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22.11.2021
Fachartikel

Wirkungsmacht von Ritualen

Die unterschätzte Wirkungsmacht von Ritualen als strukturierendes und unterstützendes Instrument in Familie und pädagogischen Berufsfeldern. In diesem Beitrag geht es darum, sich dem Phänomen von Ritualen, deren Geschichte und Bedeutung anzunähern, um sie als strukturierendes und unterstützendes Instrument in Familie und Berufsfeldern sinnvoll nutzen zu können.

Rituale geben Struktur und Halt in einem hektischen Alltag.

Regelmäßig wiederkehrende Handlungen gliedern den Alltag und machen ihn so übersichtlicher und weniger chaotisch

Rituale setzen Grenzen und helfen, sich an Regeln zu halten.

Ein immer gleiches Ritual kann Kindern helfen, ihre Gefühle darauf einzustellen

Ein Ritual (von lateinisch ritualis ‚den Ritus betreffend‘, ist nach dem Duden eine nach vorgegebenen Regeln ablaufende, meist formelle und oft feierlich-festliche Handlung mit hohem Symbolgehalt. Sie werden häufig von bestimmten Wortformeln und festgelegten Gesten begleitet und können religiöser oder weltlicher Art sein (z. B. Gottesdienst, Taufe, Begrüßung, Hochzeit, Begräbnis, Aufnahme- und Abschlussfeier usw.).

Besonders Kinder lieben Rituale, weil ihnen die immer wiederkehrenden Handlungen das Gefühl von Verlässlichkeit, Sicherheit und Vertrauen geben - so der englische Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott. (1984). Und die Wiederholungen gäben ihnen das Gefühl, etwas zu kennen und zu können. Das stärke ihr Selbstbewusstsein.

ZB. kann das Mitnehmen eines vertrauten Kuscheltieres die Eingewöhnung in Krippe und KiTa oder Pflegefamilie das Ankommen und Zubettgehen erleichtern.

Der Berliner Anthropologe und Erziehungswissenschaftler Christoph Wulf (2004) spricht Ritualen und Ritualisierungen, die eine körperliche Inszenierung enthalten u. a. eine für jede Gruppe, Familie, Schule sowie Freizeiteinrichtungen eine wesentliche Bedeutung zu. Weiter meint er, dass Rituale für den Kulturerhalt ebenfalls eine wichtige Rolle spielen und in jeder Kultur anders ausfallen. Er geht weiter davon aus, dass sich ein erheblicher Teil der heutigen Bildung in Ritualen vollzieht und betont, dass für die Einverleibung gesellschaftlicher Normen, die Entwicklung vorbewusster Strategien des praktischen Sinns sowie für die Entwicklung von Geschmack, Stil und Habitus rituelle Prozesse eine zentrale Rolle spielen. Durch die wechselseitige Bezugnahme der Rituale würde die Gemeinschaft gefördert, denn sie beinhalten bestimmte Handlungsweisen und Gepflogenheiten von sehr alten bis zu den heutigen hochentwickelten modernen Gesellschaften, die nach festgelegten Regeln ablaufen und sowohl im täglichen Leben wie in Religion, Politik, Pädagogik und therapeutischer Praxis eine Rolle spielen.

Der französische Ethnologe van Genepp (1983), Begründer der modernen Ritualforschung, stellt bei den „rites de passage“ der Kulturen im Vergleich drei gemeinsame charakteristische Phasen fest: ein Ritus beinhaltet demnach den Abschied von etwas Altem, stellt eine Schwelle des Übergangs und den Schritt in etwas Neues dar (vgl. Liebertz 2002, 651ff.).

Beispiel für Rituale im Kindergarten

In einem in der Mitte des Gruppenraums stehender Stuhlkreis- oder Kissenkreis am Boden finden die morgentlichen Begrüßungs-, Besprechungs- und Abschiedsrunde statt. bei der zum Beispiel eine ritualisierte Frage gestellt wird.

Ein Beispiel in der Praxis eines Heims

nach dem Ins-Bettgehen wird auf den Fluren schöne und leise, also beruhigende Musik angestellt.

Ein Beispiel in einer Pflegefamilien

Die Kinder besprechen nach dem Abendessen, wie der Tag mit dessen Erfahrungen und Erlebnissen war und welche Vorhaben für den nächsten Tag geplant sind und vorbereitet werden müssen

Ein Beispiel aus einer Regelfamilie mit 2 kleinen Kindern

Um sechs Uhr abends wird nach dem gemeinsamen Essen geduscht oder gebadet und die Zähne geputzt. Danach gehen die Kinder ins Bett und es wird ihnen etwas vorgelesen.

Ein Beispiel aus der Forschung:

Während einer körperbezogene zweijährigen Fördermaßnahme mit Pflegefamilien in einer Sporthalle gab es Begrüßungs- Reflektions- Entspannungs- und Abschiedsrunden und schnell waren es die Kinder, die auf deren Einhaltung achteten. Die Kinder wechselten sich ab und benutzten das akustische Zeichen eines Wind-Klang-Spiels, das einen besonderen angenehmen weichen und leisen Klang hatte. (Maria Thünemann-Albers 2020).

Beobachtetes Begrüßungsritual heutiger junger Männer

Sie sind sich zugewandt und geben sich einen kleinen Klaps auf die Schulter: „Hy, Alter, was geht“?

Ein Beispiel beim Fußballtraining

Bei der Begrüßung gibt es ein körperliches oder sprachliches Ritual beim Anfang und Ende des Trainings oder eines Spiels

Ausblick

Die Beispiele verdeutlichen, dass der Einsatz von Ritualen unser Leben mit und ohne Kinder zu strukturieren helfen und das jedes Ritual den Abschied von etwas Altem, eine Schwelle des Übergangs und den Schritt in etwas Neues darstellt.

Eltern und Pädagogen in allen Bildungsbereichen sollten um die enorme Wirkkraft von Ritualen wissen und sie einsetzen und wie oben dargestellt unter anderem zur Stabilisierung des Einzelnen und der Gruppe anwenden und nutzen.

Literatur, eine Auswahl
  • Burckert,W (2003) Ritual zwischen Ethologie und Postmoderne: Philologisch-historische Anmerkungen. 
  • Byung-Chu Han (2019) Vom Verschwinden der Rituale: Eine Topologie der Gegenwart– Hamburg Ullstein
  • Dücker,B. (2007).Rituale, Formen- Funktionen-Geschichte.
  • E Winnicott, D. W.: (1985): Vom Spiel zur Kreativität. Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Arnold van Gennep und Victor Turner, Übergangsrituale in der Moderne München, GRIN Verlag,
  • Thünemann-Albers,M (2020)Plötzlich ist da viel mehr Nähe!“
  • Körperwahrnehmung und Beziehung. Studien zur Konzeption und Erprobung eines Förderangebots für Pflegefamilien 
  • hachartikel "Plötzlich ist da viel mehr Nähe! Maria Thünemann-Albers
  • Winnicott, D. W.: (1985): Vom Spiel zur Kreativität. Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Wulf, C. et al. (2004): Bildung im Ritual. Schule, Familie, Jugend, Medien. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwesen 
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Plötzlich ist da viel mehr Nähe!

Zum Thema "Körperwahrnehmung und Beziehung – Konzeption und Erprobung eines Förderprogramms für Pflegefamilien". Das Dissertationsvorhaben beschäftigt sich mit der Beziehungskonstruktion zwischen Pflegekind und Pflegeeltern und der Frage der Bedeutung von Körperwahrnehmung und Beziehung. Die Ausführungen sind Resultat einer zweijährigen Erprobung eines Förderprogramms mit acht Pflegefamilien.