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27.05.2008

Interview mit Dr. Schwaiblmair, Musiktherapeutin

In der Musiktherapie mit Kindern und Jugendlichen können das spielerische Erleben und Bearbeiten psychischer oder psychosomatischer Erkrankungen, Belastungen und Krisen, die Sprach- und Höranbahnung bei Schwerhörigkeit, sowie die Förderung der Wahrnehmung, Konzentration und des emotionalen Ausdrucks Behandlungsschwerpunkte sein. Interview mit Dr. Frauke Schwaiblmair, Musiktherapeutin.

Dr. Frauke Schwaiblmair ist Musiktherapeutin, Dipl.-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin. Sie arbeitet im Kinderzentrum München (zur Zeit Sonderurlaub) und in Musiktherapeutischer Praxis. Moses-online stellte ihr einige Fragen zur Musiktherapie mit Kindern

Für welche Kinder ist eine Musiktherapie empfehlenswert?

In der Musiktherapie mit Kindern und Jugendlichen können das spielerische Erleben und Bearbeiten psychischer oder psychosomatischer Erkrankungen, Belastungen und Krisen, die Sprach- und Höranbahnung bei Schwerhörigkeit, sowie die Förderung der Wahrnehmung, Konzentration und des emotionalen Ausdrucks Behandlungsschwerpunkte sein.

Erfolgreich wird Musiktherapie in den Bereichen Interaktion und soziales Lernen, der Stärkung der Ich-Identität, der Förderung von Flexibilität und Kreativität, der Entwicklung von Koordinations- und Konzentrationsfähigkeit sowie Ausdauer eingesetzt.

Wie können sich Eltern den Inhalt einer Musiktherapie vorstellen?

Musiktherapie findet in der Regel in einem Therapieraum statt, der voller unterschiedlicher Instrumente ist: Trommeln und Percussionsinstrumente, Klavier und Gitarre, Xylophone und Glockenspiele, Saiteninstrumente (Monochord, Leier, Kantele) und Streichinstrumente (Streichpsalter oder Cello) und viele außereuropäische oder moderne Klangerzeuger.

schwaiblmair1In der Regel bilden bei Kindern ein Begrüßungs- und Abschiedsritual (meist ein Lied) den sicheren Rahmen der Sitzung. Der Rest der Stunde ist im Ablauf meist offen und orientiert sich an der Befindlichkeit und den Möglichkeiten des Kindes und der individuellen Zielsetzung. So kann ein Spiellied, dass an einer großen Trommel realisiert wird, durch immer kleine Variationen die Aufmerksamkeitsspanne verlängern.

Auch Kinder drücken durch ihr spontanes Spielen an Instrumenten sehr viel über ihre momentane Stimmung, ihre Befindlichkeit aus. Ein Kind voller Anspannung, vielleicht auch Aggressivität, die Ausdruck erlebter belastender Situationen sind (wie es z.B. die Trennung von den leiblichen Eltern darstellen kann), wird auch an Instrumenten sehr laut und aggressiv spielen. Da so eine Lebenssituation aber auch viel mit Trauer und Abschied zu tun hat, kann die Musiktherapeutin hier ein klangliches Gegengewicht setzen und entsprechende traurige, tragende Klänge z.B. am Klavier spielen und singen. Damit kann sie ohne Worte dem Kind vermitteln, dass es seine Trauer spürt und ernst nimmt. Das Kind kann Trost und Gehalten sein erleben, ohne dass die konkrete Situation in Worte gefasst werden muss.

und noch zwei praktische Fragen:
Wo wird Musiktherapie für Kinder angeboten?

Musiktherapie ist meist ein Teil des Behandlungskonzeptes in Sozialpädiatrischen Zentren (z.B. Kinderzentrum München) oder in Kinder- und Jugendpsychiatrien. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten, die in freier Praxis arbeiten. Eine Liste frei praktizierender Musiktherapeutinnen ist über die Deutsche Gesellschaft für Musiktherapie e.V. (www.musiktherapie.de) zu erhalten.

Übernehmen die Krankenkassen bzw. bei Pflegekindern das Jugendamt die Kosten der musiktherapeutischen Behandlung?

Musiktherapie ist kein sogenanntes Richtlinienverfahren und ist demzufolge nicht im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen.

Eine Abrechnung über das zuständige Jugendamt nach § 35a SGB VIII (ambulante Eingliederungshilfen) oder § 53 SGB VII (Bezug: seelische Behinderung) ist möglich, wenn ein Kind/Jugendlicher von seelischer oder körperlicher Behinderung bedroht ist.

Die Eltern müssen beim zuständigen Jugendamt vor Beginn der Maßnahme die Übernahme der Kosten beantragen. Der entsprechende Vordruck kann telefonisch angefordert werden.

Dem Antrag ist ein fachärztliches Gutachten (Kinder- und Jugendpsychiater oder entsprechender Einrichtung wie z.B. Kinderzentrum) beizufügen, aus dem ersichtlich ist, dass eine seelische Behinderung vorliegt, bzw. das Kind oder der Jugendliche von einer solchen Behinderung bedroht ist.

Ein herzliches Dankeschön, dass Sie sich Zeit für unsere Fragen genommen haben!

Das Interview fand im Januar 2008 per mail statt. Die Fragen stellte Astrid Hopp-Burckel