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01.08.2011
Fachartikel

Wird das Pflegekinderwesen zur Pflegekinderhilfe?

Soziale Dienste können insbesondere die beiden inneren Felder beeinflussen: Not erkennen und abmildern, Ressourcen für die Bewältigung der besonders gravierenden Probleme zu- gänglich machen und manchmal sogar Wendepunkte ermöglichen. In der Zusammenschau der Ergebnisse der verschiedenen Forschungsprojekte und nach vielen Gesprächen in der »Forschungswerkstatt Pflegekinder « zeichnen sich insbesondere vier Belastungsquellen ab, die die Entwicklungschancen der Kinder stark beeinflussen und auf die eine echte Pflegekinderhilfe spezifische Antworten finden muss.

Soziale Dienste können insbesondere die beiden inneren Felder beeinflussen: Not erkennen und abmildern, Ressourcen für die Bewältigung der besonders gravierenden Probleme zu- gänglich machen und manchmal sogar Wendepunkte ermöglichen. In der Zusammenschau der Ergebnisse der verschiedenen Forschungsprojekte und nach vielen Gesprächen in der »Forschungswerkstatt Pflegekinder « zeichnen sich insbesondere vier Belastungsquellen ab, die die Entwicklungschancen der Kinder stark beeinflussen und auf die eine echte Pflegekinderhilfe spezifische Antworten finden muss. Dabei wird deutlich, dass viele Anforderungen nur in einer guten Kooperation von Pflegekinderdiensten (PKD), ASD und Justiz erfüllt werden können.

Also umfasst eine leistungsfähige Pflegekinderhilfe nicht nur den PKD. Seine personelle Ausstattung, die Qualifikation seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die dort angewandten Programme sind allerdings besonders wichtig, da dieser Dienst auch für die Organisation der Kooperation eine besondere Verantwortung hat und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wichtige Ansprechpersonen für die Kinder werden können. Die Adressatinnen und Adressaten der Pflegekinderhilfe sind die Pflegekinder, aber zumindest auch deren Eltern, die Pflegeeltern, die Kinder der Pflegeeltern und weitere, für die Pflegekinder wichtige Menschen. Denn je besser auch die anderen ihre Probleme bewältigen können, desto günstiger sind die Entwicklungsbedingungen der Kinder.

Die vier, von professionellen Diensten stark beeinflussbaren Themenfelder werden nachfolgend kurz skizziert.

Kontinuitätssicherung

Eine herausragende Belastungsquelle und ein gravierendes Entwicklungsrisiko sind ständige Ortswechsel und Beziehungsabbrüche. Wir haben immer wieder geradezu zerhackte Biografien kennen gelernt. Auch im internationalen Vergleich wird deutlich, dass in Deutschland eine kontinuitätssichernde Planung zu kurz kommt. Daher betrachten wir die Kontinuität als zentrales Leistungs- und Qualitätsmerkmal sozialer Systeme für Pflegekinder. Hierfür sind günstige Antworten auf folgende Fragen besonders wichtig:

  • Wird die (Herkunfts-)Familie so rechtzeitig und intensiv unterstützt, dass vermeidbare Herausnahmen verhindert werden oder werden hier irreversibel Handlungschancen verpasst?
  • Wird bei der Hilfeplanung, bei Entscheidungen des Familiengerichts und bei der Begleitung von Herkunfts- und Pflegefamilie das Ziel einer Kontinuitätssicherung intensiv berücksichtigt oder führen andere Interessen zu einer anhaltenden Unsicherheit über den Lebensmittelpunkt des Kindes und zu Versuchs-und Irrtums-Rückführungs-Experimenten?
  • Gibt es differenzierte Konzeptionen für die Planung, Vorbereitung und Durchführung der Rückkehr von Kindern in die Herkunftsfamilie, einschließlich einer hinreichenden Betreuung von Herkunftsfamilie und Pflegefamilie oder bleibt das alles der Intuition der einzelnen Mitarbeiterin oder des einzelnen Mitarbeiters überlassen? Werden die Übergänge gut begleitet oder als abrupte Zäsuren inszeniert?

Kein Zuständigkeitswechsel bei kritischen Lebensereignissen

Die Pflegekinder berichten oft von Ortswechseln, die nicht von ihnen selbst, sondern von anderen initiiert wurden, und die sie als ein »herausgerissen Werden« und ein plötzlich in die Fremde Kommen erleben. Das sind kritische Lebensereignisse, die oft verschiedene Ängste auslösen und schwierige Orientierungsaufgaben hervorbringen. Für die Stabilisierung des Selbstwertgefühls und eine Rückgewinnung der Handlungsfähigkeit ist der kontinuierliche Kontakt zu einer vertrauten Person, die das Kind über solche Wechsel hinweg begleitet, eine besonders wichtige Ressource. Manchmal sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Sozialer Dienste zu einer solchen Vertrauensperson geworden und können als »Guide« im unübersichtlichen Gelände eine wichtige Aufgabe übernehmen. Extrem ungünstig ist es, wenn auf dem Höhepunkt eines kritischen Lebensereignisses ein Zuständigkeitswechsel erfolgt. Im Erleben der Kinder heißt das: Die vertraute Person verabschiedet sich genau zu dem Zeitpunkt, an dem sie sie am meisten gebraucht hätten und eine fremde Person taucht auf. Eine Pflegekinderhilfe, die diesen Namen verdient, muss das vermeiden und dafür Sorge tragen, dass die Kinder (mit)steuern können, wann sie auf die vertraute Person verzichten können und die neue für sie so vertraut geworden ist, dass sie Sicherheit geben kann. In der Logik arbeitsteiliger Institutionen erscheint der Zuständigkeitswechsel vernünftig. Wenn das Kindeswohl zum Kompass wird, müssten Überlappungen und ein allmähliches Ausblenden möglich sein.

Auszug aus Jugendhilfereport 4/2010 LJA Rheinland