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03.11.2009
Fachartikel

Stiefkind Adoption

Über Adoptierte gibt es viele Behauptungen und wenig aussagekräftige Forschungsergebnisse – eine Zürcher Studie soll das ändern

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Über Adoptierte gibt es viele Behauptungen und wenig aussagekräftige Forschungsergebnisse – eine Zürcher Studie soll das ändern

Der 17-jährige Millionärssohn Bernhard Bogner erhängte sich 2005 auf dem Dachboden der elterlichen Villa. Der Waffenläufer Mischa Ebner tötete 2002 als «Mitternachtsmörder von Bern» junge Frauen. Sein älterer Bruder Alex hatte vier Jahre zuvor Selbstmord begangen. An einer Bushaltestelle in Höngg erschoss 2007 Luis P. ohne
Anlass eine 16-Jährige. Die Erklärung für das Scheitern dieser jungen Männer ist schnell zur Hand: Adoption. Verhaltensstörungen und psychische Probleme gelten nach Adoptionen für viele Experten als unausweichlich.

Nur: Bewiesen ist das nicht.

Es ist nicht einmal bekannt, welche Faktoren sich positiv oder negativ auf das Wohlergehen der Adoptivkinder auswirken.

Es besteht auch keine Einigkeit darüber, wann eine Adoption erfolgreich war oder wie man diesen Erfolg messen sollte.

Verallgemeinernde Aussagen sind allgegenwärtig: Adoptivkinder würden die sozialen Dienste übermässig belasten, war nur eine der Behauptungen, der Heidi Bucher-Steinegger immer wieder begegnete, als sie im Jahr 2003 die Leitung der neu geschaffenen Zent ralbehörde für Adoption im Kanton Zürich übernahm. Adoptiveltern
seien besonders oft gezwungen, Familien- und Erziehungsberatungsstellen in Anspruch zu nehmen, sagte man ihr. Doch als sie nach Statistiken und Beweisen für diese Aussagen fragte, wurden meist nur Einzelberichte und persönliche Erfahrungen als Quellen der Erkenntnis angeführt.

«Es gibt über die Entwicklung von Adoptivkindern in der Schweiz keine Daten», sagt Bucher-Steinegger. Deshalb hat ihre Behörde eine entsprechende Studie in Auftrag gegeben.

«Der Start war gut, wir haben viele Antworten bekommen»

Für die Studie wurden mehr als 200 Elternpaare angeschrieben, die zwischen 2003 und August 2008 in Zürich ein oder mehrere Kinder aufgenommen hatten. Zum Brief gehörte ein standardisierter, dem Alter des Kindes entsprechender Fragebogen, die «Child Behaviour Checklist». Darin wird etwa nach den Schulleistungen
der Kinder gefragt, nach Krankheiten und Behinderungen oder Verhaltensweisen wie häufigem Weinen, Gehorsam, Albträumen oder Impulsivität. «Der Start war gut, wir haben sehr viele Antworten bekommen», sagt Forschungsleiter Thomas Gabriel vom Departement Soziale Arbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte
Wissenschaften.

Die aus den Fragebögen gewonnenen Erkenntnisse dienen als Grundlage für die persönlichen Interviews mit Eltern und Kindern. Dabei wollen Gabriel und seine Kollegen herausfinden, welche Faktoren dem Wohl der
Kinder im Adoptionsprozess förderlich sind. Fünf Jahre nach der ersten Erhebung sollen in einer dritten Stufe 2014 noch einmal Fragebögen verschickt werden, um die Entwicklung der Kinder zu verfolgen. Bisher wurde in internationalen Studien meist nur nach einzelnen Verhaltens- und Entwicklungsstörungen oder negativen
Einflüssen gesucht.

Heim ist nicht gleich Heim, Pflegerin nicht gleich Pflegerin

Einige Beispiele: Es gibt Studien, die das Alter bei Adoption oder die Dauer des vorangegangenen Heimaufenthaltes zur Häufigkeit psychischer Störungen ins Verhältnis gesetzt haben. Demnach liegt die magische Grenze bei sechs Monaten. Sind die Kinder älter oder waren länger im Heim oder Spital, ist das Risiko für psychische Probleme höher. Andere Analysen orten die kritische Altersgrenze bei zwei Jahren. Wieder
andere Untersuchungen handeln männliches Geschlecht oder Adoptiveltern mit leiblichen Kindern als Risikofaktoren.

Doch sind solche Schlüsse überhaupt möglich? Die Lebenswege von Kindern unterscheiden sich in 6 oder 24 Monaten extrem. Eines wurde vielleicht misshandelt, ein anderes litt Hunger oder war krank, und wieder ein anderes wuchs relativ behütet auf. Auch Heim ist nicht gleich Heim. Nicht alle Kinderheime sind so schrecklich wie jene, die man nach Ende des Ceausescu-Regimes in Rumänien entdeckte. Selbst innerhalb eines Heims ist
eine Pflegerin nicht mit der anderen vergleichbar; und sie behandeln auch nicht alle Kinder gleich.

«Wir stellen zunächst den Grossteil der bisherigen Forschungsergebnisse in Frage», sagt Gabriel.

Andere sind weniger kritisch:
In Büchern und bei Vorträgen zum Thema Adoption werden Eltern und Sozialarbeiter immer wieder mit den gleichen Aussagen konfrontiert: Die Adoption und deren Umstände hinterließen selbst bei Adoptionen im Säuglingsalter lebenslange Spuren.

«Unbestritten ist, wie hochempfindlich das noch nicht fertig entwickelte Gehirn ist und wie stark es von traumatischen Erfahrungen geprägt und in seiner Struktur verändert werden kann», schreibt etwa die deutsche Psychotherapeutin und Adoptionsexpertin Irmela Wiemann. Die Fähigkeit für Bindungen, die Selbststeuerung und der Aufbau eines Gewissens sei bei den betroffenen Kindern gestört. Andere Therapeuten gehen sogar davon aus, dass es nur einem Drittel der Adoptierten selbst gelingt, die seelischen Verletzungen zu überwinden. Ein weiteres Drittel schaffe es mit professioneller Hilfe. Den übrigen Betroffenen sei es nie möglich, ein normales, selbstständiges Leben zu führen.

Den meisten Adoptivkindern und ihren Familien geht es gut

Die Zürcher Studie soll den mit Adoptionen beschäftigten Institutionen helfen, ihre Arbeit zu verbessern. Deren Mitarbeiter müssen bislang überwiegend aufgrund persönlicher Erfahrungen entscheiden, was das Beste für die Kinder ist.

Es gibt einen Katalog von Anforderungen an Adoptierende:
Sie müssen unter anderem gesund, lange genug verheiratet und finanziell abgesichert sein. Sie sollen über einen guten Leumund, ein soziales Netzwerk und erzieherische Fähigkeiten verfügen. Einige Kinderheime, Herkunftsländer und Vermittlungsorganisationen haben weitere Ansprüche. Sie bestehen etwa auf kirchliche Heirat, ärztlichbescheinigte Unfruchtbarkeit oder Kinderlosigkeit beider Eltern. In der Stadt Basel müssen Adoptionswillige sogar versichern, ihren Beruf bis zum Kindergarteneintritt ihres Adoptivkindes hintanzustellen
und zusammen nicht mehr als 150 Prozent zu arbeiten. Je nach Alter des Kindes dürfen es in den ersten drei bis acht Monaten sogar nur 100 Prozent sein.

«Mit unseren Vorgaben können wir garantieren, dass Adoptiveltern, die in der Eingewöhnungszeit stark von ihrem Kind gefordert und/oder gebraucht werden, die zeitlichen und finanziellen Ressourcen haben, diese Aufgabe zu übernehmen», erklärt Nicole Hächler, die Leiterin der Zentralen Behörde Adoption und Pflegefamilien
des Kantons Basel Stadt. Dabei beruft sie sich auf Forschungserkenntnisse und Erfahrungen der Behörde.

Ob die Zürcher Studie diese Erfahrungen bestätigt, bleibt abzuwarten.

Ein Ergebnis lassen aktuelle Analysen aus anderen Ländern jedoch schon jetzt erahnen: Den meisten Adoptivkindern und ihren Familien geht es gut – auch wenn Extremfälle wie Ebner und Co. präsent bleiben. Ein positives Beispiel ist etwa der neue deutsche Gesundheitsminister Philipp Rösler, der im Alter von neun Monaten
von deutschen Eltern aus Vietnam adoptiert wurde. Ein anderes ist der erfolgreiche Schweizer Leichtathlet Amaru Reto Schenkel, der in Togo geboren und im Alter von drei Jahren von seinen Schweizer Eltern adoptiert wurde.

Die Autorin Claudia Nientit ist Mutter eines Adoptivkindes;

Erstveröffentlichung in der SonntagZeitung Zürich, Ausgabe vom 1.Nov. 09