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01.09.2012
Forschungsbericht

Besuchskontakte aus der Sicht erwachsener Pflegekinder

Die Universität Siegen hat im Auftrag von PAN e.V. in der Zeit von Februar 2009 bis März 2011 das Projekt „Pflegekinderstimme“ durchgeführt. In diesem Projekt wurden erwachsene Pflegekinder zu ihrem Leben interviewt. Ein Thema war die Frage, wie sie Besuchskontakte erlebt hätten: Hier finden Sie Aussagen zum Erleben von Pflegekindern.

Die Universität Siegen hat im Auftrag von PAN e.V. in der Zeit von Februar 2009 bis März 2011 das Projekt „Pflegekinderstimme“ durchgeführt. In diesem Projekt wurden erwachsene Pflegekinder zu ihrem Leben interviewt. Ein Thema war die Frage, wie sie Besuchskontakte erlebt hätten:
Nachfolgend finden Sie dazu einige interessante Aussagen zum Erleben von Pflegekindern.

Viele Pflegekinder empfanden Unsicherheit.

Leyla beschreibt ihre Unsicherheit folgendermaßen:

Meine Mama (die Pflegemutter) hat mir dann auf dem Weg gesagt, dass wir dahin fahren und ich hab meiner Mama dann auch im Auto gesagt, dass ich nicht möchte, dass sie denkt, dass ich jetzt ne neue Mama habe und ja, dann haben wir sie abgeholt und ich wusste erst mal gar nicht wie ich reagieren soll. Ich hab mich gefreut, ich bin auch auf sie zugerannt, aber dann trotzdem so vorher so kurz abgestoppt und ja dann hat sie mich halt in den Arm genommen und ich hab mich schon gefreut sie zu sehen, aber es war trotzdem `n komisches Gefühl. Und ich hab auch sie die ganze Zeit beobachtet wie sie sich verhält wie sie redet und was sie macht und keine Ahnung, das hat mich schon alles so sehr interessiert.

Bei nicht regelmäßigen Kontakten waren die leiblichen Eltern den Pflegekindern oft fremd.
Divari erzählt darüber, wie sie das als kleines Kind erlebt hat:

Ich fand das so kalt, war das immer, und ich wusste nicht was ich mit denen reden sollte und ich war noch so klein und die haben mich in den Arm genommen und getätschelt und ich kannte die überhaupt nicht, so fand ich das wie so Fremde, wie als wenn man sich an fremde Menschen so gewöhnen muss.

Körperkontakt ist auch bei älteren Kindern ein Problembereich:
Dave erzählt von einem Besuch als er 15Jahre alt war:

Ich natürlich ganz aufgeregt und auch total viel Fragen im Kopf so, na ja – und als sie dann rein kam umarmt sie mich sofort, das war total ungewohnt. Ich meine, ne Frau, die ich seit elf Jahren, weil damals waren’s ja elf Jahre, nicht gesehen hab, umarmt mich da sofort und ich hab’s dann versucht sie so’n bisschen von mir weg zu schieben, weil ich das nicht wollte.

Viele Kinder erzählten, dass sie tagelang nach den Kontakten noch angespannt waren und körperliche Symptome hatten.
Dave berichtet darüber:

Mich hat das halt durcheinander gebracht, da haben dann die Albträume wieder angefangen, da hab ich mir wieder in die Hose gemacht, war alles in Ordnung. Aber schon ne Woche vorher hab ich das gemerkt, dass ich dahin muss und ne Woche später muss ich wieder runterkommen, ich hab mich erst aufgebauscht und dann war der Besuchskontakt und dann hab ich mich wieder weggeschlafen.

Als Belastungen bei sich selbst beschreiben die Kinder, dass sie Ängste vor den Kontakten hatten. So berichtet Leyla in dem Interview über ihren Pflegebruder, der seine leibliche Mutter viele Jahre nicht mehr gesehen hatte:

Mein Bruder sagt, seine leibliche Mutter würd er gern mal sehen und ihr die Meinung sagen. Aber ich weiß, dass das anders ausgehen wird und das hab ich ihm auch letztens gesagt. Ich mein, ich hab mir das auch vorgenommen, wenn ich meine Mutter noch mal sehe, ich sag ihr voll meine Meinung, ich sag, ich will nie wieder was mit der zu tun haben. Und bams bams bams und dann sitzt die da und dann sagst du nix, du lässt dir alles gefallen, lässt dir alles sagen, lässt dich belügen von vorne bis hinten. Ist egal, Hauptsache, du kannst da sitzen. Und so wird das bei ihm genauso sein.

Die Belastungen der Pflegeeltern und deren Gefühle zu den Besuchskontakten beschrieben die Kinder auch. Christ erzählte davon:

Mit dem Konflikt komm ich überhaupt nicht klar, da hab ich zu der Mama (leibliche Mutter) gesagt – mich stört das, dass die Mutti (Pflegemutter) sich bei mir auslässt, dass ich, wenn ich zurückkomm von meinen leiblichen Eltern, dass ich ganz nach Familie Albrecht so asozial rieche – ja, und dass ich so nach Rauch rieche, ja? Also die hat was gegen diese Schicht, ja sie ist lieb zu denen, aber sie möchte nicht, dass ich da bin, deswegen (wegen dem Rauchen), nur in dem Punkt hat sie was dagegen, ansonsten ist sie tolerant, sie möchte es aber nicht bei mir haben.

Angsteinflössend war die Situation, wenn die leiblichen Eltern immer wieder ihren Wunsch zum Ausdruck brachten, dass das Kind zu ihnen zurück kommt. Das hat Divari erlebt:

Dann waren die vom Jugendamt auch immer doof und dann waren die auch immer dabei und dann haben die mich aber auch mal alleine gelassen mit denen und ich dachte, die entführn mich jetzt und so was; und ich hab auch gemerkt, dass die – also die Mama wollte mich immer wieder haben, also die leibliche Mama, ne? Und das wurd’ mir da auch mal so gesagt, so wie 'wir holen dich da raus und du gehörst zu uns', so mit diesem Dialekt da, den die da sprechen und dass meine Eltern jetzt nicht gut für mich sind und so was alles.

Weitere Belastungsquellen war das Verhalten der leiblichen Eltern und schwierig war es oft, wenn diese die Kinder mit Geschenken überhäuften. Manche wollten diese nicht annehmen. Divari berichtet dazu:

Ich weiß, dass der mir mal ein Kleid geschenkt, ein blaues, und dass sie immer ganz viel Süßkram mitgebracht hat, nach dem Motte, ich krieg ja hier nix, immer Schokolade und so Pudding Und ich hatte auch überhaupt gar keinen Bezug dazu, weil, hier hab ich ja alles gekriegt und warum bringt die mir dann immer Schokolade und Sachen mit und Anziehsachen und so. Ich weiß, ich bin immer mit leeren Händen dahin gegangen, mit vollen Sache zurück. Und dann hat die Mama immer gesagt „Komm, das packen wir weg und das isst du dann nach und nach“ oder so. Aber ich wollt das überhaupt nicht, ich hab gesagt „Mama schmeiss das weg, ich will das nicht, ich find das eklig so“. Die hatten auch immer so nen Eigengeruch nach Zigaretten, eklig ja? Auch die Klamotten, die wollt ich nicht haben. Dann hat meine Mama immer gesacht so „Komm die Jeansjacke kannste doch anziehn“. „Nee, möchte ich nicht“ und dann hat die Mama die in die Altkleidersammlung da so gebracht.

Bei den Pflegeeltern erlebten es die Kinder als hilfreich, wenn der Kontakt auf positive und einfühlsame Weise begleitet wurde. Eine Interviewpartnerin berichtet dazu über den jüngeren Bruder:

Dann hat die Mama (Pflegemutter) mir irgendwann erzählt, ich kenn die Pflegemutter so von dem Nico (leiblichen Bruder), willste den mal kennenlernen? Und ich so „Jaaaa“. Und dann sind wir da irgendwann mal hingefahren. Und das war ganz komisch, weil er wusste ja überhaupt nicht wer ich bin. Aber trotzdem saß er auf meinem Schoß und hat immer meine Hand genommen und so und irgendwie, weiß ich nicht, ich glaub, er wusste nicht wer ich bin. Aber er wusste, dass irgendwas ist was uns verbindet so. Und das hoff ich und möchte ich und ich denke es war auch so, dass es so war. Und - aber ich hab mich in dem wiedergespiegelt, weil so der erste Blick, wer ist das, was macht die hier, ich glaub so hat ich auch geguckt als ich meine leiblichen Eltern gesehen hab. Und so wie er sich verhalten hat, da hat die Mama gesagt „du warst früher auch so“. Ich weiß nicht, wenn der Nico mich das nächste Mal sieht, ob er das wieder zuordnen kann so, was da ist. Aber ich hab irgendwie gemerkt, dass er merkt, dass da was ist, was uns verbindet. Und meine Mama hat gesagt, dass das später vielleicht ganz wichtig sein wird, dass ich ganz wichtig sein könnte als große Schwester, dass er vielleicht mal nachfragen wird „warum war das so und was ist da passiert“.

Wichtig war für die Kinder auch, wie die Pflegeeltern nach dem Kontakt reagierten.
Simone berichtet:

Das haben wir auch immer gemacht wenn wir meine Mutter-also meine leibliche Mutter- besucht haben, haben wir das immer dann so inner Shopping-Tour mit eingebunden, einfach auch, damit ich danach auch ein bisschen entspannen konnte und auch ein bisschen zur Ruhe kommen konnte. Abschalten konnte bei ner Shopping-Tour, auch wenn nicht viel gekauft wurde. Eigentlich war es mehr ein Bummel, also mehr ein bummeln, als kaufen - aber einfach da kam ich dann wieder auch ein Stück weit runter und konnte da auch dann wieder abschließen.

Das Buch „Pflegekinderstimme“ können Sie erwerben bei:
PAN Pflege- und Adoptivfamilien NRW e.V., Walzwerkstr. 14, 40599 Düsseldorf.
www.pan-ev.de

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