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28.06.2015
Forschungsbericht

Lesezeit

Lesen ist eine notwendige Grundkompetenz. Jungen und Mädchen, Männer und Frauen haben unterschiedlicher Lesevorlieben und Leseinhalte - was kann Lesen interessant machen? Vorstellung von Büchern für Kinder, Jugendliche und Erwachsene neu aus dem letzten Jahr (Mitte 2014 bis Mitte 2015) und schwerpunktmäßig zur Pflegekindschaft und Adoption.

Wer lesen kann ist klar im Vorteil

In einer Studie der Kölner Universität in 2011/2012 zur Frage von Leseverhalten besonders bei Jungen wurde auch der Frage nachgegangen, weshalb Jugendliche überhaupt lesen.

warum lesen jugendliche
Quelle: http://jungenleseliste.de/wp-content/uploads/2014/12/newsletter-Dez-2014.pdf - dort wiederum Verweis auf: http://www.boysandbooks.de/fileadmin/templates/images/PDF/Ergebnisse_Fragebogenstudie_Lesebiografien_Jungen.pdf

Besonders interessant sind die unterschiedlichen Lesegewohnheiten und Vorlieben von Jungen und Mädchen, Männern und Frauen. Mit dieser Unterschiedlichkeit hat sich Christine Garbe in ihren Artikel „Echte Kerle lesen nicht!?“ - Was eine erfolgreiche Leseförderung für Jungen beachten muss" auseinandergesetzt.

Hiervon einige Auszüge:

Langfristig stabile Geschlechterunterschiede beim Lesen

1. Lesequantität

  • Jungen und Männer lesen seltener und kürzer, also quantitativ weniger als Mädchen und Frauen (vor allem im Bereich Fiktionaler Lesestoffe).

2. Lesestoffe oder Lektürepräferenzen

  • Jungen und Männer lesen andere Bücher, andere Zeitschriften, Zeitungen und Textsorten im Internet als Mädchen und Frauen; sie bevorzugen Sach- und Fachbücher, im Bereich der Belletristik nur spezielle Genres (s.u.), in Zeitungen und Zeitschriften vor allem die Rubriken oder Sparten Politik, Wirtschaft, Sport, Technik. Mädchen und Frauen lesen dagegen bevorzugt fiktionale Genres (z.B. Romane), Biographien oder Lektürestoffe mit Bezug zu m eigenen Leben (z.B. Ratgeberliteratur oder entsprechende Zeitschriften).

3. Lesemodalitäten

  • Jungen und Männer lesen anders als Mädchen und Frauen; den bevorzugten Genres entsprechend lesen sie eher sachbezogen und distanziert, während Mädchen und Frauen eher empathisch und emotional involviert lesen.

4. Lesefreude

  • Jungen und Männern bedeutet das Lesen weniger als Mädchen und Frauen; sie haben vor allem in der Freizeit oft andere Medienpräferenzen und Freizeitbeschäftigungen als das Lesen. Mädchen und Frauen geben es dagegen häufiger als eine der liebsten Freizeitbeschäftigungen an und ziehen offenbar auch höhere Gratifikationen aus dieser Form der Mediennutzung als Jungen und Männer.

5. Lesekompetenz

  • Seit PISA 2000 ist bekannt, dass Jungen weniger kompetent lesen als Mädchen – und zwar in allen getesteten Staaten. Die Überlegenheit der Mädchen bezieht sich dabei besonders auf reine Schrifttexte (im Unterschied zu sog. „nicht-kontinuierlichen Texten“, d.h. Kombinationen aus Schrift und Illustrationen, Diagrammen, Tabellen usw.) sowie auf die anspruchsvolleren Bereiche des Textverstehens (z.B. eine textbezogene Interpretation entwickeln, Reflektieren und Bewerten von Texten).

Alle Mediennutzungsstudien der letzten Jahre belegen eine Tatsache: Computer- und Video-spiele sind – ebenso wie das Lesen fiktionaler Literatur – eine Form geschlechtsspezifischer Mediennutzung (während Fernsehen oder Audio-Medien von beiden Geschlechtern annähernd gleich genutzt werden, also eher „geschlechtsneutral“ sind): Der Beliebtheit des Lesens bei den Mädchen entspricht die Beliebtheit von Bildschirmspielen bei den Jungen. [...]

Zahlreiche Befunde aus der qualitativen und quantitativen Leseforschung weisen darauf hin, dass die meisten Jungen sich im Alter zwischen 8 und 12 Jahren vom Lesen abwenden. In der Entwicklungsperspektive ist mithin eine Entwicklungsphase betroffen, in der elementare Lesefähigkeiten und Lesegewohnheiten erworben werden, und zwar traditionell durch das lustvolle und extensive Lesen in der Freizeit, also im Rahmen "informeller Sozialisationsinstanzen" (Familie, peer group). Diese für stabile "Lesekarrieren" unverzichtbare Entwicklungsphase droht gegenwärtig insbesondere bei den Jungen auszufallen; darum sind die "formellen" Sozialisationsinstanzen (insbesondere die Schule) aufgefordert, hier gegenzusteuern.

Geschlechtsspezifische Lektürepräferenzen von Mädchen und Jungen:

  • Mädchen bevorzugen Beziehungs-, Tier- und Liebesgeschichten, in denen menschliche Schicksale im Vordergrund stehen – im weitesten Sinne also psychologische Geschichten oder „human-interest-stories“; Jungen bevorzugen Spannung und Aktionsreichtum: Abenteuer und Kampf, Herausforderung und Bewährung, Reise- und Heldengeschichten.
  • Mädchen bevorzugen Themen, die einen Bezug zu ihrem eigenen Leben und zu ihrer Gegenwart bzw. ihrem gesellschaftlichen Umfeld haben (eher realistische oder problemorientierte Geschichten), während Jungen lieber in andere und fremde Welten eintauchen: exotische Länder, ferne Zeiten, unwahrscheinliche Szenarien (historische und Heldengeschichten, Fantasy, Science Fiction).
  • Mädchen bevorzugen Geschichten mit innerer Handlung (Beziehungen, Psychologie), Jungen solche mit äußerer Handlung (Kampf gegen äußere Hindernisse oder Feinde, Meisterung von Herausforderungen).
  • Mädchen greifen auch zu Jungenbüchern: Sie haben ein breiteres Genre- und Themenspektrum als Jungen. Jungen würden dagegen niemals „Mädchenbücher“ lesen – bzw. dies öffentlich zugeben!
  • Mädchen lesen eher "wörtlich", ernst, realistisch und identifikatorisch. Jungen lieben Komik, Witz, Parodie und alle Formen von "schrägem" Humor und skurrilen Übertreibungen; dies sind nicht zuletzt Möglichkeiten der Distanzierung von den fiktionalen Welten.

Hier können Sie den kompletten Aufsatz lesen.

Auszug aus einer Lese-Studie des Max-Planck-Institutes vom September 2014

Was lesen Kinder?

Eines ist klar: Wie andere Dinge im Leben, lernt man Lesen nur dadurch, dass man es tut. Es ist deswegen wichtig, sich genauer anzuschauen, welche Informationen Kinder beim Lesen aufnehmen und wie sie diese nutzen. Das Kinder-Korpus childLex soll hierbei helfen. Es stellt umfangreiche Informationen darüber zur Verfügung, welche linguistischen Eigenschaften die Sprache hat, die von Kindern gelesen wird. Dabei ist zunächst einmal festzuhalten, dass die Sprache in Büchern, die sogenannte Schriftsprache, sich in verschiedener Hinsicht von der gesprochenen Sprache unterscheidet, die Kinder ja bereits vor Schuleintritt sicher beherrschen. Der wichtigste Unterschied für das Lesen ist, dass geschriebene Sprache in Büchern ungleich reichhaltiger ist als unsere Alltagssprache. Es ist eine Eigenschaft von Sprache, dass sich die Wörter in ihr sehr ungleich verteilen.

Der vorliegende Text ist insgesamt 449 Wörter lang (bis hierhin). Allerdings wurden nur 240 unterschiedliche Wörter verwendet. Das Wort, das am häufigsten verwendet wurde, ist „ist“ (insgesamt 23-mal). Ebenfalls häufig verwendet wurden „die“ (20-mal) und „lesen“ (13-mal), das Wort „Wort“ (12-mal) und „und“ kam immerhin 9-mal vor. 169 Wörter („englische“, „Farben“, „Hinsicht“ usw.) kamen allerdings lediglich 1-mal, 26 Wörter nur 2-mal vor. In der Linguistik ist diese Gesetzmäßigkeit als „Zipf’sches Gesetz“ bekannt, das man salopp als „Es gibt wenig Riesen und viele Zwerge“ zusammenfassen kann. Das heißt, es gibt relativ wenig Wörter, die sehr häufig verwendet werden, und sehr viele, denen man nur ein- oder zweimal begegnet.

Das Verhältnis der Anzahl unterschiedlicher Wörter zur Gesamtzahl aller Wörter in einem Text ist dabei ein Indikator für die „Reichhaltigkeit“ eines Textes. Denn es gibt an, ob in einem Text nur bekannte oder auch viele neue, unbekannte Wörter vorkommen. Vergleicht man nun verschiedene sprachliche Kommunikationsformen miteinander, wie zum Beispiel Gespräche zwischen Erwachsenen und Kindern, Fernsehsendungen und Kinderbücher, dann fällt auf, dass (Kinder-)Bücher ein wesentlich höheres lexikalisches Anregungspotenzial haben als andere Textsorten. Viele Alltagsgespräche („Und – wie war es heute in der Schule?“) sind nicht sehr komplex und drehen sich meist um bereits bekannte Dinge. Wenn es darum geht, Neues zu lernen und unbekannten Wörtern zu begegnen, geht also kein Weg am Bücherlesen vorbei. Auch ist klar, dass sich verschiedene Arten von Kinderbüchern hier sehr unterscheiden können.

Wieviel lesen Kinder?

Nun gibt es nicht nur große Unterschiede zwischen den Büchern, die Kinder lesen, sondern vor allem darin, ob sie überhaupt lesen. Aber wie häufig machen sie das eigentlich und wie lange? Es ist nicht einfach, das herauszubekommen. In der Schule selbst lesen Kinder kaum, zumindest nicht in der Grundschule. Ein durchschnittliches Lesebuch für den Deutschunterricht in der dritten Klasse hat ungefähr 30.000 Wörter – das ist in etwa der Umfang, den auch ein Band der „Drei ???“-Serie hat. Ein Buch wie Cornelia Funkes „Tintenherz“ (140.000 Wörter) umfasst ungefähr so viele Wörter wie alle Schulbücher der ersten bis zur vierten Klasse zusammen.

Es ist deshalb wahrscheinlich, dass die meiste Lektüre in außerschulischen Situationen konsumiert wird – oder eben auch nicht. Darüber hinaus sind die meisten Lese-Episoden nicht in einen erzieherischen Kontext eingebunden, etwa in den Unterricht, sondern finden eher nebenher und selbstgesteuert statt. Fragt man Kinder und Jugendliche danach, wann und was sie in den letzten Tagen außerhalb der Schule gelesen haben, dann erhält man meist einen Mittelwert von ungefähr fünf Minuten pro Tag. Dabei gibt es aber erhebliche Unterschiede: Einige lesen gar nicht und andere dafür eine Stunde.

Ein Forscherteam am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung hat einen Fragebogen entwickelt, mit dem sich ermitteln lässt, ob Kinder eher Lesemuffel oder Leseratten sind. Dabei wird ihnen eine Liste von Kinderbuchtiteln gezeigt und sie sollen ankreuzen, welche sie bereits kennen. Allerdings wurden unter diese Liste auch eine Reihe von erfundenen Buchtiteln gemischt („Tintenschmerz“, „Harry Potter und die Höhle der Verdammnis“), um zu erkennen, ob die Kinder nur geraten haben. Die Ergebnisse zeigen, dass es sehr große Unterschiede zwischen den Kindern hinsichtlich ihrer Bücherkenntnisse gibt.

Kinder unterscheiden sich nicht nur darin, wie häufig und wie lange sie ein Buch in die Hand nehmen, sondern auch darin, wie schnell und flüssig sie darin lesen. Die Leseratte, die sich zum Beispiel durch Vorlesen oder Blickbewegungsdaten ermitteln lässt, entwickelt sich rapide in der Grundschulzeit. Lesen Kinder in der zweiten Klasse, brauchen sie für siebzig Wörter (das heißt fünf bis sechs durchschnittlich lange Sätze) ungefähr eine Minute. Ein Erwachsener braucht für die gleiche Menge an Text nur ungefähr ein Viertel dieser Zeit.

Auf die Dauer summieren sich solche Unterschiede zu erheblichen Differenzen: Ein Kind, das durchschnittlich lange und gut liest, wird am Ende der sechsten Klasse ungefähr zwei Millionen Wörter gelesen haben (das entspricht ungefähr zweimal dem Umfang aller Harry-Potter-Bände). Ein Kind, das hingegen das Lesen fast vollständig vermeidet und eher zähflüssig liest, kommt nur auf etwa zehn Prozent davon. Gleichzeitig kann ein Kind, das doppelt so viel liest, leicht vier bis sechs Millionen Wörter in der Grundschule lesen. Wie bei allen exponentiell verlaufenden Wachstumsprozessen machen sich selbst kleine Unterschiede in den Anfangszuständen schnell bemerkbar.

Hier können Sie weiteres über die Studie lesen.