangsfrage zurückkommend, Pflegevater geworden. Es war also nicht direkt von Anfang an mein Ding, wovon ich immer geträumt hätte. Aber ich bin der Meinung, wenn man verheiratet ist, sollte man den Partner, wenn ihm etwas so wichtig ist, immer unterstützen. Das war immer so, und das mach ich auch immer noch viel und gerne, obwohl es nicht immer einfach ist, das muss man ganz klar sagen. Bei Alexandra jetzt, da hat Heike auch mich unterstützt. Weil wir ja eigentlich, am Ende letzten Jahres schon zu Robert gesagt hatten, dass wir jetzt, wenn die zwei ausgezogen sind, erst mal kein Kind mehr aufnehmen wollten. Und wenn dann Neele weg ist, wollen wir erst einmal eine Zeitlang ganz Ruhe haben und erst einmal runterkommen, weil Bereitschaftspflege noch einmal eine andere Hausnummer ist. Das ist schon heftig. Immer wieder diese neuen Sachen, immer wieder neue Dinge, die man erlebt. Immer wieder ganz viele neue Termine. Heike muss ja auch immer alles abklären, beim Augenarzt , beim Ohrenarzt und so weiter. Sie macht sich auch selbst sehr viel Stress, aber nur, damit es dem Kind gut geht, und sie nichts verpasst und keinen Zeitraum und keine Frühförderung. Jede Förderung, die ein Kind bekommen könnte, soll es auch haben. Darum wollten wir erst einmal Ruhe, bis Robert mit der Anfrage kam, ob wir zur Entlastung da sein könnten.

Ich geh noch einmal einen Schritt zurück. Weißt du noch, wie viele Pflegekinder ihr nach Maurice als Bereitschaftskinder hattet? Ihr hattet ja schon mit Duisburg einige.

Ralf: Das waren so viele, nein, das weiß ich nicht. Wir haben im Flur so einen großen Aufsteller stehen, da sind ungefähr 60 % der Kinder drauf, die wir bislang hatten, ob sie nun eine Woche da waren oder ein Jahr, so wie es bei den meisten ist. Ich schätze mal, da sind bestimmt 15 drauf; so 20, 30 waren es insgesamt bestimmt...

und dann kam Alex als Anfrage zur Entlastung einer anderen Pflegefamilie

Ralf: Alex kannte ich ja schon durch die Freizeit, die wir damals hatten und fand sie damals schon nett und hab zur großen Alex gesagt, die hätte ich auch genommen, weil sie total sympathisch war. Ich kann mehr mit größeren Kindern anfangen, weil ich mehr mit denen machen kann, als mit den Kleinen. Und so ist dann alles anders gekommen, als man denkt. Obwohl wir eigentlich Ruhe und gar kein neues Kind aufnehmen wollten, kann es jetzt sogar sein, dass wir vielleicht auf Dauer ein Kind haben, das ist ja auch unser Ansinnen, dass sie für immer bei uns bleiben kann. Aber das ist so, man lebt damit. Wir haben Alex kennengelernt und ich wusste zumindest sofort, das könnte was werden. Ganz so verstört, wie sie geschildert worden ist, kann ich mir sie jetzt nicht vorstellen.

Als wir damals im Jugendamt dieses Seminar für Pflegeeltern gemacht haben, da war ein Paar dabei, dass sich vorstellen konnte, als Bereitschaftseltern zu fungieren. Das war für mich damals unvorstellbar, ein Ding der Unmöglichkeit, zu sagen, ich nehme Kinder auf, die bleiben nur eine kurze Zeit bei mir und dann lass ich sie wieder gehen. Ich dachte damals, wie geht so was, wie herzlos sind die, ein Kind nur kurze Zeit bei sich aufzunehmen und es dann wieder wegzugeben.

Das wäre für mich damals nie in Frage gekommen. Aber je tiefer man in diese Welt eintaucht...

Wenn man dann so sieht, wie damals in diesem Kinderheim, die Kinder möchten eigentlich alle raus und so toll ist es da auch nicht. Ist ja klar, so viel Zeit haben die Betreuer nicht für den Einzelnen. Aber ich denke, jeder Monat, jedes Jahr, das die Kinder nicht im Schichtdienst betreut werden, ist eine gewonnene, gute Zeit. Das war aber auch schon wieder ein großer Schritt, für mich damals: Bereitschaftspflege. Man kann doch nicht von vornherein bestimmen oder sagen, ich nehme das Kind bei mir auf, aber lass es wieder gehen.

Als Nicht-Profi kennt man auch nicht die Bedürfnisse, die Jugendämter so haben. Oder kennt die Situationen, in denen die Mitarbeiter sich bewegen und Kinder unterbringen müssen, sei es , Krankenhausaufenthalt, JVA, Gefährdungsmomente.

Ralf: und auch so die, wie es ja größtenteils ist, diese schwebenden Verfahren, man weiß noch nicht, ob das Kind zurückgeht oder nicht, ob zum Vater oder zur Mutter.

Aber die Kids müssen zwischenzeitlich untergebracht werden.

Da haben wir auch gesagt, nein, weißt du, im Heim ist es nicht gut für die Kinder. Da ist es besser, wenn sie in Familien untergebracht werden können. Das muss man dann auch erst wieder lernen, das ist neu und was anderes, ich nehme dich jetzt bei mir auf und du kannst zu uns kommen und wir geben dir alles, was du brauchst, Liebe, Geborgenheit, zu essen und zu trinken und so, aber du darfst auch nicht zu nah kommen. Das ist ein großer Balanceakt. Es ist ja nicht so, dass einem die Kinder nicht ans Herz wachsen würden. Zumal die Zeit heute ja immer länger dauert, kaum noch ein Kind, das weniger als ein Jahr bei uns ist. Und das ist eine lange Zeit, während der man sich aneinander gewöhnt.

Man lernt das Kind kennen, das Kind lernt dich kennen. Das ist nicht immer einfach. Es gibt Kinder, die lässt man gerne gehen. Da weiß man, jetzt ist die Zeit vorbei; die nicht so einfach waren und dann ist man froh, dass man den Stress nicht mehr hat, aber bei anderen Kindern tut es dann weh, wenn die gehen.

Habt ihr noch Kontakte zu einigen der früheren Bereitschaftskinder?

Ralf: Nein, direkte Kontakte nicht. Die Heike hat natürlich schon so „Quellen“, bei denen sie mal nachfragt, aber direkte Kontakte nicht. Es gibt nur einen Kontakt, den wir pflegen, die dann auch zu uns kommen, ca. drei- bis viermal im Jahr. Zu dem Kleinen, der dann adoptiert wurde. Von einer Familie, die haben glaube ich sieben Jahre lang auf ein Kind gewartet.

Das war so eine Geschichte, da haben wir heute noch Kontakt. Das war so herzergreifend... er war 3 oder 4 Monate bei uns, dann war die Anbahnung. Und wie gesagt, die haben 7 Jahre lang gewartet. Und wenn du dann wiederum das erste Mal eine solche Familie siehst, die zum Erstkontakt mit einer Mitarbeiterin vom Jugendamt bei uns war, um ihn kennenzulernen, wie herzergreifend das war, wie die Frau geweint hat, wie sie sich gefreut haben, da könnte ich heute noch heulen. Das war so schön. Hammer...

kurze emotionale Pause

Das sind natürlich Momente, die man am liebsten die ganze Zeit hätte. Diese Freude, man hat sofort gesehen, denen geht das Herz auf. Und dann haben die auch noch dieses Kind bekommen, das total lieb ist, total pflegeleicht. Die haben sich gar nicht mehr eingekriegt vor lauter Freude. Da sprang auch sofort der Funke über. Die haben sich natürlich viele Gedanken gemacht, viele Sorgen gehabt. In der Anbahnungsphase haben sie sich viele Sorgen gemacht, machen wir jetzt was falsch, dass wir ihn dann doch nicht bekommen? Wir haben sofort gesagt, tut so, als ob wir gar nicht da wären, geht an den Kühlschrank, esst, trinkt. Ihr müsst keine Sorgen haben. Seid ganz frei, ganz locker, umso besser ist es für das Kind. Dann haben sie uns auch die Geschichten erzählt, die in deren Köpfen vor sich geht, wenn man so lange wartet - sie waren total unsicher. Sie waren unsicher, ob wir beauftragt sind vom Jugendamt zu gucken, wie sie mit dem Kind umgehen und denen dann berichten.

Verständlich

Ralf: Ja klar ist das verständlich. Und diese Freude, das werde ich nie vergessen, das war so Hammer. Und dann lässt man ein Kind natürlich gerne gehen. Wenn man weiß, das Kind kommt in ein richtig tolles Zuhause, die kümmern sich wirklich, die haben Spaß an dem Kind und das Kind wird ein tolles Leben haben. Anders, als es vielen anderen geht.

Wenn das immer so gehen würde, wäre das eine ganz tolle Sache. Aber das sind eher die Ausnahmen. Oft musst du Kinder natürlich gehen lassen, vielleicht zurück zu den Eltern, oder zum Vater und du weißt, das kann eigentlich nicht gut gehen. Aber du hast keinen Einfluss darauf, du musst das machen, was die Gerichte entscheiden und dann ist das so.

Heike erzählt immer ganz viel und wir reden ganz viel miteinander und ich glaube, so ist das auch nur machbar. Wenn man da keinen Austausch hat, dann ist das noch schwieriger.

Und auch wenn ich nicht bei den Besuchskontakten dabei bin, erfahr ich doch viel von den leiblichen Eltern, von deren Situation. Und dann bekommt man auch ein Gefühl dafür, ob das klappen könnte oder nicht. Und da hat Heike eigentlich immer ein gutes Gespür, wenn sie bisher gesagt hatte, das kann ich mir gut vorstellen, dann läuft das auch und wenn sie Zweifel hatte, dann hört man auch immer wieder, nein, das läuft nicht so gut. Aber man muss die Kinder einfach gehen lassen, man kann das nicht ändern. Man darf sich auch nicht sträuben.

Ich habe mir eine Frage aufgeschrieben: 

Was ist deiner Meinung nach die größte Herausforderung für dich als Pflegevater? Wie du erzählst, hört sich das so an, als wäre es das Gehenlassen.

Ralf: Ja, auf jeden Fall gehört das dazu. Man weiß, man muss die Kinder loslassen, auch wenn man nicht immer will. Man darf dem Kind das aber nicht zeigen und man darf der neuen Pflegefamilie, oder Erziehungsstelle oder wo auch immer das Kind hingeht, das nicht zeigen. Im Gegenteil, man muss sie unterstützen und denen zeigen, dass man sich freut und alles dransetzen, dass die Anbahnung gut verläuft, dagegen zu arbeiten, nutzt nichts, das schadet immer nur dem Kind. So muss man dann oftmals in den sauren Apfel beißen, auch wenn man nicht immer mit der Entscheidung einverstanden ist, wo auch immer das Kind hingeht, Erziehungsstelle oder vielleicht sogar Heim. Man muss das so gut wie möglich begleiten. Wir haben uns ja vorher darauf eingelassen, dass es nur auf Zeit sein wird und die Entscheidung liegt nicht bei uns.

Schön ist, wenn man anschließend zumindest Infos erhält, Besuche sind noch nicht einmal so wichtig, sondern nur ein kurzes Feedback „läuft alles super“. So dass man zumindest weiß, bei uns ist nicht alles verkehrt gewesen, sonst würde es jetzt vielleicht anders laufen. Ich glaube nicht, dass Heike unbedingt den Drang hätte, alle Bereitschaftsstellenkinder, die wir jemals hatten, regelmäßig zu sehen. Aber so eine Info, ob es läuft? Hab ich alles richtig gemacht?

Auch um ein bisschen zu gucken, ob die eigene Arbeit gefruchtet hat?

Ralf: Genau. Heike ist ja ganz extrem, es würde niemals ein Kind zu uns kommen, dass nicht mindestens bei allen Ärzten auf dieser Welt  durchgecheckt wird. Ob es irgendwelche Förderungen für das Kind gibt, muss abgeklärt werden. Wenn das auch nur in irgendeiner Art und Weise nötig ist, macht Heike das und kümmert sich. Da ist ihr auch kein Weg zu weit. Die Kinder fahren meist mit ihr nach Datteln zu dieser Pädaudiologie, weil sie davon so überzeugt ist.

Sie sagt, das ist was ganz Wichtiges, die Basis. So wie wir damals nicht gewusst haben, dass Maurice FAS hat: Wenn du nichts weißt, kannst du damit nicht umgehen. Und wenn du nicht weißt, ob das Kind gut hört, „schreist“ du es sonst vielleicht an, denkst, warum hört es jetzt nicht? Also, das ist ganz wichtig, das muss abgeklärt werden. Wenn es nicht hören kann, kann es nicht hören oder vielleicht nur schwer hören, das ist nun mal so. Darum muss sie alles abgeklärt haben, das ist für sie ganz wichtig.

Was ich gerade noch gar nicht gesagt hatte, als diese Schwierigkeiten da waren, hat Heike immer versucht, Unterstützung vom Jugendamt zu bekommen. Aber da war keiner zuständig, sie hat nie einen erreicht, keinen ging das irgendwie an.

Das war dann die Aktion, zu euch zu wechseln.

Da war Maurice schon einige Jahre bei euch?

Ralf: Genau. Weil sie ja keinerlei Hilfe, keine Unterstützung, keine Beratung, nichts bekommen hat und sie da sozusagen mit ihren ganzen Problemen alleine gelassen wurde vom Jugendamt. So nach dem Motto, ihr habt jetzt das Kind, dann seht mal zu, wie ihr zurechtkommt. Das sind Aufgaben, die sind einfach zu groß. Erst recht bei so einer Krankheit wie FAS oder ganz vielen anderen Krankheiten, wenn man dann gar nicht weiß, mit wem man reden kann. Selbst wenn es auch am Anfang viele Gruppen gibt, um zu reden und zu hören, ist das überhaupt normal, was bei uns abgeht und dann immer wieder gehört hat, das ist bei uns genau so. Dann hat sie wieder gehört, das ist ja wie bei Maurice, der reagiert genauso, damit kann man dann besser umgehen. Aber Hilfen hat sie in dieser Zeit keine bekommen.

Ihr seid dann 2009/2010 zu uns gewechselt?

Ralf: Ich glaube schon. Ich weiß gar nicht genau, wann das war. Auf jeden Fall war das ein Grund für die Heike zu sagen, weißt du was, ich geh da weg. Du erreichst da niemanden, wenn du jemanden brauchst, der dich unterstützt. Und als sie gehört hat, es gibt auch freie Träger, hat Heike angefangen zu suchen. Sie hat mit ganz, ganz vielen gesprochen. Bis sie dann eines Tages gesagt hat, es gibt einen Träger hier in der Nähe, der ihr gefallen hat und so sind wir zu Löwenzahn gekommen.

Da war Heike sofort begeistert. Das gefällt mir, ich glaube, da bekommen wir Unterstützung. Wenn wir mal Fragen haben, müssen wir nicht drei Wochen auf einen Rückruf warten und das Problem hat sich inzwischen vielleicht schon erledigt, weil es schon gar nicht mehr da ist. Und das war ganz wichtig für sie, dass sie weiß, ich bin nicht allein auf dieser Welt. Es gibt Menschen, die mich unterstützen, die auch Probleme haben, oder die sich damit auskennen oder die ihr sagen können, ich kenne mich da jetzt nicht so aus, aber wende dich mal an den oder den.

Erreichbarkeit und Vernetzung schreib ich mir noch mal als Stichpunkte auf!

Ralf: Ja, das ist eine ganz wichtige Sache. Erst recht, wenn man so einen Job macht. Darum würden wir auch niemals jemanden anraten...... jetzt nichts gegen das Jugendamt, man muss auch in gewisser Weise Verständnis haben, die Menge an Fällen, die sie betreuen. Aber Menschen, die bereit sind, ihr Leben mit fremden Kindern zu teilen, denen Unterstützung zu geben, ist schon wichtig. Darum würden wir immer sagen, sucht euch einen freien Träger und macht das nicht allein mit dem Jugendamt, denn die haben nicht die Möglichkeiten dazu. Sucht euch einen freien Träger und da gibt es wahrscheinlich auch große Unterschiede, aber da wird dir eher geholfen, als da beim Jugendamt die Möglichkeit dazu besteht.

Man lernt ja immer mehr Leute kennen vom Jugendamt und man redet ja immer miteinander, man redet ja auch mal über private Dinge und nicht nur über die Dinge, die das Kind betreffen und so. Eigentlich müsste der Tipp auch von denen dann schon kommen: Hör mal zu, ich sehe, das läuft hier nicht so rund (ich meine, wenn alles rund läuft, ist ja gut), sucht euch doch einen freien Träger. Ich weiß nicht, das ist dann immer am falschen Ende gespart. Wenn du nicht frühzeitig anfängst, das Möglichste für so ein Kind zu tun, was wichtig ist, ob das nun Gesundheitsvorsorge ist, oder das normale Familienleben betrifft, ob das Schule oder sonst irgendetwas ist, umso schwieriger wird das ja auch für eine Stadt und die Menschen hinterher. Ob da 1.000 € mehr oder weniger für die Betreuung durch einen freien Träger ausgeben werden, ist wirklich so ein Klacks, gemessen an dem, was man kaputt machen kann oder verpasst.

Und auf die Dauer, wenn man versucht, den Kindern einen einigermaßen guten Weg zu ermöglichen, dass die vielleicht in der Lage sind, ein eigenes selbständiges Leben zu führen, einer Arbeit nachgehen zu können, das ist viel mehr wert, als zu überlegen, wenn ich denen jetzt empfehle, sich Unterstützung bei einem freien Träger zu besorgen, muss ich wieder mehr Geld ausgeben. Das ist eine Blödsinns-Rechnung, das wird am Ende niemals unter dem Strich ein Plus ergeben. Nie. Wenn du Hilfen bekommst und merkst, dass es dann in der Familie läuft, du Unterstützung bekommst, weißt du, du musst deine Energien jetzt nicht da einsetzen, zu schauen, woher kann ich Hilfen bekommen, dann kannst du deine ganze Kraft in die Förderung des Kindes stecken. Das ist ja nur für das Kind positiv, so dass es eine Entwicklung mitmachen kann, die es ihm ermöglicht, später ein eigenständiges Leben führen zu können; eine gute Schule zu besuchen, auch wenn es jetzt vielleicht nicht das Gymnasium ist, so dass es später eine Arbeitsstelle antreten kann.

Und wenn man da die Leute alleine lässt, kann es an vielen Dingen hängenbleiben. Weil man dann vielleicht auch irgendwann mal überfordert ist und dann vielleicht auch abschaltet. Und das kann ja nicht im Sinne des Kindes sein.

Ich hab noch eine Frage: Welche Faktoren helfen deiner Meinung nach dabei, dass ein Pflegeverhältnis gelingt? Und ich habe mir jetzt aufgeschrieben, ... nicht sparen am falschen Ende, Erreichbarkeit, Vernetzung/Infoveranstaltungen, persönlicher Ansprechpartner?

Ralf: Also der ist ganz wichtig, wie gesagt, diese ganzen Kontakte, diese regelmäßigen Besuche, wie in unserem Fall jetzt durch Robert.

Der bleibt euch kontinuierlich erhalten.

Ralf: Das ist ein ganz ausschlaggebender Punkt: Dieser ständige und regelmäßige Kontakt. Da kann man Probleme schon, auch wenn man sie vielleicht noch nicht als solche erkannt hat, im Vorfeld besprechen: „Hast du vielleicht daran schon gedacht?“ „Ja, da hast du Recht. Das könnte ich vielleicht mal probieren?“ Dann entsteht vielleicht ein Problem erst gar nicht, oder wird nicht so groß, wenn man regelmäßig Kontakt hat und im Austausch steht.

Und nicht erst dann, wenn man kurz vor dem Absaufen steht?

Ralf: Genau, wenn das Kind schon fast in den Brunnen gefallen ist, dann ist es oft ganz schwer, da wieder raus zu kraxeln. Wenn man aber vorher viel Kontakt und das Gefühl hat, dass dein Gegenüber dich versteht, dein Problem und die Sorgen versteht, ist das sehr, sehr hilfreich. Einmal für die Familie an sich, weil man weiß, ich hab jemanden, mit dem kann ich jederzeit reden und man bekommt auch wirklich Hilfe. Man kann alle Themen ansprechen, so dass man genügend Energie und Kraft hat, die ins Kind „einzusetzen“, als sich jetzt die ganze Zeit über fehlende Unterstützung beklagen und herausfinden zu müssen, woher kann ich jetzt Hilfe bekommen?

Welche Faktoren helfen deiner Meinung, ein Pflegeverhältnis insgesamt gelingen zu lassen?

Ralf: Das ist die Unterstützung - wie gesagt, wenn man Hilfe braucht, dass dann nicht immer am falschen Ende gespart wird, dass Kosten nicht übernommen werden oder sonst irgendetwas. Keiner beantragt Dinge für sich oder aus Langeweile. Jeder, der das aus Herzblut betreibt, möchte, dass es dem Kind gut geht, dass das Kind eine gute Entwicklung nimmt und nicht, um jemanden zu ärgern. Obwohl Heike in der Beziehung wieder ganz anders ist. Heike investiert alles, Heike würde alles für jedes Kind tun oder kaufen, wenn es dem Kind hilft, es unterstützt. Da bin ich auch immer dabei.

Und wenn man merkt, das Kind hat Interesse, es würde sich darüber freuen oder es tut dem Kind gut, was dann wiederum auch der Familie gut tut, wird niemand gefragt. Dann wird nicht gesagt, ich besorg das erst, wenn ich vom Jugendamt hierfür 100 € Zuschuss oder so bekomme, egal, dann wird das investiert. Das ist auch bei Fahrten so. Maurice war nie so der „Wegfahr-Typ“, aber Alexandra ist da ganz anders, sie würde am liebsten überall und immer dabei sein, das ist für Heike dann auch gar keine Frage. Dann wird sie angemeldet, Heike würde nicht auf die Idee kommen, ich geh erst zum Jugendamt und frag nach einem Reisezuschuss.

Was würdet ihr, was würdest du Eltern wünschen?

Ralf: Das Wichtigste, was ich denen sagen und wünschen würde, ist genug Verständnis, dass auch, in deren Augen fremde Menschen, nur dafür sorgen möchten, dass es ihrem Kind gut geht, dass sie das verstehen können. Viele sehen das nicht so. Für sie ist immer das böse Jugendamt schuld, das will mir mein Kind wegnehmen. Und ich habe doch immer alles richtig gemacht. Und zu 99 % waren das immer Fehler des  Jugendamtes, Dinge, die nicht wahr sind und das kann ja alles nicht sein. Ich würde mir wünschen, dass Eltern die Einsicht haben, dass die Leute das nicht machen, um ihnen weh zu tun oder den Kindern, sondern, damit es den Kindern gut geht und dass die Eltern vielleicht auch selbst erkennen, dass sie Hilfe brauchen. Das würde bestimmt dazu führen, dass das eine oder andere Mal das Kind zurückgeführt werden könnte, wenn die Eltern einsehen würden, dass sie selbst Hilfe brauchen und diese auch annehmen. Ob sie nun eine Krankheit haben, die auskuriert werden kann oder ob sie psychologische Hilfe und Unterstützung annehmen, oder was auch immer, wäre es bestimmt für das eine oder andere Kind möglich, wieder zurückgeführt zu werden. Aber solange sie diese Einsicht nicht haben, was ja leider oft so ist, wird es so sein, dass die Kinder woanders hinkommen müssen.

Was ich bisher kennengelernt habe, ist es in den seltensten Fällen so, vom Vater von Alex mal abgesehen, der gesagt hat, ich kann sie nicht nehmen, ich fühl mich dazu nicht in der Lage, was ich sehr stark finde, das muss ich ehrlich sagen, Hut ab. Zu erkennen, ich geh arbeiten und ich schaff das auch so nicht den ganzen Tag, ich bin nicht in der Lage dazu. Das ist schon mal ein super Schritt, dass er das erkannt hat für sich. Der aber sein Kind trotzdem begleitet. Diese regelmäßigen Kontakte wahrnimmt, das wird er auch weiterhin tun wollen, das sind für mich Stärken einer abgebenden Familie.

Erkennen und zulassen, okay, ich bin nicht in der Lage, warum auch immer, familiäre, finanzielle, psychologische Gründe, aber ich möchte trotzdem, dass es meinem Kind gut geht. Und ich glaube, dass Pflegeeltern ihr Möglichstes tun. Darum finde ich es auch immer so wichtig, ein gutes Verhältnis zu haben. Und das muss ich über Heike auch sagen: Sie versucht immer, ein gutes Verhältnis, einen guten Draht zu allen Eltern der Bereitschaftspflegekinder zu haben und keinen Stress aufkommen zu lassen. Also am Anfang immer mit denen „mitschwingen“, wenn sie sagen „das böse Jugendamt“, das kommt ja immer, zumindest nicht widersprechen, denn sonst hast du schon mal keine guten Karten. Da ist sie bisher immer gut mit gefahren und dann merkt man schon, dass es immer wenig Stress ist bei den Besuchskontakten zwischen den leiblichen Eltern und ihr, weil sie es bisher immer gut geschafft hat, sie auf ihre Seite zu holen.

Wir haben die Elternberatung eingesetzt, weil wir auch sehen, dass manche Eltern gar nicht mehr wissen, wie sie mit ihren Kindern umgehen sollen und gar nicht mehr wissen, welche Rolle sie haben. Da werden wir alle zusammen auch noch mal ganz viel lernen und entwickeln können. Wenn man den Eltern helfen kann, in eine neue Rolle zu kommen, die Rolle dann auch anzunehmen auch mit dem Bewusstsein, ich kann das nicht anders, das geht nicht anders... und darin dann auch kontinuierlich zu sein.

Ralf: Genau, dass die leiblichen Eltern das zulassen können, das annehmen können und sie darin zu bestärken, das ist gar nicht schlimm. Es gibt viele Eltern, die das nicht können, aber wir gemeinsam geben unser Bestes und wir gemeinsam schaffen das. Gegeneinander zu arbeiten bringt in keiner Weise was.

Also eine gute Kooperation hinzubekommen?

Ralf: Ja, eine gute Kooperation. So dass sie sich eingestehen, ich kann’s nicht und denen auch ganz klar sagen, es ist nicht schlimm, wenn du das nicht alleine schaffst und du musst auch kein schlechtes Gewissen haben. Es gibt viele, die das nicht schaffen. Aber jeder, der jetzt daran beteiligt ist, versucht, das Beste für dein Kind zu erreichen und du kannst auch einen ganz großen Teil dazu beitragen, in dem du deinem Kind ein gutes Gefühl gibst: „du darfst dich da ruhig freuen und glücklich sein. Ich freue mich, wenn ich dich sehe und ich hab dich auch gerne“, also die ganz normalen Dinge, wie wir sie am Anfang schon besprochen haben. Diese Sensoren, die Kinder einfach haben, sie spüren das sowieso, ob das Verhältnis gewollt ist, oder nicht.

Wenn man dann einen guten Draht zu den Eltern entwickelt, dann lassen sie es auch eher zu, dem Kind zu vermitteln, auch wenn es unterschwellig ist: „Das ist okay, dass du da lebst. Das ist gut und ich kann damit leben.“ Das ist keine einfache Sache, aber das wäre natürlich schön, wenn die Eltern das erkennen würden.

Was fällt die zum Stichwort Kontinuität ein?

Ralf: Ja, das war ja auch die Sache, bei Maurice am Anfang. Er hatte doch 6 oder 7 Vormünder. Du hast da angerufen, weil du ein Problem hattest und erfahren, ach der ist da gar nicht mehr... Und der beste, den wir damals hatten, ich weiß gar nicht, ob ich das sagen darf, war Herr Hayck. Der hat sich super eingesetzt, hat auch viele Infos gegeben und gesagt, kümmert euch mal, da ist eine Stelle, an der man sich Hilfe holen kann.

Die ständigen Wechsel sind kontraproduktiv. Und wenn man dann die Möglichkeit hat, von einem freien Träger, wie ihr es seid, betreut zu werden, dann hat man immer denselben Mensch als Ansprechpartner. Auch wenn die Kinder wechseln, aber der Ansprechpartner für dich bleibt. Auch wenn  die Themen wechseln, aber du hast dann Vertrauen aufgebaut. Ihr könnt dann bei Anfragen viel besser entscheiden, in welche Familie passt das Kind? Da ist es natürlich schon von Vorteil, wenn man engeren Kontakt hat. Und man hat beim freien Träger auch die Möglichkeit, andere Pflegeeltern zu kontaktieren. Durch die Familientreffen und Fortbildungen weißt du ja, die haben auch ein Kind, vielleicht auch mit der gleichen Krankheit, komm ich frage die jetzt mal „ist das bei euch auch so gewesen?“ Oder vielleicht ist das Kind älter „habt ihr das auch so mitgemacht,  seid ihr da durch?“ Das sind einfach so Synergie-Effekte, die sich dann ergeben, wenn man in einer Gemeinschaft ist und nicht alleine steht.

Na klar, auch hier durch die Kontinuität, das wechselt ja nicht so stark. Es gibt natürlich immer mal wieder Neue, aber man hat ja seine Gruppe.

Ralf: Selbst wenn die Kinder schon mal wechseln, eins geht, eins kommt, aber größtenteils bleiben ja die Erziehungs-/Pflegestellen und man hat quasi schon ein familiäres Verhältnis. Man weiß, man ist da gut aufgehoben, man kann da nachfragen, besser als alleingelassen zu werden.

Ich schreibe mir noch auf: „Besser als allein gelassen zu werden“.

 

Hast du denn ein Fazit, in einem Satz? „Besser als allein gelassen zu werden“ könnte eines sein...ein Fazit für dich als Pflegevater, oder für euch als Pflegefamilie? Wenn du jetzt den Puls fühlen würdest, wo steht ihr jetz?

Ralf: Das ist nicht so einfach. Wir sind ja schon oft an der Stelle gewesen zu sagen, wir machen das nicht mehr. Dann war doch wieder ganz viel Motivation, zu sagen, doch wir können damit gar nicht aufhören. Es gibt noch viele, die Hilfe brauchen. Das schwankt immer so. Aber jetzt im Moment, ist mein Fazit so, wir haben mit Bereitschaftspflege abgeschlossen. Das ist für mich jetzt auch ein guter Zeitpunkt, ob das nun Gottes Fügung oder was auch immer war, dass wir im Herbst letzten Jahres zu Robert schon gesagt hatten: „Jetzt erst mal langsam“. Bereitschaftspflege frisst viel Energie und Power, das ist nun einmal so. Bereitschaftspflege noch mehr als Dauerpflege. Weil du jeden Tag neue Probleme hast und dann die ständigen Besuchskontakte, jetzt nicht dagegen gesprochen, die sind wichtig. Aber dann musst du wieder hier organisieren, da umorganisieren, ist schon schwer. Und dass das jetzt so gepasst hat. Dass wir gesagt hatten, jetzt lass uns erst mal gucken, wo stehen wir, wo wollen wir hin und dass sich das dann so mit Alex ergeben hat...Mein Ding, ein älteres Kind, das so sympathisch ist und ein Mädchen und wir eigentlich gesagt hatten, nein bei uns bleibt kein Kind mehr „hängen“, mit Sicherheit nicht, aber dann bleibt vielleicht doch eins hängen und das ist wie ein Abschluss und gut, wie alles gekommen ist. Genau zu diesem Zeitpunkt, warum auch immer, wo wir zurückschalten wollten und jetzt ein Kind kam, das vielleicht auch bei uns bleiben kann. Der Zeitpunkt hat einfach gepasst. Wer auch immer da welche Weichen gestellt hat?

Alles passt so, wie es jetzt ist, und wir schauen gespannt auf das, was noch kommt. Und alles fühlt sich jetzt in dieser Zeit gut an!

Ralf, vielen Dank für das offene Gespräch.

Das Interview führte Corinna Hops, Geschäftsführerin von Löwenzahn-Erziehungshilfe e.V. mit dem Pflegevater Ralf Federl.

Erstveröffentlichung in: Pusteblume - das Magazin von Löwenzahl-Erziehungshilfe e.V. 01/2018

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