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22.05.2008
Fachartikel

Welche Art von Professionalität brauchen Pflegeeltern?

Paula Zwernemann ist seit 1962 im Pflegekinderwesen tätig. Mit einem historischen Rückblick kommt sie zu dem Schluss, dass eine professionelle Begleitung für Pflegeeltern unbedingt notwendig ist.

von Paula Zwernemann

Die Diskussion ob "herkömmliche" Pflegefamilie mit den immer älter und schwieriger werdenden Kindern überfordert sind, kommt immer wieder auf und daraus wird immer häufiger die Forderung abgeleitet, dass mindestens ein Elternteil eine pädagogische Ausbildung haben sollte. Die Frage, welche Strukturen auf Seiten der Jugendämter hilfreich sind, um der schwierigen Aufgabe gerecht zu werden, wird weniger gestellt. Auch die Frage, welche Art von Professionalität die Pflegeeltern haben müssten und ob diese Professionalität im Rahmen der heute angebotenen Studiengänge in der Pädagogik und Psychologie oder in den Fachschulen für Erzieher gelehrt wird, wird kaum gestellt. Darüber hinaus wird die Frage vernachlässigt, ob eine berufliche Ausbildung ausreicht, um die Belastungen, die der Alltag mit sich bringt, erfolgreich zu bestehen.

Sind die Kinder tatsächlich schwieriger geworden? Wenn dies so wäre, warum ist das so? Im Jahre 1962 habe ich erstmals als Sozialarbeiterin in der "Außenfürsorge" die Betreuung von Pflegekindern übernommen. Diese Aufgabe habe ich bis 1966 ausgefüllt. Zwölf Jahre später habe ich im gleichen Landkreis mit dem Aufbau des Pflege- und Adoptionsdienstes begonnen, den ich bis 2002 geleitet habe.

Was habe ich 1962 angetroffen? Viele Säuglinge und Kleinkinder waren der Massenpflege im Heim ausgeliefert und zeigten zum großen Teil starke Hospitalismusschäden. Sie waren meist nichtehelich geboren und die Mütter konnten damals noch kaum staatliche Hilfen bekommen. Man ging selbstverständlich davon aus, dass die Mütter bis zur Heirat arbeiten und bis dahin das Kind entweder im Heim oder in einer Pflegefamilie versorgt wird. Wenn die Heirat der Mutter auf sich warten ließ, wurde der Mutter nahe gelegt, das Kind entweder zur Adoption freizugeben oder es in eine Pflegefamilie zu geben. Der Mutter wurde in Aussicht gestellt, dass sie das Kind zurück bekommt, wenn sie ihre Verhältnisse in Ordnung gebracht hat, das hieß in der Regel, wenn sie geheiratet hat. Nur Außenseiter -dazu gehörte ich- machten sich Gedanken, was das für das Kind bedeutet. Auch wenn das Kind ein sicheres Zuhause gefunden hatte und es sich gegen die Verpflanzung wehrte, hatte es nach der Heirat der Mutter oder nach der Schulentlassung kein Chance, dass man seinen Willen und seine Gefühle achtete. Besonders kräftige Kinder, die sich nach der "Rückkehr" zu der Mutter mit heftigen Verhaltensauffälligkeiten wehrten, hatten ab und zu das Glück, zu den geliebten Pflegeeltern zurück zu dürfen.

Diese Kinder waren zwar nicht durch Misshandlung traumatisiert, litten jedoch fast immer an Hospitalismus. Dazu kam, dass sie nie wussten, ob sie bei den Pflegeeltern bleiben durften oder nicht, was für diese Kinder ebenfalls eine schwere Belastung darstellte.

Ein anderer Teil der Kinder kam wie heute aus Familien, in denen Gewalt, Alkohohl, sexueller Missbrauch, Psychosen und andere soziale Probleme der Unterbringungsgrund war. Die körperliche Vernachlässigung wurde oft hoch bewertet, ohne die emotionale Befindlichkeit der Kinder genügend zu würdigen. Unter diesen Kindern waren manche, die unter der Trennung von den Eltern schwer litten, weil sie diese liebten, wenn es auch in der Wohnung schmutzig war oder sie gar Läuse hatten. Emotionale Vernachlässigung und körperliche Misshandlungen wurden oft großzügig ausgelegt. Wenn ein Kind von den Eltern so misshandelt wurde, dass es Knochenbrüche hatte, führte das noch lange nicht zu einer Herausnahme, auch konnte z.B. ein Jugendlicher, der mit einem gebrochenen Arm zur Jugendbehörde kam, nicht sicher sein , ob er Hilfe bekommt.

Es fällt mir schwer, einen Unterschied festzustellen über die das Ausmaß der Vorschädigung der Kinder. Mit Sicherheit hat die Jugendhilfe ab den 70er Jahren mit größerer Sensibilität reagiert und die Bedürfnisse der Kinder rückten immer mehr in den Mittelpunkt der Überlegungen. Hilfe für die Kinder setzte viel früher ein und die emotionalen Bedürfnisse der Kinder wurden ernster genommen. Dies war neben der Studentenbewegung das Verdienst einer Reihe von im Pflegekinderwesen engagierten Wissenschaftler und Praktiker. Auch waren die Pflegefamilien nach dem Willen des Verfassungsgerichtes nicht mehr so rechtlos wie anfangs der 60er Jahre.

Schon in den 70 er Jahren gab es verschiedene Projekte von "heilpädagogischen Pflegestellen" oder "Sonderpflegestellen" mit unterschiedlichen Konzepten. Gemeinsam war allen diesen Konzepten, dass sie davon ausgingen, dass es bereits sehr kleine Kinder gibt, die große Vorschädigungen mitbringen und für die jedoch die Heimerziehung wie bisher gehandhabt nicht die richtige Lösung ist. Gemeinsam war diesen Projekten, dass man annahm, der Beruf als Erzieher, Sozialpädagoge, Psychologe oder auch Lehrer bringe günstige Vorbedingungen für die Bewältigung des Alltags mit einem schwierigen Kind mit sich. Mindestens ein Elternteil musste eine pädagogische Vorbildung aufweisen. Die Integration von Beruf und Privatleben wurde vorausgesetzt. Da gerade hier klar war, dass auch Fachleute Begleitung und Unterstützung bei dieser Aufgabe brauchen, kam allmählich auch die Erkenntnis, dass diese Beratung und Begleitung alle Pflegefamilien brauchen und es entstanden langsam an verschiedenen Orten Sonderdienste für das Pflegekinerwesen.

Besonders Berlin hatte aufgrund seiner besonderen politischen und geographischen Lage bundesweit für das Konzept der "heilpädagogischen Pflegestellen" geworben und schwierige Kinder bis in den südlichsten Schwarzwald untergebracht. Eine Schwierigkeit stellte die Begleitung der Pflegefamilien dar. Die Betreuung lag weitgehend bei den örtlichen Jugendämtern. Diese hatten ebenfalls einen gewissen Prozentsatz von Pflegeeltern mit einem pädagogischen Beruf. Der Unterschied lag hier fast ausschließlich in der Bezahlung der Pflegeeltern.

Ein Beispiel: Die "Sonderpflege e.V. Barntrup"

Als Beispiel möchte ich das am 9.5.1978 veröffentlichte Konzept der "Sonderpflege e.V. Barntrup" vorstellen.

Im Vorwort wird auf die Kritik an der Heimerziehung eingegangen und auch darauf, dass Pflegefamilien ohne berufliche pädagogische Vorbildung bei der Schwierigkeit der Kinder immer wieder scheitern.

Sie stellen fest: Immer wieder scheitern Pflegeverhältnisse z.B.

  • weil die Bindungsfähigkeit des Kindes unterentwickelt oder unangepasst ist und deshalb gegenseitige Erwartungen nicht erfüllt werden
  • weil das Kind bei Aufnahme in der Pflegefamilie schon in das Entwicklungsstadium der "Ablösung" getreten ist - also Prozesse angelaufen sind, die der Familienintegration diametral entgegenwirken
  • weil Verhaltensstörungen und -auffälligkeiten neurotischen Charakters vorliegen, die von unkundigen Pflegeeltern leicht als vorsätzliche Provokation missverstanden und entsprechend "beantwortet" werden,
  • weil leibliche Verwandte (so insbesondere Eltern) Kontakt - und Mitwirkungsansprüche anmelden, die das Pflegekind in Loyalitätskonflikte und Desorientierung führen (mit entsprechenden emotionalen Reaktionen der Pflegeeltern)usw.

Man kam zu folgenden Feststellungen: Pädagogische Probleme dieser Art sollten deshalb Pflegeeltern im herkömmlichen Verständnis nicht zugemutet werden, sondern besser in die Hände solcher Betreuer gegeben werden, die sich auf Grund ihrer Ausbildung und Erfahrung über die Ursachen im klaren sind und in angemessener, partnerschaftlichen, erwartungsfreier und in förderlichen Weise zu helfen bereit und in der Lage sind. Es wurde die Forderung nach der Verbindung der Vorteile der Heimerziehung mit der Erziehung in der Familie aufgestellt. In von vornherein befristeten Unterbringung von Kindern mit großen Schwierigkeiten sahen die Verfasser des Konzeptes weiterhin spezifische Aufgabenstellungen der Heimerziehung. Abschließend wird festgestellt:" Es ist dies eine Aufgabe, die sicherlich sowohl menschliche wie fachliche Leidenschaft erfordert. Zu ihr muss man im besten Sinn "berufen" sein und in diesem Sinne soll sie "berufsmäßig" ausgeübt werden."

In den folgenden Jahren wurden an vielen Orten unterschiedliche Projekte gestartet. Nicht zuletzt hat dadurch das Pflegekinderwesen insgesamt profitiert, weil einmal deutlich gemacht wurde, mit welchen Schwierigkeiten Kinder belastet sind, die der Hilfe in einer qualifizierten Familie bedürfen und dass diese qualifizierten Familien auch der dauerhaften Begleitung und Unterstützung durch besonders qualifizierte Fachkräfte bedürfen. Zum Teil wurde auch die schon immer gebrauchte und belegte Kurzzeitpflegestelle in neue Konzepte gebracht und deutlich von der Dauerpflegefamilie unterschieden.

Hier kam besonders der Gedanke der Abklärung der Schwierigkeiten der Herkunftsfamilie und des Kindes in das Blickfeld mit der Konsequenz, unverzüglich einen Behandlungsplan (Hilfeplan) aufzustellen. Das Ziel ist, in Krisensituationen differenziert zu helfen, um eine rasche Reintegration in die Herkunftsfamilie zu erreichen. Wo dies nicht möglich ist, ohne das Kindeswohl zu gefährden, gibt die qualifizierte Bereitschaftspfegefamilie Raum zur Anbahnung einer Beziehung zu einer auf Dauer angelegten Vollzeitpflege. Diese Bereitschaftspflegefamilien haben ein besonderes Profil, das eine entsprechende Qualifizierung voraussetzt. Ein wichtiger Punkt ist hier, dass das kindliche Zeitempfinden ernst genommen wird und generell in den Konzeptionen eine zeitliche Begrenzung der Bereitschaftspflege festgehalten wird. Diese zeitliche Begrenzung wird recht unterschiedlich festgelegt, dauert jedoch in der Regel zwischen einem und sechs Monaten. Die Bereitschaftspflege oder die Interimspflegestelle tritt nicht anstelle der Vollzeitpflege, sondern sie stellt eine Ausdifferenzierung des Angebotes für die Hilfe zur Erziehung dar.

Das Konzept der Sonderpflege e.V. Barntrup stellt richtig fest, dass "Pflegeeltern im herkömmlichen Sinn"

  • keine qualifizierte Ausbildung haben, vor allen Dingen nicht wissen, welche Ursachen das abweichende Verhalten des Kindes mit Vorschädigung hat,
  • dass sie im Umgang mit Herkunftsfamilien ungeschult sind und allein mit diesem Problem nicht fertig werden können,
  • dass Kinder, die sich bereits in der Pubertät befinden, nicht mehr in eine "herkömmliche" Pflegefamilie integriert werden können.

Diese Feststellungen waren zum damaligen Zeitpunkt richtig, weil erst vereinzelt eine systematische Schulung der Pflegefamilie im Vorfeld der Aufnahme eines Kindes stattfand. In der Zwischenzeit hat sich in Fachkreisen die Überzeugung durchgesetzt, dass Pflegefamilien

  • eine besondere Qualifizierung vor der Aufnahme eines Kindes brauchen
  • dass die Auswahl einer Pflegefamilie für ein bestimmtes Kind mit großer Sorgfalt und damit auch mit einem nicht geringen Zeitaufwand erfolgen muss und dass nicht jedes Kind mit seinen Eigenarten und seiner Geschichte in jede Familie passt,
  • dass die Pflegeeltern Partner in der Jugendhilfe sind und an der Hilfeplanung zu beteiligen sind,
  • dass das Kind, die Pflegefamilie und die Herkunftsfamilie eine spezialisierte Beratung und Unterstützung nach der Aufnahme des Kindes brauchen,

Wenn man die Anforderungen, die diese fachlichen Standards voraussetzen, anschaut, so ist unverständlich, wie es auch heute noch vielerorts möglich ist, dass eine Fachkraft mit der Betreuung von 50 Kindern und mehr belastet ist. In der Heimerziehung ist die Fallbegrenzung für einen Erziehungsleiter eine Selbstverständlichkeit. Es ist eine kurzsichtige Denkweise, wenn hier an Fachpersonal gespart wird. Wenn das Pflegeverhältnis gelingen soll, sind die oben genannten Standards schlichtweg Voraussetzungen dafür. Vor einigen Jahren hatte ein Landkreis den Pflegekindersonderdienst mit der Begründung abgeschafft, dass dieser auch nicht in der Lage ist, mehr Pflegefamilien zu werben und für die Aufgabe vorzubereiten. Auf Nachfrage kam heraus, dass ein Sozialarbeiter für 120 Kinder zuständig war. In der Zwischenzeit hat dieser Landkreis den Pflegekinderdienst mit einer zwar immer noch ungenügenden, aber doch deutlich besseren Personalausstattung wieder eingeführt.

Fachliche Weiterbildung für die Fachdienste

Nicht nur die Fallzahlen, sondern die fachliche Weiterbildung der Fachdienste ist von entscheidender Bedeutung für die Werbung von neuen Pflegefamilien und auch für eine erfolgreiche Arbeit. In meiner langjährigen Praxisanleitung von Studenten der Fachhochschulen und der Berufsakademie und auch der Pädagogischen Hochschulen musste ich immer wieder feststellen, dass die Studenten kaum fundiertes Wissen im Pflegekinderbereich hatten und diese Wissensvermittlung wurde weitgehend der Praxis überlassen. Die Professionalisierung des Pflegekinderwesens hängt nach meiner Erfahrung nicht davon ab, ob die Pflegeeltern eine einschlägige berufliche Vorbildung haben, sondern davon, ob bei den Beratern ein spezialisiertes Fachwissen vorhanden ist. Gerade der Berater im Pflegekinderwesen muss neben den allgemeinen methodischen Kenntnisse sensibilisiert sein für die kindlichen Grundbedürfnisse und er muss in der Lage sein, neben der Arbeit mit Erwachsenen auch mit Kindern in den verschiedenen Altersstufen einfühlend Kontakt zu bekommen, was auch methodische Kenntnisse voraussetzt, um fachgerecht helfen zu können.

Wenn Pflegeeltern durch eine fundierte Vorbereitung und Begleitung zum Spezialisten gemacht werden, haben sie die günstigsten Voraussetzungen, auch bei Schwierigkeiten dem Kind sein "Zuhause" erhalten zu können. Sie brauchen jedoch genauso wie der Heimerzieher den Erziehungsleiter und die Fachdienste braucht, den spezialisierten Berater, der ihnen zur Seite steht, den sie nicht nur bei großen Schwierigkeiten anrufen können, sondern auch dann, wenn sie sich einmal überfordert fühlen oder einfach einen Rat brauchen. Und dieser Berater muss die Zeit zu Gesprächen haben und außerdem auch die Möglichkeit haben, durch unterstützende Maßnahmen in Belastungssituationen zu helfen. Es muss selbstverständlich sein, dass mit der Unterbringung in der Pflegefamilie die Erziehung eines schwierigen Kindes nicht allein die Aufgabe der Pflegeeltern ist und es kein Versagen darstellt, wenn die Pflegeeltern ohne die Hilfe des Fachdienstes allein nicht zurecht kommen.

Voraussetzung für diese Art der Partnerschaft ist ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis. Günstige Voraussetzungen sind, wenn bereits in der Vorbereitungsphase der zuständige Sozialarbeiter Ansprechpartner und Berater ist und möglichst auch an dem Gruppenprozess in der Vorbereitungsgruppe teilnimmt. Es ist hier unumgänglich, dass die Zuständigkeit an den Wohnort der Pflegeeltern gekoppelt ist. Es gibt Jugendhilfeträger, die die Zuständigkeit an den Wohnort der leiblichen Eltern koppeln. Dies kann sowohl dort, wo mehrere Pflegekinder in der Familie sind oder die leiblichen Eltern umziehen, eine schwere Belastung für die Pflegefamilie sein. Hier kann eine vertrauensvolle und partnerschaftliche Basis nicht hergestellt werden. Wenn Pflegeeltern durch wechselnde Berater das Gefühl bekommen, dass sie auf der anderen Seite nicht die zuverlässigen Fachkraft vorfinden, die genau über das Kind Bescheid weiß , führt das oft zum Rückzug und nicht selten zum Scheitern eines Pflegeverhältnisses.

Wer in der Praxis des Pflegekinderwesens tätig ist weiß, wie oft leibliche Eltern umziehen und wie oft sie auch in ein ganz anderes Bundesland gehen. Pflegeeltern sind meist örtlich gebunden und ein Umzug ist selten. Außerdem werden die Kinder- es sei denn in der Kurzzeitpflege- oder der Bereitschaftspflege, aus fachlichen Gesichtspunkten heraus nicht im Bezirk der Herkunftsfamilie untergebracht. All dies hat Auswirkungen auf die Qualität der Betreuung der Pflegefamilien und damit auf die Zufriedenheit der Pflegefamilien. Dies wirkt sich wieder auf die Werbung von neuen Pflegefamilien aus. Zufriedene Pflegeltern sind die besten Werbeträger.

Jürgen Blandow stellt fest (in "Paten", 03. 2003) dass die Professionalisierung, wenn nicht gar Verberuflichung der neue Trend im Pflegekinderwesen sei. Er führt es darauf zurück, dass durch die familienorientierten Hilfen das Pflegekinderwesen bei den Hilfen zur Erziehung an Bedeutung verlor, die Kinder immer schwieriger und älter werden und dadurch Pflegeeltern oft überfordern. Er sagt, dass immerhin 50 % der Kinder im Vorschulalter untergebracht werden müssen, vorgeburtliche Schädigungen aufweisen, vernachlässigt wurden und aus psychisch verelendeten und suchtabhängigen Familien stammen. Er leitet daraus ab, dass der Trend zur Professionalisierung fortschreitet.
Mit der Professionalisierung der Pflegepersonen fällt der Vorteil der kostengünstigeren Alternative zur Heimerziehung immer mehr weg, stellt er richtig fest.

Zum zweiten stellt er fest: Je anspruchsvoller die Aufgaben werden, die Pflegeeltern zu erfüllen haben, desto mehr verschwinden die klassischen Bewerber von der Bildfläche. Den Anhang mitbetreuen zu sollen und um kranke, behinderte und verelendete Kinder ein Netz von gesundheitlichen und therapeutischen Hilfen organisieren zu sollen, ohne dass jemand garantieren könnte, ob sich die Bemühungen auszahlen, man die Früchte noch durch einen dauerhaften Verbleib des Kindes in der Familie ernten kann, ist eher abschreckend, setzt jedenfalls eine sehr bewusste pädagogische und soziale Haltung voraus.

Ich möchte der Frage nachgehen, ob die Kinder immer älter und schwieriger werden und ob durch die im KJHG festgelegten familienorientierten Hilfen die Bedeutung des Pflegekinderwesens zurück gegangen ist. Die statistischen Zahlen sagen leider oft wenig aus weil z.B. einmal die Bereitschaftspflege und die Kurzzeitpflege mitgezählt wird und manchmal nicht. Wenn es stimmt, dass 50 % der Kinder im Vorschulalter -in meiner Praxis waren es 64 %- untergebracht werden, ist dies eine große Zahl. Es ist richtig, dass diese Kinder erhebliche Vorschädigungen mitbringen und dass sie nicht unbesehen in jede Pflegefamilie gegeben werden können. Aber dies sollte in der Fachdiskussion keine Frage mehr sein, wenn die fachlichen Standards eingehalten werden.

Familienorientierte Hilfen führen für manche Kinder zur Verlängerung ihrer leidvollen Erfahrungen, wenn diese unreflektiert eingesetzt werden und kein differenzierter und zeitlich begrenzter Behandlungsplan festgelegt ist und die Kriterien, was sich in welchem Zeitraum verändert haben muss, um die Kindeswohlgefährdung abzuwenden, nicht dokumentiert und verwirklicht werden. Genau so, wie die "herkömmliche" Pflegefamilie, die unvorbereitet und ohne die erforderlichen fachlichen Hilfen der Vergangenheit angehören sollte, genauso selbstverständlich müsste es sein, dass die familienorientierten Hilfen nicht ohne Behandlungsplan durchgeführt werden. Wenn dies gewissenhaft verwirklicht würde, wären diese Hilfen ein wirkungsvolles Instrument , um voreilige Trennungen zu verhindern. Nicht umsonst stellt der § 1666 a klare Forderungen auf. Diese Hilfen sind jedoch nur dort zur Abwendung der Kindeswohlgefährdung geeignet, wenn die Maßnahme nicht in die Länge gezogen wird, ohne eine deutliche Verbesserung für das Kind zu bringen.

Die Abbruchquote in professionellen Pflegefamilien ist nicht geringer

Ich möchte noch der Frage nachgehen, ob sich in der Praxis die professionelle Pflegefamilie insofern bewährt hat, dass hier die Abbruchquote geringer ist.
In meiner Praxis habe ich mehrfach schwierige, traumatisierte Kinder zu Fachleuten vermittelt, in der Hoffnung, dass diese über die Ursachen besser Bescheid wissen, sich weniger provoziert fühlen durch das Verhalten des Kindes, weniger Erwartungen haben und mit der Herkunftsfamilie besser umgehen können.

Ich denke an eine Pflegefamilie, in der beide Elternteile Fachkräfte waren und die Pflegemutter 15 Jahre als Erzieherin in einem heilpädagogischen Heim arbeitete. Was gelang war, dass das Ehepaar eine berufliche Distanz bewahrt hat und das Kind nach einem Jahr wieder zurück gab. Sie erkannten, dass der Alltag in der Familie und das Zusammenleben mit einem Kind in der Familie mit den im Heim gewohnten Schwierigkeiten bei einem 8 Stundentag etwas völlig anderes ist.

Dieses Kind kam danach in eine sorgfältig vorbereitete und begleitete Pflegefamilie, die ihr pädagogisches Geschick bereits bei einem anderen Pflegekind unter Beweis gestellt haben. Die Pflegeeltern haben zu der Mitarbeiterin des Pflegekinderdienstes ein gutes und tragfähiges Vertrauensverhältnis. Sie sind lernfähig und bereit, dieses Kind innerlich anzunehmen und ihm eine Heimat zu bieten. Das Mädchen ist nun schon ca. 3 Jahre in dieser Familie und entwickelt sich trotz aller Schwierigkeiten zu einer selbstbewussten Persönlichkeit. Es hat in der Schule große Fortschritte gemacht und hat trotz seiner belastenden Vorgeschichte nochmals gelernt, dass es Vertrauen zu den Pflegeeltern haben kann und diese durch Dick und Dünn mit ihm gehen. Es ist Zuhause angekommen!

Diese Beispiele ließen sich fortsetzen, was jedoch nicht bedeutet, dass Fachleute ungeeignete Pflegeeltern sind. Bei Fachleuten muss jedoch bewusst gemacht werden, dass es nicht so sehr auf den Abbau der Verhaltensauffälligkeiten durch erzieherische und therapeutische Maßnahmen ankommt, sondern vielmehr darauf, dass sie diesem vorbelasteten Kind eine Heimat bieten, es innerlich annehmen wie es ist, sich auf den Weg mit ihm machen und auch bereit sind, von dem Kind zu lernen. Es gibt eine ganze Reihe von Eigenschaften, die eher geeignet sind, einem Kind dauerhaft zu helfen als die beruflichen Voraussetzungen. Ich habe Fachleuten, die das Kind "zurückgegeben" haben, enttäuscht feststellen hören, dass es gar nicht ohne Erwartungen an das Kind geht, wenn man 24 Stunden mit diesem zusammenlebt und auch die Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie war nicht besser als bei den "normalen" -allerdings sorgfältig vorbereiteten, ausgewählten und fachlich begleiteten - Pflegeeltern.

Pflegeeltern brauchen den spezialisierten Berater und einen Pflegekinderdienst, der da ist, wenn es brennt. Neben der Beratung brauchen Pflegefamilien auch die praktischen Unterstützung und Entlastung , sei dies als Hausaufgabenhilfe, eine vorübergehende Hilfe im Haushalt oder die Hilfe durch eine Tageseinrichtung. Daneben müssen ausreichende therapeutische Hilfen eine Selbstverständlichkeit sein.

Die Diskussion um "herkömmliche" Pflegeeltern mit dem Tonfall der Geringschätzung und als Gegensatz dazu den "Profi", halte ich für das Pflegekinderwesen für gefährlich. Das Kind, zumal das kleine Kind, braucht liebevolle Eltern, denen es vertrauen kann, ein sicheres Zuhause und die Gewissheit, dass es auch dann nicht fortgeschickt wird, wenn es eine schwierige Zeit durchstehen muss. Die einfache Wahrheit, dass Erziehung nur dort gelingt, wenn eine sichere Beziehung besteht, lässt sich mit beruflicher Distanz nicht erreichen.

Auch kann es für Kind und Pflegeeltern eine kaum zu lösende Schwierigkeit werden, wenn die Profis zu sozialen Eltern geworden sind. Dies lässt sich vom Verstand her nicht steuern, weil das Kind ein natürliches Bindungsbedürfnis hat Hier hat es auch bei Kinderdorfeltern zu schweren Auseinandersetzungen geführt, wenn sich Kinderdorfeltern beruflich verändern.

Bei Sonderpflegestellen - hier wird nicht von Eltern gesprochen - kann jedoch die Bindung genau so stark wie in einer anderen Pflegefamilie entstehen. Wie kann da der Konflikt gelöst werden, wenn die eine Seite behauptet, es sei ein normales Angestelltenverhältnis, die Betreuer des Kindes aber erkennen müssen, dass sie das Kind nicht weggeben können, ohne dass sie dieses existentiell schädigen. Hier gibt es unterschiedliche Einschätzungen der Gerichte, es gibt jedoch Urteile, die den § 1632 Abs. 4 BGB anwenden und die Bindungen des Kindes schützen.

Die von J. Blandow geäußerte Vermutung (Paten, 3,o3), dass ein Mangel an Bewerbern um Pflegekinder wie in der USA entsteht, weil das Pflegekinderwesen an Prestige verliert, die zu lösende Aufgabe immer schwieriger und die Misserfolgsquote immer höher wird, ist dort richtig, wo die Pflegeeltern mit ihrer schwierigen Aufgabe allein gelassen werden und wo sie nicht als Partner, sondern Erfüllungsgehilfen der Jugendhilfe gesehen und behandelt werden. Als ich 1980 mit dem Ausbau des Pflegekinderdienstes in einem Landkreis begann, waren 40 % der Kinder in Pflegefamilien und 60 % der Kinder im Heim und als ich die Sachgebietsleitung im Januar 2002 abgab waren 75 % der Kinder in Pflegefamilien und 25 % im Heim. Nicht unwesentlich hat zu dieser Entwicklung die Zufriedenheit der Pflegeeltern durch eine zuverlässige Beratung und Unterstützung und ein Klima der Wertschätzung in der Öffentlichkeit beigetragen.

Bei einem differenziert arbeitenden Pflegekinderdienst ist die Abbruchquote sehr gering. Was ich aufgrund einer Vielzahl von Langzeitbeobachtungen im Pflegekinderdienst sagen kann ist, dass diese "normalen" Pflegeeltern schwierigste Kinder durchtragen und auch bei großen Schwierigkeiten nicht aufgeben. Fachkräfte, die nicht Eltern geworden sind, haben dagegen bei Schwierigkeiten sehr viel schneller die Verantwortung für das Kind abgegeben.

Die Autorin Paula Zwernemann ist Sozialarbeiterin und seit langen Jahren im Pflegekinderwesen tätig

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