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29.10.2010
Interview

Diese Kinder lassen alles zurück

Ein Interview mit Brita Fuchs, Adoptionsvermittlungsstelle Thüringen zur Adoption ausländischer Kinder

Themen:

Interview: Ilga Gäbler von 'Freies Wort' Ressort Thüringen

Popstar Madonna hat es getan und Altbundeskanzler Gerhard Schröder auch: Sie haben ausländische Kinder adoptiert und sind damit in die Schlagzeilen geraten. Und nicht nur in positive. Erschütternde Bilder wie die vom Erdbeben in Haiti oder von der Flutkatastrophe in Pakistan lassen auch "Normalsterbliche" über die Zukunft der Waisen in armen Ländern nachdenken. Auch kinderlose Paare in Thüringen. Wir sprachen über das Thema Auslandsadoption mit Brita Fuchs, Leiterin der Zentralen Adoptionsstelle beim Thüringer Sozialministerium in Erfurt.

Frau Fuchs, in Thüringen bewerben sich rechnerisch um ein zur Adoption frei gegebenes Kind fünf Elternpaare. Wie ist das im Ausland?

Natürlich gibt es im Ausland Kinder, die nicht bei ihren leiblichen Eltern, Verwandten oder einer anderen Familie aufwachsen können. Ihre einzige Lebenschance ist eine Adoption. Wie viele Kinder betroffen sind, bleibt auch bei Fachleuten umstritten. Aussagefähige Statistiken gibt es nicht. Allerdings interessiert sich die überwiegende Anzahl der Adoptionsbewerber ausschließlich für gesunde Säuglinge und Kleinkinder. Sind sie das und hellhäutig dazu, finden die Kinder zum großen Teil auch in ihren Geburtsländern eine neue Familie. Anders verhält sich das bei den "Special Needs Kindern", also Jungen und Mädchen ab vier Jahren, mit sehr dunkler Haut, körperlichen Handicaps oder psychischen Auffälligkeiten. Sie bedürfen der Vermittlung zu geeigneten Eltern im Ausland.

Wie viele Auslandsadoptionen gab es im vergangenen Jahr im Freistaat? Woher kommen die Kinder und wie alt sind sie?

Im Jahr 2009 wurden insgesamt vier internationale Adoptionsvermittlungsverfahren für Thüringer Eltern abgeschlossen. Alle vier Kinder kamen aus Äthiopien und waren zum Zeitpunkt der Adoption zwischen acht Monaten und vier Jahren alt. Ebenfalls vier Kinder im Alter zwischen zwei und sieben Jahren wurden 2007 und 2008 zu Adoptiveltern vermittelt. Sie stammen aus Brasilien, Kolumbien, Äthiopien, Kasachstan, der Russischen Föderation und der Slowakei. Derzeit haben sich 18 Paare aus dem Freistaat um die Aufnahme eines Kindes beworben.

Bei der Annahme eines Kindes in Deutschland steht dessen Wohl an erster Stelle. Ist das bei einer Adoption im Ausland anders ?

Keineswegs. Und dennoch ist sie nur bedingt mit einer Adoption im Inland vergleichbar. Grundsätzlich sollte eine Risikobereitschaft der Eltern größer sein, weil die Lebensgeschichte des Kindes oft unbekannt ist. Außerdem sind neben Regelungen des deutschen Rechts, auch die Bestimmungen des Herkunftslandes sowie die internationalen Vorgaben zu beachten.

Welche Voraussetzungen sollten die künftigen Eltern erfüllen?

Unabdingbar ist, dass sich Adoptionsbewerber in guter geistiger, körperlicher und seelischer Verfassung befinden. Wichtig sind ebenso ein gesichertes Einkommen und ausreichender, kindgerechter Wohnraum. Vor allem aber müssen die Adoptiveltern das Kind emotional so annehmen können, wie es ist. Sie sollten sich auch selbst in Frage stellen können, mit anderen offen über ihre Gefühle und Probleme reden, Beratung und Unterstützung annehmen und vertrauensvoll mit den Fachkräften der Adoptionsvermittlungsstelle zusammenarbeiten.

Wie finden Thüringer Eltern seriöse Vermittler? Wohin sollten sie sich wenden?

Die internationale Adoptionsvermittlung steht unter dem Vorbehalt staatlicher Erlaubnis und Kontrolle. Es soll damit dem Kinderhandel und der unerlaubten Vermittlung entgegengewirkt werden. Die Bewerbung ist nur bei einer zur internationalen Adoptionsvermittlung befugten Stelle in Deutschland möglich. Neben den zentralen Adoptionsstellen der Landesjugendämter, welche zur internationalen Adoptionsvermittlung befugt sind und mit allen kooperationsbereiten Ländern der Welt zusammenarbeiten, wurden bundesweit auch 13 Auslandsvermittlungsstellen in freier gemeinnütziger Trägerschaft anerkannt. Auch sie dürfen Kinder vermitteln und bieten die Gewähr dafür, dass die Adoption legal abläuft.

Was empfehlen Sie Thüringern, die ein solches Kind möchten?

Bewerber sollten mit unserer Zentralen Adoptionsstelle im Sozialministerium Kontakt aufnehmen oder auch mit einer der anerkannten Auslandsvermittlungsstellen in freier Trägerschaft.

Mit welchen Schwierigkeiten müssen Eltern rechnen, schließlich sind die Kinder oft unterernährt, krank oder sie leiden unter dem Verlust ihrer Heimat?

Eine solche Adoption bedeutet für die Kinder einen totalen Beziehungsabbruch. Alles, woran sie sich orientieren konnten, lassen sie zurück: die Sprache, Freunde und Bezugspersonen, aber auch die vertraute Atmosphäre wie Klänge, Klima, Geräusche, Gerüche oder Farben. Etwa jedes dritte Adoptivkind hat in den ersten Wochen und Monaten Eingewöhnungsschwierigkeiten. Sie reagieren darauf mit übermäßigem Essen oder verweigern die Nahrung völlig. Manche können nicht ein- oder durchschlafen. Bei anderen treten Sprachprobleme auf oder sie lehnen die neue Familie und einzelne Mitglieder ab. All das kann so gravierend sein, dass die Eingewöhnungszeit zur schweren Belastung für Eltern und Kind wird. Zum Grundkonflikt, nicht das leibliche Kind zu sein, kommen bei ihnen noch der Schmerz des Andersseins und der Verlust der kulturellen Identität hinzu.

Nach einer Studie sind zirka 20 Prozent aller ausländischen Adoptivkinder sind chronisch krank oder behindert.

Überhaupt haben viele Kinder Schwierigkeiten sich zu integrieren. Die Folgen sind massive Schulprobleme, Verhaltensauffälligkeiten oder eine extrem schwierige Pubertät. Einige Kinder haben Schlimmes erlebt und können die Liebe ihrer Eltern gar nicht annehmen. Es liegt mir fern, ein Horrorszenario zu malen oder Paare abzuschrecken, zumal sich die überwiegende Zahl der Kinder durch die Fürsorge ihrer Adoptiveltern gut entwickelt. Ich möchte nur deutlich machen, dass die Entscheidung, ein ausländisches Kind aufzunehmen, gut reflektiert sein will.

Wäre es nicht besser, die Kinder unter diesen Umständen in ihrer gewohnten Umgebung aufwachsen zu lassen - auch wenn die Lebensumstände dort sehr schwierig sind?

Eine internationale Adoption ist nur dann zu befürworten, wenn es im Geburtsland keine adäquate Unterbringungsmöglichkeit gibt. Es darf nicht sein, dass Kinder zur Adoption freigegeben werden, weil beispielsweise die Eltern in Äthiopien so arm sind, dass sie ihre Kinder nicht ernähren können. Ziel sollte sein, die Lebensbedingungen in den Herkunftsländern so zu verbessern, dass sich Eltern selbst um ihre Kinder kümmern können. Die Aufnahme in Pflege- oder Adoptivfamilien im Geburtsland hat absolute Priorität, damit diese Kinder in ihrem Kulturkreis aufwachsen können.

Nach dem Haager Übereinkommen, das für Deutschland bindend ist, gelten für die internationale Adoption strenge Regeln. Wie zuverlässig kann Ihre Vermittlungsstelle in Erfurt überprüfen, ob die Kinder wirklich keine Familie mehr haben oder ob nicht etwa Kinderhändler ihre Finger im Spiel haben?

Seit 2002 ist Deutschland Vertragsstaat des Haager Übereinkommens über den Schutz von Kindern und die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der internationalen Adoption. Eines der Ziele des Übereinkommens ist die Bekämpfung des Kinderhandels. Die Zentrale Adoptionsstelle Thüringen arbeitet nur mit Ländern zusammen, die ein solches Verfahren, das auch nachvollziehbar ist, gewährleisten können. Die Eltern können dann tatsächlich auch sicher sein, dass ihr Kind nicht gestohlen oder verkauft wurde.

Wie lange dauert eine solche Adoption?

Bewerber haben keinen Rechtsanspruch auf Vermittlung eines Adoptivkindes. Ein Beispiel: Wurde ein in Deutschland lebendes Paar als geeignet für die Adoption eines russisches Kindes bestätigt und die Behörden in Russland haben die Bewerbungsunterlagen angenommen, so haben die beiden die Chance, aus dem weltweiten Bewerber-Pool ausgewählt zu werden.

Und was kostet das?

Die Zentralen Adoptionsstellen der Landesjugendämter und die Adoptionsvermittlungsstellen der örtlichen Jugendämter erheben Gebühren. Das Gesetz sieht für die Tätigkeit der Zentralen Adoptionsstelle eine Gebühr von 800 Euro und für die generelle Eignungsprüfung der Adoptionsbewerber Kosten von 1200 Euro vor. Die Vermittlungsstellen freier Träger sind nicht an diese Gebührenordnung gebunden. Allerdings dürfen sie keine Gewinne mit ihrer Vermittlungstätigkeit erzielen. Hinzu kommen aber in jedem Fall die Kosten für die Beschaffung der Unterlagen, für Übersetzungen, Beglaubigungen, die Reise, den Aufenthalt und das Verfahren im Herkunftsland des Kindes. Die Kosten der Adoption eines Kindes aus dem Ausland sind nicht einheitlich zu beziffern, da es unter anderem länderspezifische Unterschiede gibt. Bewerber sollten sich aber auf eine Gesamtsumme von bis zu 15 000 Euro einstellen.

Wie können sich Eltern auf den Familienzuwachs vorbereiten?

Bewerber sollten sich intensiv mit den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen des Herkunftslandes ihres Kindes auseinandersetzen. Sie sollten Interesse für die Menschen des Landes und deren Kultur haben und sie wertschätzen. Um dem Adoptivkind den radikalen Wechsel leichter zu machen, sollten die Adoptiveltern zumindest elementare Begriffe aus der Sprache des Kindes lernen und sich mit den Sitten und Gebräuchen des Heimatlandes ihres Zöglings vertraut machen. Interview: Ilga Gäbler

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