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05.10.2015
Forschungsbericht

Handy- und mobile Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen

Im vorliegenden Projekt der Landesanstalt für Medien NRW (lfm) wurde erforscht, wie Heranwachsende zwischen acht und 14 Jahren – die sich in der Übergangsphase von Kindheit zu Jugend befinden – Handys und das mobile Internet nutzen und bewerten und welche Faktoren eine mehr oder weniger individuell und sozial zuträgliche Nutzungsweise beeinflussen.

Mediatisierung mobil - Handy- und mobile Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen

Ergebnisse eines Projektes der Landesanstalt für Medien NRW (lfm)

Auszüge aus der Broschüre, die die Landesmedienanstalt zum Projekt herausgegeben hat:

Im vorliegenden Projekt wurde erforscht, wie Heranwachsende zwischen acht und 14 Jahren – die sich in der Übergangsphase von Kindheit zu Jugend befinden – Handys und das mobile Internet nutzen und bewerten und welche Faktoren eine mehr oder weniger individuell und sozial zuträgliche Nutzungsweise beeinflussen. Daneben wurde die Rolle des Handys aus Sicht der Eltern, in der Familie und innerhalb der Peergroup untersucht. Zur Beantwortung wurde eine Kombination quantitativer und qualitativer Verfahren durchgeführt, die sich aus drei Studien zusammensetzt:

  • Qualitative Leitfadeninterviews mit 20 Kindern/Jugendlichen sowie einem ihrer Elternteile
  • Acht Gruppendiskussionen mit natürlichen Peergroups
  • Quantitative Befragung von 500 Kindern/Jugendlichen und einem ihrer Elternteile

Die Ergebnisse aller drei Untersuchungsschritte bildeten die Basis für die Formulierung medienpädagogischer Handlungsimplikationen sowie kommunikationswissenschaftlicher Forschungsempfehlungen. Hierüber, ebenso wie über die zentralen Befunde, gibt die vorliegende Zusammenfassung einen Überblick.

Im Leben von Kindern und Jugendlichen sind Handys und vor allem Smartphones zu alltäglichen Begleitern geworden, die als Multifunktionsgeräte jeden Tag und teilweise permanent genutzt werden. Dadurch entwickeln sich spezielle Nutzungsweisen, Kommunikationsnormen und Umgangsformen, die den Heranwachsenden zur Unterhaltung, zum sozialen Austausch, sozialen Vergleich, Beziehungsaufbau und -management und zum Informationsaustausch dienen. Dies gilt insbesondere für die sozialen Beziehungen zu Gleichaltrigen, aber auch mit Eltern wird über das Handy kommuniziert, um sich abzusprechen oder auszutauschen. Die Peergroup gewinnt allerdings in der Altersgruppe von acht bis 14 Jahren zunehmend an Bedeutung und Einfluss, während der elterliche Einfluss sukzessive abnimmt.

Bei den Erwachsenen ist daher vor allem die Frage interessant und relevant, was sie über das Nutzungsverhalten ihrer Kinder wissen, wie sie diese bewerten und inwiefern sie diese begleiten und positiv beeinflussen können.

Folgende Fragen standen im Mittelpunkt des Forschungsprojekts:

  • Wie integrieren Kinder und Jugendliche ihr Handy und das mobile Internet in ihren Alltag, insbesondere vor dem Hintergrund ihres jeweiligen Entwicklungsstandes?
  • Welche Potenziale bietet die Handynutzung für die Kinder und Jugendlichen einerseits, welche Gefahren sind andererseits zu befürchten?
  • Wie wird die Kommunikation und Interaktion in Familie und Peergroup durch den Alltagsbegleiter Handy beeinflusst?
  • Wie bewerten Eltern ihre erzieherischen Aufgaben hinsichtlich der neuen technologischen Entwicklungen und Möglichkeiten?
  • Welchen Einfluss haben Eltern auf den Umgang ihrer Kinder mit dem Handy und Smartphone?
  • Welchen Einfluss hat die Peergroup auf den Umgang mit dem Handy und Smartphone?
  • Welche Rolle spielen Normen in der Freundesgruppe?
  • Welche individuellen Eigenschaften hängen mit einer mehr oder weniger individuell und sozial zuträglichen Nutzung von Handys und Smartphones zusammen?

Nutzung und Bedeutung des Handys für Kinder und Jugendliche

Die Nutzung des Handys und insbesondere des Smartphones bzw. mobilen Internets erfährt in der untersuchten Altersspanne einen enormen Zuwachs. Insbesondere die Kommunikation mit Gleichaltrigen – durch Instant Messaging sowie Telefonieren – nimmt stark zu. Knapp zwei Drittel (64 Prozent) der 8- bis 14-Jährigen können über das Handy bzw. Smartphone auf das Internet zugreifen. Bei den 13-und 14-Jährigen sind es bereits 86 Prozent. Jugendliche ohne handybasierten Onlinezugang erleben Einschränkungen und erfahren kommunikative Ausgeschlossenheit bei der Peergroup-Interaktion.
Neben Kommunikation wird das Handy auch individuell stark als Unterhaltungsmedium (z. B. zum Spielen oder Musik hören) genutzt, ist also ein vielseitig genutzter Allround-Alltagsgegenstand.

Im Gegensatz zur generell immer stärker werdenden quantitativen Nutzung unterscheiden sich die Kinder und Jugendlichen in ihrer affektiven Bindung an das Mobiltelefon. Diese beschreibt die subjektive Wahrnehmung, (eine Zeit lang) auch ohne das Handy auszukommen beziehungsweise es auf der anderen Seite immer mehr und mehr zu nutzen, ständig an es zu denken und es auf neue Nachrichten zu überprüfen oder zum unspezifischen Zeitvertreib zu nutzen. Dieses Handyinvolvement kann sich bis zu einem exzessiv-abhängigen Gebrauch steigern. Das Involvement ist bei den Heranwachsenden insgesamt durchschnittlich ausgeprägt. [...]

Die Verwendung des Handys und mobilen Internets geht andererseits mit vielen positiven und gewinnbringenden Aspekten einher. Was die Potenziale anbelangt, sind sich Eltern und Kinder einig: Der größte Vorteil ist die Erleichterung der Kommunikation und Alltagsorganisation. Man kann sich unkompliziert verabreden, etwas nachfragen, Bescheid geben und ist besser für Notsituationen gewappnet. Auf diese Weise kann das Handy und mobile Internet zur Eltern-Kind-Bindung genauso beitragen wie zum wichtigen Austausch und Beziehungsmanagement mit Gleichaltrigen. Eine herausragende Rolle spielen dabei Messenger-Dienste wie WhatsApp. [...]

Bei den negativen Seiten des Handys sind insbesondere jene relevant, die eine Vielzahl der Heranwachsenden erlebt oder die besonders weitreichende Folgen haben. Ausgesprochen viele Kinder und Jugendliche geben an, das Handy teilweise unachtsam zu nutzen. Sie geben dann beispielsweise unüberlegt Daten preis oder lassen sich von Hausaufgaben ablenken. Hieraus können schulische Probleme und ausufernde Nutzungszeiten resultieren. [...]

Während jeweils etwa 10 Prozent der Heranwachsenden bereits Mobbing und ausgrenzendes Verhalten sowohl in der Täter- als auch in der Opferrolle erlebt haben, sind zwischen 4 und 6 Prozent der Kinder und Jugendlichen bereits Opfer oder Täter von Happy Slapping geworden oder haben sexualisierte Fotos von sich verschickt. [...]

Individuelle Einflussgrößen und das Handy im Kontext der Peergroup

Nicht nur das Handyinvolvement, das Alter und die technische Ausstattung (vor allem der vorhandene Onlinezugang) der Kinder und Jugendlichen beeinflussen ihre Nutzung, sondern auch weitere individuelle Persönlichkeitsmerkmale. Hervorzuheben ist das Bedürfnis, immer im Bilde darüber zu sein, was die Peergroup macht und die damit einhergehende Angst, etwas zu verpassen und aus dem Kommunikationsfluss ausgeschlossen zu sein (‚Fear of missing out’ – FoMO). Eine stark ausgeprägte Angst vor Ausschluss aus dem Kommunikationsprozess ist der stärkste Erklärungsfaktor für unkontrollierte, exzessive und risikobetonte Nutzung.

Schützend dagegen wirkt sich die Fähigkeit zur Selbstregulation aus. Ist sie stark ausgeprägt, sind Kinder und Jugendliche in der Lage, das Handy achtsam und zuträglich für ihr eigenes Wohlbefinden und das der anderen im Alltag einzusetzen. [...]

Die Rolle des Handys und Handyerziehung in der Familie

Die elterliche Nutzung des Handys ist variationsreich und umfasst das gesamte Spektrum von einer ablehnenden Haltung dem Handy gegenüber bis hin zu einem ‚Always-on‘-Modus. Den meisten Eltern ist allerdings gemein, dass sie sich Schwierigkeiten bei der Handyerziehung gegenüber gestellt sehen. Dadurch, dass es sich bei dem Handy (anders als bspw. beim stationären Fernsehgerät) um ein individuell und mobil genutztes Gerät handelt, mit dem die Heranwachsenden meist versierter umgehen als die Eltern selbst, leiden viele Eltern unter wahrgenommener Machtlosigkeit, Kontrollverlust und Überforderung. Gleichzeitig erkennen die meisten jedoch die Relevanz einer Auseinandersetzung mit dem Handy sowie die grundsätzliche Notwendigkeit von Handyerziehung an. [...]

Für die Alltagsorganisation und ortsungebundene Beziehungspflege mit den Kindern messen die Eltern den Mobiltelefonen und ihren Kommunikationsangeboten einen hohen Stellenwert bei. Im alltäglichen Familienleben kommt es allerdings immer wieder zu Reibungspunkten. Vor allem das zeitliche Ausmaß des kindlichen Handykonsums ist Grund für Konflikte. [...]

Implikationen für medienpädagogische Praxis

Alle Erziehenden, also beispielsweise auch Lehrkräfte, benötigen in ihrem Kompetenzempfinden hinsichtlich erzieherischer Maßnahmen Bestärkung. Zwar bringen neue Geräte und Technologien auch neue Nutzungsformen mit sich – die Kinder und Jugendlichen häufig vor ihren Eltern und Lehrern aufgreifen – trotzdem geht es bei einem großen Teil dessen, was mit dem Handy und mobilen Internet betrieben wird, um Kommunikation und menschliches Miteinander. Hier haben Erziehende Erfahrungsvorsprünge, die sie dazu ermuntern sollten, mit Kindern und Jugendlichen über Nutzungsformen ins Gespräch zu kommen. [...]

Implikationen für die kommunikationswissenschaftliche und medienpädagogische Forschung

Es hat sich in dieser Forschungsarbeit als äußerst fruchtbar erwiesen, verschiedene soziale Kontexte sowie individuelle elterliche und kindliche Faktoren in ihren jeweiligen Verschränkungen gemeinsam zu berücksichtigen, um den Umgang von Kindern und Jugendlichen mit dem Handy und mobilen Internet zu beschreiben und zu erklären. In zukünftiger Forschung sollte das Zusammenspiel von Individuum und den Kontexten Familie, Freunde (und ggf. Schule) noch intensiver betrachtet werden. [...]