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13.03.2019
Fachartikel

Wo die wilden Kerle wohnen

traumatisierte Kinder in der Jugendhilfe

Ein Trauma bedarf einer individuellen Betrachtungsweise und Einschätzung. Am Ende gibt es kein richtig oder falsch. Wichtig ist, wo es den Kindern und Jugendlichen gut geht, wo sie heilbare Bindungs- und Beziehungserfahrungen erleben können und welcher Rahmen ihrem Bedarf zugeschnitten ist.

„Die wilden Kerle brüllten ihr fürchterliches Brüllen und fletschten ihre fürchterlichen Zähne und rollten ihre fürchterlichen Augen und zeigten ihre fürchterlichen Krallen [...]

Geh bitte nicht fort - wir fressen dich auf -, wir haben dich so gern.“

(Sendak,1967)

Diese Textstelle stammt aus dem Kinderbuch „Wo die wilden Kerle wohnen“ von Maurice Sendak, welches 1967 erschienen ist. Viele seiner Bildergeschichten befassen sich mit den dunklen Seiten der kindlichen Vorstellungskraft, mit Albträumen und Ängsten. In dem Kinderbuch erzählt er von dem ungezogenen Jungen Max, der den Hund des Hauses mit der Gabel ärgert und daraufhin von seiner Mutter in sein Kinderzimmer geschickt wird. Da sitzt er dann, ohne Essen und versetzt sich ins Reich der Fantasie, in dem er zu einer Insel mit riesigen Monstern reist und diese Insel dann auch erobert – sie machen ihn zum König. Nachdem er sich dort als Herrscher ausgetobt hat, hat er Heimweh und kehrt zu seiner Mutter zurück. Wieder in seinem Zimmer angekommen, stellt Max fest, dass das Abendessen auf dem Tisch steht und noch warm ist. Aber was genau hat diese Geschichte mit traumatisierten Kindern zu tun?

Wo die wilden Kerle wohnen ist aus meiner Sicht ein sehr gelungenes Buch, da es dem Autor gelingt, die verschiedenen Anteile der (verletzten) kindlichen Seele wiederzugeben. Mit wenigen Worten wird ein Konflikt beschrieben, der zwischen (Pflege)Eltern und (Pflege)Kindern immer wieder im Alltag vorkommt. Der Junge Max benimmt sich nicht, die Eltern bestrafen ihn und Max erlebt verschiedene Gefühle wie Enttäuschung, Wut und Unverständnis. Im nächsten Schritt geht es darum, wie Max mit diesen Gefühlen umgeht: Er kreiert sich eine Fantasiewelt und geht auf eine Reise. Diese und ähnliche Verhaltensweisen lassen sich auch bei traumatisierten Kindern beobachten. In der Geschichte spiegeln die wilden Kerle die Wildheit von Max wider und symbolisieren gleichzeitig auch seine Ängste. Sie zeigen seine Furcht und die Bedrohung durch etwas Unbekanntes – etwas, das er nicht kennt. Max schafft es im Verlauf der Geschichte, die grausamen Monster zu zähmen und wird von ihnen zum König gekrönt. Er erlebt dadurch Wertschätzung, Selbstwirksamkeit und erlangt neues Selbstbewusstsein, bevor er seine Reise zurück nach Hause antritt. So wird in dem Buch das kindliche Seelenleben zwischen dem Hinausgehen in die Welt bis hin zur Geborgenheit in der Familie gut beschrieben. Es geht aber auch um Trennung und erneute Annährung. Auch mit diesen Herausforderungen sehen sich (Pflege)Kinder in der Realität immer wieder konfrontiert. Dabei sind es insbesondere die traumatisierten Kinder in der Jugendhilfe, die im Laufe ihres Lebens kaum Selbstwirksamkeit erlebt haben. Oft wurde das kindliche Seelenleben in diesen Fällen massiv durch traumatische Erlebnisse erschüttert.

Die Widersprüchlichkeit, die in dem eingangs angeführten Zitat („Geh bitte nicht fort - wir fressen dich auf -, wir haben dich so gern“) zum Ausdruck kommt, betrifft nicht nur Max. Auch traumatisierte Kinder erleben ein solches Verhalten durch vertraute Bezugspersonen häufig im Alltag. Doch wie empfinden sie dabei? Und wie fühlen sie sich, wenn sie – anders als Protagonist Max – nach ihrer Reise nicht mehr nach Hause kommen können, sondern in einer Erziehungsstelle oder in einer stationären Heimwohngruppe wohnen müssen? Wie geht es Kindern, die durch eine Traumatisierung in ihrer eigenen Welt leben und welche Bedürfnisse haben sie? Welche Hilfeform ist für diese Kinder hilfreich? Bietet sich hierbei eine stationäre Heimgruppe an, oder macht die Erziehungsstelle mehr Sinn? Welche fachlichen Anforderungen müssen bei diesen beiden Wohnformen vorhanden sein, damit Kinder wie Max vielleicht wieder nach Hause zurückkehren können oder an einem sicheren Ort aufwachsen können?

In diesem Artikel geht es nicht um ein „besser oder schlechter“. Orientiert am Hilfebedarf der Kinder und an den „Traumapädagogischen Standards in der stationären Kinder- und Jugendhilfe“ vom Fachverband Traumapädagogik, sollen Sie einen Einblick der unterschiedlichen Hilfeformen erhalten. Für ein besseres Verständnis werden dazu die Grundlagen der Traumapädagogik in einigen Bereichen noch intensiver beschrieben. 

Ziele der Traumapädagogik

Die Traumapädagogik beschäftigt sich konsequent mit der Psychotraumatologie in Kooperation mit der sozialpädagogischen Begleitung von Kindern und Jugendlichen, die Missbrauchs-, Gewalt- Vernachlässigungserfahrungen und ähnliches erlebt haben. Dabei basiert der Schwerpunkt der pädagogischen Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen auf den Kenntnissen der jeweiligen pädagogischen Fachkräfte. Sie sollten ein breites Wissen über Traumafolgestörungen haben und dadurch ein anderes Verständnis für das Verhalten der Kinder entwickeln, sodass sie im Alltag traumapädagogisch darauf eingehen können. In diesem Kontext ist eine starke Orientierung an psychotraumatologischen Erkenntnissen gewollt und eine individuellere pädagogische Arbeit im Umgang mit den Kindern gewünscht (vgl. Mark Schmid 2013, S. 56).

„Eine Besonderheit der Traumapädagogik liegt aber darin, dass man aus der Wirkung von traumatisierenden, emotional invalidierenden Umwelten logisch ableiten kann, was Kinder und Jugendliche an einem Ort benötigen, an dem sie Sicherheit und Geborgenheit erfahren sollen und können. [...] Prinzipiell kann man die Unsicherheit und leidvollen alten Erfahrungen einfach den korrigierenden Beziehungserfahrungen gegenüberstellen.“ (Schmid 2013, S. 56)

Traumatisierendes UmfeldFörderliches traumapädagogisches Milieu
Unberechenbarkeit Transparenz/ Berechenbarkeit
Einsamkeit/ IsolationBeziehungsangebote
Nicht gesehen, nicht beachtet, nicht gehört werdenBeachtet werden / wichtig sein
GeringschätzungWertschätzung (auch der individuellen Besonderheit)
Bedürfnisse missachtetBedürfnisorientiert
Ausgeliefert sein- andere bestimmen absolut überMitbestimmen können- Partizipation an Entscheidungen
Abwertung und BestrafungErmutigung und Lob
Keine adäquate Förderung- häufige Überforderungs- oder UnterforderungssituationenIndividuelle, dem Entwicklungsstand entsprechende Förderung
LeidFreude

Traumatisierendes Umfeld & Förderliches traumapädagogisches Milieu (Schmid 2013, S.57)

Angelehnt an diese Gegenüberstellung hat die Traumapädagogik folgende Ziele:

  • Positive und korrigierende Beziehungsangebote durch bindungsfördernde und vertrauensvolle Beziehungsangebote an einem sicheren Ort, damit sich die Kinder in der Wohngruppe oder Erziehungsstelle geliebt, integriert und unterstützt fühlen
  • Die Selbstwahrnehmung der Kinder soll gestärkt werden. Die Kinder sollen lernen, ihre eigenen Gefühle zu spüren, sie einzuordnen und zu zeigen
  • Unterstützung und Überwindung in Loyalitätskonflikten
  • Reinszenierungen eines Traumas sollen gestoppt werden
  • Die Kinder sollen über die Prozesse im Gehirn (sie steuern in dem Moment nicht selber) informiert und somit Subjekt ihrer eigenen Handlungen werden
  • Förderung in der Körperwahrnehmung und im Ausdruck
  • Psychoedukation der Selbstbemächtigung durch verschiedene Methoden wie die Biographiearbeit, die Aktivierung eigener Ressourcen im Rahmen der Selbsthilfe oder der Aufklärung verschiedener Bindungstypen (vgl. Biberacher 2013 S. 300f)

Traumasymptome bei Kindern

Eine Traumatisierung im Kindesalter hat in der Regel immer schwerwiegende Kurz- oder Langzeitfolgen. Dabei sind die Symptome von dem psychotraumatischen Belastungssyndrom ähnlich wie bei Erwachsen:

  • Wiederkehrende, sich aufdrängende Erinnerungen
  • Verhaltensweisen, die sich immer wiederholen. Kinder rekapitulieren in einem traumatischen Spiel das traumatische Ereignis und sehen dabei selten die Zusammenhänge zum Erlebnis.
  • Kinder haben Ängste! Durch verschiedene Trigger im Alltag werden die Kinder an das Trauma erinnert und es kann zu Flashbacks kommen.
  • Die Einstellung zum Menschen verändert sich – aber auch die zum Leben und der Zukunft. Die Kinder verlieren das Vertrauen und haben negative Erwartungen an das Leben.

Im Ärzteblatt (Heft 9, September 2009) wird zum Thema Posttraumatische Belastungsstörung in einem Artikel von der Einführung der DSM-III-R im Jahr 1988 und der damit verbundenen Anerkennung der Posttraumatischen Belastungsstörung bei Kindern berichtet. Heute ist bekannt, dass auch Kinder schon in den ersten Lebensjahren eine psychische Erkrankung infolge von stressbehafteten Erlebnissen entwickeln können. Wie bereits erwähnt, gehören zu den häufigsten Ursachen einer posttraumatischen Störung im Kindesalter körperliche und sexuelle Gewalt sowie Vernachlässigung, Unfälle oder lebensbedrohliche Ereignisse. Dabei können sich die Symptome bei den Kindern je nach Alter, aktuellem Befinden und individueller Lebenslage erheblich unterscheiden. Klassische Traumafolgesymptome sind emotionale Taubheit, Wiedererleben und Überregung. In diesem Zusammenhang kommt es vor, dass sich die emotionale Taubheit in Entfremdungsgefühlen äußert. Dieses Verhalten kann mit einer Emotionslosigkeit gepaart sein: Die Wahrnehmung der Kinder bezogen auf Ihre Zukunft ist leer und unvollständig. Kinder können sich in dieser Verfassung nicht vorstellen, wie es ist, erwachsen zu sein und etwa eine Ausbildung zu beginnen. Dazu kommen dann übermäßige Sorgen bezüglich ihres sozialen Umfeldes (Familie & Freunde) und regressives Verhalten. Auch bereits erlernte Handlungsweisen können stark davon beeinträchtigt werden und womöglich nicht mehr vorhanden sein. Da die Kinder sich immer wieder im Stadium der autonomen Erregung befinden, sind sie besonders wachsam, häufig aber auch sehr schreckhaft und aggressiv. Durch das Wiedererleben traumatischer Erlebnisse in Flashbacksituationen (Intrusionen) können in Kindern unterschiedliche Gefühle und Verhaltensweisen hervorgerufen werden. Sie haben in solchen Situationen häufig körperliche Beschwerden, Ängste vor dem Alleinsein, sind sehr aggressiv oder klammern besonders an Menschen aus ihrem nähren Umfeld (vgl. Sonnenmoser 2009, S. 413).

Konzeptionelle Überlegungen

An dieser Stelle wird intensiver auf die Fragestellung „Was brauchen traumatisierte Kinder an Rahmenbedingungen und pädagogischer Begleitung in Erziehungsstellen oder stationären Heimgruppen?“ eingegangen werden. Dabei geht nicht darum, beide Hilfeformen in Konkurrenz zu stellen. Vielmehr soll von der Perspektive des Kindes aus betrachtet die geeignete Unterbringungsform gefunden werden. Wichtig ist dabei, dass Kinder, die nicht mehr zu Hause leben können, einen sicheren Ort finden, an dem ihre Seele wieder heilen kann. Dazu werden erste konzeptionelle Überlegung und Fragen anhand der Geschichte Wo die wilden Kerle wohnen beschrieben. Dabei stellt sich zunächst die Frage, welchen Unterschied es macht, ob Max in einer Erziehungsstelle oder in der Heimwohngruppe groß wird. Welche Hilfeform kann helfen, die verletzten seelischen Anteile von Max zu heilen? In der Geschichte wird Max bestraft und reagiert darauf mit Enttäuschung, Wut und Unverständnis – welches Setting würde für Max in solchen Situationen einen heilsamen und sicheren Ort bieten? Gleichzeitig spiegeln die wilden Kerle die Wildheit vom Max wider. Dieser Prozess des Spiegelns kann Übertragungsprozessen in Erziehungsstellen und stationären Wohngruppen ähneln – wie aber gehen die Pädagogen/innen damit um und was ist wie gut und lange auszuhalten? Am Ende der Geschichte schafft Max es, die Monster zu zähmen und erlebt dadurch Selbstwirksamkeit und Wertschätzung. Wie können diese Prozesse der Wertschätzung und Selbstwirksamkeit auf die Kinder und Pädagogen/innen im Alltag übertragen werden? Und welche Strukturqualität müssen Erziehungsstellen und stationäre Wohngruppen dazu bieten? Gibt es überhaupt einen Königsweg für die Kinder?

„Die Kombination von ‚richtiger’ Familie und professioneller Betreuung erscheint dann als Königsweg stationärer Jugendhilfe, auf dem zwei Vorteile - einerseits Familienleben, andererseits Betreuung durch Professionelle - in wunderbarer Weise zu einem ganz besonders leistungsfähigen Arrangement verschmolzen werden.“ (Wolf 2012, S. 406)

Es gibt sehr vielfältige Studien, die untersuchen, welche Vor- und Nachteile Erziehungsstellen oder Heimwohngruppen haben. Auf diese kann im begrenzten Rahmen des vorliegenden Artikels jedoch nicht eingegangen werden. Vielmehr möchte ich die Strukturqualität(en) eingrenzen und dazu die Praxis- und Orientierungshilfe (Standards) des Fachverbandes Traumapädagogik nutzen. Strukturqualität bezeichnet in diesem Fall die Rahmenbedingungen, die für stationäre Heimwohngruppen und für Erziehungsstellen wichtig sind, damit traumatisierte Kinder heilsame und korrigierende Erfahrungen machen können und die Ziele der Traumapädagogik erfüllt werden. Dazu soll auf die notwendigen Fähigkeiten der jeweiligen Hilfe zur Erziehung eingegangen werden, personelle sowie materielle Ressourcen benannt und in Form eines (Wunsch)Konzeptes widergespiegelt werden.

Strukturqualität(en) für stationäre Heimgruppen

Die Grundidee

Dieses Konzept setzt die Erfordernisse junger Menschen um, die aus hoch- oder mehrfachbelasteten Familien- und Lebensverhältnissen stammen, schon potenziell traumatisierende Erfahrungen gemacht haben und typische Merkmale einer Traumafolgestörung aufweisen wie etwa:

  • Ausagierendes Verhalten
  • Aggressives Verhalten
  • Dissoziationsneigung
  • Selbstverletzung/-gefährdung
  • Störung der Sinnes- und Körperwahrnehmung
  • Gestörte Emotionsregulation
  • Mangelnde Zukunftsperspektive
  • Intrusionen

Für Menschen ohne Hintergrundwissen zum Thema Trauma wirken solche Verhaltensweisen oft sinnlos und sind nicht immer nachvollziehbar, sodass Kinder und Jugendliche mit einer solchen Symptomatik schnell als Problemkinder bezeichnet werden, die keinerlei Verständnis bezüglich ihres Verhaltens erwarten können. Die Pädagogen/innen werden jedoch gezielt psychotraumatologisch und traumapädagogisch geschult, um ein Verständnis für die Lage traumatisierter Kinder und Jugendlicher zu erlangen und besser mit ihnen und für sie arbeiten zu können. Die Arbeit in der stationären Heimwohngruppe zeichnet sich durch die verschiedenen Charaktere der Mitarbeiter/innen, die durch die gemeinsame Grundhaltung dennoch als ein Team agieren und somit auch einen strukturierten Rahmen für die weitere (trauma)pädagogische Arbeit bieten können, aus. Die Erziehungsstellen Eltern wiederum bieten einen familiären Schutzraum und die Möglichkeit, soziales Verhalten in der Familie zu üben und zu reflektieren. Zur Grundhaltung der traumapädagogischen Arbeit in der stationären Wohngruppe sowie in der Erziehungsstelle zählen:

Wärme, Geborgenheit bedeutet:
  • Schutz
  • Empathie
  • Wissen führt zu Akzeptanz
  • Konzept des Guten Grundes
  • Partizipation
  • Transparenz
  • Spaß und Freude

Die Hilfe sollte für jedes Kind und jeden Jugendlichen individuell zugeschnitten werden. Um die Unterschiede der beiden Angebote zu verdeutlichen, folgen eine kurze Definition und Einordnung dieser. In der stationären Heimwohngruppe gibt es die Möglichkeit, die Hilfe ohne einen Gruppenwechsel zu intensivieren oder zu reduzieren, indem eine ambulante Hilfe integriert bzw. nach Erfolg wieder reduziert wird (Hilfe im Verbund). Bei Bedarf werden ebenfalls psychologische und pädagogische Diagnostiken erstellt und die Kinder therapeutisch angebunden. In der Erziehungsstelle wächst das Kind in einer familienähnlichen Struktur auf. Es kann auch sein, dass noch ein weiteres Erziehungsstellenkind oder ein leibliches Kind in der Erziehungsstelle lebt. Laut den Standards der Trägerkonferenz der Erziehungsstellen im Rheinland[1] dürfen nicht mehr als zwei Kinder pro Erziehungsstelle leben. So kann ein stabiles soziales Umfeld entstehen –ohne Schichtwechsel oder ähnliche Situationen. Dieses Konzept soll dazu beitragen, dass jedes einzelne Kind nach seinen Bedürfnissen und Möglichkeiten optimal gefordert und gefördert werden kann. Die traumapädagogische Arbeit konzentriert sich darauf, traumatisierten Kindern den bestmöglichen Lebensrahmen zu bieten und traumapädagogische, unerlässliche Kompetenzen wie den „sicheren Ort“ (Weiß 2009) und die „Selbstwirksamkeit“ zu erarbeiten, um den Traumafolgen kompetent und angemessen zu begegnen.

Kinder aufzuklären darüber, warum sie in nachvollziehbarer Weise so sind, wie sie sind – zum Beispiel mit dem Powerbook von Michael Krüger (Psychoedukation)

Kindern dabei zu helfen, ihre eigene (familiäre) Geschichte zu verstehen (Biographiearbeit, etwa mit dem Lebenbuch) bedeutet:

  • Strategien der Emotionsregulation zu lehren
  • Selbstbemächtigung zu fördern
  • neue Lernfelder ermöglichen zu können
  • Schutz und Sicherheit zu bieten, Verlässlichkeit zu vermitteln
  • eine Zukunft nach der Traumaerfahrung und Heilungschancen anzubieten
  • jenseits der leicht entstehenden Problemlagen Normalität anbieten zu können (vgl. Lang et. al 2013, S. 86ff

In der stationären Heimwohngruppe begleiten und stützen die notwendige therapeutische Arbeit und das Konzept sich gegenseitig. Ebenfalls erlauben die regelmäßigen Teamsitzungen sowie Fallbesprechungen und die Supervision einen intensiven Austausch. Das gilt ebenfalls für die Erziehungsstelle. Hier sind es die regelmäßigen Fallbesprechungen mit der/dem jeweiligen Erziehungsstellenberater/in und die regelmäßigen Treffen in regionalen Arbeitskreisen mit anderen Erziehungsstellen, die einen intensiven Austausch ermöglichen. Bei Bedarf kann darüber hinaus auch auf Supervision zurückgegriffen werden.

Grundverständnis der pädagogischen Arbeit

Den Anfang macht dabei die Ressourcenorientierung: Die Stärken und Ressourcen der Kinder sollen dazu dienen, neue Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln und werden gemeinsam herausgearbeitet, um dann daran anzuknüpfen. Dieser Entwicklungsprozess wird durch die Pädagogen/innen fachlich begleitet und unterstützt. Doch auch die Transparenz spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Teil des Selbstverständnisses ist es, die pädagogische Arbeit transparent zu machen und eng mit den beauftragenden Jugendämtern und Beteiligten der Hilfe abzustimmen. Haltgebende Strukturen sind für beide Systeme sehr wichtig. Traumatisierte Kinder sind oft in Gewalt, Willkür und Vernachlässigung aufgewachsen und sollten daher korrigierende Erfahrungen sammeln. Für diese Kinder ist ein transparenter Umgang mit Regeln, Konsequenzen und Absprachen sehr wichtig. Sie brauchen verlässliche Bindungsangebote und strukturierte Tagesabläufe:

In der Heimwohngruppe sollte es einen Dienstplan geben, der für alle Kinder zugänglich ist und erkenntlich macht, wer wann und wo arbeitet. In der Erziehungsstelle ist das nicht nötig, weil in der Regel die Eltern immer Dienst haben. Hierbei kann jedoch ein Plan, der die Arbeits- und Schulzeiten enthält, nützlich sein.

  • Für die Kinder sollte für jede Woche ein Terminplan erstellt werden, auf dem ersichtlich wird, welche Termine für die Wohngruppe oder Familie anstehen.
  • Die Kinder sollten – ihrem Altern entsprechend – in Form einer Gruppenrunde oder eines Familienrates in die Planungsprozesse einbezogen werden.
  • Es sollten regelmäßige Reflexions- und Befindlichkeitsrunden stattfinden

Weil die Kinder solche haltgebenden Strukturen in der Regel zuvor nicht kennengelernt haben, könnten diese von ihnen als eher eingrenzend und lästig empfunden werden. An dieser Stelle kann es zu der Frage kommen, ob es aufgrund des möglichen Desinteresses und der eher ablehnenden Haltung der Kinder überhaupt Sinn macht, solche Strukturen zu installieren. An dieser Stelle sind die Pädagogen/innen in ihrer Haltung und Pflicht gefragt. Das Verhalten der Kinder könnte als Desinteresse gedeutet werden – dabei steckt dahinter häufig eine indirekte Bitte um Halt und Sicherheit, die es zu erkennen gilt. Wenn Kinder dissoziieren, keinen Überblick haben und von Grund auf unsicher sind, dann liegt es in der Verantwortung der Pädagogen/innen, solche haltgebenden Strukturen in Form von Plänen und Gesprächsrunden einzuführen (vgl. Busum 2013, S. 183). Doch auch ein Mitspracherecht der Kinder ist konstitutiv für ein funktionierendes Miteinander. Partizipation bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Kinderrechte in der Wohngruppe oder Erziehungsstelle bekannt und für jeden einsehbar sind. Für die Kinder sollte es zudem feste Ansprechpartner (Ombudspersonen) geben, die sie jederzeit erreichen können. Für die Kinder ist gelebte Partizipation ein Prozess erlebter Selbstwirksamkeit („Ich werde gehört - ich kann etwas bewirken“). Aus diesem Grund ist die Partizipation ein weiterer Bestandteil von traumapädagogischen Konzepten. Sie ist dabei aber keinesfalls als Entmachtung der Betreuungs- und Bezugspersonen zu verstehen, sondern vielmehr als Beachtung der Interessen von Kinder oder Jugendlichen (vgl. Kühn 2011, S. 135). Für die Kinder und Pädagogen/innen ist Partizipation ein gemeinsamer Lernprozess: Die Betreuer/innen sowie Pflegeeltern lernen, dass es durchaus Sinn machen kann, sich von alten Überzeugungen zu trennen und womöglich eine neue Haltung einzunehmen. Die Kinder erfahren dann, dass es etwas bringt, sich für die eigenen Rechte und Bedürfnisse einzusetzen. Im besten Fall führt dies zu einer neuen Gesprächskultur, in der Kinder und Erwachsene sich auf den Ebenen der Information, Mitsprache, Mitbestimmung und Selbstbestimmung bewegen (vgl. ebd.). Einen weiteren Aspekt bildet zuletzt die Parteilichkeit für Kinder im Kontext der Familie. Die stationäre Heimwohngruppe und Erziehungsstelle verstehen sich als parteilich für die Sicherheit, das Wohl, die Entwicklung, die Rechte und die Möglichkeiten der anvertrauten Kinder. Dabei geschieht Parteilichkeit immer im Kontext einer Familie.

Verständnis von „Trauma“ und „Traumafolgen“

Als Trauma wird das subjektive Erleben eines einschneidenden Erlebnisses oder einer Folge von Erlebnissen bezeichnet, welches existenziell das Leben und/oder das seelische Wohl eines Menschen gefährdet. Ein Trauma führt zu einer permanenten Überlastung und in der Folge zu einer Erschütterung des Selbst- und Weltbildes der Betroffenen. Es kann durch eigene Kompetenzen kaum bewältigt werden. Im klinischen Verständnis kann dies zu Symptomen einer Posttraumatischen Belastungsreaktion und schließlich zu einer Posttraumatischen Belastungsstörung führen (vgl. Krautkrämer-Oberhoff, Haaser 2011, S. 69f). Dabei muss vor allem in der Jugendhilfe beachtet werden, dass Traumatisierungen häufig durch negative, familiäre Rahmenbedingungen intensiviert werden. Diese Rahmenbedingungen bieten oft den Nährboden für unzureichende Verarbeitungsmuster und -strategien (Verwahrlosung, Vernachlässigung, Gewalt, Grenzverletzungen, das Erleben von emotionalem Mangel und mangelnder Versorgung, etc.). Folgen einer Traumatisierung können sein:

  • stagnierende Entwicklung
  • tiefgreifende und permanente Situation des Leidens
  • tiefgreifende Erschütterung der Betroffenen
  • soziale Ausgrenzung
  • Inszenieren von Wiederholungssituationen
  • Störung der Selbstwahrnehmung
  • Bindungsfähigkeit kann nicht hinreichend herausgebildet werden
  • Erschüttertes Selbst- und Weltbild
  • Störung der Impulssteuerung

Für die Arbeit mit traumatisierten Kindern in stationären Heimwohngruppen und Erziehungsstellen ist es deshalb wichtig, die Entstehung von Traumatisierungen, die Begleiterscheinungen und die Folgen zu erörtern. Es müssen dann geeignete Rahmenbedingungen geschaffen und Kompetenzen zur Verfügung gestellt werden, um den Folgen bestmöglich begegnen zu können, weitere Schädigungen zu vermeiden und eine bestmögliche Entwicklung zu gewährleisten.

Konsequenzen für die traumapädagogische Arbeit

Traumapädagogik ist die Erziehung traumatisierter Kinder und Jugendlicher. Sie verbindet ein traumaspezifisches Verständnis mit entsprechendem pädagogischem Handeln. Ziel der Traumapädagogik ist es, in einem pädagogischen Prozess dem Kind oder dem Jugendlichen neue, positive Erfahrungen über die Verlässlichkeit von Beziehungen und den Wert innerer Orientierung zu ermöglichen. So soll der Umgang mit den Symptomen der Traumatisierung erlernen werden. Die traumapädagogische Arbeit verfolgt das Ziel, in enger Kooperation mit weiterführenden (beispielsweise therapeutischen) Hilfen für die betroffenen Kinder und Jugendlichen Lebensperspektiven zu entwickeln, die es erlauben, erlittene Verletzungen – so gut es geht – heilen zu lassen und Ressourcen zu entwickeln, die zu einer selbstbestimmten, sozial-integrativen Lebensführung befähigen. Die Sicherheit, der Schutz, stabile Rahmenbedingungen, Entlastung und die Entwicklungsförderung der Kinder stehen im Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit. Die Kinder und Jugendlichen haben ein Recht auf Schutz- und Schonräume, auf Akzeptanz und auf Verständnis. Eine warme, anregende und beschützende Atmosphäre in stationären Heimwohngruppen oder Erziehungsstellen soll dazu beitragen, dass sich die Kinder angenommen und behütet fühlen. Dazu gehört ein klar strukturierter Rahmen mit dem pädagogischen Anspruch, die Betroffenen an so vielen Prozessen wie möglich partizipieren zu lassen (vgl. Lang et. al. 2013, S. 93f).

Auch die freundliche, altersgerechte Gestaltung der Räumlichkeiten darf nicht außer Acht gelassen werden. Die Kombination der verschiedenen, unterstützenden Aspekte soll emotional korrigierende Neuerfahrungen ermöglichen. Sowohl Heimwohngruppe als auch Erziehungsstelle sind der soziale Erfahrungsraum für die Kinder. Hier soll ihnen die Möglichkeit gegeben werden, Schutz und Sicherheit spürbar wahrzunehmen, Entwicklungen nachzuholen, Verletzungen heilen zu lassen und Konflikte konstruktiv zu lösen. In der stationären Heimwohngruppe wird dann familienersetzend oder -ergänzend gearbeitet, wenn eine Rückführung in die eigentliche Familie nicht mehr möglich ist oder nicht als sinnvoll erachtet wird. Sind ausreichende Potenziale vorhanden, um eine solche Rückführung mit den Anforderungen des Rechtes auf eine geschützte und fördernde Entwicklung zu vereinbaren, wird gezielt unterstützend und lösungsorientiert im Sinne einer möglichen Rückführung der Kinder in die Familien gearbeitet. Erziehungsstellen sollen indes als langfristiger und dauerhafter Schutzraum für die Kinder dienen. In der Regel ist also immer eine Dauerpflege angedacht – die Rückführung steht dabei nicht im Vordergrund. Die Erziehungsstelle bietet den Kindern einen permanenten und geschützten Lebensort.

Ziele der Arbeit

In der Arbeit mit traumatisierten Kindern gilt es, verschiedene Aspekte zu beachten. Diese wurden teilweise bereits in den vorangegangenen Zeilen dargelegt und sollen im Folgenden als kompakte Liste zusammengefasst werden, um eine konkrete Übersicht zu ermöglichen:

Auf der Grundlage bisheriger psychologischer und pädagogischer Diagnostik und in Zusammenarbeit mit Betroffenen und beteiligten Helfersystem wird eine passgenaue Hilfe entwickelt:

Entlastung und Beruhigung

Gewährleistung von Sicherheit und Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse

Schutz vor weiterer Traumatisierung

Förderung der Emotionsregulation

Ressourcenorientierung

Entwicklungsförderung in der Wohngruppe oder Erziehungsstelle

Psychoedukation

Angeleitete Auseinandersetzungen mit der eigenen Lebensgeschichte

Stärkung und Stabilisierung der Persönlichkeit

Förderung der emotionalen, psychischen und körperlichen Entwicklung

Schutz vor Täter- und Täterinnenkontakten

Entlastung

Selbstbemächtigung

Arbeit mit den Familien und der Erziehungsstelle

Auch in der Arbeit mit den Familien müssen diverse Faktoren beachtet werden. Da die Familienarbeit sich je nach Wohnangebot unterscheidet, bietet sich hier eine Aufteilung an. So ist es in der Heimwohngruppe wichtig, angemessene Konfliktlösungsstrategien in Elterngesprächen zu erlernen, d.h.:

  • elterliche Veränderungsressourcen einzuschätzen, zu aktivieren und zu erproben
  • Perspektiven mit den Eltern zu erarbeiten
  • Elterliche Kompetenz- und Verantwortungsübernahme zu entwickeln
  • mögliche Rückführungen vorzubereiten und zu begleiten

In der Erziehungsstelle sollten indes die folgenden Aspekte berücksichtigt werden:

  • Kontakt zwischen den Herkunftseltern und den Kindern unterstützen
  • Gemeinsame Fach- und Hilfeplangespräche
  • Besuchskontakte werden durch die jeweilige Fachberatung begleitet

Fachlicher Ausblick

In diesem Artikel habe ich versucht, konzeptionell zu verdeutlichen, was die stationäre Heimeinrichtung und die Erziehungsstelle für Kinder anbieten sollten und welche Unterschiede es gibt. An dieser Stelle möchte ich die fachlichen Anforderungen mit Blick auf das traumatisierte Kind und die Vor- und Nachteile der beiden Hilfeformen zusammenfassen. Bezogen auf Wo die wilden Kerle wohnen heißt das: Welche Hilfeform ist für Max in stellvertretender Form für traumatisierte Jungen und Mädchen ein heilsamer Ort? In der stationären Heimwohngruppe hat das Kind die Möglichkeit, in einer Gruppe mit bis zu sieben Kindern aufzuwachsen. Dabei wird das Kind von fünf bis sieben wechselnden Pädagogen/innen betreut. In der Erziehungsstelle dagegen lebt in der Regel ein Paar und betreut das Kind 24 Stunden am Tag – ohne Schichtdienst und wechselnde Kollegen/innen. Mit Blick auf mögliche Bindungsstörungen der traumatisierten Kinder ist das meiner Meinung nach ein wichtiges Kriterium für die Auswahl der Hilfeform. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, welches Hilfesystem welche Symptomatik aushalten kann: „Bindungstraumatisierte Kinder und Jugendlich haben die Erfahrung gemacht, dass ihre Bindungsbedürfnisse nicht feinfühlig beantwortet wurden. Sie erhielten meist ‚Absagen’ an ihre Bedürfnisse, ihre Bedürfnisse wurden destruktiv beantwortet“ (Lang 2013, S. 192).

Mit dieser Bindungserfahrung gehen die Kinder oft in neue Familien oder Heimwohngruppen. Dabei ist es relevant, ob das Kind sicher gebunden, unsicher- vermeidend gebunden, unsicher-ambivalent gebunden oder desorganisiert ist. In der Bindungstheorie von John Bowlby werden dazu die genauen Bindungserwartungen der Kinder beschrieben. Es macht aus dieser Perspektive einen großen Unterschied, ob zum Beispiel ein unsicher-ambivalent gebundenes Kind in eine Heimwohngruppe oder in eine Erziehungsstelle kommt. So kann das Verhalten des Kindes („Ich weiß nicht was ich zu erwarten habe“, „Ich muss stets wachsam sein und alles im Blick haben“, „Ich habe kein Gefühl von Sicherheit, wenn meine Bezugsperson wiederkommt oder „Ich kann meiner Bezugsperson nicht trauen und das ärgert mich“) im pädagogischen Alltag zu unterschiedlichen Situationen führen, die auf Dauer ausgehalten und gesteuert werden müssen. In der Erziehungsstelle haben die Erziehungseltern nicht die Möglichkeit, nach ihrem Dienst zu gehen, bei Krankheit zu Hause zu bleiben oder alleine zu verreisen, um sich von der Arbeit zu erholen. Das sind elementare Unterschiede, die für Selbstfürsorge der Pädagogen/innen sehr wichtig sind. Gleichzeitig kommt es in den Hilfesystemen immer wieder zu Übertragungen und Gegenübertragungen oder sekundären Traumatisierungen. Wie alle Menschen übertragen auch Kinder die lebensgeschichtlichen Erfahrungen mit ihrer Bindungsperson auf die Beziehung zu anderem Menschen in ihrem Umfeld. Besonders traumatisierte Kinder, die durch eine direkte Bindungsperson (in der Regel die Eltern) traumatisiert wurden, übertragen ihre traumatischen Erfahrungen auf die neuen Bezugspersonen in der Erziehungsstelle oder in Wohngruppe (vgl. Lang 2013, S. 193). Ähnlich verhält es sich mit der Gegenübertragung. Viele pädagogische Mitarbeiter/innen reagieren auf die Übertragungsprozesse mit Gegenübertragungen – dazu gehören verschiedene emotionale Gefühle:

„Pädagogische Fachkräfte haben ebenso wie die zu betreuenden Kinder ihre eigenen Anpassungsstrategien, um auf Stress, Bedrohung, Abwertung, Ablehnung, Rückzug, Manipulation, Verstrickungen oder körperliche und zu große emotionale Nähe zu reagieren. So entwickeln sich gepaart mit den Gegenübertragungsgefühlen mannigfaltige Reaktionen der Pädagogen/innen. Wir zweifeln an uns, wir stellen uns und unsere Arbeit in Frage, wir fühlen uns hoffnungslos und ohnmächtig, wir spüren Wut und Hass, wir spüren Ekel oder sexuelle Erregung, wir sind verwirrt, entsetzt und schämen uns deswegen, wir würden am liebsten alles hinschmeißen, das Kind abgeben, entlassen, wir zeigen uns eingeschüchtert, wir sehen und erleben uns als Retter, wir glauben, retten zu müssen, kämpfen um die exklusive, um die heilende Begegnung und Beziehung, wir werten ab, versuchen alles zu (ver)regeln, zu kontrollieren, bedrohliche Entwicklungen aufzuhalten, wir stellen uns in den Weg, wir drängen zurück, wir fühlen uns ohnmächtig und entmachten usw. Ärger, Wut, Verzweiflung sowie Hilflosigkeit und Ohnmacht werden dadurch verstärkt, dass durch die hoch- unsichereren Bindungen der Mädchen und Jungen - durch ihre ‚Nichtbindung’ - die PädagogenInnen sehr wenig Anerkennung, Wertschätzung oder Wohlwollen zurückbekommen.“ (Lang 2013, S. 195)

Dieses Zitat von Thomas Lang ist für mich eine Kernaussage in der Arbeit mit traumatisierten Kindern und spiegelt auch meine berufliche Erfahrung wieder. Die genannten Verhaltensweisen sind von traumatisierten Kindern mehr oder weniger zu erwarten. Deshalb sind konzeptionelle Standards (Fachverband Traumapädagogik) für die pädagogische Arbeit mehr als notwendig, damit sie Struktur und einen Rahmen geben. Es ist wichtig, sich die Frage zu stellen, welchen guten Grund das Kind hat, ein bestimmtes Verhalten zu zeigen und ihm dabei gleichzeitig das Gefühl der Wertschätzung entgegenzubringen. Einem Kind zu signalisieren, dass ich ihm etwas zutraue, ohne es zu überfordern, dass es gut ist, wie es ist und dass das Kind ein Recht auf Klarheit, Partizipation und Selbstwirksamkeit hat, muss in jedem pädagogischen Konzept verankert sein und ist insbesondere für die Haltung der Pädagogen/innen elementar. Dabei ist es wichtig, dass die Pädagogen/innen ihre eigenen Bindungserfahrungen kennen, ihre eigene Gefühlswelt einordnen können, sich selber im Alltag spüren und ihre eigenen Grenzen kennen.

Ob Max als Stellvertreter/in für traumatisierte Kinder besser in einer Erziehungsstelle oder in einer stationären Heimwohngruppe untergebracht werden sollten, kann an dieser Stelle nicht pauschal beantwortet werden. Vielmehr ist der konzeptionelle Rahmen wichtig – und welche Bedürfnisse das Kind hat. Welche Erfahrungen hat ein traumatisiertes Kind in seinem bisherigen Leben gemacht? Welche Bindungserfahrungen spielen eine Rolle und welche Hilfe der Erziehung ist die richtige Form? Dazu ist eine psychologische und eine pädagogische Diagnostik ein wertvolles Mittel, damit das passende Hilfesystem gefunden werden kann und den Kindern ein weiterer Bindungsabbruch erspart bleibt, sodass sie heilsame Erfahrungen sammeln können. Es ist ebenfalls wichtig, dass traumapädagogisches Wissen als eine Art Standardwissen – ähnlich wie die Bindungstheorie in der Ausbildung für Erzieher/innen und im Studium der Sozialpädagogen/innen – vermittelt wird. Betreuende Personen müssen erkennen, dass das Verhalten von traumatisierten Kindern eine Überlebensstrategie ist – und dass diese Kinder Kämpfer sind, die nach ihrem Überlebenskampf Zeit benötigen, um zu heilen. In diesem Zusammenhang braucht es nicht nur Geduld, sondern auch eine fachliche Ausbildung, finanzielle Ressourcen und eine klare, traumapädagogische Haltung. Beide Hilfeformen haben ihre Vor- und Nachteile. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass es aufgrund der bindungstheoretischen Ansätze sinnvoll ist, junge Kinder in einer Erziehungsstelle unterzubringen:

„Es lässt sich also insgesamt festhalten, dass traumatisierte Kinder, die nicht mehr bei ihren leiblichen Eltern leben können, möglichst früh zu konstanten Bezugspersonen vermittelt werden, die feinfühlig auf die besonderen Bedürfnisse von Pflegekindern eingehen“

(Nowacki 2011, S. 46)

Traumatisierte Kinder brauchen eine andere Pädagogik im Alltag. Sie brauchen Menschen, die sich für sie einsetzen, die auf die Stressreduktion der Kinder achten und dabei die Ressourcen der Kinder im Blick haben. Dabei können die Erziehungsstelleneltern sich nicht einfach wie Eltern verhalten, sondern müssen umlernen. Sie sollten darüber hinaus in ihrem sozialen Umfeld für Verständnis und Akzeptanz werben und Bündnispartner innerhalb des Familiensystems finden. Gleichzeitig muss ein Netzwerk aus Verwandten, der Nachbarschaft und der Schule erschaffen werden, damit die Familie auch in schweren Zeiten, also wenn der gute Grund für das Verhalten des Kindes gerade nicht gesehen werden kann, da ist. Die Heilung des Kindes wird nicht durch Erziehung und Regeln getragen, sondern vielmehr durch heilsame Beziehungsangebote und durch einen achtsamen Umgang miteinander (vgl. Wiemann 2011, S. 93). Deshalb sollten die Erziehungsstelleneltern sich fragen, ob sie die Anforderungen fachlich erfüllen können und welche Art von Mensch sie sind. Demgegenüber kann die stationäre Heimwohngruppe durch ihr Konzept eine haltgebende Struktur vermitteln, die vielleicht eher für Jugendliche in der Adoleszenz wichtig ist. Diese Jugendlichen befinden sich in der Ablösephase vom Elternhaus und müssen gleichzeitig aufgrund ihrer Traumatisierung „nachnähren“ (Perry 2014). Dabei kann die Struktur einer traumapädagogischen Wohngruppe gewiss helfen. In der Erziehungsstelle könnten der Wunsch der Erziehungsstelleneltern nach familiärer Struktur und die gleichzeitige pubertäre Phase der Jugendlichen indes zu Konflikten führen, die auf Dauer keine tragende Beziehung ermöglichen. Es kann letztendlich festgehalten werden, dass für das jeweilige Kind oder den Jugendlichen aus der Vielzahl der Angebote mit einem fachlichen Blick und einer guten, sozialpädagogischen Diagnose der passende Platz herausgesucht werden muss, damit das Kind heilsame Erfahrungen sammeln kann und keine weiteren Beziehungsabbrüche oder traumatischen Erfahrungen mehr erlebt. Dabei ist es wichtig, dass es gute traumapädagogische Konzepte gibt. Außerdem sollten die stationären Heimgruppen und Erziehungsstelleneltern auf die Kinder fachlich sehr gut vorbereitet sein und sich diese pädagogische Arbeit zutrauen.

Neben den Rahmenbedingungen und der Grundhaltung sollten die Kinder viele korrigierende Erfahrungen machen können, damit sich die Erfahrungen neurophysiologisch erneuern können und das braucht viel Zeit (Gahleitner 2016). Auch der Genderaspekt sollte in der Arbeit mit traumatisierten Kindern nicht unterschätzt werden. Mädchen und Jugend gehen unterschiedlichen mit traumatischen Erfahrungen um, aber Geschlechtsrollenüberschreitungen erweisen sich als fruchtbar und sollten Teil der traumapädagogischen Arbeit sein.

Am Ende gibt es kein richtig oder falsch! Wichtig ist zu schauen, wo es den Kindern und Jugendlichen gut geht, wo sie heilbare Bindungs- und Beziehungserfahrungen erleben können und welcher Rahmen (Familie oder Heimwohngruppe) der optimale Ort für die Kinder und Jugendlichen ist.

Quelle: Puzzle 2-2018 des Erziehungsbüro Rheinland e.V. 

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Kinder, die in Pflegefamilien, Erziehungsstellen, Wohngruppen und hin und wieder auch Adoptivfamilien aufwachsen, haben viele schwierige Erfahrungen hinter sich wie beispielsweise das Erleben von Misshandlung oder Vernachlässigung. Diese Erlebnisse werden von jedem Kind individuell verarbeitet, führen bei den Heranwachsenden jedoch häufig zu Traumatisierungen.