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04.10.2015
Fachartikel

Warum ich nicht bei meinen Eltern leben kann.

Biografiearbeit mit Pflege-und Adoptivkindern–oder „Warum ich nicht bei meinen Eltern leben kann.“ Auszug aus einem Bericht der Erziehungsberatungsstelle Fulda zu einem Gruppenangebot für Pflegekinder

Auszug aus einem Bericht der Erziehungsberatungsstelle Fulda zu einem Gruppenangebot für Pflegekinder

Kinder, die bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen, haben praktisch ständig Gelegenheit, Geschichten über ihre Vergangenheit zu erfahren. Auf diese Weisewerden wichtige Fragen aus erster Hand beantwortet. Ganz anders verhält es sich hingegen bei Kindern aus Pflege-und Adoptivfamilien. Ortswechsel und Beziehungsabbrüche erschweren den Informationsaustausch, so dass es zu manchen Stationen ihres Lebens irgendwann nur noch wenige oder gar keine Informationen mehr gibt.

Ein Erfahrungsaustausch in einer Gruppe bietet Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, sich nicht mehr als allein zu erleben. Sie lernen auf diese Weise Gleichaltrige kennen, die ähnliche Situationen oder sogar größere Schwierigkeiten erlebt haben. Entscheidend für einen erfolgreichen Verlauf einer Gruppenarbeit ist eine sichere und vertrauensvolle Umgebung, in der sich Kinder öffnen können. Wiederkehrende Rituale und ein spielerischer Umgang mit den zu erarbeitenden Inhalten bilden hier einen wertvollen Beitrag.

„Wenn andere Leute mich fragen, warum ich in einer Pflegefamilie lebe, sage ich: ...“

Über einen Zeitraum von zweieinhalb Monaten wurden in der Kindergruppe „Auf meinen Spuren“ die Grundsteine einer nachhaltigen Biografiearbeit gelegt. Die Gruppe von 5 Kindern im Alter von 8 bis 13 Jahren traf unter der Anleitungzweier Fachkräfte (Carola Möller, Dipl. Pädagogin und Marzena Kowalski, M.A. Dipl. Sozialpädagogin) wöchentlich zusammen.
Auftakt und Abschluss bildeten zwei Elternabende, die seitens der Eltern mit vielen Fragen bereichert und so intensiv genutzt wurden.

Die Grundlagen der durchgeführten Übungen orientierten sich an dem bewährten Konzept „Mädchen und Jungen entdecken ihre Geschichte“ von Brigit Lattschar und Irmela Wiemann (Juventa Verlag: Weinheim, München, 2. Auflage 2008). Diese Vorlage wurde vor der Anwendung in der Gruppe durch Erfahrungsberichte an die besonderen Bedürfnisse von Pflegekindern angepasst. So sind etwa einzelne Einheiten in Form von Kooperations-und Kommunikationsspiele vermittelt worden.

Um den Kindern den Zugang zur Gruppe leichter zu gestalten, sind Vertrautheit und ein sicherer Rahmen erforderlich. Beides wurde durch die Einführung von Ritualen und einer wiederkehrenden Struktur sowie eine ausführliche Form des Kennenlernens unterstützt. Im Nachhinein lässt sich festhalten, dass die Teilnehmer diese Maßnahmen als sehr positiv auffassten.

Heranführung an das Thema der eigenen Biografie

Die Heranführung an das Thema der eigenen Biografie begann in kleinen Schritten, zum Beispiel mit dem Erstellen eines Steckbriefes, und intensivierte sich im Laufe der weiteren Sitzungen mit zunehmendem Vertrauen der Teilnehmer in die Gruppe. So sollten die Teilnehmer zum Beispiel bei der Übung „Mein inneres Haus“ die wichtigsten Menschen in ihrem Leben aufschreiben, Menschen die das Kindsprichwörtlich in sein Herz geschlossen hat.

Zu den wesentlichen Ergebnissen der Sitzungen zählt das Lebensbuch, das im Rahmen der Gruppenarbeit von jedem Kind verfasst wurde.

Die Intention dabei ist, dieses Buch auch im Anschluss an die Kindergruppe fortzuschreiben und so tatsächlich ein „Buch der eigenen Lebensgeschichte“ entstehen zu lassen. Zu diesem Zweck hat jedes Kind eine Mappe erhalten, die es individuell gestalten konnte, um persönliche Ziele festzulegenund so dieser Mappe eine individuelle Note zu verleihen.

Viele Übungen hatten zum Ziel, sich auf verschiede Weise mit der eigenen Person und den eigenen Stärken auseinander zu setzen.

Die Geschichte meines Namens

In diesem Zusammenhang diente auch die „Geschichte meines Namens“ dazu, mit anderen Teilnehmern aus der Gruppe in Dialog zu treten und einander Fragen zu beantworten. Die Teilnehmer wurden dabei angeleitet, die eigenen Grenzen zu wahren und fremde zu akzeptieren. In unterschiedlichen Übungen wurden die Teilnehmer bei der Schärfung der Selbstwahrnehmung unterstützt, insbesondere dabei zu beobachten und zu beschreiben, wie das eigene Erleben von körperlichen und situationsabhängigen Gefühlszuständen ist, aber sich auch mit positiven und negativen Erfahrungen auseinander zu setzen.

Ausblick–oder „Was wird aus mir?“

Die Erfahrungen der Gruppenarbeit haben gezeigt, dass die Begleitung der Kinder bei der Beschreibung ihrer Biografie, etwa in Form ihres Lebensbuches, eine intensive Kooperation zwischen der Gruppenleitung und den Pflegeeltern erfordert. Um Wissenslücken zu füllen, ist auch die Einbeziehung der leiblichen Eltern vom Vorteil. So kann beispielsweise gemeinsam mit der leiblichen Mutter ein Brief an das Kind verfasst werden, welches Informationen zu nicht mehr fassbaren Bezugspersonen enthält.

Die Einbeziehung der Pflegeeltern bedeutet nicht zuletzt, ihnen ebenfalls Handwerkszeug auf den Weg zu geben, um ihre Pflegekinder beim Weiterentwickeln des Lebensbuches zu unterstützen.

Im Wesentlichen kann festgehalten werden, dass der Austausch der Teilnehmer untereinander groß war und das Bedürfnis, Gemeinsamkeiten zu finden und darüber ins Gespräch zu kommen, im Vordergrund stand.

Marzena Kowalski, Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche Fulda

Biografiearbeit auf der Webseite der Erziehungsberatung Fulda