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Alltag mit Kindern

Fehlendes Vertrauen und Entwicklung von Vertrauen

Die Kinder, die neu in Pflege-/Adoptivfamilien vermittelt werden haben meist eine schwierige Vorgeschichte, die dazu führt, dass sie kein Vertrauen zu Erwachsenen haben – im Gegenteil, sie misstrauen allem und allen. Sie haben erfahren, dass die Welt nicht verlässlich ist, dass das Leben bedroht wird, dass Hilfe kaum zu erwarten ist, das man auf sich allein gestellt ist. Es gilt eigentlich nur, das ‚hier und jetzt’ zu überleben und zu bewerkstelligen. Das Leben ist ein Kampf. Dies ist die Sicht der Welt dieser Kinder.

Die Kinder, die neu in Pflege-/Adoptivfamilien vermittelt werden haben meist eine schwierige Vorgeschichte, die dazu führt, dass sie kein Vertrauen zu Erwachsenen haben – im Gegenteil, sie misstrauen allem und allen. Sie haben erfahren, dass die Welt nicht verlässlich ist, dass das Leben bedroht wird, dass Hilfe kaum zu erwarten ist, das man auf sich allein gestellt ist. Es gilt eigentlich nur, das ‚hier und jetzt’ zu überleben und zu bewerkstelligen. Das Leben ist ein Kampf. Dies ist die Sicht der Welt dieser Kinder.

Solche Erfahrungen prägen auch Art und Umfang der Hirnreifung des Kindes. Ebenso führen traumatische Situationen zu vermehrter Ausschüttung von Stresshormonen, die wiederum das kindliche Gehirn auf ständige Alarmbereitschaft polen. Das fehlende Vertrauen zeigt sich durch permanente Anspannung (stark angespannter Körper). Ein „sich fallen lassen“ ist nicht möglich. Das Kind muss alles unter Kontrolle haben und sieht sich nicht in der Lage, den Erwachsenen die Bewältigung des Alltages überlassen zu können.

Fehlendes Vertrauen verhindert Beziehungen und Bindungen. Fehlendes Vertrauen macht das Leben mit anderen Menschen und Kindern in Schule, Verein, Kindergarten und Pflegefamilie fast unmöglich. Es verhindert soziales Verhalten und das Verständnis für Andere. Fehlendes Vertrauen macht extrem einsam, macht die Welt extrem bedrohlich und dunkel.

Es ist daher die oberste Aufgabe der Pflege-/Adoptiveltern, dem Kind Beziehung und Bindung anzubieten, um ihm damit den Weg zu Vertrauen zu öffnen.

Dieser Weg ist nur mit Geduld zu meistern. Er geht nicht immer geradeaus, sondern um Biegungen. Er geht bergauf und bergab. Er stürzt in tiefe Täler um sich dann wieder hoch zu schlängeln. Manchmal gibt es am Wegesrand hilfreiche Stützen und immer wieder steht man schwindelig und allein im starken Gegenwind (z.B. durch Besuchskontakte, Krisen, Erschütterungen).

Sieben Phasen eine Kindes bis hin zum festen Vertrauen

In ihrem Buch „Praxisbuch Pflegekind“ beschreibt Alice Abel sieben Phasen eine Kindes bis hin zum festen Vertrauen und zur Bindung des Kindes an die Pflegeeltern.

Ich möchte diese Phasen kurz wiedergeben:

1. Überanpassung des Kindes – es lebt in einer Pseudo-Normalität, die es aber nicht lange durchhalten kann, weil es mit den Beziehungsangeboten der Pflegeeltern konfrontiert wird
2. Die Phase setzt schon ein gewisses Vertrauen in die Zuneigung und Stärke der Pflegeeltern voraus. Das Kind gibt seine Maske auf und zeigt das Ausmaß seiner Störungen durch auffälliges Verhalten.
3. Diese Phase ist davon geprägt, dass das Kind immer deutlicher Bindungsverhalten zeigt und beginnt, seine innere Not zu zeigen. Es drückt sich nicht mehr nur in auffälligem Verhalten und Krankheit aus, sondern zeigt auch, dass es akut von Ängsten, seelischen und körperlichen Schmerzen oder Albträumen geplagt wird. Dies setzt ein noch größeres Vertrauen voraus als nur das reine Fallenlassen der Maske in der zweiten Phase.
4. Hier zeigt das Kind eine vertiefte Bindung an die Pflegeeltern, was sich an einem klammernden Verhalten zeigt. Es möchte sich nicht mehr von ihnen trennen. Das nun erreichte Vertrauen dürfen die Pflegeeltern als echte Liebeserklärung werten.
5. Noch mehr Sicherheit und Vertrauen setzt diese fünfte Phase voraus, denn in dieser spricht das Kind nicht nur über frühere Erlebnisse oder Nöte, sondern es zeigt den Pflegeeltern auch die mit den frustrierenden, verletzenden und bedrohlichen früheren Bindungserfahrungen zusammenhängenden Gefühle. Es konfrontiert die Pflegeeltern mit voller Wucht mit seinen schlummernden negativen Gefühlen. Hier ist es besonders wichtig, dass die Pflegeeltern diese Gefühle nicht persönlich nehmen, sondern sie den früheren Erfahrungen des Kindes zuordnen.
6. Hat das Kind ausreichend erfahren, dass es von den Pflegeeltern auch in seinem Schmerz angenommen wird, beginnt es die Pflegeeltern als „sicheren Hafen„ anzusehen zu denen es sich in Momenten der Angst und des Schmerzes flüchten kann. Macht es damit positive Erfahrungen, dann kann es echte Bindungssicherheit entwickeln.
7. Ist es nach vielem Auf und Ab eines Tages gelungen, eine wahrhaft heilsame Bindung aufzubauen, dann besteht nun in der siebten Phase die reelle Chance, dass das Kind folgende Eigenschaften und Fähigkeiten entwickelt:

  • eine echte Fähigkeit, zu entspannen und zu genießen
  • die Fähigkeit, Liebe zu geben und zu empfangen
  • ein gutes Selbstwertgefühl
  • Konzentrationsvermögen und die Entwicklung intellektueller Fähigkeiten
  • Empathiefähigkeit
  • Engagement und Gemeinsinn.

Jetzt hat das Kind wirklich tiefes Vertrauen zu seinen neuen Eltern entwickelt und kann mit diesem neuen Vertrauen und der auf diesem Vertrauen beruhenden neuen positiven Sicht der Welt ein erfülltes Leben erreichen.

Eine solche Wendung hin zu vollem Vertrauen ist jedoch nicht allen Pflegekindern möglich.
Manche Kinder sind so verletzt, dass sie sich nicht mehr ganz auf die Beziehungsangebote der Pflegeeltern einlassen können. Sie gehen einen Teil des Weges und verlieren dann die Zuversicht. Schwierige Umstände z.B. durch Besuchskontakte, ewiges Ziehen der Herkunftseltern, unklare Aussagen der Verantwortlichen, unklare Verbleibensperspektiven und zusätzlich die sich darauf oft ergebende Erschöpfung der Pflegeeltern können das Erreichen des tiefen Vertrauens verhindern.

Kinder mit fehlendem Vertrauen Erwachsenen gegenüber haben das Gefühl von „Leben ist Kampf“. Sie haben ein geringes Selbstwertgefühl, fühlen sich angegriffen und verletzt und nehmen die Realität verzerrt wahr.

Tipps für den Alltag

Um Vertrauen zu fördern bedarf es eines menschenwürdigen Verhaltens, ein Verhalten dass die Würde des Kindes oder Jugendlichen trotz seines auffälligen und schwierigen Verhaltens bewahrt.

Was meine ich damit?
Für das Kind ist es wichtig, dass die Pflegeeltern es fair handeln und nicht ihre Macht und ihre Möglichkeiten gegen das Kind ausspielen.

Lassen Sie mich ein Beispiel nennen:

Der 13jährige Sven ist in einem Sportverein und hat dort 2mal wöchentlich Training. Eines spätnachmittags nimmt der Pflegevater einen Anruf an, in dem ihm der Trainer des Vereins mitteilt, dass Sven nicht zum Training gekommen ist.
Als Sven zur üblichen Zeit nach Hause kommt fragt der Pflegevater ihn:
Na, wie war das Training? Gut sagt Sven
Was habt ihr gemacht? Geht es weiter und Sven erfindet etwas.
So geht es eine Weile hin und her bis der Pflegevater letztendlich den Jungen der Lügereien „überführt“ und von dem Telefonat mit dem Trainer berichtet.

Wie mag Sven sich fühlen nach dieser Art der Vorführung? Vertraut er seinem Pflegevater noch oder fühlt er sich aufs Glatteis geführt und irgendwie auch verraten?
Was lernt er aus dieser Aktion? Dass er nächtens ehrlich ist – oder dass er besser lügen muss?

Was wäre anders gewesen wenn der Pflegevater ihn bei seiner Rückkehr über das Telefonat seines Trainers informiert hätte und mit ihm dann darüber gesprochen hätte, was los war, was ihn daran gehindert hat zum Training zu gehen.?
Sven hätte wahrscheinlich empfunden, dass er mit seinem Pflegevater über seine Probleme durchaus sprechen kann, dass dieser zwischen Wichtigem und Unwichtigen unterscheiden kann und dass es dem Vater wichtig ist wie es ihm geht. Er hätte sich ernst genommen gefühlt, hätte verstanden, dass es dieser Auswege nicht bedarf, und dass es hilft, über Gefühle und Ängste zu sprechen.
Das Schwänzen des Trainings wäre so zu einer Chance für die Beziehung zwischen Pflegesohn und Pflegevater geworden und nicht eine Herabwürdigung und Machtdarstellung.

Vertrauen bedeutet, sich auf jemanden verlassen können. Das Kind muss sich auf die Pflegeeltern verlassen können. Sie müssen ihm zeigen, dass es sich auf sie verlassen kann. Auch immer wieder enttäuscht zu werden, darf die Pflegeeltern nicht daran hindern. Das ist schwer, natürlich – aber Sie haben keine andere Chance. Sie müssen ihrem Kind zeigen, dass Sie an es glauben, dass Sie daran glauben, dass das Kind es eines Tages schaffen wird. Wenn Sie an das Kind glauben, dann kann es den Mut finden, ebenfalls an sich zu glauben. Wenn Sie ihm vertrauen, dann kann es den Mut finden, ebenfalls zu vertrauen.

Wie gesagt, Vertrauen zu entwickeln ist eine Achterbahn – aber jede Achterbahn braucht einen stabilen Mittelpunkt, um den sie gebaut wird. Das können Sie für Ihr Kind sein – verlieren Sie nicht den Mut – geraten Sie bitte nur hin und wieder in Verzweiflung – impfen Sie sich mit Geduld – suchen Sie sich etwas schönes, was Sie auf andere Gedanken bringt - suchen Sie sich Gesprächspartner – glauben Sie an Ihr Kind.

Letzte Aktualisierung am: 
22.09.2009