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09.09.2015
Forschungsbericht

Inklusion in Deutschland - eine Studie der Bertelsmann-Stiftung

Feststellung der Bertelsmann-Studie: Fast jedes dritte Kind mit Förderbedarf besucht mittlerweile (Schuljahr 2013/14) eine Regelschule (31,4 Prozent). Das ist ein Anstieg um 71 Prozent gegenüber dem Schuljahr 2008/09 (18,4 Prozent). Trotz dieser Fortschritte ist die Situation an deutschen Schulen für Kinder und Jugendliche mit Handicap aber immer noch unbefriedigend.

Themen:

Autor der Studie

Prof. Dr. phil. Klaus Klemm

Aus der Einleitung der Studie:

1. Der Schüleranteil an Förderschulen geht kaum zurück. Zwar steigen die Inklusionsanteile seit Jahren, der Anteil der Schüler, die Förderschulen besuchen, sinkt hingegen nur leicht. So ist die Exklusionsquote, die im Schuljahr 2008/09 bei 4,9 Prozent lag, nur auf 4,7 Prozent zurückgegangen. Vor Inkrafttreten der UN-Behindertenkonvention war die Exklusionsquote sogar niedriger (2001/02: 4,6 Prozent) als heute. Die fast gleichbleibenden

Schüleranteile an Förderschulen trotz steigender Inklusionsanteile lassen sich durch höhere Förderquoten erklären. Bundesweit wird bei immer mehr Kindern ein sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt. Zwischen 2008/09 und 2013/14 ist diese Quote von 6,0 auf 6,8 Prozent und damit um 13 Prozent gewachsen.

2. Nach der Grundschule ist Inklusion oft noch ein Fremdwort.

Unverändert gilt in Deutschland: Je höher die Bildungsstufe, desto geringer sind die Chancen auf Inklusion. Gemeinsames Lernen und Spielen ist in Kitas bereits weit verbreitet. Auch die Grundschulen nehmen immer mehr Förderschüler auf. Doch sobald Kinder mit und ohne Handicap eine weiterführende Schule besuchen, lernen sie in der Regel getrennt. Während der Inklusionsanteil in deutschen Kitas 67 Prozent (2008/09: 61,5 Prozent) und in den Grundschulen 46,9 Prozent (2008/09: 33,6 Prozent) beträgt, fällt er in der Sekundarstufe auf 29,9 Prozent (2008/09: 14,9 Prozent). Besonders auffällig: Von den Förderschülern in der Sekundarstufe lernt nur jeder Zehnte an
Realschulen oder Gymnasien. Inklusion findet hauptsächlich an Hauptschulen und Gesamtschulen statt. Auch in der Ausbildung ist Inklusion noch die Ausnahme. All dies zeigt: Trotz guter Entwicklungen ist es noch ein weiter Weg zum gemeinsamen Lernen.

3. Inklusion auf Länderebene bleibt ein Flickenteppich.

Von bundesweit vergleichbaren Chancen auf Teilhabe an Inklusion kann noch keine Rede sein. Unterschiedliche Förderpolitiken in den Bundesländern erschweren den Weg zum gemeinsamen Lernen und verhindern vergleichbare Chancen für alle Förderschüler in Deutschland. Während in den Stadtstaaten wie Bremen (Inklusionsanteil: 68,5 Prozent), Hamburg (59,1 Prozent) und Berlin
(54,5 Prozent) oder in Schleswig-Holstein (60,5 Prozent) die Mehrheit der Förderschüler an Regelschulen lernt, sind es in Hessen (21,5 Prozent) und Niedersachsen (23,3 Prozent) weniger als ein Viertel.
Auch der Anteil der Schüler, die separiert an Förderschulen unterrichtet werden, unterscheidet sich erheblich. Die Spannweite liegt hier zwischen Exklusionsquoten von 6,8 Prozent in
Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt bis zu 1,9 Prozent in Bremen. Nicht zuletzt weichen die Förderquoten in Folge unterschiedlicher Diagnosestandards auf Landesebene stark voneinander ab. Die höchste Förderquote in Mecklenburg-Vorpommern ist mit 10,8 Prozent doppelt so hoch wie in Niedersachsen (5,3 Prozent) oder Rheinland-Pfalz (5,4 Prozent). Bei den Abschlüssen der Schüler an Förderschulen sind bundesweit ebenfalls große Unterschiede erkennbar. Während in Thüringen 54,7 Prozent dieser Schüler die Förderschulen ohne Hauptschulabschluss verlassen, sind es in Brandenburg 86,2 Prozent.

Von einem inklusiven Bildungssystem, das Förderschülern überall vergleichbare Chancen bietet, ist Deutschland also noch weit entfernt. Wir sehen vierfachen Handlungsbedarf, um das gemeinsame Lernen nachhaltig im Bildungssystem zu verankern.

Inhalt

Mehr Inklusion auf allen Bildungsstufen

Inklusion in Deutschland: Zusammenfassung zentraler Befunde

1. Einleitung

2. Von der Inklusion zur Exklusion und zurück

2.1 PHASE I:
Ausbau des Förderorts „Sonderschule/Förderschule“
2.2 PHASE II:
Rückbau des Förderorts Förderschule
2.3
PHASE III:
Nach Deutschlands Beitritt zur UN-Behindertenrechtskonvention

3. Inklusion und Exklusion: Empirische Befunde zum Einfluss unterschiedlicher Förderorte auf schulische Leistungen

3.1 Befunde empirischer Studien zur Leistungsentwicklung
3.2 Bildungsstatistische Analysen zu erreichten Schulabschlüssen
3.3 Wahrnehmung von Lernumgebung und Lehrkräften durch Eltern

4. Sonderpädagogische Förderung, Inklusion und Exklusion: Bildungsstatistische Daten im Überblick

4.1 Förderquote, Inklusionsquote und Exklusionsquote deutschlandweit
4.2 Förderquoten, Inklusionsquoten und Exklusionsquoten im Ländervergleich
4.3 Förderquoten: Unterschiede zwischen den Förderschwerpunkten im Ländervergleich
4.4 Inklusionsanteile: Unterschiede zwischen den Förderschwerpunkten im Ländervergleich

5 Auf dem Weg zur inklusiven Schule: Probleme und Herausforderungen

5.1 Zur Verlässlichkeit der Diagnosen
5.2 Inklusion in der Exklusion
5.3 Biographische Brüche
5.4 Mehr Inklusion und höhere Förderquoten zugleich

6. Deutschland auf dem Weg zu einem inklusiven Schulsystem: Ein Fazit der Analyse

Anhang
Literatur
Inclusion in Germany. Summary of key findings
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