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04.11.2009
Fachartikel

Was ist los im Kopf des Kindes beim Besuchskontakt?

Auswirkungen von Besuchskontakten auf das Befinden des Kindes in der Pflegefamilie.

Ich lernte Karin und ihre Pflegefamilie im Rahmen einer Krisenhilfe kennen. (Ich gebe hier ihre Geschichte anonymisiert und mit Erlaubnis der Familie wieder.) Anlaß, für die Familie nach Hilfe zu suchen, war das zunächst unerklärliche Verhalten, das Karin während einer Ergotherapiestunde zeigte.

Karin lebt seit ihrem 1. Lebensjahr in einer Pflegefamilie. In ihrer Ursprungsfamilie war sie stark vernachlässigt und beinahe verhungert, als sie durch das Jugendamt in Obhut genommen wurde. Bei Aufnahme verfügte Karin über die Fähigkeiten eines Säuglings. Die Sprachentwicklung lief verzögert ab, auffallend war, daß Karin zunächst nur mit den Pflegeeltern sprach, auf Fragen anderer Menschen reagierte sie nicht. Mit zwei Jahren mißhandelte sie im Spiel immer wieder ihre Puppen. Sie war von einer Unruhe getrieben, die ihr konzentriertes Spielen kaum ermöglichte. Die Unruhe verstärkte sich, wenn sich in ihrem Tagesablauf auch nur geringfügig etwas änderte. Die Umstellung der Möbel im Kinderzimmer brachte sie an den Rand der Dekompensation..

Der imaginäre Besuchskontakt...

Mit 2,5 Jahren bekam das Mädchen Ergotherapie.Es dauerte Monate bis Karin mit der Ergotherapeutin sprach, mehr als ein Jahr bis sie alleine in die Therapiestunde ging, irgendwann ging sie jedoch mit großer Freude.

Als Karin vier Jahre alt war, nahm die Ergotherapeutin eine neue Praktikantin mit in die Therapiestunde. Karin sah die Praktikantin, fing an zu weinen und wollte sofort den Raum verlassen- woran sie allerdings von der Therapeutin gehindert wurde, weil sie das Weinen des Mädchens als Verweigerung gegenüber der Therapiesituation interpretierte.

In den folgenden Wochen sprach Karin wieder kein Wort mit der Therapeutin und weigerte sich, ohne die Pflegemutter den Therapieraum zu betreten.

Zuhause bei den Pflegeeltern fing Karin wieder an, ihr Spielzeug zu zerstören, zeigte sich unruhig und aggressiv gegenüber den Pflegeeltern. Es dauerte Wochen, bis sich ihr Verhalten sowohl in der Ergotherapie als auch in der Familie wieder normalisierte. Gezieltes Nachfragen ergab schließlich, daß die Praktikantin Karins leiblicher Mutter in Gestik und Optik sehr ähnelte.

In diesem Fall gibt es gar keine Besuchskontakte mit den leiblichen Eltern. Karin zeigt die typischen Verhaltensweisen eines vernachlässigten und eventuell mißhandelten Kindes: Sie ist in Ihrer gesamten Entwicklung verzögert, hat Schwierigkeiten in der Kontaktaufnahme und mit ihrer Impulskontrolle, spricht später als andere Kinder, ist unkonzentriert und unruhig. Wer viel mit Pflegekindern zu tun hat, kennt diese Verhaltensweisen bei einer großen Anzahl der Kinder. Die Neuropsychologie versucht zu erklären, was da tatsächlich im Kopf des Kindes- und gemeint ist hier das Gehirn passiert.
In diesem Fall gibt es gar keine Besuchskontakte mit den leiblichen Eltern. Gerade deshalb bietet es sich für mich an, etwas emotionsfreier zu erklären, was im Kopf des Pflegekindes beim Besuchskontakt los sein kann. Karin zeigt die typischen Verhaltensweisen eines vernachlässigten und eventuell mißhandelten Kindes: Sie ist in Ihrer gesamten Entwicklung verzögert, hat Schwierigkeiten in der Kontaktaufnahme und mit ihrer Impulskontrolle, spricht später als andere Kinder, ist unkonzentriert und unruhig.

Wer viel mit Pflegekindern zu tun hat, kennt diese Verhaltensweisen bei einer großen Anzahl der Kinder. Viele Pflegeeltern erkennen sicher auch Karins Verhalten nach dem Zusammentreffen mit der Praktikantin bei Ihren Kindern nach Besuchskontakten wieder.

Warum gibt es jetzt aber Besuchskontakte, die völlig unproblematisch verlaufen und welche, bei denen die Kinder, die gleiche Aufregung zeigen wie Karin?

Die Vorerfahrungen der Kinder sind da vermutlich entscheidend, werden sie jetzt sagen. Aber in welcher Form beeinflussen die Vorerfahrungen das Verhalten der Kinder?

Antworten auf diese Fragen zu finden, versucht die Neuropsychologie. Ihr Ziel ist es, einen Zusammenhang zwischen Hirnstrukturen, Hirnaktivitäten und Verhalten herzustellen.
Die Neuropsychologie versucht zu erklären, was da tatsächlich im Kopf des Kindes- und gemeint ist hier das Gehirn passiert.

Neurologie und...

Das Gehirn übernimmt die Aufgabe, die auf den Nerven als bioelektrische Erregungen einlaufende Informationen sinnvoll zu verknüpfen und zu verarbeiten. Das Großhirn überwölbt mit zwei Ausstülpungen (Hemisphären) oben und nach beiden Seiten das Zwischen und Mittelhirn, so daß diese innerhalb des Großhirns zu liegen kommen. Die Randzone des Großhirns ist die Hirnrinde (cortex cerebri). In bestimmten Arealen des Cortex befinden sich spezifische Projektionszentren für Muskelbewegungen, Wahrnehmungen von Empfindungen, sowie für das Sprechen (motorisch/ sensorisches Sprachzentrum), Hören und Sehen. Die beiden Hemisphären sind durch den Balken (Corpus callosum) miteinander verbunden.

Nach hinten, z.T. vom Großhirn überlagert, folgt das Kleinhirn (cerebellum). Es dient der Koordination aller Bewegungen und der Aufrechterhaltung des statischen Gleichgewichts.

Im Thalamus, dem paarigen dorsalen Kerngebierts des Zwischenhirns (Eintrittsstelle des Sehnerven) sammeln sich alle sensorischen Bahnen, wo sie das letzte Mal vor den Projektionsfeldern der Großhirnrinde umgeschaltet werden, wo sie emotional gefärbt werden, ehe sie dann im Großhirn zum Erlebnis (Ärger, Wärme) werden. Auch die elektrische Aktivität des Großhirns und damit auch die Aufmerksamkeits- und Wachheitsfunktionen werden vom Thalamus aus gesteuert. Darunter der Hypothalamus: Hier vollzieht sich die Koordination und Integration der vegetativen Körperfunktionen sowie des Hormonhaushalts (Kohlehydrahtstoffwechsel, Wasser und Salzhaushalt, Wärmegleichgewicht und Sexualfunktionen.)Auch dem limbischen System, das u.a. Teile des Hippocampus (zentrale Rolle bei der Gedächtniskonsolidierung, speziell bei der Umkodierung und Übertragung von Informationen aus dem primären in das sekundäre Gedächtnis) umfaßt, kommt ebenfalls eine vegetativ emotional psychische Steuerfunktion zu. Eine zunehmende Zerstörung des Hippocampus führt zur vollständigen Unfähigkeit, neues verbales Lernmaterial zu behalten.

Um zu verstehen, wie sich Mangel- und Gewalterfahrungen bei kleinen Kindern auswirken, ist es notwendig, sich zu verdeutlichen, wie die Entwicklung des kindlichen Gehirns überhaupt verläuft.

Zum Zeitpunkt der Geburt sind ca. 100 Milliarden Nervenzellen (Neurone) mit 50 Billionen Verbindungen (Synapsen) verknüpft. Die Grundverknüpfungen des Gehirns wird durch die Gene festgelegt. Sie haben die Verbindungen im Hirnstamm gebildet, die das Herz schlagen und die Lunge atmen lassen. In den ersten Lebensmonaten vervielfältigen sich die Synapsen um das 20fache. Es entsteht ein neuronales Netzwerk In ihm werden eingehende Informationen gespeichert, verarbeitet und Handlungsanweisungen formuliert. Dabei werden jeweils nur begrenzte, oft weit auseinanderliegende Neuronengruppen in Form selbstorganisierender Systeme gleichzeitig aktiviert. Die hochkomplexen neuronalen Verschaltungen sind die Grundlage für das Entstehen unbewußter und bewußter psychischer Vorgänge

...Psychologie

Die Verbindungen der Nervenzellen entstehen über Erfahrungen. Wiederholte Erfahrungen verstärken die Synapsen. (wenn ich schreie, kommt Mama, wenn der Schlüssel ins Schloß gesteckt wird, kommt Papa.) Synapsen können auch schwächer werden (Pruning), wenn sie nicht von Zeit zu Zeit wieder aufgerufen werden. Ein Kleinkind muß immer wieder ausprobieren können, ob der Löffel tatsächlich nach unten fällt, wenn man ihn losläßt. Bestimmte Nervenverbindungen immer wieder anzuregen, heißt Stimulation.

Die Synapsenbildung und das Pruning geschehen zu unterschiedlichen Zeitpunkten in verschiedenen Gehirnregionen.:

  • 2.Monat: Die Synaptogenese beginnt im motorischen Cortex (Rückbildung von Moro- und Suchreflexen, Beginn zielgerichteten Handelns).
  • 3. Monat: Höhepunkt der Synapsenbildung in der Sehrinde, das Gehirn führt die Feinabstimmung derjenigen Verbindungen durch, die den Augen die Scharfeinstellung ermöglichen.
  • ab 6. Monat: enorme Synapsenbildung im präfrontalen Cortex (Sitz des vorausschauenden Denkens und der Logik).
  • 8/9 Monat: der Hippocampus wird voll funktionsfähig, markiert und speichert Erinnerungen (der Zeitraum in dem die meisten Kinder anfangen zu fremdeln).

Liebevolle Zuwendung und die Möglichkeit, sich an einen Menschen zu binden, sind Voraussetzung für eine positive Entwicklung des Babys. Oder- wie es die Neuropsychologie ausdrückt: Information, die in einen emotionalen Kontext eingebettet ist, scheint die neuronale Verdrahtung stärker zu stimulieren.(Wer wüßte nicht noch nach Jahren Gewicht und Größe des ersten angekommenen Kindes, während man diese Daten bei der Ankunft des Sprößlings der Nachbarin schon nach fünf Minuten vergessen hat.) Babys, die wenig Möglichkeit zum Spielen haben und selten berührt werden, entwickeln ein 20-30% kleineres Gehirn als andere Kinder.

Das heißt , wenn die Erfahrungen des Kindes, die neuronale Verdrahtung seines Gehirns maßgeblich mitbestimmen, ist auch nachvollziehbar warum vernachlässigte Kinder, denen ja gerade so viele Erfahrungen fehlen, in so vielen Bereichen Entwicklungsrückstände aufweisen. Noch problematischer wird es, wenn mit den Erfahrungen der ersten Jahre die Angst zu verhungern oder mißhandelt zu werden verbunden sind.

Traumaforschung

Aber nicht nur ihre Vorgeschichte prägt viele Pflegekinder, sondern auch die Gegenwart.

Nach Auswertung der mir bekannten Forschungsliteratur stelle ich die Hypothese auf, daß Besuchskontakte bei Kindern die Deprivations- oder Gewalterfahrungen in ihrer Ursprungsfamilie erlitten haben, zur weiteren Traumatisierung der Kinder beitragen können.

Ich beziehe mich dabei auf aktuelle Studien über hirnphysiologische Veränderungen bei Menschen, die Gewalterfahrungen erlitten haben. Mit Hilfe bildgebender Verfahren (CT / MNR / SPECT) wurde die Struktur des Gehirns und die Nervenaktivität bei der Erinnerung an traumatisches Geschehen durch zahlreiche Forscher untersucht. Trotz der Verschiedenheit der Fälle und Schicksale, die zu einer Traumatisierung führen ,ist die physiologische Verankerung“ bei allen Betroffenen die selbe. D.h. es zeigt sich immer in den gleichen Gehirngebieten eine erhöhte oder verringerte Hirnaktivität.

Die Entwicklung des Gehirns beinhaltet unendlich viele Möglichkeiten.

Der Nachteil der Fähigkeit des Gehirns, sich im Rahmen genetischer Vorgaben an wechselnde Bedingungen anzupassen, liegt in seiner großen Verletzlichkeit gegenüber Traumata. Traumatische Erfahrungen können das Verhalten eines Erwachsenen verändern, für das Gehirn eines Kindes aber liefern sie buchstäblich den Organisationsrahmen. Wenn die Organisation des Gehirns dessen Erfahrungen widerspiegelt, und wenn die Erfahrungen eines traumatisierten Kindes aus Angst und Stress bestehen, dann werden die neurochemischen Antworten auf Angst und Stress zu den wichtigsten Baumeistern des Gehirns.

Wenn man immer wieder die Erfahrung macht, überwältigt zu werden, verändert dies die Struktur des Gehirns .

Traumatische Situationen führen zu einer vermehrten Ausschüttung von Sresshormonen, wie z.B. des Cortisols. Daraus folgt eine vermehrte Muskeldurchblutung, Blutdruckerhöhung und Atmungssteigerung bei gleichzeitiger Hemmung der Haut- und Magen-Darm-Durchblutung. Es entsteht eine Fluchtreaktion: d.h. hohe körperliche Leistungsfähigkeit, aber das Denken setzt aus). Zahlreiche traurige Beispiele belegen, daß Menschen in Panik nicht in der Lage sind z.B. Notausgänge adäquat zu benutzen.

Hohe Cortisol-Konzentrationen während der empfindlichen drei ersten Lebensjahre erhöhen diejenige Aktivität in der Gehirnstruktur, welche für Vorsicht und Aufmerksamkeit (locus ceruleus) verantwortlich ist. Das Gehirn wird in Hinsicht auf ständige Alarmbereitschaft verknüpft.

Kinder mit höheren Cortisol-Konzentrationen haben eine geringere hemmende Kontrolle. Sie haben Probleme mit Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle.

Traumatisierte Kinder fallen jedoch nicht immer durch große Unruhe und geringe Selbstkontrolle auf. Sie können auch im Gegenteil sehr ruhig, in sich gekehrt und wie erstarrt wirken. (Eine erhöhte Cortisol-Konzentration findet sich auch bei depressiven Symptomen.)

Als Folge der Schädigung des Gehirns durch einen ständig erhöhten Streßhormonspiegel sind bestimmte Regionen im Cortex und im limbischen System (das für Gefühle einschließlich Bindung verantwortlich ist) bei mißhandelten gegenüber nicht mißhandelten Kindern 20 bis 30% kleiner. In diesen Regionen befinden sich auch weniger Synapsen

„Furchtnetzwerke“

Bei Erwachsenen, die als Kinder mißhandelt wurden, ist der erinnerungsbildende Hippocampus kleiner als bei nicht mißhandelten Erwachsenen. Diese Wirkung wird ebenfalls auf den toxischen Effekt von Cortisol zurückgeführt.

Traumata führen auch dazu, daß Neurotransmittersignale durcheinanderkommen, indem einige gesperrt und andere unterdrückt werdenden. Da Neurotransmittersignale eine Schlüsselrolle spielen, weil sie den Neuronen mitteilen, wohin sie gehen und womit sie sich verknüpfen sollen, erleiden Kinder unter chronischem und unberechenbaren Streß Defizite in ihrer Lernfähigkeit.

Dies könnte mit eine Erklärung dafür sein, warum gerade Pflegekinder häufig aus ihren Erfahrungen so wenig zu lernen scheinen und sich immer wieder den gleichen Ärger einhandeln.

Regionen die durch das ursprüngliche Trauma aktiviert waren, werden sofort reaktiviert, sobald das Kind von dem Trauma träumt, daran denkt oder erinnert wird (zum Bsp. durch die bloße Anwesenheit der Person).

Auf die inneren Bilder der Kinder haben wir keinen Einfluß (Träume), wohl aber darauf, ob wir sie mit streßauslösenden Menschen ihrer Vergangenheit konfrontieren. Der leichteste Stress und die kleinste Furcht setzen eine neue Welle von Stresshormonen frei. Das bewirkt Hyperaktivität, Angst und impulsives Verhalten oder den erneuten inneren Rückzug. Personen mit Angststörungen haben hoch organisierte und stabile Furchtnetzwerke, die schon durch kleinste Hinweisreize aktiviert werden können (Lang 1979)

Je häufiger die Erinnerung an das Trauma aktiviert wird, desto mehr wird die Erinnerung die Struktur des Gehirns bestimmen (Stimulation). Nur wenn die Kinder konsequent andere Erfahrungen machen dürfen, ist zu hoffen, daß sich die Verdrahtung des Gehirns in Richtung ständige Alarmbereitschaft zugunsten anderer Verknüpfungen -im Sinne des Prunings- abschwächt.

Sprachlosigkeit

Nun ist es häufig gar nicht klar, ob Kinder in ihrer Ursprungsfamilie Deprivation und Gewalt erfahren haben. Und die Kinder selber sind oft auch gar nicht in der Lage, über das zu berichten was mit ihnen passiert ist. Und sie sind auch nicht in der Lage zu erzählen, was ihnen während eines Besuchskontaktes durch den Kopf geht. Die Pflegemutter sieht vielleicht, daß Thomas nach dem Besuch bei seiner leiblichen Mutter ziemlich durchgedreht wirkt, aber für das, was er erlebt hat, findet Thomas keine Worte.

Bessel van der Kolk, Professor an der Havard Universität Boston sagt dazu: "Wurden Patienten ihren traumatischen Erinnerungen ausgesetzt, führte dies zu einer Steigerung der Aktivität in der rechten Gehirnhälfte, während es zu einer verminderten Aktivität des linken Frontalbereichs des Gehirns kam. Besonders der Broca-Bereich- der persönliche Erfahrungen in Sprache übersetzt war funktionsgemindert".

Diese relative Abnahme der neuronalen Aktivität in der linken Gehirnhälfte erklärt- neben der Sprachlosigkeit der Betroffenen- warum traumatische Erfahrungen als zeitlos und ichfremd erlebt werden: Die Funktionsstörung betrifft einen Teil des Gehirns, der für die Entwicklung von Sequenzen und zur kognitiven Einordnung von Erfahrungen notwendig ist.

Weil die traumatischen Erfahrungen primär als somatische (körperliche) Erfahrungen und intensive Gefühle gespeichert sind, bleiben sie der semantischen Verarbeitung nahezu verschlossen. Daraus läßt sich ableiten, daß körperorientierte Therapien und verhaltenstherapeutische Verfahren hilfreicher einzuschätzen sind als einsichtsorientierte Verfahren, die ja gerade des sprachlichen Ausdrucks bedürfen.

Pflegekinder mit traumatisierenden Erfahrungen nehmen also nicht nur an ihrer Seele Schaden, sondern für diese Schäden gibt es auch nachweisbare organische Korrelate gibt, die wir nicht weg diskutieren können.

Der Körper hat sein eigenes Gedächtnis, woran auch eine noch so nette und fachlich kompetente Begleitung von Besuchskontakten nichts ändert und ändern kann.

Zum Zeitpunkt der Pubertät, wenn die Kinder sich mit ihrer Herkunftsfamilie auseinandersetzen wollen und müssen, und wenn sie Kontakt zu ihrer Ursprungsfamilie wollen, sollte er ihnen ermöglicht werden. Bis dahin aber sollte ihnen die Chance gegeben werden, ein Stück ihrer Kindheit in der Ruhe verbringen zu dürfen, die nötig ist, den Teufelskreis zwischen Streßerleben und dem organisierten Streß im Gehirn eventuell durchbrechen zu können.

Weiterführende Literatur

  • How to Build a Baby`s Brain - in: Newsweek Sonderheft „your child“, spring/ summer, 1997, S.28-32.
  • Fruchtbarer Geist: Sonderdruck: Deutsche Liga für das Kind in Familie und Gesellschaft - gekürzte Übersetzung des Leitartikels von J.M. Nash „How a child`s brain develops“, erschienen im TIME MAGAZINE, Vol. 149, No. 6 vom 10.2.1997.
  • Ayres, A. Jean: Bausteine der kindlichen Entwicklung- die Bedeutung der Integration der Sinne für die Entwicklung des Kindes, 1992.
  • Heemann, A., Schulte-Markwort, M. Ruhl, U. & Knöller, U.: Posttraumatische Belastungsstörung bei Kindern und Jugendlichen. Kindheit und Entwicklung 3/98.
  • Van der Kolk, B. et al (1985). Inescapable shock, neurotransmitters, and addiction to trauma: Toward a psychobiology of post-traumatic stress. Biological Psychiatry, 20, 314-325.
  • Van der Kolk, B.. Psychotraumatologie: in Psychologie Heute 8/98, S.12/13.
  • Lang, Modell für die Entstehung von Angststörungen, in: Karen S. Calhoun, Beverly M. Atkeson, Therapie mit Opfern von Vergewaltigung (S.92), 1994.
  • Pickenhain, L.: Basale Stimulation: Neurowissenschaftliche Grundlagen, 1998.
  • Pritzel, M. & Schwandt, B. Neurobiologische Korrelate von Störungen der Gehirn- und Verhaltensentwicklung, (S.1-90), in: Markowitsch, H.J. (Hg.), Klinische Neuropsychologie. Göttingen 1997.
  • Steinhausen, H.-C., Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen, München 1996, Kapitel 19: Deprivations- und Mißhandlungssyndrome (S.253- 272).

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