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22.03.2022
Fachartikel

Verhaltensauffälligkeiten verstehen

Aufgrund von Beeinträchtigungen oder Erkrankungen haben manche Kinder besondere Verhaltensweisen entwickelt, die sich von dem "normalen" und üblichen Verhalten Gleichaltriger unterscheiden. Kinder, die schwere Misshandlungen oder Vernachlässigung erlebt haben aber ebenso auch Kinder mit FASD, haben häufig Schädigungen des Gehirns erlitten, die es ihnen unmöglich machen, erwartbares und angemessenes Verhalten zu zeigen. Bei ihnen sind die so genannten Exekutivfunktionen gestört. Um diese Kinder verstehen, ihnen helfen und sie fördern zu können, müssen wir die Exekutivfunktionen und ihre möglichen Störungen kennen.

Was sind Exekutivfunktionen?

Als Exekutivfunktionen werden eine Vielzahl von Fähigkeiten beschrieben, die das menschliche Denken, Fühlen und Handeln steuern. Exekutiven Funktionen sind im Gehirn angesiedelten Fertigkeiten, die zur Ausführung bestimmter Vorhaben oder Aufgaben erforderlich sind. Die wichtigsten Funktionen werden beschrieben als 'Arbeitsgedächtnis', 'Inhibition' (auf Deutsch: Hemmung) und 'kognitive Flexibilität'. Diese drei unabhängig voneinander zu betrachtenden Systeme bilden in ihrer Gesamtheit die exekutiven Funktionen, die den Menschen zur Selbstregulation befähigen.

Die verschiedenen Fähigkeiten im Rahmen der exekutiven Funktionen zählen zu den geistigen Grundfähigkeiten des Menschen und sind Teil des Entwicklungsprozesses von Kindern und Jugendlichen. Es dauert relativ lange, bis sich die exekutiver Funktionen herausgebildet haben. Vom Kleinkindalter bis ins frühe Erwachsenenalter gibt es große Entwicklungssprünge des exekutiven Systems, denn das Frontalgehirn entwickelt sich langsam und lange. Diese langsame Entwicklung der Exekutivfunktionen ist auch ein Grund, warum sich Kinder anders verhalten als Erwachsene. 

Arbeitsgedächtnis

Das Arbeitsgedächtnis speichert Informationen und ermöglicht es uns, diese Informationen weiter zu verarbeiten. Mit seiner Hilfe können wir Rechenaufgaben lösen, Dinge planen, Regeln oder Telefonnummern behalten, uns an Abläufe erinnern. Es ermöglicht uns, neue und alte Erfahrungen miteinander zu verknüpfen und komplexe Vorgänge zu denken.

Inhibition (=Hemmung)

Die Inhibition (=Hemmung) bedeutet die Fähigkeit, spontanen Handlungsimpulsen zu widerstehen und störende Reize auszublenden. Sie versetzt uns in die Lage, erst zu denken und dann handeln. Die Inhibition ermöglicht es uns daher, uns angemessen und zielgerichtet zu verhalten und unsere Gefühle zu regulieren. 

Kognitive Flexibilität

Die kognitive Flexibilität baut auf dem Arbeitsgedächtnis und der Inhibition auf und bezeichnet die Fähigkeit, sich auf neue Anforderungen einzustellen und außerhalb gewohnter Verhaltensmuster agieren zu können. Damit gelingt es uns, frei von starren Mustern zu handeln und Probleme aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und zwischen diesen verschiedenen Betrachtungen zu wechseln. Dieses Können ermöglicht uns soziales und empathisches Handeln.

Folgende Kompetenzen bauen auf den exekutiven Funktionen auf:

(Auszug aus der Broschüre "Förderung exekutiver Funktionen" von ZNL und Wehrfritz) 

  1. Das Kind kann das eigene Verhalten bewusst steuern.
    Das Kind ist in der Lage, ersten Impulsen zu widerstehen und unangemessene Reaktionen zu unterdrücken. Es ist wichtig, Alternativen zu erkennen und Handlungsroutinen zu durchbrechen.
  2. Das Kind kann vorausschauend handeln und sich realistische Ziele setzen.
    Es plant Handlungsabläufe und erinnert sich an Zwischenschritte und Alternativen. So kann es sich für einen günstigen Lösungsweg entscheiden. Das Kind behält seine zuvor gefassten Ziele vor Augen.
  3. Das Kind kann sich einer Sache konzentriert über einen längeren Zeitraum widmen und bricht nicht frühzeitig ab.
    Neben selbstdiszipliniertem Verhalten ist die Fähigkeit, die eigene Aufmerksamkeit willentlich zu lenken und Störreize gezielt ausblenden zu können, eine weitere notwendige Voraussetzung.
  4. Das Kind kann Probleme und Konflikte selbstständig und gewaltfrei lösen.
    Das Kind wägt bekannte Strategien ab und passt sich flexibel an Veränderungen an. Voraussetzung dafür sind das gedankliche Durchspielen verschiedener Möglichkeiten und ein lösungsorientiertes Vorgehen.
  5. Das Kind kann sich auf neue Situationen und Aufgabenstellungen schnell einstellen.
    Bei Übergängen von einer Situation in eine andere kann sich das Kind rasch umstellen und sich mit den Anforderungen der neuen Situation vertraut machen.
  6. Das Kind kann sich in andere hineinversetzen und Perspektiven wechseln.
    Das Kind sieht neben seinen eigenen Ansichten und Zielen auch die Perspektiven der anderen und kann eine Situation aus mehreren Blickwinkeln betrachten.
  7. Das Kind kann Prioritäten setzen und Handlungsverläufe reflektieren.
    Hierbei müssen verschiedene Ziele sowie ihre Wertigkeit in Erinnerung gerufen und verglichen werden. Wo stehe ich und wo möchte ich hin? Bei der Reflexion werden momentane Aktivitäten unterbrochen und anschließend wieder gezielt aufgenommen.
  8. Das Kind ist im Umgang mit anderen fähig, die eigenen Gefühle zu kontrollieren.
    Im sozialen Miteinander spielen Emotionen eine große Rolle. Um das eigene Verhalten nicht nur von Gefühlen leiten zu lassen, muss man in der Lage sein, seine Reaktionen und Impulse zu kontrollieren.
Reifung der exekutiven Funktionen

Im Alltag bedeutet die Reifung der exekutiven Funktionen, dass das Kind immer selbstverständlicher gewisse Abläufe verinnerlicht hat und ohne groß nachzudenken danach handelt. Ein jüngeres Kind hingegen muss noch genau gesagt bekommen, welche Schritte nacheinander folgen.

Beispiel aus der Schule:

Bei jungen Kindern sagt die Lehrerin: Wir wollen jetzt malen. Nehmt euren Zeichenblock und eure Buntstifte aus eurem Tornister, schlagt den Zeichenblock auf, nehmt eine Seite heraus, tut den Zeichenblock wieder in den Tornister usw. usw. 

Bei älteren Kindern sagt sie: Wir wollen jetzt malen und erwartet, dass die Kinder wissen, welche Handlungen sie nun vollziehen sollen. 

Zunehmend lernen Kinder, die heranreifenden exekutiven Funktionen zu benutzten und werden dabei immer sicherer und sich ihrer selbst bewußter. Kinder, die sich selbst im Griff haben, können meist besser mit ihren Gefühlen umgehen und zeigen ein gutes Sozialverhalten. 

Beeinträchtigungen der Exekutivfunktionen 

Die Exekutivfunktionen sind häufig dann eingeschränkt, wenn eine Verletzung im vorderen Bereich des Gehirns aufgetreten ist. Dies ist im hohen Maße bei Kindern mit FASD der Fall. Hier spielt nicht so sehr ein normaler, höherer oder niedrigerer Intelligenzquotient eine Rolle, sondern vielmehr eine Beeinträchtigungen der Exekuten Funktionen, die das Kind dazu bringen, sich auffällig im Alltag zu verhalten. Die Störungen der exekutiven Funktionen entstehen dadurch, dass das sich entwickelnde Gehirn des Ungeborenen durch den Alkohol, den die Mutter während der Schwangerschaft zu sich nimmt, massiv geschädigt wird. Diese Schädigungen bestehen ein Leben lang und sind irreversibel. 

Die Störungen der Exekutivfunktionen führen zu erheblichen Beeinträchtigungen der Alltagskompetenzen. Um diese Störungen nicht überhand nehmen zu lassen, braucht das Kind mit FASD eine stabile, immer wiederkehrende Routine und Verlässlichkeit im Alltag, die durch die Bezugspersonen des Kindes durchgehalten und kontrolliert werden müssen. 

Eine besondere Problematik des FASD-Kindes liegt darin, dass es keine Ursache-Wirkung erkennen kann. Ursachen und die sich daraus entwickelnde Geschehnisse stehen für das Kind nicht im Zusammenhang miteinander. Menschen, die dieses Prinzip der Ursache-Wirkung nicht nachvollziehen können, haben besondere Schwierigkeiten damit, aus Erfahrung zu lernen oder Konsequenzen ihrer Handlungen zu verstehen. Es ist dann auch nicht möglich, über das Geschehene zu reflektieren und kritisch nachzudenken. Die Nichterkennung des Ursache-Wirkung-Prinzips macht es dem Kind auch unmöglich, ein einmal in einer Situation benutztes Verhalten als hilfeführendes Beispiel für eine andere Situation zu sehen. 

Die Kinder mit diesen Beeinträchtigungen leben nur im "Hier und Jetzt". Es fehlt ihnen die Fähigkeit zu generalisieren, abzuwägen, vorauszuschauen, zu planen, als bekannt zu erkennen. Alles wird als neu und allein auf sich gestellt gesehen. Informationen sind schwer einzusortieren, Regeln nicht erkennbar und müssen immer wieder neu gelernt werden. Menschen mit FASD sind nicht in der Lage, Konzepte zu erstellen, Zeitpläne zu erarbeiten und sie einzuhalten. 

Alles was nicht eindeutig klar ist, ist für sie unverständlich, einfach nicht nachvollziehbar. So gibt es auch vage Worte in unserer Sprache, die nicht Klarheit sondern Eventualitäten ausdrücken: (Falls das nicht klappt, machen wir was anderes - wenn das zu lange dauern wird, beenden wir früher - entweder du gehst jetzt draußen spielen, oder du malst drinnen - vielleicht gehen wir nachher ein Eis kaufen - sollte es kälter werden, können wir ja eine Jacke anziehen - usw.).

Wenn sich Regeln durch äußere Gegebenheiten verändern, geraten die Kinder in Unruhe und Stress. Kein Schulbesuch am Wochenende bedeutet oft keine Erholung für die Familie, eine Urlaubsfahrt kann zu einem Chaos ausarten, die Krankheit der Mutter/des Vaters verändert den Alltag und verunsichert tief, Besuch bekommen oder einen Besuch machen ist oft unmöglich. Eine neue Lehrerin, eine neue Schulklasse, andere Bücher, andere Kinder in der Klasse bedeuten für das Kind mit FASD häufig ein uneinschätzbares Wirrwarr.

Eine weitere Besonderheit in der Bewältigung des Alltages mit einem Menschen mit FASD sind seine Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis. Einem Menschen mit eingeschränkten Exekutivfunktionen fällt es schwer, Informationen zu behalten, sie in der Vergangenheit zu belassen und dort einzusortieren. Die Informationen verschwinden, tauchen wieder auf und werden dann irgendwo anders hineingesetzt. Das beeinträchtigt häufig den Wahrheitsgehalt einer erzählten Geschichte. Wenn der Mensch Zusammenhänge nicht erkennt, zeitliche Abläufe nicht nachvollziehen kann, eigene Gefühle und die Anderer nicht wirklich wahrnehmen kann, dann gerät die Welt durcheinander. Deshalb hören wir öfter von Menschen mit FASD "Geschichten", irgendwie Erfundenes, nicht der Wahrheit entsprechendes. Das, was wir hören, sind keine Lügen sondern irgendetwas Erzähltes. Lügen wären ja geplantes Fehlinformieren, eindeutige gewollte Verdrehungen. Dazu ist dieser Mensch nicht in der Lage. 

Kinder mit FASD haben Schwierigkeiten mit Bindungen, sie haben Schwierigkeiten mit Verbindlichkeiten. Sie wollen es irgendwie richtig machen, wissen aber nicht wie genau das gehen soll. Durch ihre Beeinträchigung sind die Menschen mit FASD ungeheuer beeinflussbar. Sie freuen sich, wenn einer sich mit ihnen beschäftigt und begreifen nicht, was falsch daran sein soll, demjenigen Gefallen oder Nettigkeiten zu tun. So werden sie für die Interessen anderer Menschen missbraucht, stehen als 'Täter' vor irritierten Menschen oder sogar vor Gericht. 

Menschen mit Exekutiven Funktionsstörungen brauchen eine lebenslange Begleitung und Anleitung. Sie brauchen Schutz, Sicherheit, Kontinuität und vor allen Dingen Verständnis.

Weitergehende Informationen zu den Exekutiven Funktionen und ihren möglichen Störungen

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