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01.04.2011
Nachricht aus Hochschule und Forschung

Lernprogramme für Kleinkinder fallen bei Forschern durch

Lernprogramme bewirken oft das Gegenteil von dem, was sie eigentlich bezwecken: Droht eine Erziehung zum passiven Konsumenten?

"Ich habe ein bisschen Angst, dass man mit Lernprogrammen passive Konsumenten erzieht", meint Neurobiologe Prof. Gerald Hüther zur Frühförderung von Kindern. "Wir brauchen im 21. Jahrhundert keine passiven Konsumenten. Damit ein Kind lernt, dass es ein aktiver Gestalter ist, darf man ihm möglichst nichts vorsetzen, sondern muss ihm Möglichkeiten geben, in seinem Lebensraum viel zu entdecken.

Auf dem Markt sind Lernprogramme für Fremd- und Gebärdensprache. Diese arbeiten meist über den Fernseher. "Kinder lernen nur das, was ihnen Spaß macht - und vor dem Fernseher findet keine Interaktion statt!"

Kleinkinder sollen Fremdsprachen spielerisch lernen

Wenn Kleinkinder eine Fremdsprache lernen sollen, dann sollte das spielerisch erfolgen, indem Erzieher in zwei Sprachen mit ihnen reden, meint auch der Kölner Sprachwissenschaftler Prof. Andreas Rohde: "Durch "immersives" (eintauchendes) Lernen tritt die Sprache in den Hintergrund. Die Kinder erleben die Sprache zwar, aber sie lernen die Sprache nicht als System, sondern über den Kontext, was überhaupt mit der Sprache gemeint ist. Und das ist im Prinzip genauso wie in der Entwicklung der Muttersprache."

"Reine Sprachschulen lösen Aversionen aus"

Sprachschulen hält Sprachwissenschaftler Rohde für zu schulähnlich: "Für den Großteil der Kinder in dem Alter ist die Herangehensweise insgesamt einfach völlig unpassend, weil sie es nicht schaffen werden oder weil sie mit formalen Methoden - mit CDs und einem Lehrwerk mit Lektionen die Kinder nicht motivieren. Schlimmstenfalls werden sie mit sechs Jahren, wenn sie in die Grundschule kommen, schon eine wirkliche Aversion entwickelt haben." Auch Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann (CDU) ist skeptisch, ob Englisch-Unterricht für Kleinkinder das spätere Erlernen der Sprache in der Schule erleichtert.
"So lange frühes Fremdsprachenlernen nicht flächendeckend eingeführt ist und die Schulen nicht sinnvoll auf Gelerntem aufbauen können, ist das fraglich", sagt er. "Wenn diese Kinder sich später im Englischunterricht in der Schule fürchterlich langweilen, könnten sie letztlich das Lernen verlernen."
Der Kultusminister betont aber, das frühe Erlernen einer Fremdsprache könne zu besserem Sprachverständnis auch für die deutsche Sprache beitragen. "Dennoch erscheint es mir sinnvoller, zunächst alle Energien auf die Beherrschung der eigenen Sprache zu bündeln. Eltern sollten ihre Kinder nicht mit übertriebenen oder falschen Erwartungen überziehen", warnt Busemann.
In Niedersachsen und den meisten anderen Bundesländern wird in der Schule in der 3. Klasse mit dem Englisch-Unterricht begonnen. Bisher gibt es im Ministerium in Hannover auch keine Pläne, damit früher zu starten wie beispielsweise in Baden-Württemberg. "Mittelfristig könnte es eine Überlegung wert sein, den Englischunterricht auch im 1. Schuljahrgang zu beginnen", sagt Busemann. "Genauso könnten wir aber auch darüber nachdenken, Englisch von der 3. Klasse an mit mehr als nur zwei Stunden zu verankern."
Vorschulkinder sind durchaus in der Lage, neben ihrer Muttersprache auch noch eine Fremdsprache zu erlernen. Das zeigen europäische Vergleichsstudien. Die skandinavischen Länder spielen hier eine Vorreiterrolle. Man habe hier gute Erfahrungen mit der sprachlichen Früherziehung gemacht. Aber auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz suchen Eltern immer häufiger einen mehrsprachigen Kindergarten für den Nachwuchs aus. Das Hauptproblem ist hierbei das geringe Angebot. Nicht alle Erzieher verfügen über entsprechende Sprachkenntnisse. Die europäischen Bildungsminister würden daher notwendige Weiterbildungsmaßnahmen begrüßen.

Früh übt sich, wer eine Fremdsprache können soll

Fremdsprachen erlernen sich am besten von Geburt an. Dies ist das Ergebnis einer von der Berliner Charité veröffentlichten Studie, die ein Wissenschaftsteam der Universitätsklinik zusammen mit Mailänder Forschern verwirklichte. Danach ist es am besten, wenn ein Kind sofort nach der Geburt auch ständig die zweite Sprache hört. Zwar ist eine Fremdsprache der Studie zufolge auch noch als Erwachsener gut zu lernen. Um aber das gleiche Ergebnis wie bei den "Frühstartern" zu erzielen, müssen die "Spätlerner" beim Sprechen vor allem für die Grammatik ihr Hirn deutlich mehr aktivieren. "Damit ist die früheste Kindheit das günstigste Alter zum Erlernen einer zweiten Sprache", konstatieren die Forscher.

Quelle: nano auf 3sat-TV

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