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25.03.2009
Forschungsbericht

"Schlechte Karten von Anfang an" Auswertung der Bundestatistik zu HzE

Erstmals hat das Statistische Bundesamt genauer erfragt, welche Familien Hilfe zur Erziehung benötigen. Das Deutsche Jugendinstitut und die Dortmunder Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik haben die Daten ausgewertet; damit lassen sich ein paar der gängigen Vorurteile über familiäre Schwierigkeiten überprüfen. Erstmals belegen Wissenschaftler, dass Kinder aus verarmten und zerrütteten Familien deutlich öfter ins Heim müssen

Fünf Milliarden Euro gibt die Bundesrepublik jährlich für "Hilfen zur Erziehung" aus. Das Geld geht an Kinderheime, Pflegefamilien und Beratungsdienste. Die Summe ist hoch - sämtliche deutschen Kindergärten und Krippen zusammen erhalten nur etwa den doppelten Betrag. Trotzdem waren die Hilfen zur Erziehung bisher eine Black Box: Man wusste zwar, dass es in den unterstützten Familien große Probleme und schwere Krisen gibt, doch über ihre soziale Lage existieren bislang vor allem Vorurteile. Das hat sich nun geändert: Erstmals hat das Statistische Bundesamt genauer erfragt, welche Familien diese Hilfe benötigen. Das Deutsche Jugendinstitut und die Dortmunder Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik haben die Daten ausgewertet; damit lassen sich ein paar der gängigen Vorurteile über familiäre Schwierigkeiten überprüfen.

Vorurteil 1: Erziehungsprobleme kommen doch in allen Familien vor. So allgemein formuliert, stimmt die These wahrscheinlich gerade noch. Doch einiges spricht dafür, dass die größten Schwierigkeiten in den Familien am Rand der Gesellschaft entstehen. So stammen drei Viertel aller Kinder, die vom Jugendamt dauerhaft in Pflegefamilien untergebracht werden, aus Familien, die finanzielle Hilfe des Sozialamts benötigen. Auch in Kinderheimen begegnet man vor allem der Unterschicht: Fast sechzig Prozent dieser Kinder haben Eltern, die finanziell von staatlichen Transferzahlungen abhängig sind.

Dieses Ergebnis stellt einige gängige Bestseller-Thesen in Frage. Wenn man etwa dem Psychiater und Bestseller-Autor Michael Winterhoff glaubt, scheint der größte Fehler deutscher Eltern zu sein, dass sie mit zehn- oder vierzehnjährigen Kinder noch umgehen wie mit Zweijährigen: Niemand mutet den Kindern Frustrationen zu, weil sie behandelt werden wie gleichberechtigte Erwachsene; deshalb lernen sie nicht, Grenzen zu akzeptieren. Selbst wenn man der These zustimmt, weil man ein paar solcher Eltern kennt, sind Erziehungsprobleme in dieser Sicht etwas sehr Persönliches; die soziale Lage der Eltern spielt keine Rolle.

Der neue Befund widerspricht dem deutlich: Wenn das Jugendamt massiv eingreift, weil Erziehung zu scheitern droht, hat das offenbar mehr mitder Armut der Eltern zu tun als man normalerweise annimmt. (Was freilich nicht bedeutet, dass simple Armutsbekämpfung durch höhere staatliche Zahlungen das Problem lösen würde: Armen Familien fehlen häufig viele Ressourcen gleichzeitig - das Geld, die Erziehungskompetenzen, die familiäre Unterstützung.)

Vorurteil 2: Jungen sind nun mal schwieriger zu erziehen. Dieser Satz, den genervte Eltern von wilden Kerlen manchmal entschuldigend vorbringen, scheint seine Berechtigung zu haben. So sind unter den Kindern und Jugendlichen, die mit Hilfen zur Erziehung unterstützt werden sollen, etwa 57 Prozent Jungen und nur 43 Prozent Mädchen. Natürlich sagt das nichts über die Ursachen des Phänomens aus: Spielt die Biologie eine Rolle? Erziehen die Eltern zu typisch männlichen und typisch weiblichen Rollen? Oder trägt das Schulsystem zu den Problemen bei, weil es - wie einige Wissenschaftler kürzlich beklagten - zu wenig auf die Bedürfnisse der Jungen eingeht? Diese Fragen lassen sich mit dem neuen Datenmaterial nicht beantworten, aber vielleicht ist es für Eltern von Jungen schon entlastend, wenn sie wissen: Sie sind mit ihren Schwierigkeiten nicht allein.

Vorurteil 3: Erziehungsberatung ist etwas für die Mittelschicht. Das stimmt. Klassische Erziehungsberatung, bei der Eltern von sich aus in eine Beratungsstelle kommen, ist nichts für ärmere Familien. Nur 17 Prozent der Kundschaft regulärer Beratungsstellen sind Sozialhilfe-Empfänger. Umso größer ist die Gruppe, die keine Transfers des Staates benötigt; es sind 83 Prozent der Eltern. "Das deutet auf eine Spaltung hin: Ärmere Familien benötigen häufiger intensive Unterstützung, etwa durch Heime. Wohlhabendere Familien wissen die Beratungsangebote zu nutzen - und brauchen oft auch nichts anderes", sagt Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts.

Erstaunlich ist, dass vor allem Eltern relativ junger Kinder in die Beratungsstellen kommen: Den größten Anteil stellen jene, deren Kinder acht bis neun Jahre alt sind. "Offenbar hängt das mit dem Übertritt an die weiterführenden Schulen zusammen", sagt Rauschenbach. "Viele Mittelschichts-Eltern erleben das als sehr stressig und belastend, weshalb sie sich in den Beratungsstellen Unterstützung holen."

Vorurteil 4: Alleinerziehende kommen mit ihren Kindern doch gut zurecht. Das mag in vielen Fällen stimmen. Doch eben längst nicht in allen: Alleinerziehende benötigen, wie die Studien zeigen, besonders häufig intensive Hilfe der Behörden. So stammt die Hälfte aller Kinder, die dauerhaft in Pflegefamilien leben, aus Familien, in denen ein Elternteil allein erzieht. Genauso sieht es bei den Einweisungen in Kinder- und Jugendheime aus: Auch hier haben fünfzig Prozent der Kinder alleinerziehende Eltern. Weil diese Mütter - ein paar Väter sind auch darunter - häufig gleichzeitig von Armut betroffen sind, häufen sich die Probleme: Es fehlt das Geld, der Job und teilweise die Kompetenz, mit den Kindern umzugehen. "Diese Familien benötigen weit mehr öffentliche Unterstützung als bisher politisch wahrgenommen wurde", sagt Rauschenbach.

Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 23.3.09